15.09.1975

Arno Plack über Ernest Borneman: „Das Patriarchat“Vorwärts zur klassenlosen Libido?

Arno Plack, 46, wurde durch den Bestseller "Die Gesellschaft und das Böse" bekannt. 1974 erschien sein "Plädoyer für die Abschaffung des Strafrechts". -- Ernest Borneman, 60, veröffentlichte unter anderem ein "Lexikon der Liebe", "Studien zur Befreiung des Kindes" und eine "Psychoanalyse des Geldes".
Unterdrückung hat viele Aspekte, viele Formen, sich zu institutionalisieren. Nur im politischen Witz unterdrückt einfach der Mensch den Menschen -- und umgekehrt; im Leben sind es fest umrissene Gruppen, die anderen ein Joch auferlegen. Es sind die Kriegerischen, die sich die Friedfertigen gefügig machen; es sind die Begüterten, die die Besitzlosen niederhalten, und die Alten, welche die Jungen bevormunden; es sind Herrenvölker, die sich Sklaven halten; und es sind schließlich die Männer, die sich die Frauen unterwerfen.
Die Befreiung der Frau von der Herrschaft des Mannes ist zum Thema dieses Jahrzehnts geworden. Ernest Borneman spricht halb als Historiker, halb als Propagandist und noch ein wenig als Prophet, wenn er die Menschheit vom Matriarchat, der Vorherrschaft der Mutter, übers Patriarchat, die Herrschaft des Mannes, zur Angleichung der beiden Geschlechter und damit zum Ende aller Unterdrückung sich entwickeln sieht. Als die eigentlich repressive Phase wird dabei die Herrschaft des Mannes betrachtet, die es jetzt zu beenden gelte.
Der Gedanke ist als ethisches Postulat von Bedeutung, auch wenn das Entwicklungsmodell" wie Borneman wohl weiß, bestritten wird. Schon die Rede von "der Urkultur" ist eine idealtypische Vereinfachung vermutlich vielgestaltiger und für uns wohl immer dunkel bleibender Anfänge menschlichen Zusammenlebens. Selbst die restlichen, noch nicht vernichteten Primitivkulturen zeigen kein einheitliches soziales und familiäres Schema. Es gibt unter ihnen polygam, monogam, sogar polyandrisch organisierte Völker, "patriarchalische" und "matriarchalische" triebfeindliche und triebbejahende. Aber es wäre verwegen zu sagen, so hätten diese Stämme seit Urzeiten sich erhalten. Sie haben Wandlungen, Blütezeiten und -- bisweilen durch Funde nachweisbar -- regelrechte Reprimitivisierungen durchlaufen.
Unter der Hand bietet Borneman auch eine Rechtsphilosophie. Das Recht entsteht nach ihm aus einem historischen Urakt: der Negation der Natur. Die These vervollständigt nach der Seite des Rechts hin die Freudsche Sublimierungstheorie, die kulturelle Leistungen überhaupt aus Triebverzichten hervorgehen sieht. Borneman verwirft diese Theorie, wie schon einige illusionslose Köpfe vor ihm; aber fürs Recht setzt er sie wieder in Geltung. Das ist nur darum kein Widerspruch, weil Borneman im Recht kein so hohes Kulturgut erblickt, zu dem hinauf sublimiert werden müßte. Erst mit der Bildung vererbbaren Eigentums habe sich das Recht ausgebildet: als Vorrecht des Mannes. Dabei sind "mutterrechtliche", matrilineare Ordnungen mit einem nur anders laufenden Erbgang längst nachgewiesen.
Um in historischer Perspektive auf eine soziale Ordnung zu stoßen, die ohne Strafen und Gefängnisse auskam, ist es nicht nötig, mit Borneman bis zu "matristischen" Urkulturen zurückzuspekulieren. Germanische Völker, am beständigsten die Friesen, hatten ein so aggressionsfreies Recht verwirklicht. Es war -- auch gegen den schweren Rechtsbrecher -- ein Friedensrecht" nicht kollektive Aggression zur Brandmarkung und Ausstoßung des Sündenbocks. Rachsucht und Versöhnlichkeit gehen in dem Gegensatz von "männlich" und "weiblich" nicht auf. Wir können die menschliche Gesellschaft unter beliebig vielen Polaritäten betrachten, aber wir müssen uns hüten, solche Aspekte für die Ursachen unserer Mißstände zu halten.
Man lernt dennoch viel aus diesem Buch, besonders über die alten Griechen und Römer, und da vor allem Dinge, die nicht in den Schullesebüchern stehen, weil sie die Jugend "sittlich" gefährden könnten. Borneman, altphilologischer Selfmademan, zitiert unerschrocken aus den Klassikern, was den Lesegenuß fördert und nebenher seine Konzeption unterstützt. Die verrufenen Römerinnen geraten unter seiner Feder zu stolzen, ungebärdigen Frauen, die schon um Gleichberechtigung kämpften.
Bornemans Sexualpolitik ist marxistisch getönt. Er unterstellt eine "klassenlose Gesellschaft der Vorgeschichte", sieht den "Kampf der Geschlechter" aus der Klassengesellschaft hervorgehen und setzt Hoffnung auf eine klassenlose Gesellschaft, die die Polarisierung der Geschlechter aufheben könnte. Selbst die biologischen Unterschiede könnten weitgehend verschwinden. Das "soziale Geschlecht des Menschen" und die "klassenspezifische Geschlechtsrolle", beide durch Erziehung vermittelt, stehen für Borneman in einer Reihe mit männlicher oder weiblicher Körperform, hormonalem und chromosomalem Geschlecht. Eine körperliche Angleichung von Mann und Frau wird für möglich und wünschenswert gehalten. "Der Schritt ... zur Abschaffung der Menstruation ist nicht groß, und die Erforschung einer Alternative zum Austragen des Kindes im Mutterleib sollte kaum überwältigende Schwierigkeiten bereiten."
Emanzipierung durch Kampf gegen die Natur? Borneman verliert seinen Ausgangspunkt. Der Autor verkennt nicht die Bedeutung der Kleinkind-Erziehung für die Entwicklung der sozialen Begabung des Menschen. Doch wie sollen Mütter, die ihre Babys gar nicht ausgetragen haben und sie auch nicht mehr stillen können, noch soviel Zärtlichkeit aufbringen, wie die Kinder brauchen, um nicht neurotisch zu werden?
In diesem ebenso unterhaltsamen wie einfallsreichen Buch stehen die nacheinander aufgezeigten Phänomene und Zukunftsperspektiven nicht in Querverbindung. Es ist die Rede von der im Vergleich zum Manne weit größeren Orgasmusfähigkeit der Frau. Bis zu 50 Orgasmen jeden Tag, das sei -- laut Masters -- für fast jede Frau "normal". Wenn es nur stimmt: Soll die biologische Angleichung der Geschlechter sich auch hierauf erstrecken? Soll der "sexuelle Bedarf" (Borneman) des Mannes dem der Frau angenähert werden? Das Umgekehrte hätten wir schon. Oder meint es der Verfasser mit seiner Angleichungsidee so ernst wieder nicht?
Borneman will, wie schon Betty Friedan vor ihm, der Marx der Frauenbewegung sein. Diesem Anspruch kann es nicht genügen, angesichts der sexuellen Kraft der Frau nur festzustellen, daß auch ihr die Monogamie nicht auf den Leib paßt, und im übrigen auf den Sozialismus zu setzen. Das Buch in seiner Widersprüchlichkeit provoziert geradezu die Frage, ob es um mehr Zärtlichkeit und wechselseitiges Verstehen geht oder um sexuellen Hochleistungssport. Was führt zur Freiheit? Borneman sagt sehr richtig, daß die Befreiung des einen Geschlechts nicht möglich ist, ohne das andere mitzubefreien. Die beide Geschlechter umgreifende Unterdrückung aber ist die der Triebe und der unangepaßten Gefühle.

DER SPIEGEL 38/1975
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 38/1975
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Arno Plack über Ernest Borneman: „Das Patriarchat“:
Vorwärts zur klassenlosen Libido?

Video 03:50

Seidlers Selbstversuch Abwracken für Anfänger

  • Video "Zugriff am Stadtrand: Mutmaßlicher Schütze von Straßburg getötet" Video 01:04
    Zugriff am Stadtrand: Mutmaßlicher Schütze von Straßburg getötet
  • Video "Blinde Surferin: Nur mit Gefühl auf den Wellen" Video 01:33
    Blinde Surferin: Nur mit Gefühl auf den Wellen
  • Video "Drohnenvideo: Überraschung beim Schwimmtraining" Video 01:41
    Drohnenvideo: Überraschung beim Schwimmtraining
  • Video "TV-Interview mit Melania Trump: Am schlimmsten sind die Opportunisten" Video 01:23
    TV-Interview mit Melania Trump: "Am schlimmsten sind die Opportunisten"
  • Video "Spektakuläre Drohnen-Aufnahmen: Die größte Felsbrücke der Welt" Video 00:58
    Spektakuläre Drohnen-Aufnahmen: Die größte Felsbrücke der Welt
  • Video "Recycling in China: Familie Peng im Plastikmüll" Video 16:43
    Recycling in China: Familie Peng im Plastikmüll
  • Video "Darts-WM: Acht Millimeter entscheiden über den Sieg" Video 02:21
    Darts-WM: Acht Millimeter entscheiden über den Sieg
  • Video "Seltene Aufnahmen: Hier schlüpft gerade ein Tintenfisch" Video 00:43
    Seltene Aufnahmen: Hier schlüpft gerade ein Tintenfisch
  • Video "Showeinlage auf Premierenfeiern: Wenn Aquaman den Haka tanzt" Video 00:56
    Showeinlage auf Premierenfeiern: Wenn Aquaman den Haka tanzt
  • Video "Videoanalyse: Was das Votum für May bedeutet" Video 03:13
    Videoanalyse: Was das Votum für May bedeutet
  • Video "Älteste Fallschirmspringerin der Welt: 102-Jährige wagt den Absprung" Video 01:15
    Älteste Fallschirmspringerin der Welt: 102-Jährige wagt den Absprung
  • Video "Mini-Oktopus auf Wohnungssuche: Meine Muschel - mein Haus!" Video 00:35
    Mini-Oktopus auf Wohnungssuche: Meine Muschel - mein Haus!
  • Video "Versenkter US-Panzerkreuzer: Das letzte Geheimnis der USS San Diego" Video 01:18
    Versenkter US-Panzerkreuzer: Das letzte Geheimnis der "USS San Diego"
  • Video "Nach dem Attentat in Straßburg: Das Land wird durchgerüttelt" Video 01:37
    Nach dem Attentat in Straßburg: "Das Land wird durchgerüttelt"
  • Video "Seidlers Selbstversuch: Abwracken für Anfänger" Video 03:50
    Seidlers Selbstversuch: Abwracken für Anfänger