15.09.1975

FRANKREICHZum Weinen

Einer französischen Archäologin droht in Afrika die Erschießung, weil Paris aus Gründen der Staatsräson zögerte, Lösegeld zu zahlen.
Ich bin erschüttert", gestand Tschad-Rebellenführer Hissein Habre. Er hatte einem Tonband gelauscht, auf dem seine Geisel, die französische Archäologin Francoise Claustre, 39, über fast eineinhalb Jahre Gefangenschaft bei seinen Guerillas berichtete.
Noch erschütterter waren Frankreichs Fernsehzuschauer, als Tonband und ein dazu gedrehter Film vergangene Woche in der abendlichen Tagesschau liefen. "Le Monde" anderntags: "Fast nicht zu ertragen."
In einer der unwirtlichsten Regionen, dem Tibesti südlich der Saharawüste, unter für Europäer kaum erträglichen Verhältnissen, lebt Francoise Claustre seit April 1974 als Gefangene des gegen die Tschad-Zentralregierung rebellierenden Tubustammes.
"Ich bin ja wenigstens noch am Leben", sagt sie, "aber nach drei Jahren werde ich verrückt geworden sein." Die Archäologin wußte nicht und weiß es vielleicht auch heute noch nicht: Ihre Hinrichtung ist auf den 23. September, 10 Uhr festgesetzt -- wenn Frankreichs Regierung nicht, wie Freitag endlich offiziell zugesagt, zehn Millionen Franc Lösegeld zahlt. Das sei nur eine kleine Entschädigung für Hunderte getöteter Tubus, begründet Rebellenchef Habre seine Geldforderung. Die Toten gehen zu Lasten Frankreichs, denn im Tschad stationierte französische Luftwaffeneinheiten flogen die Einsätze.
Am 21. April 1974 hatten Tubu-Trupps in der nördlichen Oase Bardai zwei Häuser gestürmt. In einem lebte der deutsche Arzt Christoph Staewen. Die Rebellen erschossen zwei Tschad-Offiziere und verletzten Staewens Ehefrau tödlich. In einem wenige hundert Meter entfernten Haus kidnappten sie die Archäologin Claustre und den französischen Entwicklungshelfer Marc Combe, dem allerdings nach einem Monat die Flucht gelang.
Für 2,2 Millionen Mark und einen über die Deutsche Welle gesendeten Habre-Aufruf kaufte der deutsche Unterhändler Wallner den gekidnappten Arzt Staewen frei. Ein Grund für die Tschad-Regierung, die diplomatischen Beziehungen zur Bundesrepublik abzubrechen.
Der französische Unterhändler war weniger erfolgreich. "Verhandlungen?" fragt Francoise Claustre im Fernsehinterview. "Zum Weinen, kann ich nur sagen." Schlimmer als das: Während der französische Emissär Puissant mit Habre feilschte, ließ Tschads Staatschef Tombalbaye seine eigenen Truppen von Franzosen zum Tubu-Stamm der Nanas-Kazzas -- dem Habre angehört -- fliegen und unter anderen die Eltern und den Sohn des Rebellenchefs niedermetzeln.
"Ich hätte nicht für möglich gehalten", klagte Geisel Claustre im Tele-Interview" "wie feige die französische Regierung ist." Tatsächlich scheute sich Frankreich. die Tschad-Regierung durch Rebellen-Kontakte zu verärgern -- weil der Tschad künftig wichtiger Uran-, vielleicht auch Erdöllieferant werden könnte. Insbesondere aber ist das Land inmitten Afrikas ein notwendiger Zwischenlandeplatz auf dem Weg zur Dschibuti-Kolonie, von wo aus Frankreich den Eingang zum Roten Meer kontrolliert.
So schickte Frankreichs Staatschef Giscard d"Estaing erst in den vergangenen Wochen seinen Afrika-Experten zu Verhandlungen in den Tschad, nachdem französische Zeitungen Krach schlugen. Und selbst nach der Fernsehsendung verwies Kooperationsminister Abelin noch auf die Staatsräson als oberste Maxime.
Einzig Ehemann Pierre Claustre hatte stets Kontakt zu den Entführern seiner Frau gehalten. Fünfmal vergeblich, aber auch fünfmal erfolgreich machte er sich auf die lange Reise ins Tibesti -- mal mit gecharterten Kleinstflugzeugen, mal mit alten Renaults. Nur über ihn erfuhr Frankreichs Öffentlichkeit von dem Drama seiner Frau.
Doch Pierre Claustres fünfte Reise könnte seine letzte gewesen sein. Denn Habre behielt den Mann seiner Geisel ein. Und Tubukenner vermuten: Die den Tuaregs verwandten Nomaden erschießen keine Frau, wohl aber einen Mann. "Er wußte das ganz genau und hat sich bewußt in die Höhle des Löwen begeben", verriet "Paris-Match": "Nun ist das Schlimmste zu befürchten."

DER SPIEGEL 38/1975
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