Mit ihrem faszinierenden Dokumentarfilm "Das Goebbels-Experiment" gewähren uns Lutz Hachmeister und Michael Kloft ungewöhnliche und erschreckende Einsichten in das Denken eines brillanten, aber vergifteten Geistes. Hachmeister und Kloft lassen Goebbels - ohne begleitenden Kommentar - für sich selbst sprechen, mit der Stimme von Kenneth Branagh, der aus Goebbels' umfangreichen Tagebüchern (von 1924 bis 1945) liest. Seltene Filmausschnitte aus deutschen Film- und TV-Archiven illustrieren die vorgelesenen Tagebucheinträge, die wild hin- und herspringen zwischen giftigen antisemitischen Litaneien und eloquenten Träumereien über Musik und Natur, und das oft in einem Atemzug. Einige der fesselndsten Momente des Films handeln von Goebbels' ausschließlich auf pragmatischen Nutzen zielenden Umgang mit dem deutschen Kino. "Wir können sehr viel von diesen Bolschewiken lernen", gibt er widerstrebend zu, nachdem er Sergej Eisensteins Epos "Zehn Tage, die die Welt erschütterten" gesehen hat. Und sein Glaube an Leni Riefenstahls Fähigkeiten hindert ihn nicht, sie für verrückt zu halten, als sie um Geld bettelt, um ihren Film "Triumph des Willens" beenden zu können. In einer Zeit, in der die meisten unserer Nachrichten- und Unterhaltungsmedien von einer Hand voll Unternehmen kontrolliert werden, erinnert uns das "Goebbels-Experiment" warnend daran, dass der unbeschränkte Zugang zum Kosmos der Ideen das entscheidende Ziel der Gesellschaft sein dürfte.
DER SPIEGEL 33/2005
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