Von Karasek, Hellmuth
"Rollerball". Spielfilm von Norman Jewison. USA 1975; Farbe; 124 Minuten.
Wenn man dem Film "Rollerball"
glauben darf, dann sieht es wieder einmal zappenduster mit unserer Zukunft aus.
"Rollerball" schreibt das Jahr 2018. Die Menschheit döst in Wohlstand und Langeweile vor sich hin, alle Probleme sind gelöst, Kriege, Hungersnöte und nationales Ungemach gibt es nicht mehr, Wirtschaftskonzerne leiten und lenken die Menschen, denen es entmündigt und gesättigt wohlergeht -bis auf eins.
Sie sind nach wie vor aggressiv, also wohin mit den Aggressionen? Dafür, Antwort des Films, hat man eben Rollerball, einen Kampfsport, der sich wie eine Mischung aus Eishockey und Wirtshausschlägerei, aus Football und Verkehrskarambolage ausnimmt. Während sich die Teams also auf Motorrädern und Rollschuhen im Kampf um Tore, die mit einer Metallkugel erzielt werden müssen, halb und auch ganz totprügeln, können die frenetisierten Zuschauer ihren angestauten Haß ausleben -- eine Endzeit-Vision also von technisierten Gladiatoren ist angepeilt, die in ihrem Ansatzpunkt eine Satire über den modernen Brutalsport und seine Fans hätte werden können.
Leider hat Norman Jewison eine magere Kurzgeschichte mit Bierernst aufgebläht, um daraus wieder das übliche Spektakel "Einer gegen alle" zu machen. Ein Rollerballspieler nämlich. der Star der Rollerballstars, wird den Industrie-Mächtigen ob seiner Popularität unbequem. Sie fordern also den tüchtigsten Schläger und Kämpen auf zurückzutreten.
Der aber will nicht und spielt weiter. Die Allmächtigen der Zukunftserde sind also -- erste Idiotie des Films -- nicht einmal so mächtig wie ein heutiger Fußballtrainer. Helmut Schön konnte da mit Günter Netzer ganz anders umspringen.
Der Held schlägt und rollerballt weiter, und dies wird -- nächste Dummheit -- irgendwie als Fanal der Freiheit verstanden. Aber wenn Rollerball ein perfider Verdummungs- und Brutalisierungsanschlag auf die Menschheit sein sollte, wie kann dann das System bedroht sein, wenn der Härteste der Harten einfach sein Spiel so liebt, daß er nicht Schluß machen will, auch nachdem die Spielregeln immer blutiger und kruder geworden sind.
Das Spiel selbst -- jeder, der auch nur ein Eishockey, Rugby- oder Fußballspiel gesehen hat, wird das angemistet feststellen müssen -- kann so, wie es auf der Leinwand erscheint, auch gar nicht funktionieren. Es ist etwa so logisch erfunden wie ein Schachspiel, bei dem der König mal eben vom Brett in den Speisequark hüpfen darf, wenn ihm Schach geboten wird.
Für deutsche Zuschauer ist vielleicht bemerkenswert, daß der amerikanische Film seine architektonischen Zukunftsängste in Münchens Olympiadorf und dem BMW-Haus sucht.
"Rollerball", in dem alle Akteure eigentlich dauernd nur verkniffene Harte-Männer-Gesichter machen müssen, will vor einer verrohten und verdummenden Zukunft warnen. Doch droht uns die weniger von einer obskuren Sportart und mehr, so steht zu befürchten, von Filmen wie "Rollerball", die noch dazu so tun, als litten sie an dem, was sie uns scham- und gedankenlos verhökern. Im Sport nennt man das Eigentor.
DER SPIEGEL 38/1975
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