08.09.1975

Film: Es kommt die totale Anarchie

Der Geschmack an harten Pornos, bislang ein heimliches Vergnügen, gilt in Paris und New York als "chic". Um am Boom teilzuhaben, will sogar Hollywood schärfer drehen. Ober das simple Bumsvallera hinweg steigt das neue Kino der Lüste auch erfolgreich in die Folterkeller der feineren Sado-Literatur. Jetzt startet in Frankreich, mit über 100 Kopien, die Verfilmung eines "Meisterwerks der Erotik": "Geschichte der O". Demnächst in deutschen Kinos.

Sie wollen in den siebten Himmel kommen, aber schon auf Erden. Ihr Weg dahin ist mit schönen, gepeitschten Weibern gepflastert.

Seltsame Ordensregeln herrschen in dem düster-prunkvollen Kloster am Stadtrand von Paris. Eine Geheimgesellschaft ehrenwerter Männer hat sich da in Klausur begeben, und für ihre Exerzitien halten sie sich ein Rudel Mädchen.

Die sind für den Dienst am Herrn wohl abgerichtet. Streng ist es ihnen untersagt, zu sprechen oder den Blick zu heben, stets muß der Mund halb offen stehen; die Knie haben, beim Sitzen, unbedingt gespreizt zu bleiben.

Auch ihre Kleider, oben ohne, wurden funktionsgerecht geschneidert. Sie sind vorn und hinten hochzuheben, kein Höschen stört, und so können die Klosterfräuleins ihrer Pflicht nachkommen, "ständig und auf der Stelle zugänglich zu sein

Um Hals und Handgelenke tragen sie zudem, wie Kälbchen, verschließbare Bänder aus starkem Leder -- praktische Accessoirs auch sie: Damit lassen die Mädchen sich fesseln und kreuzigen, ans Bett anschließen und mit silbrigen Ketten zum Foltern aufhängen.

Denn wenn die Herren zum Weibe gehen, vergessen sie ihre Peitsche nie, den Reitstock wie die neunschwänzige Katze. Und die Opfer, gezüchtigt und genotzüchtigt, erniedrigen sich selig zu Lustobjekten ihrer Meister. Sadismus und Masochismus, Sex aus dem Abseits -- das Kino der Lüste hat seinen Film des Jahres.

"Histoire d'O", "Geschichte der 0", heißt der Film, der letzte Woche in sieben Pariser Kino-Palästen anlief und dort mittlerweile an die 100 000 Zuschauer anzog. 103 Kopien rollen bereits in der Provinz. zur Weihnachtszeit wird -0, du Selige -- das Werk in Deutschland Premiere haben

Die Vorlage zum Film ist eine Cause célébre der französischen Literatur, der Roman gleichen Namens. Unterm Pseudonym Pauline Réage hatte ihn -- er erschien 1954 -- wahrscheinlich eine Frau verfaßt, von der man mit Sicherheit nur weiß, daß sie nicht Alice Schwarzer heißt.

Das "Meisterstück der Erotik", wie es französische Kritiker gerne loben, wurde dann zum Champion und Underground-Bestseller der anrollenden Porno-Welle. Allein von der englischen Taschenbuch-Ausgabe gingen in den USA über vier Millionen an den Mann; die deutsche Edition (100 000 Stück) rettete den Melzer-Verlag vor dem anstehenden Ruin.

Staatsanwälte schnürten fleißig hinter der "0" her: auch in der Bundesrepublik wurde die Schrift als "jugendgefährdend" indiziert. Erst vor zwei Monaten holten französische Buchhändler das Werk unter dem Ladentisch hervor und placierten es ins Fenster; das Polit-Magazin "L'Express" druckt es jetzt gar als Fortsetzungsroman.

Umstritten war es eh und je. Was die einen nur für gesalzenen Porno, Abteilung Sad-Maso, hielten, riß andere zu tiefsinnigem Schmus hin: "Ein mystischer Roman", so der Kritiker Andre Pieyre de Mandiargues; "Keusch", so François Mauriac; und der Großschriftsteller Jean Paulhan, Mitglied der Académie Fransaise, feierte in seinem "O"-Vorwort den "unerbittlichen Anstand" des Romans, der vom "Glück der Sklaverei" handle.

Sie habe das Buch geschrieben, so ließ die Alias-Autorin Pauline Réage verlauten, "um den Mann zu verführen, den ich liebe". Im Stile klassischer Rhetorik des 18. Jahrhunderts, in der Tradition der satanischen Romantik, ganz im Geiste des "göttlichen" de Sade. lehrt sie eher das Gruseln.

Denn das bislang unbescholtene Fräulein "0". das ihr Geliebter zum Dressieren gefesselt ins Kloster der Lüste schickt, erlebt da ganz ungewohnten Lustgewinn. Das Peitschen versetzt sie "in den rauschhaften Zustand der Selbstvergessenheit", und "wohltätig sind die Ketten, die sie von sich selbst befreien".

Darauf abgerichtet, "jeden zu wollen, der sie begehrt", wird sie Eigentum des eisgrauen Gentleman-Sadisten Sir Stephen. Der peitscht sie auch nach Lust und Laune, läßt ihr ein Ringlein an delikater Stelle einsetzen, nicht im Ohr, und brennt ihr, ganz Besitzer, seine Initialen auf den Po. Die Zeichen erfüllen die "O" mit "unsinnigem Stolz".

Im Buch werden sie einen Zentimeter tief eingebrutzelt; im Film sind sie, auf dem schönen Derrière der Corinne Cléry, 24, nur als zarter Hauch zu sehen. Der Regisseur und frühere Modephotograph Just Jaeckin, 35, der mit dem Soft-Porno "Emmanuelle" zu Weltruhm kam, fühlt sich nämlich "abgestoßen von Sadismus".

Er geht nicht in die Details, in denen das Teuflische steckt. Er macht das Lieben und Leiden süß für den Betrachter, zum Garten und Kino der Lüste, in dem die Herren wie Gott in Frankreich leben und, auch wenn zum Vollzuge dringend nötig, nie die Hosen herunterlassen.

Aufbraust Barockes, wenn die Peitschen pfeifen, lodernde Flammen aus dem Kamin veredeln das wollüstige Martyrium schöner Leiber, lesbisches Schmusen wird durch Gegenlicht vergeistigt, und selbst in den tiefsten Verliesen lagern ff. Bärenfelle, weht ein Hauch von Chanel.

Das ist kein Porno für den Staatsanwalt, sondern für Kino-Paläste, in denen der Zuschauer nicht nur sehen will, sondern sich auch sehen lassen kann. "Emmanuelle", im gleichen Stil verfertigt, hat allein in Paris bislang fast zwei Millionen Besucher zu verbuchen.

Weil eine "bekannte Schauspielerin die Vision der "O' zerstören" würde, nahm Jaeckin, wie bei der "Emmanuelle" eine Unbekannte zur Heldin; Jacqueline Bisset, Sydne Rome und Charlotte Rampling hatten vorher abgewinkt. Aus 400 Kandidatinnen kürte er das Photomodell Corinne Cléry, geschieden, ein Kind, die sich, sagt sie, "aus Liebe gern peitschen" läßt.

Für 40 000 Dollar hatte ein amerikanischer Film-Agent im Jahre 1964 die Rechte an der "O" gekauft; für 250 000 Dollar gingen sie nun an den französischen Produzenten, und mit dem Pracht-Budget von sechs Millionen Mark setzte Jaeckin die "O"-Passion ins Bild.

Im Buch stirbt sie. Text: "Als O sah, daß Sir Stephen sie verlassen würde. wünschte sie sich den Tod. Sir Stephen erteilte seine Zustimmung."

Im Film wird sie, ganz zum Schluß, plötzlich munter. Da nimmt sie die Zigarettenspitze, die ihr Sir Stephen neben den Feuerzeichen am Po als Geschenk zukommen ließ, und drückt damit auf ihres Meisters Hand eine glühende Zigarette aus. Fanal?

Die "Geschichte der O" ist nur das bislang prominenteste Produkt einer neuen Welle im französischen Film. Nach der repressiven Prüderie der Ära (Madame) de Gaulle erblühte unter dem liberalen Regiment Giscard d'Estaing. bei großzügig gelockerter Zensur, ein Sex- und Porno-Boom.

Dabei zeigen diese Filme durchaus nationale Eigentümlichkeiten, die sie vom deutschen Bumsvallera-Kino nach Art des "Schulmädchenreports" und vorn amerikanischen Hard-core-Porno à la "Deep Throat" unterscheiden. Sie geben sich literarischer, sind künstlerisch aufwendig gedreht und folgen mit Vorliebe den Spuren des Marquis de Sade und der erotischen Literatur von Diderot und Choderlos de Laclos bis Apollinaire und Aragon.

Neben der "Histoire d'O" läuft derzeit in Paris auf den Champs-Élysées der anspruchsvolle Sex-Schocker "La Bête" (Die Bestie), ein Werk des Exil-Polen Walerian Borowczyk, der 1973 als Regisseur der "Unmoralischen Geschichten" Ruhm erntete. In dem Film, in dem auch ein aufgebrachter Hengst mehrfach Entspannung findet, wird ein Mädchen einem "Sexual- Kingkong" ("Le Monde") ausgeliefert und von dem Untier vergewaltigt -- so spermassiv, "daß Onan daneben wie ein vertrocknetes Flußbett wirkt" ("The Guardian").

"Im Augenblick regiert der Unterleib."

Auch der Alt-Erotiker und Bardot-Entwickler Roger Vadim schwimmt auf der neuen Suppe mit. Sein Film "Ein wildes Leben" läßt eine junge Pariserin (Vadim-Gefährtin Sirpa Lane) zwischen ihrem homosexuellen Gatten und einem sadistischen Deutschen (Matthieu Carrière) hin- und herschwanken. Spezialitäten des teutonischen Liebhabers: Er läßt sein edelstes Teil vor dem Akt mit Juwelen behängen und stranguliert Mädchen beim Koitus a tergo.

Sogar Alain Robbe-Grillet. Veteran des eher unsinnlichen Nouveau roman, dreht Filme, die mit feiner Ästhetik unfeine Sexualgewohnheiten ausstellen und den Zuschauer zum Voyeur sadistischer Veranstaltungen machen: Sein "Spiel mit dem Feuer" zeigt bevorzugt blutjunge Mädchen in Ketten und an Betten gefesselt.

Begonnen hatte Frankreichs Film-Welle ästhetisch verklärter Bett-Orgien mit Just Jaeckins Hit "Emmanuelle", nach dem Roman einer Emmanuelle Arsan. Ausgelöst wurde der "Trend durch einen wirtschaftlichen und teilweise auch künstlerischen Notstand des französischen Films: Das Publikum gierte nach neuen, schärferen Reizen. "Pornographie ist das einzig lohnende Geschäft im heutigen Frankreich", erklärte der Produzent Lucien Hustaix. und der Regisseur Jean-François Davy sagt die Folgen voraus: "Auf uns kommt die totale Anarchie zu."

Der als Jungfilmer erfolglose Davy trug schon selber kräftig dazu bei. Er drehte mit dem Pariser Callgirl Claudine Beccarie den harten Porno "Exhibition", der sich als dokumentarischer Bericht über die Ab- und Hintergründe des Sexfilm-Geschäftes gibt und dabei zeigt, was alles zu zeigen ist, etwa eine Masturbation der Heldin, die nach fünf Minuten Fingerspiel mit einem donnernden Orgasmus niederkommt. Zur "Exhibition"-Premiere versammelte sieh die Pariser Schickeria, und die Presse würdigte den Film in seriösen Rezensionen. Zum ersten Mal war damit ein Nackt- und Aktstreifen dieses Härtegrades in Paris gesellschaftsfähig geworden. Der "Nouvel Observateur" konstatierte: "Im Augenblick regiert bei uns im Film überall der Unterleib"; die Kinos der neuen Welle nannte er "Snackbars des Sex".

Den kulinarischen Akzent sehen im übrigen auch andere französische Betrachter beim Bewerten der neuen Film-Sexualisierung. Kritiker Jean-Louis Bory empfahl seinen Lesern: "Gleiten wir doch einfach kühn vom Gaumen zum Hinterteil -- pardon, von der Eßlust zum Eros. . . Auf diesem Gebiet befinden wir uns noch immer im Zustand des Ausgehungertseins.

Hungerleider. in diesem Sinne, ist der Kino-Gänger tatsächlich fast immer gewesen, so lang die Filmgeschichte währt. Denn sosehr der Film stets an latente voyeuristische Instinkte appellierte -- gleichzeitig hat er, unterm allgemeinen Sex-Tabu, diese Instinkte auch immer wieder frustriert. Film hat Appetit angeregt, mit einer hochentwickelten Kunst der Andeutungen. der optischen Umschreibungen und Symbole -- und nie gesättigt.

"Probier mich -- ich bin köstlich."

Daher hat, wie der New Yorker Filmhistoriker Amos Vogel in seinem Buch "Film als subversive Kunst" schreibt, "jede Generation ihren eigenen Filmskandal hervorgebracht, der einen neuen Durchbruch bringt". In den fünfziger Jahren leistete solche Pionierarbeit der Vadim-Film "Und Gott schuf das Weib", in dem zum ersten Mal, in einer Liebesszene, die Brüste der Bardot enthüllt wurden.

Ein Jahrzehnt später, in den sechziger Jahren, brachen vor allem zwei schwedische Filme neue Breschen: Ingmar Bergmans "Das Schweigen" zeigte weibliche Selbstbefriedigung und Kopulationen, die den Umständen nach als skandalös gelten mußten. Vilgot Sjoman filmte in "Ich bin neugierig" erstmals fürs Bürgerkino männliche und weibliche Genitalien ab.

Die nächsten größeren Terrain-Gewinne mit Skandalbegleitung brachten, Ende der sechziger Jahre, die Warhol-Produktionen, vor allem "Flesh" und "Blue Movie", sowie Bernardo Bertoluccis "Letzter Tango in Paris". Warhol schockierte und reüssierte mit der dokumentarischen Underground-Aufrichtigkeit, spezifisch für New York: offen ausgesprochene, selbstverständlich praktizierte Sexualität; bei Bertolucci wurde die Sexualität zur letzten Rettung des Individuums verklärt und gleichzeitig zu dessen Zerstörer dämonisiert.

Damit war Sexualität auch im Kunstkino zum beherrschenden Thema geworden -- und nicht nur visuelle Ersatzbefriedigung wie in den Streifen der Schmuddel- und Bahnhofskinos.

Freilich, gerade die tristen Aspekte des "Letzten Tango" machten Schule, der befreite Sex wurde gleich mit bürgerlicher Untergangs-, Dekadenz- und Katastrophenstimmung befrachtet: Von Viscontis "Gewalt und Leidenschaft", wo der Sexualtrieb zum Todestrieb wird, bis zu Liliana Cavanis "Nachtportier", der den Faschismus erotisch dämonisiert; von Ferreris "Großem Fressen", wo sich Erfolgsbürger buchstäblich zu Tode mästen und rammeln, bis zu Pasolini, der in seiner Sade-Verfilmung "Salo oder Die 120 Tage von Sodom" durch pornographische Detailmalerei den Sex entmystifizieren, ja geradezu verhäßlichen will.

Dagegen feiert der Exil-Jugoslawe Dusan Makavejev in seinen letzten beiden Filmen ("W.R.-Mysterien des Organismus" und "Sweet Movie") die anarchistische Sexualität als einzige Möglichkeit der sozialen Befreiung. Er träumt von einem "aphrodisischen Kino", das in den Filmtheatern ein "erotisches Ozon schaffen" und den Zuschauern "orgasmische Freuden" bescheren soll.

Aber wohl doch nicht allen Zuschauern: In "Sweet Movie" -- Werbeslogan: "Probier mich, ich bin köstlich!" -- durchlebt eine junge Kanadierin auch eine von dem österreichischen Sex- und Kot-Mystiker Otto Muehl angerichtete Orgie.

Anders entwickelte sich die Liberalisierung des Film-Sex in den USA. Von den dreißiger Jahren an hatten die Frauenverbände, die puritanischen Wach- und Schließgesellschaften Amerikas, darauf gesehen, daß alle erotischen Ein- und Zweideutigkeiten weggeschnippelt wurden; lange Zeit mußten sich selbst verheiratete Partner statt auf den Mund auf das Kinn küssen.

So ungestillten Bedürfnissen folgend. entwickelte sich bald ein, offiziell ignorierter, grauer Markt der Sex- und Porno-Produkte. Anfang der siebziger Jahre wuchs sich das Geschäft schließlich zum Big Business aus: "Deep Throat", mit Linda Lovelaces goldener Kehle. und "The Devil in Miss Jones" zählten zu den zehn Kassen-Knüllern des Jahres 1973 und verwiesen selbst manche aufwendige Hollywood-Produktion ins zweite Glied. Jetzt werden pro Jahr an die 500 Pornos aufgelegt.

"Augenscheinlich sind pornographische Filme so etwas wie eine nationale Obsession geworden", notierten die Filmhistoriker Kenneth Turan und Stephen F. Zito in ihrem Buch "Sinema -- amerikanische pornographische Filme und ihre Macher". Das "deutliche öffentliche Interesse an sexuellen Dingen", bemerkten sie, führe auch zu einer "kulturellen Aufwertung" des Porno-Genres.

Tatsächlich: Die einstige Hinterhof-Ware für den dirty old man im Regenmantel ist nun auch für das New Yorker Kultur-Establishment von hohem Unterhaltungswert. Bestseller-Autor Truman Capote wie Talkmaster Johnny Carson eilten in die Pornos der 42. Straße und empfahlen sie weiter; für den snobistischen Gusto an Werken, in denen Fellatio, Cunnilingus, Frontal- und Rektal-Verkehr zum täglichen Brot gehören, prägte die "New York Times" den Slogan "porno chic".

Aus der öffentlichen Anerkennung ziehen die Autoren Turan und Zito weitreichende Folgerungen: Es könne nur noch eine Frage der Zeit sein, "bis es wirklich gute pornographische Filme geben wird, für die sich niemand zu schämen braucht".

Während es dem puren Porno um die möglichst plastische und variantenreiche Darstellung der einen bekannten Sache geht, drängt die erotische Kino-Kunst vehement in die Katakomben des schamhaft Verdrängten, Verbotenen, Tabuisierten. Der Film holt dabei nach, was die erotische Weltliteratur bis in alle Ritzen und Tiefen längst ausgespäht hat.

Somit erfreuen sich die Autoren verquerer Lüste und die Hymniker perverser Neigungen zunehmender Beliebtheit bei den Filmemachern -- vom unsterblichen Marquis bis zum Knabenschänder Gilles de Rais, von Sacher-Masoch bis Gabriele D'Annunzio, der früher selbst private Sado-Filme auf 8-Millimeter drehte. Und, natürlich, auch Hitlers Dämonen-Reich.

Dem Produzenten wurde es übel.

Die schwarze Romantik, die ihre Unheimlichkeit aus Verdrängungen destilliert und sexuelle Freuden nur aus Grausamkeit gewinnen kann, wird zur filmischen Mode-Farbe -- vor allem in Italien und Frankreich.

Pasolini, etwa, mobilisiert in seinem jüngsten Opus "Salo" so viel Monströses und Krudes, daß dem amerikanischen Mitproduzenten schon beim Betrachten von Mustern "übel wurde". Der Regisseur verlegt de Sades "120 Tage von Sodom" ins Jahr 1944, bevölkert die Szene mit Mussolini-Faschisten und suhlt sich in Folter-Phantasien.

Die Stars wollen es "einmal wirklich tun".

So läßt er, ein Beispiel, eine Schar Frauen von einem Bankier, einem Grafen, einem Bischof und einem Richter sexuell sehr malträtieren: Die Armen werden in Kot getunkt, mit Urin begossen, ausgepeitscht, schließlich wird ihnen die Haut in Streifen abgezogen.

Auch Bernardo Bertoluccis nächster Film, das Monumentalwerk "1900", birgt Blut, Gewalt und Perversionen. Der "Tango"-Regisseur über seine Weltsicht: "Die Grundlage der Sexualität in der neuen Welt ist der Sado-Masochismus." Das bedeute "natürlich auch eine Dialektik der Gewalttätigkeit und der Aggressivität in den sozialen Beziehungen".

In der schlimmsten "1900"-Szene fühlt sich ein faschistischer Gutsverwalter beim Kopulieren im Heu von einem kleinen Jungen gestört. Er holt sich den Bengel, drückt sein Gesicht ins Geschlecht der Geliebten und "wirft sich auf ihn, als würde er ihn sodomieren" (Drehbuch). Anschließend zerschmettert er den Geschändeten an einem Dachbalken.

Eine sich permissiv gebärdende Gesellschaft, die kaum noch Tabus kennen will, verlangt offenbar nach immer schärferen Reizen. Und da neue Geschlechtsteile nicht in Sicht sind, drehen die Filmer nach dem Motto: Wie hatten wir"s noch nicht?

Bei der großen Filmschau in Cannes galt das versteckte Hauptinteresse zwei Pornos der Sonderklasse. In "Vase de Noces", einem belgischen Produkt, zeugt ein Mann mit einer Sau drei Ferkel und verspeist, als sie stirbt, aus Verzweiflung ihren hinterlassenen Kot. Auch in dem holländischen Film "Sensations" gab es ein Ende mit Fressen:

Da gerät ein amerikanisches Photomodell zunächst ins Haus eines Sex-Boldes, der sie mit seiner greifartigen Handprothese begattet, und dann unter menschliche Lustwölfe. In einer Massenorgie wird sie von ihren Partnern so lange liebkost, bis nichts mehr von ihr übrigbleibt, nur ein Kissen.

Nun will auch das immer noch puritanische, wenn auch mit Brutal-Filmen schockende Hollywood auf den Kurs einschwenken, den die europäischen Regisseure und amerikanische Hartware ausgeflaggt haben. Die Traumfabrik, so prophezeit der Pate"-Regisseur Francis Ford Coppola, stehe "vor dem Durchbruch zu filmischen Beischlaf-Studien, die bislang exklusives Terrain der unabhängigen Porno-Filmemacher gewesen sind".

Die Filmgesellschaft Paramount, Hollywoods Glamour-Hochburg ("Der große Gatsby"), machte Coppola die erste Offerte: Mit großem Budget und Starbesetzung soll er einen Porno inszenieren. der "nicht einfach ein zweiter "Tango" sein würde". sondern alles bringt.

Die Columbia-Filmgesellschaft, die mit Jaeckins "Emmanuelle" in den USA 300 Prozent Gewinn scheffelte, hat ihre Produktions-Manager in Hollywood angewiesen, solche und möglichst noch ausführlichere Edelpornos fabrizieren zu lassen. Und Amerikas derzeit angesehenster Regisseur Robert Altman ("Nashville") plant gleich die passende Satire.

Sie soll von Hollywood-Menschen handeln, die "ganz ernsthaft und mit Einsatz all ihrer sexuellen Kräfte versuchen, einen künstlerischen Hard-core-Porno herzustellen". Altman: "Das wird eine unheimlich komische und traurige Sache." Auch Altman will mit viel Geld und Starbesetzung inszenieren

Und die Stars sind geneigt, in den "Do-It-All-Movies" (Hollywood-Jargon) mitzumachen. "Die Gelegenheit, in einem Film an einem Geschlechtsverkehr teilzunehmen, wäre für sie der absolute Ego-Trip", deutet ein Studio-Manager die Bereitschaft; sie wären glücklich über die Chance, "es fürs Kino einmal wirklich zu tun".


DER SPIEGEL 37/1975
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