18.08.1975

„Unser Feuer machen wir selber aus“

Noch Im Winter womöglich wird es glimmen in norddeutschen Mooren. Und Jahre werden vergehen, bis auf dem verkohlten Ödland wieder Wälder wachsen. Das große Feuer vernichtete nicht nur mehr als 8000 Hektar Forst im Niedersächsischen, es lädierte auch die Legende von den allzeit katastrophentüchtigen Deutschen.
Bei Eschede, mitten in der Heide, entfuhr es einem rußgeschwärzten Mann von der Freiwilligen Feuerwehr mit Bangen: "Wenn bloß de Wind nich wedder blast." In Lüchow-Dannenberg, weiter östlich, nahe der Grenze zur DDR. sorgte sich der übernächtigte Oberkreisdirektor Wilhelm Paasche, "daß der Wind drehen und nun nach Osten in die Wälder hineinblasen" könnte. Der niedersächsische Regierungschef Alfred Kubel empfand nicht anders: "Wir haben Angst vor den Morgenwinden."
Denn wenn es aufbriste über Norddeutschland, wenn warmer Sommerwind in die brennenden Wälder fuhr. wurde das Feuer unberechenbar. Dann trugen prasselnde, knisternde Flammensäume die Glut mit der Geschwindigkeit von 15 Kilometern in der Stunde durch den Wald. wie bei Lüchow-Dannenberg, oder der Funkenflug der bis zu 40 Meter hohen Flammenwände überbrückte Brandschneisen und natürliche Barrieren, die Bahnstrecke Hannover-Hamburg ebenso wie die Bundesstraße 3, und legte neue Brände in vermeintlich sicherem Areal.
Dann loderte Gelöschtes wieder auf, Glimmendes wurde entfacht, und wenn die Flammen erst emporschlugen, machte sich das Feuer seinen Wind selber. Aus brennendem Geäst und lodernden Kronen wirbelte, häufig in explosionsartigen Schüben, glühend heiße Luft empor in den bald verhangenen Himmel, wo vereinzelt Segelflieger den "besten Auftrieb nutzten, den wir je hier hatten" wie Frevel anmutendes Vergnügen am Rande des großen Feuers, das in der letzten Woche mehr als 8000 Hektar Wald vernichtete.
Nie, nicht seit Menschengedenken, hatten in Deutschland solche Waldbrände gewütet. Ältere Bundesbürger erinnerten sich angesichts des Flammenmeeres der brennenden Städte des Zweiten Weltkrieges, und für die sonst eher dröge berichtende Deutsche Presse-Agentur übertraf das, "was sich vor den Toren der idyllischen Kreisstadt Celle ereignet", sogar "Dantes Inferno". Die Agentur in ungeübter Metaphorik: "Es ist eine ins Bild gesetzte Hölle hoch zehn,"
Gespenstische Szenen boten sich dar, wie sie die Bundesbürger allenfalls aus dem Kino kannten: Vögel, "die wie Steine vom Himmel fielen", und hinter den Flammensäumen verbrannte Erde, tote Wälder mit kahl gesengten Baumstämmen -- eine Mondlandschaft verkohlter Schonungen, in denen, merkwürdig, nur die Kienäppel nicht verbrannt waren; sie leuchteten wie frische Pfifferlinge auf dem schwarzen Boden,
Schöner deutscher Wald in Flammen -das gab's nun nicht nur jeden Abend live im Fernsehen, daß es manchem Bürger aufs Gemüt schlug und ihm ein "So ein Jammer" entlockte, das bot sich selbst 900 Kilometer hoch im Weltall dar, wo der sowjetische Satellit "Meteor 22" eine 250 Kilometer lange Rauchfahne photographierte. Wie anders, daß das grandiose Desaster auch die Pyromanen beflügelte (siehe Kasten Seite 22).
Für fünf, sechs Tage sah es so aus, als könnten die Brandbekämpfer der vielerorts emporzüngelnden Flammen nicht Herr werden, als brenne der ganze Waldgürtel in der Heide ab, mit Hase und Igel, Ginster und Wacholder. Ein Dutzend Dörfer mußte evakuiert werden, und Schlimmeres noch schien sich anzubahnen, als zur Wochenmitte hin sich die Meldungen häuften, die Feuerwehrmänner müßten sich schon auf "den Schutz von Ortschaften" beschränken. Drei Bundesstraßen, die B 3 (von Celle nach Soltau). die B 188 (von Gifhorn nach Hannover) und die B 493 (von Lüchow nach Gartow), wurden ebenso gesperrt wie die Bahnstrecke Hannover-Magdeburg. Fünf Feuerwehrleute verbrannten samt Löschwagen in der Nähe von Gifhorn.
Jeder macht jeden für das "heillose Durcheinander" verantwortlich.
Als es dann bei diesen Toten blieb, als die Brände doch noch unter Kontrolle gebracht werden konnten und die Evakuierten in ihre Dörfer zurückkehrten, war der Schaden gleichwohl größer, als es die weiten Kahlflächen zerstörten Waldes erkennen ließen. Katastrophal, soviel stand Ende letzter Woche fest, war nicht nur die Feuersbrunst gewesen, sondern auch die Organisation der Brandbekämpfung.
Mit den Kiefernwaldungen war auch die Illusion in Schall und Rauch aufgegangen, daß die Deutschen prädestiniert seien, mit Katastrophen solcher Art fertig zu werden -- so etwas wie fester Glaube seit der großen Flut von 1962, als der damalige hanseatische Innensenator Helmut Schmidt das Katastrophen-Kommando übernahm und eine beispielhaft wirkungsvolle Aktion steuerte.
Diesmal, in der Heide, wollten viele das Sagen haben, und am Ende beschwerte sich denn auch einer über den anderen -- der niedersächsische Innenminister über niedersächsische Oberkreisdirektoren, Bonner Katastrophenexperten über den niedersächsischen Innenminister, Feuerwehrprofis über Feuerwehrfreiwillige. Grenzschützer über Zivilisten. Einer machte den anderen für das "heillose Durcheinander" verantwortlich, und als sich die Rauchschwaden verzogen hatten, blieb die Frage, wer denn nun wirklich versagt habe, wie es denn überhaupt zur Katastrophe habe kommen können -- dies zumindest auch ein Thema nach der großen Flut von 1962.
Zwar hatte das Feuer 1975 nichts von dem unmittelbaren Impakt der Flutkatastrophe von 1962, als eine Jahrhundert-Tide gewaltige Wassermassen elbaufwärts drückte, in Hainburg über die Deiche schwappte und in einer einzigen Nacht 315 Menschen tötete; es breitete sich vielmehr je nach Wind und Widerstand wechselhaft aus, mal zögerlich, mal rasend, den Wehren immer wieder Gelegenheit bietend, sich zu formieren, und sie dennoch immer wieder überlistend.
Aber gemeinsam war den beiden Naturkatastrophen, daß niemand sie sich hatte vorstellen können. Wie einst die Hamburger die Erfahrungen von Jahrhunderten verdrängt hatten, daß ihre Stadt, wenn auch landeinwärts, so doch am Meere lag und manche Stadtteile hinter den Deichen gleichsam nur Inseln im Meere waren, so hatten die Heidjer sich nach zahllosen verregneten Sommern von der normalerweise gültigen Gewißheit einlullen lassen, daß es im Wald immer wieder kleine Brände, aber eben nie einen gewaltigen Flächenbrand gegeben habe.
Diesmal war es anders. Seit Wochen hatte es nicht mehr geregnet in Norddeutschland. Küste wie Heide lagen unter einer Hitzeglocke, die U-Bahn-Schienen verbog und Straßenbeläge zum Schmelzen brachte. Zwischen Hamburg und Hannover, über Kiefernwäldern und Heideflächen, kletterten die Temperaturen Tag für Tag über 35 Grad. Das Korn auf den Feldern stand nur halbhoch und war schon braun.
Hamburgs Feuerwehr bewässerte mit ihren Löschzügen verdorrende Straßenbäume, in den Mooren und Tümpeln trocknete der Schlamm zu rissigen Brocken zusammen, Torfsoden verwandelten sich in pulvrigen Zunder, die letzte Feuchtigkeit entwich aus den oberen Bodenschichten.
Wenn die Heidjer nach Wolken Ausschau hielten, erwarteten sie allenfalls Brandwolken. Denn "das ist ganz gewiß, daß wir jedes Jahr in den Kieferngebieten Feuer haben", weiß die Göttinger Forstwissenschaftlerin Christiane Volger -- etwa 200 mal pro Jahr kokelt und brennt es im Wald und auf der Heide, wo sich eine der brandanfälligsten Regionen der Republik dehnt.
Nur selten unterbricht Laubwald die Eintönigkeit der norddeutschen Nadelbaumpflanzungen, die sich in breitem Gürtel von Ost nach West ziehen. Und wenn es zündelt, brennt es unter den harzigen Stämmen am leichtesten und häufigsten, 90 Prozent aller Waldbrände in Deutschland entstehen in Nadelholzarealen.
Der Oberkreisdirektor suchte den "Nahkampf".
Der Orkan von 1972, der in Niedersachsen rund 100 000 Hektar Wald, vorwiegend Kiefern, zu Boden warf, hatte zudem ein "Überangebot an entzündlichem Material" (Volger) in den Forsten hinterlassen: Überall noch lagen die geworfenen Stämme, teilweise gar in den Feuerschneisen, inzwischen so ausgetrocknet, "daß man", wie ein Lüneburger Forstbeamter meinte, "sie mit einem Streichholz hätte anstecken können".
An vielen Stellen hatten Waldarbeiter zudem riesige Haufen aus dem Bruchholz aufgetürmt, um so die Borkenkäfer, die in der Rinde der toten Stämme ihre Kolonien bilden, massierter bekämpfen zu können -- die Lunte lag am Scheiterhaufen. Gleichwohl, Förster wie Feuerwehrmänner fühlten sich gut gewappnet. Als der Lüneburger Regierungspräsident Anfang August Erkundigungen einzog, sah beispielsweise Landforstmeister Dietrich Heyden "keinen Anlaß zur Besorgnis, unsere Wehren sind bestens gerüstet". Und auch als Mitte vorletzter Woche, mal von Spaziergängern, mal von Piloten des Feuerwehr-Flugdienstes Niedersachsen, die täglich zweimal die Forsten abflogen, Feuerstellen bei Neudorf-Platendorf, an der Bahnlinie zwischen Wolfsburg und Hannover, bei Visselhövede, bei Unterlüß und bei Gifhorn gemeldet wurden, reagierten die Kommunen routiniert: mit Löschzügen aus dem Spritzenhaus am Ort, mit Schaufel und mit Patsche.
Kaum mehr als einen Wald-und-Wiesen-Brand vermutete die Celler Feuerwehr denn auch am vorletzten Sonntag, als neuer Alarm sie von Unterlüß ("Feuer aus") nach Starkshorn im Naturpark Südheide rief. Kreisbrandmeister Ernst Schulz und der vorsorglich herbeigerufene Oberkreisdirektor Axel Bruns ("Ich habe schon 120 Brände gemacht") gingen vor Ort. Reserveoffizier Bruns. 60, suchte, wie er selber sagt, den "Nahkampf". Er verlor ihn.
Als am Nachmittag die Flammen die Siedlung Quehlo bedrohten, gab er noch schnell nach Lüneburg Katastrophenalarm' danach jedoch blieb er für Stunden unerreichbar, weil er "mit den Löschfahrzeugen im Gelände rumjuckelte", wie ein Regierungsbeamter später sagte. Regierungspräsident Hans-Rainer Frede machte für Gifhorn, wo das Feuer erneut außer Kontrolle geriet, und nun auch für Celle mobil.
Doch die für Bruns bereitstehenden Löschzüge fanden keinen Abnehmer. Der Oberkreisdirektor ließ gar um 18 Uhr nach Lüneburg telephonieren: "Wir. brauchen nichts", gemäß der Heidjer-Devise: "Unser Feuer machen wir selber aus." Keine vier Stunden danach, Wind war aufgekommen, eine vierzig Meter hohe Feuerwand lief über die Heide, galt Bruns' Lage nichts mehr.
Während sich der Ritterkreuzträger unweit der Feuerfront und für die Regierung unerreichbar in der "Fuhrmannsschänke" bei Dehningshof einquartiert hatte, machte sein Stellvertreter Gerrit von Germar auf Betreiben der Polizei in der "Alten Kastanie" im entfernteren Oldendorf eine eigene Einsatzzentrale auf. Gegen 22 Uhr rief Germar aus Lüneburg "sofort 15 Löschzüge" zu Hilfe -- es waren zu wenige, sie kamen zu spät.
Während der Regierungspräsident in Lüneburg nun das Innenministerium in Hannover alarmierte, fochten vor dem Feuer der Oberkreisdirektor und sein Stellvertreter erst einmal "ihren Privatkrieg" (Frede) aus. Feuerwehren erhielten -- einmal von Bruns, einmal von Germar -- widersprüchliche Anweisungen. Als der Oberkreisdirektor vom niedersächsischen Innenminister Rötger Groß zum Rückzug nach Oldendorf aufgefordert wurde, feuerte Bruns seinen Vize und drohte ihm wegen "Eigenmächtigkeit" erst Entlassung. dann gar Verhaftung an.
Solche "echten Pannen" (Frede) in der Provinz, solche Fehler der ersten Stunde waren beispielhaft für den unzulänglich geführten Kampf gegen den Jahrhundertbrand. Das Bruns-Syndrom war auch während der Großbrandlage festzustellen:
* Fehleinschätzungen der Lage verzögerten erforderliche Hilfsaktionen.
* Kompetenzquerelen verhinderten oder behinderten massive Einsätze zur rechten Zeit am rechten Ort.
* Unzureichende Nachrichtenverbindungen und Verständigungsschwierigkeiten erhöhten Verwirrung und Gefahr.
Zwar fehlte es schon bald weder an Helfern noch an Hilfsgeräten 14 000 Mann -- Soldaten der Bundeswehr und britische Pioniere, Grenzschützer und Feuerwehr aus sieben Bundesländern. Polizisten und zivile Katastrophenschützer. Diese Armee verfügte über Berge- und Kampfpanzer, 700 Löschfahrzeuge und Spezialwagen für den ABC-Kampf. Hubschrauber und Löschflugzeuge. Doch beim Einsatz stieß die Streitmacht oft ins Leere.
So wurden Löschfahrzeuge ohne Funkverbindung in die Flammen geschickt, oder die zunächst nur provisorisch von Bundeswehr und anderen Hilfsorganisationen errichteten Funkbrücken brachen zusammen, etwa bei Gifhorn, wo die fünf Feuerwehr-Freiwilligen verbrannten, während über ihnen ein "Alouette"-Hubschrauber vom Grenzschutz kreiste, freilich ohne Bergungswinde.
Sende- und Empfangsgeräte fehlten noch am Montag auch beim Regierungspräsidenten in Lüneburg, wo ein Katastrophen- Dezernent zusammen mit zwei Sachbearbeitern den zentralen Landeseinsatz leiten sollte. Als schließlicb dann erste Verbindungen geschaltet waren, mangelte es gleichwohl an Verständigung. Die Retter, Bundeswehr und Grenzschutz, Polizei und Feuerwehr, funkten auf eigenen Wellen. in eigener Kommandosprache.
"Auch personell hatten wir ein bißchen Pech", meint Fredes Vize Klaus Müller-Heidelberg, und auch Ministerpräsident Alfred Kubel räumt ein, "daß manches nicht zusammenlief". Konsequenz der Regierung: Bezirksbrandmeister, Celles Kreisbrandmeister (Müller: "Die haben sich in Einzeleinsätze geflüchtet") und schließlich Oberkreisdirektor Bruns wurden von ihren Leitungsaufgaben entbunden. Die Personen wechselten, die Konflikte blieben, und das Durcheinander gewann Dimension.
Landesregierung/Bundesregierung: Erst in der Nacht zum Montag. als die Feuer bei Gifhorn und Celle längst Katastrophenausmaß hatten, forderte Hannover Hilfe von Bonn -- das seinerseits seit drei lagen eben solche Hilfe angeboten hatte. Nach Urteil der zuständigen Bonner Stellen, die zu diesem Zeitpunkt bereits Bundeswehr und Bundesgrenzschutz in Bereitschaft versetzt, die Länder Hamburg und Bremen aufgefordert hatten, Heller parat zu halten, und in Frankreich Löschflugzeuge erbeten hatten, kam das Hilfeersuchen "wesentlich zu spät".
Landesregierung/ Bundesgrenzschutz: Helfer aus allen Gebieten der Bundesrepublik konnten nicht optimal an die verschiedenen Brandherde geleitet werden, weil Bedarfsmeldungen gar nicht oder verspätet eingingen. BGS-General Kühne: "Ich kann nicht alle fünf Minuten Meldung nach Hannover machen,"
"Entscheidend ist, wer zu befehlen hat."
Landesregierung/Nato: Während der Waldbrände in Niedersachsen flogen Briten hei Nordhorn wie gewohnt ihre Übungsbombeneinsätze, hielten holländische Truppen hei Lüneburg und Uelzen ein Manöver ab. Regierungs-Vize Müller: "Die sind vor ein paar Tagen rauchend im Wald erwischt worden,"
Bundesgrenzschutz Polizei: Bewohner des Brandgebietes wurden verspätet evakuiert, weil Landes- und Bundespolizei über die Zuständigkeit stritten.
Solche Rangelei um den rechten Einsatz von Menschen und Material "strapaziert schon mal die Nerven eines Offiziers"' meinte ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums. Und Heeresinspekteur Horst Hildebrandt, der am Mittwoch das Katastrophengebiet in Augenschein nahm, meinte militärisch knapp: "Das Entscheidende ist doch in so einem Fall, daß jeder weiß, wer zu befehlen hat und wem er gehorchen muß."
Das ist, zumindest auf dem Papier, naht los geregelt. Naturkatastrophen, wie in der Heide, werden, sofern sie nicht gleich mehrere Bundesländer treffen, in eigener Regie der Landesregierung bekämpft. Dafür kann der Innenminister Amtshilfe aller Behörden des Bundes und der Länder (Grundgesetz) an fordern, also auch Bundeswehr und Grenzschutz.
Diese Hilfstruppen "sind an Weisungen gebunden", so das niedersächsische Gesetz über die öffentliche Sicherheit und Ordnung, die der Innenminister ausgibt. Die zivile Befehlsgewalt gliedert sich nach unten über den Regierungspräsidenten, die Oberkreisdirektoren bis hin zu den Gemeindechefs, die vor Ort die Hilfskräfte einsetzen können. Bonns Innenstaatssekretär Jürgen Schmude zur Rechtslage: "Auch für den höchsten General des Bundesgrenzschutzes und der Bundeswehr ist klar, er hat Weisungen der Landesregierung zu beachten. Das müssen die schon in der Ausbildung bimsen."
Wohl nicht genug. Für BGS-General Kühne entstand Durcheinander vor allem "durch die zivilen Organisationen. Mit denen können wir eben nicht unsere Führungssprache sprechen". Der General redete da lieber gleich gar nicht mehr mit Zivilisten. In der Lüneburger Einsatzzentrale wirkte sich das - auf einer internen Besprechung mit Ministerpräsident Kubel - so aus:
Frede: Seit gestern ist aus dem Katastrophenschwerpunkt Oldendorf keine Meldung eingegangen.
Dezernent Helmi Bescht: Nur wenn wir sie sehr bedrängen, erfahren wir mal was, Und dann kommen mehr Meinungen als Meldungen.
Frede: So, jetzt bitte ich um die Erstattung der zusammengefaßten Mitteilungen darüber, wie viele Leute wir an welchen Schauplätzen eingesetzt haben.
Bescht: Wir haben noch keine einzige dieser Meldungen erhalten.
Nachdem Bruns gefeuert worden war, blieb tagelang ungeklärt, wer denn nun in Oldendorf das Sagen hatte. BGS-General Kühne glaubte sich persönlich von Ministerpräsident Kubel ("Macht ihr das mal") eingesetzt. Innenminister Groß beauftragte den Kühne-Stellvertreter, Oberstleutnant Herbert Mally, mit der Oberleitung, und der BGS selbst gab das Kommando eigenmächtig an Feuerwehrführer ab.
Am Mittwoch dann stiftete ein Groß-Einsatz ("Ich trage die politische Verantwortung") erneut Verwirrung. Im Oldendorfer Lagezentrum, der guten Stube von Landwirt Rabe. kanzelte der Minister den General öffentlich ab: "Dies ist eine zivile Katastrophe. keine militärische," Kühne konnte gehen: Bruns kam am Freitagabend wieder.
Das Durcheinander von Kommandos und Kommandeuren., die Mißverständnisse und Fehleinsätze wirkten um so verhängnisvoller, als diesmal eine Aufgabe bewältigt werden mußte, wie sie deutschen Brandschützern noch nicht gestellt worden war. Die Wirkung riesiger Flächen feuer. die in den USA oder Kanada alljährlich Waldungen von mehreren hundert Quadratmeilen vernichten, kennen die Deutschen nur aus Fachzeitschriften.
Und auch im Vergleich zu Australien, wo Anfang dieses Jahres ein Buschfeuer ein Areal verwüstete, das so groß ist wie die Bundesrepublik. Frankreich und England zusammengenommen, gerieten Waldfeuer in Deutschland lediglich zu lokalen Ereignissen, die von örtlichen Brandschutzkommandos durchweg sicher gemeistert werden konnten -- mit Spritze und Feuerpatsche.
Handgerät à la Patsche, für deutsche Forstexperlen nach wie vor und mit gutem Grund wichtiges Hilfsmittel der Waldbrandbekämpfung, ist in Ländern mit riesigen, unwegsamen Waldgebieten wie USA oder Rußland von nachgeordneter Bedeutung. Nordamerika, Zentrum der Waldbrandforschung. hat ein ganzes Arsenal moderner Geräte und Methoden entwickelt, die mit unterschiedlichem Erfolg gegen Flächenfeuer mobilisiert werden können:
* In besonders gefährdeten Gebieten wird das Unterholz -- Hauptnahrung für den Waldbrand -- mit feuerhemmenden Chemikalien imprägniert. Teilweise werden sogar. wie sonst in Kinos oder Warenhäusern, festinstallierte Sprinkler- Anlagen eingebaut, die bei Erreichen bestimmter Temperaturen automatisch Löschwasser versprühen.
* Spezialflugzeuge und Hubschrauber werden mit Wasser und Chemikalien auf die Feuerlinie angesetzt. Die zweimotorige Canadair CL-215 etwa, die unter anderem auch in Frankreich fliegt, kann 5500 Liter Flüssigkeit im Flug aufnehmen und in Minutenschnelle abregnen -- erfolgversprechend operiert sie freilich nur gegen Brände im Anfangsstadium und gegen niedrigbrennende Busch- oder Steppenfeuer.
* Wenn es gilt, an schwer zugänglichen Stellen einen Brand schnell im Keim zu ersticken, können auch Spezialisten der "initial attack crew eingesetzt werden, die "smoke jumpers", die in Asbestanzügen abspringen und allein oder mit nachgeschobener Verstärkung den Flammenherd angehen.
Bergauf wird das Feuer schneller.
Hat der Waldbrand indessen erst einmal -- ein bestimmtes Ausmaß erreicht, ist mit direktem Angriff allein nichts mehr auszurichten. Experten in aller Welt sind sich einig, daß dann nur noch geplante Verteidigung größeres Unheil abwenden kann. Die Amerikaner praktizieren in solchen Fällen eine aufwendige Defensivtaktik.
Während Angriffstrupps die Brandstelle mit Wasser und Chemikalien bekämpfen, versuchen andere Einheiten, aus der Luft und am Boden den Vormarsch des Feuers durch Errichtung von feuerverzögernden (fire retarding) und feuerbrechenden (fire break) Zonen zu verhindern. Wichtigstes Hilfsmittel dabei sind Spezialhubschrauber und Flugzeuge, die bis zu 4000 beziehungsweise 12 000 Liter Chemikalien an den Einsatzort bringen und dort versprühen können.
Oft wird auch eine "Mineral fire line" angelegt, eine Schneise durch den Wald, aus der jegliches brennbare Material entfernt werden muß -- letztlich das A und O der Waldbrandprophylaxe, "wenn man nur den Mut hat", so Lüneburgs Regierungsvizepräsident Klaus Müller-Heidelberg. "sie tief genug voranzutreiben".
Nicht völlig geräumte oder halbherzig zu schmal angelegte Schneisen helfen nicht viel, schon gar nicht in norddeutschen Kiefernforsten, wo Unterholz, Gras, Nadelboden leicht austrocknen und auf Funken wie Zunder reagieren. Brennt es erst einmal am Boden, fachen die harzigen Stämme und Äste, dazu die ätherischen Öle der Nadeln den Brand weiter an.
Schließlich springt die Lohe über Äste und Stämme zum "Kronenfeuer" empor -- das "Vollfeuer" ist entstanden, dessen starker Luftsog, so beschreibt es der Lüneburger Oberforstmeister außer Diensten Ehrenfried Liebeneiner in "Lehrschriften für den Feuerwehrmann", "ein unheimliches, heulendes Brausen" verursacht. "was Unkundigen erhebliche Angst einzuflößen pflegt".
Flächenfeuer, lehrt Liebeneiners "Katechismus für die Brandbekämpfung" (Kiels Regierungsbranddirektor Alfred Müller), wirken imposanter, als sie sind. Was wie ein riesiges Flammenmeer aussieht, aus dem dräuende Wolken quellen, ist in Wahrheit nur ein schmaler Feuersaum, der sich, mal schnell, mal wieder gemächlich, durch Wald und Boden frißt.
Leitstelle Hessen auf eigener Frequenz.
Bei Wind allerdings wird der wandernde Feuersaum unkalkulierbar. In Windrichtung -- die Flammen werden nach vorn geneigt, die Wärmestrahlung beschleunigt sie -- kommt der Brand schneller voran, an den Flanken und in Gegenrichtung wird er gehemmt. Thermische Luftströmungen, durch die aufsteigende Hitze verursacht, beeinflussen zudem. den Wind; er dreht, wechselt plötzlich die Richtung und bläst die Flammen unterschiedlich stark an.
Als vergangene Woche eine Störungsfront aus Nordosten über Norddeutschland vordrang. frischte der bis dahin schwach aus östlichen Richtungen wehende Wind auf, sprang mehrfach um und verstärkte die verwirrende Wechselwirkung -- Abwehrkräfte wurden an Stellen postiert, die das Feuer gar nicht erreichte, und wo niemand mit Spritze und Spaten stand. züngelten plötzlich Flammen,
Wer seine Waldbrandlektion nicht gelernt hatte -- und die meisten der Eingesetzten standen zum erstenmal an der Flächenfeuerfront -, mußte auch noch auf andere Überraschungen gefaßt sein: Bodenfeuer wird bergauf schneller (Erklärung: Der Erdboden kommt den Flammen näher und ist stärkerer Hitzestrahlung ausgesetzt). Schon leichte Abwärtsneigungen im Gelände andererseits hemmen den Feuerlauf ganz erheblich. Kein Wunder, daß letzte Woche in der Lüneburger Heide Geschwindigkeit, Laufrichtung und Intensität des Feuersaums oftmals falsch berechnet wurden.
Den Männern von den freiwilligen Wehren aus den kleinen Heidedörfern ging das alles über den Kopf. Wohl hatten sie bisher, wie das Fachblatt "Die Feuerwehr" noch vor vier Jahren lobte, die "wichtigsten Kräfte bei Waldbränden" gestellt. Aber sie sind eben keine Männer in Asbestanzügen. darauf trainiert, Brandherde auch aus der Luft anzugehen.
Oft warfen sie sich blindlings auf den nächsten Brandherd, spritzten ihre Tanks ohne taktisches Konzept leer, nachdem zeremoniell "Wasser marsch" kommandiert worden war, warteten auf Befehle von oben und irrten, wenn keine Order kam, planlos durch die Brandlandschaft,
Aber auch als die Kollegen von der Berufsfeuerwehr aus den Städten kamen, als Bundesgrenzschutz und Bundeswehr dazu stießen, gab es immer neue Schwierigkeiten bei der Brandbekämpfung. So war oft nicht ausreichend Löschwasser da, Tümpel waren ausgetrocknet, Zapfstellen tröpfelten nur noch. Nachdem Hamburger Hilfstruppen auf Rat von Einheimischen unter Mühen eine Schlauchleitung zu einem anderthalb Kilometer entfernten Teich gelegt hatten, erfuhren sie, daß
* Im Notquartier, dem Schulgebäude von Eschede.
sie ganz in der Nähe einen Teich hätten anzapfen können.
Andere Profis fühlten sich nicht ausgelastet, und pausenlos anrollende Helferkolonnen aus den Bundesländern wurden häufig ziellos ins Gelände oder stundenlang gar nicht an die Feuerfront geschickt. So löschte die Hamburger Berufsfeuerwehr schließlich auf eigene Faust und hörte nur noch auf Befehle von eigenen Vorgesetzten.
Sieben Feuerwehr-Führer aus Düsseldorf blieben arbeitslos, bis der Frankfurter Oberbranddirektor Ernst Achilles, der für sich und seinen Trupp ebenfalls auf Eigeninitiative angewiesen war, sie samt einer Bundeswehr-Einheit zu einem eigenen Kommando zusammenfaßte und einen Brandsektor erfolgreich unter Kontrolle hielt. Achilles schaltete sich aus dem überlasteten Funkverkehr aus und sendete fortan als Leitstelle Hessen auf eigener Frequenz.
Nicht minder problematisch erwies sich zunächst der Löscheinsatz aus der Luft. Gleich nach Beginn der Großbrände angefordert und schon am Montag im ersten Einsatz, kamen die Canadair-Löschflugzeuge der Franzosen dennoch zu spät. Konzipiert für die Bekämpfung gerade aufflackernder Brände und Niederholz-Feuer, mußten sie ihre Sechs-Tonnen-Wasserlast über schon hoch auflodernden Waldstreifen ablassen. Resultat: Das Wasser verdampfte zumeist schon in Baumwipfelhöhe und erreichte den Waldboden nicht, wo nach Feuerschützer-Grundregel jeder Löschversuch anzusetzen hat, Ein Feuerwehr-Experte: "Ein bißchen Spielerei."
Überhaupt erst zweimal in der Praxis erprobt -- 1973 in unzugänglichen Regionen der Walliser Alpen -- waren die Wassersäcke aus armierter PVC-Folie, die von der Schweizer Rettungsflugwacht über ihre deutsche Schwestergesellschaft dem BGS und der Bundeswehr zum Abwurf aus Hubschraubern zur Verfügung gestellt worden waren. Die für alpines Gelände konzipierten Wassersäcke zerplatzten im norddeutschen Flachland ohne nennenswerte Wirkung -- zumal wenn sie ungenau gezielt waren und so sogar die Löschmannschaften auf der Erde gefährdeten. Urteil von Branddirektor Müller über die Wasserbomben: "Wenig effektiv und ziemlich gefährlich."
Wie fragwürdig es überhaupt sein kann, wenn Wasser ins Feuer fällt, zeigte sich bei den offenen Bränden im Hochwald. 4000 Liter, die aus dem fleck jedes der neun eingesetzten Sikorski-Hubschrauber, zeitweise aus Vieren gleichzeitig, in breitem Fall in die Tiefe prasselten, verdunsteten wie die Canadair-Güsse in der Hitze der brennenden Wipfel fast völlig.
Mehr noch: Eine abträgliche Wirkung stellte sieh ein. Die Fallgeschwindigkeit des Wassers reichte aus, einen Luftzug bis zu 120 Stundenkilometern zu entfachen und den anrückenden Patschenmännern die Lobe entgegenzutreiben.
Nach den schlimmen Erfahrungen und den Fehlschlägen der ersten Tage besannen sieh die Einsatzleiter der inzwischen auf 14 000 Mann angewachsenen Hilfstruppen auf die alte Feuerwehrgrundregel zur Bekämpfung von Waldbränden: "Erstens Schutzstreifen, zweitens Wasser und drittens immer noch und immer wieder die Feuerpatsche" (Brandfachmann Müller).
Daß die bewährten Rezepte schließlich auch anschlugen, war vor allem ein Verdienst der Bundeswehr, die sich nun mit allem, was nötig war, in die Bresche warf: Bergungspanzer schlugen Schneisen, Hubschrauber bewässerten sie, und die Männer mit den Feuerpatschen, die in Linie wie beim Alten Fritz -- freilich nach jeder Feuerphase rück- statt ausfallend -- vorgingen. fanden auch bei den Heimwehr-Kollegen Lob. Achilles: "Die Jungs arbeiten hervorragend."
Und die Bundeswehr war es auch, die, durch schiere Präsenz die anfangs so verfahrene Brandbekämpfung endlich flottmachte und dem ganzen Unternehmen verlieh, woran es ihm so eklatant gefehlt hatte: Übersieht, Koordination und planvollen Einsatz, Mit militärischer Disziplin. mit Stäben und Stabseinrichtungen füllte sie ohne Aufhebens die Zone von Ratlosigkeit und Kompetenzwirrwarr, die die erste Phase der Brandbekämpfung gekennzeichnet hatte, Formell hielt sie sich, ganz nach dem Gesetz, zur Disposition der Zivilisten; de facto erledigte sie die Sache zunehmend selber.
Manövergerecht dirigierte der Stab der 1. Panzergrenadier-Division aus Hannover die größte Streitmacht der Löscharmee. Zwar hielt Generalmajor Wilhelm Garken, 59, offiziell stets den katastrophengesetzlichen Dienstweg ein. Aber "wir holen uns", amüsierte sieh ein Stabsoffizier, "bei den zivilen Befehlshabern die Entscheidungen ab und machen dann damit, was wir für richtig halten".
Daß freilich dort, bei der zivilen Leitung, zeitweise wenig zusammenlief, war Garken schon vor Einsatzbeginn klargeworden. Seit ein Fernmeldebataillon auf dem Weg nach Munster am Sonnabend einen Waldbrand bei Gifhorn ausgemacht (und sich an den Löscharbeiten beteiligt) hatte, ließ der Divisionschef die Wälder durch Hubschrauber beobachten und war, als der Einsatzbefehl aus Bonn Montag nachmittag eintraf, mit seinen Vorbereitungen seit Stunden fertig: die Truppe alarmbereit, Alkohol und Ausgang verboten.
In Ohlendorf bei Bergen, wo sieh die zivile Einsatzleitung mittlerweile in der Wohnstube des Bauern Rabe zwischen der schwarzgerahmten "Hochzeit im Walde" und dem bäuerlichen Bücherschrank (mit "Buddenbrooks" und "Seeteufels Weltfahrt") einquartiert hatte, erhielten Garkens Truppen sofort Einsatzbefehl nach der Brandlage. Im Befehlswagen. 200 Meter hinter Rabes Bauernhaus, übernahm der Divisionschef Donnerstag früh, Kühne war inzwischen gefeuert, praktisch die Führung der Löscharbeiten: "Wir gehen zum Angriff über."
BGS-Oberstleutnant Mally konnte den ihm präsentierten Bundeswehrplan -- Ablöschen der Schwelbrände in fünf Einsatzzonen, von Süd nach Nord, von Ost nach West -- nur noch akzeptieren, zur Einsatzbesprechung fanden sich Uniformierte wie Zivile im Befehlsstand der 1. Division ein. Das Wort führte Garken, den Zeigestock sein Stabschef, Oberst Eberhard Wetter, 42,
Gegen Wochenende war dann wahr, was Voreilige schon ein paar Mal behauptet hatten; Der Brand war unter Kontrolle.
Als sich die Lohe endlich gelegt hatte, die Löscher glauben durften, ihre Hölle nun wirklich besiegt zu haben, da flackerten Zweifel auf: War er das wert, der Wald -- die Toten und Verletzten. Strapazen für Zehntausend und -zig Millionen aus der Staatskasse? Ob es zumindest nicht billiger sei, bedachte etwa im internen Gespräch Schleswig-Holsteins Regierungsbranddirektor Müller, "lieber größere Flächen des Waldes abbrennen zu lassen"?
Aber er gab sich auch gleich die Antwort: "So rein wirtschaftlich kann man die Sache wohl gar nicht sehen." Sicher nicht, denn als Holzreservoir waren die Heidewälder kaum das Löschpulver wert, das auf sie verschossen wurde. Forstbetrieb ist in Westdeutschland seit langem unrentabel, verkümmerte unter den marktbeherrschenden Holzmassen aus dem Osten, au. Kanada oder Skandinavien.
Wohl sind etwa die Bauern auf den großen Heidehöfen um Celle, die vielfach 200 oder 300 Hektar Wald besaßen, an der Basis betroffen, Denn für sie waren die nun verkohlten Stämme sichere Stütze im landwirtschaftlichen Auf und Ab, "Die haben nicht einen einzigen grünen Baum mehr", sagt Oberlandforstmeister Gerd Bosse von der Landwirtschaftskammer Hannover, "und die werden in den nächsten 50 Jahren überhaupt keine Einnahmen mehr aus diesem Betrieb. teil haben."
Doch immerhin war das Gros der gut 8000 Hektar verbrannten Waldes -- zu 30 Prozent in Staatsbesitz. Rest privat -- gegen Feuer versichert, und die Assekuranzen müssen nun nicht nur die Kosten für eine Wiederaufforstung ersetzen, sondern auch einen Teil des Gewinnverlusts. Vor allem aber: Wald hat, wie der Geschäftsführer der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Erich Hornsmann, sagt, "für unser Volk einen wunderbaren Wert, der sich in Mark und Pfennig einfach nicht messen läßt". Hölzerner: Verlust an Wald bedeutet in erster Linie ökologischen und sozialen Verlust.
Räume sind beispielsweise die billigsten Luftfilter. Schon ein Hektar Fichtenwald kann rund 32 Tonnen Staub binden. Bäume regulieren den Wasserhaushalt, sie "gleichen das Klima aus". wie der niedersächsische Landforstmeister Dr. Hans-Jürgen Otto sagt, "mildern Extreme nach oben und unten". Eine Kiefer verdunstet an einem heißen. Tag um die 50 Liter Wasser.
In Celsius nicht abzulesen ist das Maß an Erholung, an physischer wie psychischer Labsal, von dem Abermillionen Bundesbürger zehren. "Holz kann zur Not importiert werden", sagt Waldschützer Hornsmann' "aber die Wohlfahrtswirkungen nicht."
Gewiß, 8000 Hektar sind nicht die Welt und nicht Deutschland. Doch sicher ist, daß sich die Republik nicht viele Feuer solcher Art leisten kann. Wohin das führt, registrierten zum Beispiel die Franzosen auf Korsika. wo es öfter mal züngelt und allein an zwei Augusttagen des letzten Jahres 16 000 Hektar verqualmten: Das korsische Hochplateau Balagne, vor zehn Jahren noch mit üppigem Grün bedeckt, ist heute Steinwüste.
"Lokal betrachtet", sagt Forstfachmann Otto, "stellt ein Waldbrand immer eine ökologische Katastrophe größten Ausmaßes dar." Und "kleinklimatisch gesehen", sekundiert Kollege Bosse, "wird es erhebliche Folgen haben". Auf der rund zehn Kilometer langen Brandfläche zwischen Oldendorf und Eschede etwa wird es binnen kurzem zu Erosionsschäden kommen.
"Die Wiederaufforstung", sagt Ernst Friedrich, Sprecher des hannoverschen Landwirtschaftsministeriums' "ist Sache der Eigentumsverhältnisse. Wir können nicht sagen, ihr müßt aufforsten. Das kann man nur mit Beihilfen rauskitzeln." In einem Punkt allerdings herrscht schon Einigkeit: Wenn wieder aufgeforstet wird, dann werden wieder zumeist nur Kiefern gesetzt werden, wieder soll eine brandgefährliche Monokultur heranwachsen, wird auf den mit vielerlei Vorteilen gesegneten Mischwald verzichtet. "Wir fangen da an", resigniert Bosse, "wo wir vor hundert Jahren auch gestanden haben."
Damals war das Gebiet der Lüneburger Heide auf dem Weg zur Wüste. Die wertvollen Laubholzbestände, vor allem Eiche und Eibe, waren im 16. und 17. Jahrhundert fast völlig abgeschlagen worden. Schottische Regimenter schossen mit Armbrüsten und Bögen aus norddeutscher Eibe, jahrhundertealte Eichen wurden unter den Sudpfannen der Lüneburger Sahne verfeuert.
Der Boden verödete, und nur die Kiefer konnte noch darauf gedeihen -- ein "Pionierbaum", wie die Forstleute sagen, anspruchslos und zügig wachsend. lm vergangenen Jahr, zwei Jahre nach dem großen Windbruch im Niedersächsischen, erwies sich die Humusschicht endlich wieder als so stark, daß rund 1000 Hektar verwüsteten Forstlands mit Eichen und Douglasfichten besetzt werden konnten. Für die Feuerstellen aber fängt diese Zukunft noch mal von vorne an, "Wenn der Wind
nicht gewesen wäre ....."
Denn: Humus brennt mit. In den betroffenen Gebieten, ohnehin nur mit einer bescheidenen Schicht bedeckt, ist das meiste an Mutterboden vom Feuer verzehrt worden. Und so bleibt nichts, als auf die Kiefer zu bauen.
Gleichwohl soll vieles anders werden nach dem großen Feuer. "Es wird sicher zu diskutieren sein über die Frage der Zuwegung". glaubt Hans-Joachim Thomas, Feuerwehrspezialist im Landesinnenministerium. "daß man schneller an die Gebiete herankommen kann." Forstexperte Bosse hält dafür, fortan in den Wäldern regelmäßig acht bis zehn Meter breite Brandschutzstreifen anzulegen, "auch über die Besitzgrenze hinweg". Zwar hat sich nun erwiesen, daß Feuer auch -- wie beim Elbeseitenkanal -- 200 Meter überspringen kann, aber "man soll nicht sagen, weil es sowieso kaum hilft, machen wir gar nichts".
Unumstritten ist bei Forstleuten wie Feuerwehrmännern, daß die Zahl der Wasserzapfstellen in gefährdeten Waldregionen beträchtlich erhöht werden muß, um mühevollen Pipeline-Aufbau und Brandbekämpfung per Tankauto zu vermeiden. Uneins sind die Experten über Pläne, wie sie Ludolf von Oldershausen macht, Geschäftsführer des Hannoverschen Landesforstverbandes: "Wir brauchen einen Landschaftsüberwachungsdienst". Waldpatrouillen, die "den Leuten sagen, raucht nicht im Wald, und die auch Anzeigen erstatten können.
Im Wilden Westen nichts Neues: Mitarbeiter der US-Forstbehörden sind während der Sommermonate in Scharen unterwegs, um Bewohner, Touristen, Camper in bedrohten Gebieten zu warnen und im rechten Umgang mit Feuer zu unterweisen. Denn "95 bis 98 Prozent aller Waldbrände", so ein Beamter des Washingtoner Landwirtschaftsministeriums, "werden durch den Menschen verursacht". Parallel zu den Patrouillen laufen Anzeigenserien in den Massenmedien. werden Autofahrer alle paar Meilen durch einprägsame Schilder zu Disziplin ermahnt.
Kern der US-Feuervorbeugung sind jedoch die 2908 "Fire Lookouts", Beobachtungstürme in allen größeren Waldgebieten, sowie etwa 2000 "Aufklärungsrouten", die regelmäßig abgeschritten, abgefahren oder abgeflogen werden. Insgesamt 12 000 Amerikaner sind das ganze Jahr hindurch damit beschäftigt, Waldbrände aufzuspüren und zu bekämpfen, in den Sommermonaten noch einmal soviel.
Aber das alles ist noch weit weg. In der Heide versuchen die Menschen, die Haus und Hof hatten räumen müssen, sich in einem veränderten, verbrannten Land wieder einzurichten. Noch kokelt es allenthalben, rasseln Panzer vorbei, lagern da und dort Uniformierte.
Wochen können vergehen, ehe die Glut endgültig aufgegeben hat. Im Moor gar, wo das Feuer sich in die Tiefe fraß, kann es Winter werden. "Wenn der erste Schnee fällt", sagt ein Feuerwehrmann, "sollten wir's kleingekriegt haben."
Für die meisten in dieser idyllischen Abseite der Republik war es ein nie gedachtes Begebnis. "Auch die branderfahrenen Heidjer", notierte die "Frankfurter Allgemeine", "haben nicht mit einer Katastrophe dieses Ausmaßes gerechnet. Der Wind, sagen sie, und es klingt fast gottergeben. Wenn der Wind nicht gewesen wäre. .

DER SPIEGEL 34/1975
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