25.08.1975

RUNDFUNKHeiße Nächte

Eine Woche lang kamen Rockfans in Berlin und der DDR erst gegen Morgen in den Schlaf. Der Sender Rias strahlte 400 Hits der Pop-Geschichte aus.
Ein Kneipenwirt klagte: "Ich habe jetzt jede Nacht 1500 Mark weniger Umsatz gemacht." Lehrer stöhnten: "Die Kinder pennen den ganzen Morgen im Unterricht." Werner Rackwitz, stellvertretender Kulturminister der DDR, wetterte gegen das "ideologische Dumping mit Mitteln der Musik". Ansonsten aber herrschte im Sendebereich des Rias, so Funkredakteur Walter Bachauer, "pure Euphorie".
Die Station in West-Berlin hatte, vorletzte Woche, einen Medien-Knüller gelandet, der die Straßen leerfegte wie sonst nur -- lang ist"s her -- ein TV-Thriller aus der hohen Durbridge-Zeit. Sechs Nächte, von 22 Uhr bis morgens halb drei oder bis fünf, wurde "Rock over Rias" ausgestrahlt, laut Untertitel ein "Musikmarathon mit den 400 besten Hits der Popgeschichte"" das zu einem politisch und funktechnisch brisanten Spiel ohne Grenzen gedieh.
Nicht nur in West- und Ost-Berlin, bis zur Ostsee und weit hinunter ins Erzgebirge lösten Bachauer, 33, sowie seine Disc-Jockey-Kollegen Barry Graves, 29, und Olaf Leitner, 27, mit den Beatles, Elvis und Oldies ein beispielloses Hit-Fieber aus. In den 29 Stunden Sendezeit wurden beim Rias rund 3400 Anrufe gezählt -- fast die Hälfte davon aus der DDR.
"Wir haben einfach", sagt Bachauer, "vor den Mikrophonen eine private Party veranstaltet." Doch Millionen Hörer bestimmten mit über das Programm. In einer "Blitzumfrage" wurde der größte Rock-Hit aller Zeiten ermittelt: "Satisfaction" von den Rolling Stones. "Was uns hier wirklich zum Mitschneiden fehlt", meldete sich der Jockey einer Ost-Berliner Tanzbar" "ist alter Rock"n"Roll." Fans aus Dresden bekundeten: "Wir haben Urlaub genommen und fahren jetzt nach Potsdam, da kriegen wir den Rias in Stereo." Binnen kurzem waren in vielen Teilen der DDR Tonbänder ausverkauft.
Niemals zuvor hatte ein deutscher Sender seinen Hörern so bereitwillig das Musikarchiv zum Mitschneiden geöffnet und auf Anfrage auch Raritäten aus Privatbesitz ausgestrahlt. Schon ist in der DDR eine Kopier-Aktion für Freunde und den Tonband-Schwarzmarkt angelaufen; auch in West-Berlin bieten Fans den Zukurzgekommenen gratis oder gegen Entgelt ihre Dienste an: "Wir haben "Rock over Rias" komplett auf Band."
Selten auch wurde soviel private Information aus dem ganzen Sendegebiet unmittelbar vom Telephon in eine Live-Show des Rundfunks eingebracht. In Köpenick (Ost) wurde ein Papagei, in einem Charlottenburger Krankenhaus (West) ein neugeborenes Baby mit dem Namen Rocky belegt. In Ost-Berlin leistete ein Mädchen ("Ich hab" zu Hause kein Radio") mehrere Nächte lang einem Busfahrer Gesellschaft, der die Sendung am Steuer empfing -- jetzt haben sie sich verlobt.
Vor aller Ohren stritten die Plattenaufleger im Studio ("Das ist doch das Grabmal des unbekannten Hits!"), um das jeweils beste Stuck eines Interpreten herauszufinden. Und diese Mischung aus Pop-Tops, Intimität und aktueller Rückkopplung mit dem Zuhörer hat das Radio in jener Woche wieder zu einem heißen Medium gemacht.
Schon vordem hatte Bachauer, nach amerikanischem Vorbild, im Rias Funkprogramme durchgesetzt, die in der übrigen deutschen Radiolandschaft bis heute undenkbar sind. In fünf "langen Nächten" (Sendungstitel) brachte der Berliner Sender seit 1973 jeweils ausschließlich fünfeinhalb oder sieben Stunden lang Aufnahmen von den Beatles, Pink Floyd, Johann Sebastian Bach, Louis Armstrong und den Roll ing Stones. Dem verzopften ARD-Kartell nämlich, das solche Aktivität durch den vereinbarten Trivialnenner seiner "Musik bis zum frühen Morgen" verhindert, hat sich die teils von Washington finanzierte Station nur locker assoziiert.
Der ARD-Sender Freies Berlin immerhin, dem Rias benachbart, ist durch den Popmusik-Erfolg der Konkurrenz kräftig irritiert. Letzte Woche war "Rock over Rias" im SFB bevorzugtes Konferenz- und Kantinengespräch. Vor allem beunruhigt ARD-Programm-Macher die Tatsache, daß die Pop-Riesenresonanz ihre sorgsam gehegten Demoskopie-Ergebnisse zugunsten deutschen Schlager-Schmalzes offenkundig widerlegt.
In den weit über 3000 Telephonanrufen wurden nur zweimal Schlager verlangt. Ein Hörer, der noch am Montag Peter Alexander erbeten hatte, zog seinen Wunsch demonstrativ am Donnerstag zurück: "Nehmt diese Bitte als einen Scherz."

DER SPIEGEL 35/1975
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