15.09.1975

ANARCHISTENBlümchen gehegt

Spitzen der „Bewegung 2. Juni“ sind gefangen -- der größte Erfolg gegen Terroristen seit der Festnahme von Baader und Meinhof. Doch wieder machte nicht findige Fahndung den Coup möglich, sondern der Zufall.
Ob der Kammergerichtspräsident Günter von Drenkmann ermordet oder der Christdemokrat Peter Lorenz entführt wurde -- stets gaben sich Berlins Polit-Polizisten souverän. Kein Zweifel schien erlaubt, daß sie den Tätern längst auf der Spur, die Fäden um Schützen wie Geiselnehmer schon fein gesponnen waren.
Auch seit Dienstag vergangener Woche, seit Juliane Plambeck, Ralf Reinders und Inge Viett gefaßt wurden, nährt die Polizei wieder ihre Mär von der engen Masche. Staatsschutz-Chef Manfred Kittlaus: "Erfolg systematischer Ermittlungstätigkeit."
Kleinarbeit führte in der Tat auf die Fährte der Verdächtigen, doch der erfolgreiche Fahnder war kein Polizist. Der entscheidende Hinweis kam von einem Müllmann. Es war gleichsam ein Abfall-Produkt.
Ein Bediensteter der Stadtreinigung hatte vor drei Wochen im Stadtteil Steglitz in der Birkbuschstraße den üblichen Blick in die Eimer geworfen. Dabei war ihm, zwischen Kehricht und Unrat, seltsames Papier aufgefallen: Flugblätter mit Polit-Parolen und Andrucke von Kraftfahrzeugscheinen -- zerrissen zwar, doch rekonstruierbar.
Und erst die Dokumente aus der Tonne boten der Polizei einen wirklichen Anhalt zu ergiebiger Aktivität. Experten vom Bundeskriminalamt in Wiesbaden qualifizierten die Kfz-Scheine als Fälschungen nach Terroristen-Manier. Fortan wurde rund um die Uhr observiert und heimlich photographiert, wer immer ein- oder ausging im Objekt Birkbuschstraße 48.
Verdächtige Betriebsamkeit in der Ladenwohnung "Feinkost-Schöne" fiel den Fahndern nun auf. Junge Mädchen und Männer trafen sich zuhauf hinter verhängten Fenstern. Schreibmaschinen klapperten, Pingpongbälle klackten.
Das Abbild eines stämmigen Stammgasts mit Schnauzer schließlich zeigte Ähnlichkeit mit einem schon 1969 untergetauchten vermutlichen Gewalttäter. mit Ralf Reinders. Eindeutig identifiziert wurde er freilich erst nach dem Zugriff.
Mit der Festnahme von Reinders und seiner Gefährtin Inge Viett am vergangenen Dienstag kurz nach 16 Uhr glaubt die Polizei der Bewegung 2. Juni die Spitze genommen zu haben. Ist"s wahr, so wäre es der größte Coup seit Jahren im Kampf gegen kriminelle Vereinigungen, seit Baader und Meinhof und Ensslin gegriffen wurden. Denn seit damals zeichnet die Bewegung 2. Juni für die spektakulärsten Terror-Taten verantwortlich.
So bekannten diese Genossen öffentlich aus dem Untergrund:
* Die Hinrichtung des "Verräters" Ulrich Schmücker durch Kopfschuß -- am 5. Juni 1974 -- im Berliner Grunewald gehe auf ihr Konto;
* sie hätten -- am 10. November vergangenen Jahres -- den Berliner Richter Günter von Drenkmann zu entführen versucht und ihn dabei erschossen;
* der Berliner CDU-Chef Peter Lorenz sei -- Ende Februar dieses Jahres -- von ihnen ins "Volksgefängnis" gesperrt worden.
Einst verfolgte die Bewegung, benannt nach dem Todesdatum des von der Polizei getöteten Benno Ohnesorg, das Ziel, politisch kopfstärker zu arbeiten als die aktionistischen Gesinnungsfreunde von der "Roten Armee Fraktion" (RAF) um Baader und Meinhof. Doch genau wie in BM-Kreisen entwickelte sich auch in dieser Ende der sechziger Jahre formierten Gruppe der Hang zu Anschlägen und Attentaten schneller als die politische Reife.
Als Protagonisten der Truppe galten seit geraumer Zeit der gelernte Offset-Drucker Reinders, 27, und die ehemalige Kindergärtnerin Inge Viett, 31. der 1973 die Flucht aus dem Berliner Frauengefängnis gelungen war. Auch Insider bestätigten die Führerrolle des nun festgesetzten Pärchens. So hinterließ der ursprünglich zum Schmücker-Killer ausersehene, Mitte Juli dieses Jahres auf bislang ungeklärte Weise verschiedene Götz Tilgener über den internen Befehlsgang: "Die Wolfsburger Gruppe erhielt aus Berlin den Auftrag, Schmücker innerhalb von drei Monaten zu töten. Ich kann ... auch namentlich benennen, wer den Auftrag gab. Das waren Inge Viett und Ralf Reinders."
Beim Kassemachen für die Bewegung war dagegen der Gruppenführer offenbar selbst im Einsatz. So will die Polizei seine Fingerabdrücke nach einem Bankraub im November vergangenen Jahres (Beute 48 000 Mark) am Tatort in Charlottenburg vorgefunden haben. So sollen Reinders wie Inge Viett an zwei Überfällen auf Berliner Geldinstitute Ende Juli dieses Jahres beteiligt gewesen sein, bei denen insgesamt 200 000 Mark eingesackt wurden.
Dingfest zu machen aber waren die Marodeure nicht in der "Stadt mit der größten Polizeidichte" (Bewegung 2. Juni). Und derart sicher wähnte sich Reinders, daß er ganz ungeniert in Restaurants zu speisen pflegte. Ab und zu traf er sich auch mit der Mutter, im Kaufhaus des Westens am Tauentzien oder in einer S-Bahn-Station. Und wenn ihn mal ehemalige Arbeitskollegen auf der Straße erkannten, hüpfte er flugs ins nächste Taxi, fuhr bis zu einer U-Bahn-Haltestelle und verschwand dort im Untergrund. Den Fahndern blieb nichts, als wichtige Miene zu diesem Spiel zu machen.
Brav und bürgerlich, getreu der geläufigen Stadtguerillalehre, benahm sich Reinders vor den Augen der Nachbarn in der Birkbuschstraße. Im Vorgarten der bereits im Dezember 1973 von einer Ruza Maric gemieteten Ladenwohnung legte Reinders, inmitten trister Sanierungsbauten, liebevoll Rabatten an und hegte Blümchen.
Ausgerechnet im eingeschlossenen Berlin gedeiht solche Terroristen-Idylle sichtlich unbehelligter denn andernorts. Eine Erklärung für das Phänomen hat die Polizei stets parat: "In die S-Bahn, und weg sind sie" -- im Osten. Und so abwegig scheint der Hinweis nicht. Im Ost-Berliner Pergamon-Museum, berichtete zum Beispiel Tilgener, habe ein Emissär der Bewegung ihm einmal einen Tausender zugesteckt.
Soviel jedenfalls scheint erwiesen: Weder polizeiliches Massenaufgebot, wie unmittelbar nach der Lorenz-Entführung, noch ausgeklügelte Computer-Technik, die es später schaffen sollte, brachten die Fahnder wesentlich weiter bei ihrer Suche nach den gefährlichen Anarchos. Entscheidend war -- wie in fast allen einschlägigen Fällen -- wieder der Tip von außen.
Und immer noch verdeckt scheint die Sympathisanten-Szene, zumindest in Berlin. Inge Viett fuhr eine 250er Honda, die auf den Namen des Kaufmanns Horst Müller-Klug zugelassen ist. Dessen Frau Angela besaß Paßphotos von Inge Viett. Die wollte sie angeblich in ihrem Krämerladen "Sesammühle" als Kundenbildehen aushängen -- zwecks Werbung für Gewürze.
Um handfeste Hinweise aus dem oberen Untergrund ist die Polizei denn auch nach wie vor verlegen. Erfreut plauderte Staatsschützer Kittlaus in der vergangenen Woche aus, daß wenigstens einer der jüngst Vernommenen geredet habe. Gewinn bringt das durchweg für beide Seiten.
Ein Mitbegründer der Bewegung 2. Juni beispielsweise, Heinz Brockmann, kam nach einem umfassenden Bericht über frühere Genossen im Dezember 1973 bei der Justiz auffallend milde davon. Anfang August wurde er zum frühest zulässigen Termin, nach Verbüßung der halben Strafzeit, in aller Stille entlassen.

DER SPIEGEL 38/1975
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