06.10.1975

TV-DOKUMENTATIONHeld des Tages

In einem TV-Dokumentarspiel wird die Entführung einer Lufthansa-Maschine durch Araber rekonstruiert. Resultat: Ein paar Wochen nach dem Olympia-Attentat riskierten Behörden ein neues Massaker.
Die "schwarzen Sheriffs" der Münchner Bewachungsfirma "Oh-Do-Kwan" wurden zum Sondereinsatz auf das Studiogelände Freimann des Bayerischen Fernsehens beordert. Die TV-Herren fürchteten "Störungen von außen" -- durch arabische Freischärler.
Denn drinnen im Studio wurde ein heißes Ding gedreht: Im zusammengesetzten Teilstück einer Lufthansa-Boeing 727 lief noch einmal das dramatische Geschehen an Bord der Linienmaschine LH 615 ab, die am 29. Oktober 1972 auf dem Flug von Damaskus nach Frankfurt gekapert. worden war. Ein arabisches Kommando erpreßte damals die Freilassung der drei arabischen Terroristen, die das Olympia-Massaker in München überlebt hatten und in bayrischen Haftanstalten saßen.
Deutlich wird aus dem fast zweistündigen "dramatischen Protokoll" -- Titel: "LH 615 -- Operation München"; Sendetermin im ersten Programm: Dienstag nächster Woche -, daß es die Krisenstäbe in München und Bonn mit den anwesenden Bonner Ministern Walter Scheel (damals AA-Chef) und Lauritz Lauritzen (damals Verkehrsminister) nur zwei Monate nach dem Drama von Fürstenfeldbruck, bei dem 15 Menschen ums Leben kamen, auf eine neue Katastrophe ankommen ließen. Anders als nach bisheriger Lesart, nach der die Krisenstäbler jederzeit die Übersicht behielten, belegt das authentische Dokumentarspiel: Nur der Zivilcourage von zwei Männern verdankten die 21 Passagiere und Besatzungsmitglieder ihr Leben.
Der Autor des Stücks, der in London lebende Edmund Wolf, ermittelte, daß die beiden bis heute unbekannten Flugzeugentführer ("Nummer eins": "massiv, breitschulterig mit purpurvioletter Hose"; "Nummer zwei": "proletarischer, dünner, kleiner Mann mit geblümter Krawatte") von Anfang an Angst vor den "Tricks" der deutschen Sicherheitskräfte hatten. Der Bodensprecher der Lufthansa an Flugkapitän Walter Claussen: "Die verantwortlichen Herren sind alle hier versammelt. Sie streiten sich jetzt." Nummer eins in Panik: "Ich hab' gewußt von Anfang, die Deutsche wollen Blut trinken."
Als in Köln Lufthansa-Vorstand Herbert Culmann per Telephon von der Entführung erfuhr, brach er sofort mit einer Hawker-Siddeley (Rufname: "Charlie Fox") der Lufthansa-Schwestergesellschaft Condor nach München auf: "Uns war nach Fürstenfeldbruck klar, daß der Befreiungsversuch eines Tages fällig sein würde." Im Gespräch mit dem Münchner Krisenstab, dem auch Bayerns Innenminister Bruno Merk und Münchens Polizeichef Manfred Schreiber angehörten, erkannte er auf Anhieb, "daß wir auf dem sicheren Weg in ein neues Massaker à la Fürstenfeldbruck waren".
Culmann rettete denn auch zunächst die brenzlige Situation, als Claussen von den Terroristen den Befehl erhielt, so lange über Zagreb zu kreisen, bis die drei München-Attentäter dort zur Übergabe bereitstünden. Um Maschine und Insassen vor dem drohenden Absturz infolge Spritmangels zu bewahren, startete der Lufthansa-Chef mit den arabischen Häftlingen im Condor-Jet und ließ den Piloten die deutsche Grenze überfliegen, obwohl ihm dies vom Krisenstab untersagt worden war. Claussen: "Ohne ihn wären wir heute alle tot."
In Zagreb kam es dann zu einer noch kritischeren Phase des Hijackings, deren Hintergrund bislang, anders als Culmanns Husarenstück, der Öffentlichkeit gänzlich verborgen war: Der Krisenstab verweigerte den Jugoslawen, die das gelandete Kaper-Flugzeug ohne deutsche Genehmigung nicht auftanken durften, sein Einverständnis. Der Weiterflug der Maschine mit den mittlerweile an Bord gegangenen Olympia-Terroristen sowie den Geiseln war akut gefährdet: Die Araber machten das Flugzeug für den Augenblick sprengklar, in dem das letzte noch laufende Triebwerk, das bereits zu rütteln begann, stehenbleiben würde. Nummer eins: "Wenn Tank leer ... all aus wir sprengen."
In diesen dramatischen Minuten spielten sich an Bord erschütternde Szenen ab. Eine Stewardeß schrie: "Tod. Die Stunde des Todes ..." Ein Passagier, selber Araber, weinte hemmungslos. Nur ein Deutscher, einst Frontsoldat, blieb gelassen: "Das gibt ein schönes Feuerwerk." Kapitän Claussen bettelte um einen letzten Funkspruch nach München, um doch noch Tankgenehmigung zu erwirken, und begann in seiner Verzweiflung dem Chefterroristen im Cockpit die Hand zu streicheln.
Im letzten Augenblick, das Desaster schien unabwendbar, faßte sich ein deutscher Beamter ein Herz. Kurt Laqueur, Bonner Generalkonsul in Zagreb, unterschrieb auf eigene Faust, entgegen Münchner Stabsbefehl, den jugoslawischen Tankschein. In der Maschine brach Jubel bei Entführern und Entführten aus, als sich im Scheinwerferlicht der abendlichen Szene langsam der Tankwagen heranschob. Stewardessen und Passagiere umarmten sich. Ein Terrorist: "Im Namen von unser palästinensisch Nation, ich sage danke und danke."
Culmann ist noch heute von Laqueur beeindruckt: "Für mich war der Held des Tages der gute Generalkonsul." Nicht so für die Krisenmanager -- wie Culmann sogleich in einem Telephonat mit Lauritzen erfuhr: "Was er versuchte, war das, was ein deutscher Minister eben in guter Manier wohl tut -- er schrie mich an und versuchte klarzumachen, daß weitere Entscheidungen jetzt nur noch vom Krisenstab und nicht mehr von mir gefällt werden." Der Lufthansa-Chef: "Ich konnte ihm nur sagen: Es ist hier nichts mehr zu entscheiden über das hinaus, was längst entschieden ist."
Die Lufthansa-Maschine hob nach Tripolis ab, Flugzeug und Insassen kehrten bald darauf heil zurück.
Lauritzen räumt mittlerweile ein: "Nachträglich stellt sich heraus, daß es das einzig Richtige war." Und Polizeichef Schreiber zeigt immerhin "menschliches Verständnis". Nur Bayerns Merk kränkt es noch immer, daß sich die Lufthansa um seine "Weisung überhaupt nicht gekümmert" hat: "Es war ein Sieg brutaler Erpressung."

DER SPIEGEL 41/1975
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