18.08.1975

SPIONEPopovs Erzählungen

Die Katastrophe von Pearl Harbor 1941 hätte vermieden werden können -- das behauptet der ehemalige Doppelagent Popov, der im Zweiten Weltkrieg zugleich für die deutsche und britische Spionage arbeitete.
Der Spion zweifelte jäh am Sinn der Geheimdienste. Wovor er monatelang gewarnt zu haben glaubte, war just eben eingetreten: Japanische Bomber hatten am 7. Dezember 1941 die US-Flotte in Pearl Harbor überfallen und zerschlagen.
"Vier Monate davor", erinnert sich der jugoslawische Ex-Agent und Anwalt Dusko Popov, 64, "hatte ich gemeldet, wie und wann und wo die Japaner die US-Flotte angreifen wurden." Als Spitzenagent der deutschen Abwehr, in Wirklichkeit aber für den britischen Geheimdienst tätig. habe er FBI-Chef J. Edgar Hoover Material Übergeben, das die japanischen Angriffsabsichten "dokumentierte und bewies".
Doppelagent Popov will sieh sogar seiner Sache so sicher gewesen sein, daß er noch am Tag des Angriffs erwartet habe, die US-Flotte werde "einen großen Sieg über die Japaner" erringen.
Da erfuhr er. der japanische Schlag habe die US-Flotte völlig unvorbereitet getroffen. Dem Spion war auf einmal, "als kollere mir das Gehirn im Schädel umher". Popov verstand die Welt nicht mehr: "Wieso? Diese bohrende Frage nahm mir fast den Atem. Wir wußten doch, daß sie kommen würden."
Wütend fuhr Popov zu seinem Kontaktmann beim FBI und wollte wissen, was aus seinem Pearl-Harbor-Material geworden sei. Der FBI-Mann hatte nur eine verschwommene Antwort. Popov schrie ihn an: "Charlie, was, zum Teufel, faselst du denn da? Du redest mit mir, nicht mit der "New York Times", Mit mir, Dusko Popov, dem Mann, der im August hierherkam und euch sagte, daß die Japaner noch vor Jahresende Pearl Harbor angreifen werden! Ich habe euch sogar gesagt, auf welche Weise."
Seither kann Popov nicht vergessen, was er für das größte Verbrechen Hoovers hält. An die Geschichte erinnerte er sich wieder, als er seine Memoiren zu schreiben begann. Popovs Bilanz: "Hunderttausende Leben hätten gerettet werden können, hätte nicht Hoover mein Material in eine Schreibtischschublade gelegt."
Popovs Enthüllungen, in seinem 1974 erschienenen Buch "Spy-Counterspy" vorgetragen, erregten Aufsehen in einem Amerika, das durch Watergate und CIA-Skandale sensibilisiert worden ist. Die Kritik des ehemaligen Doppelagenten wurde begierig aufgegriffen, galt sie doch dem Mann, dessen Name für viele Amerikaner ein Synonym für Macht und Übermut der Geheimpolizei bedeutet.
Ein Senatsausschuß. der zur Zeit die Sünden amerikanischer Geheimdienste untersucht, lud daraufhin Popov zu einer Zeugenvernehmung ein. Grimmig bereitet sich der Anwalt auf seinen großen Auftritt in Washington vor. "Ich werde Hoover nicht schonen", sagt er und fügt hinzu: "Einer der schlechtesten Menschen auf der Welt."
Die Examinatoren des Senats werden freilich Mühe haben, Realität und Phantasie in den Mitteilungen des Dusko Popov auseinanderzuhalten. Denn seine Memoiren, deren deutsche Ausgabe kürzlich im Molden-Verlag erschienen ist, enttarnen den "erfolgreichsten Geheimagenten des 2. Weltkriegs" (Werbetext) als einen Zeugen mit recht unsicherem Erinnerungsvermögen*.
Dem Münchner Schriftsteller Günter Alexander Peis, der seit 15 Jahren mit seltener Akribie die Geschichte des deutsch-britischen Spionagekrieges erforscht und demnächst bei Econ darüber ein Buch veröffentlicht, erscheinen denn auch die Popov-Memoiren als "ein wunderliches Sammelsurium von Legenden und Halbwahrheiten". Beispiele:
* Popov will dem FBI 1941 das neue deutsche Mikropunkt-Verfahren verraten haben -- in Wahrheit war das Verfahren den Amerikanern seit Februar 1940 bekannt.
* Popov will einen der besten Abwehragenten, den Albaner "Cicero", Mitte 1943 entlarvt haben -- in Wahrheit war Cicero kein Abwehragent und arbeitete zudem erst ab Oktober 1943 für die Deutschen.
Schwer durchdringlich wird das Dickicht von Wahrheit und Dichtung, wo Popov erklären will, wie er mit den Geheimdiensten ins Geschäft kam. Dies ist seine Story:
Bei seinem Studium an der Universität Freiburg habe er, der Industriellensohn aus Dubrovnik, 1936 einen Kommilitonen namens Johann Jebsen kennengelernt, der ihm durch seinen Nonkonformismus inmitten des totalitären NS-Regimes aufgefallen sei. Mit Jebsen, dem "verwaisten Sohn und Erben eines Hamburger Reeders", sei er gemeinsam in den Diskussionsabenden
* Dusko Popov: "Superspion"; Verlag Fritz Molden, Wien-München-Zürich; 336 Seiten; 28,50 Mark.
des Freiburger "Ausländerklubs" gegen Nazis zu Felde gezogen. Die Gestapo habe ihn schließlich verhaftet und so lange eingekerkert. bis er dank einer Intervention von Freunden Deutschland verlassen konnte.
Kurz nach Kriegsbeginn sei Jebsen hei ihm in Belgrad erschienen und habe ihm angeboten, für die Abwehr des Admirals Canaris zu arbeiten. Er, Popov, habe akzeptiert, zumal Jebsen in der Abwehr einen einflußreichen Posten bekleidet habe und Vertreter des britischen Geheimdienstes in Belgrad Popov zugeraten hätten, den Abwehr-Job zu übernehmen.
So sei er Doppelagent geworden. Als V-Mann "Iwan" habe er für die Deutschen, als Agent "Tricycle" (Dreirad) für die Briten gearbeitet.
An dieser Story mag Rechercheur Peis nur gelten lassen, daß Popov 1936 im Freiburger Gefängnis einsaß und 1940 in den Dienst der beiden gegnerischen Spionageapparate trat. Die Figur des Jebsen aber dünkt ihn "arg geschönt": "Der Parteigenosse Jebsen, ehedem Mitarbeiter von Himmlers SD, war weder Antinazi noch Sohn eines Reeders, ja er hatte als Mitarbeiter des Finanzchefs der Abwehr mit der aktiven Spionage überhaupt nichts tu tun."
Immerhin ist unbestritten, daß Jebsen seinen Freund ermunterte, in der Abwehr mitzuspielen. Popov wurde im Herbst 1940 dem Abwehr-Major Ludwig Kremer von Auenrode attachiert, der in Lissabon die " Kriegsorganisation Portugal" leitete, Sprungbrett und Auftraggeber der deutschen Spionage in England.
Im Dezember entsandte der Major seinen V-Mann nach England, weil Popov den Deutschen eingeredet hatte, er habe an der jugoslawischen Botschaft in London einen Freund, der guten Einblick in die militärischen und politischen Verhältnisse Englands besitze. Kaum war er jedoch in London angelangt, da nahm sich seiner der britische Geheimdienst an.
Als "Tricycle" wurde Popov Mitarbeiter des "Komitees Doublecross". einer Sondergruppe des Secret Intelligence Service, die den Gegner mit falschen Informationen irreführen wollte. Über Popov floß ein Strom frisierter Meldungen in die Nachrichtenkanäle der Abwehr.
Das geschickte Taktieren des Doppelspions überzeugte John Masterman, einen der führenden Männer der britischen Gegenspionage, "daß wir in Popov einen hervorragenden Agenten erhalten hatten". Auch die Deutschen zeigten sich beeindruckt.
Tatsächlich war die Abwehr mit den Leistungen ihres Iwan so zufrieden, daß sie ihn im Juni 1941 nach Lissabon zurückrief. um ihn mit einer größeren Aufgabe zu betrauen. Popov sollte in die USA reisen und dort einen Spionagering für die Abwehr aufbauen. Und just in diesem Augenblick will er auf die geheimen Angriffspläne der Japaner gestoßen sein.
Sein Freund Jebsen, so erzählt Popov, berichtete ihm von einer Erkundungsmission, die er in dem italienischen Hafen Tarent im Auftrag der Abwehr-Zentrale ausgeführt habe. In Tarent hatte die britische Marine im November 1940 die im Hafen liegende italienische Flotte überraschend angegriffen und schwer beschädigt.
Jebsens Auftrag habe nun gelautet. alle Details über den britischen Angriff in Erfahrung zu bringen. Jebsen: "Das Seltsamste -- diese Mission war für die Japaner." Der japanische Außenminister Matsuoka sei im März "in Begleitung eines ganzen Rudels hoher Armee- und Marineoffiziere" in Berlin erschienen Lind habe die Abwehr "um nähere Angaben über Tarent" gebeten.
Popov und Jebsen wunderten sich noch über das japanische Interesse für Tarent, da erhielt der Jugoslawe von seinem deutschen Führungsoffizier einen Fragebogen, der aufschlüsselte, was Iwan in den USA erforschen sollte. Auf einmal stutzte er: Ein Drittel der Fragen galt den militärischen Anlagen auf der Pazifikinsel Hawaii mit dem Kriegshafen Pearl Harbor.
Popov weiß noch: "Plötzlich durchfuhr es mich. Das ergab die Verbindung zu Tarent!" Er schloß, hinter der Fragebogenaktion stehe in Wahrheit die japanische Militärführung. die einen Angriff auf Pearl Harbor plane nach dem Muster von Tarent. Popov: "Gar nicht schwer, sich das alles zusammenzureimen."
Am 10. August 1941 brach der Doppelspion nach den USA auf, kurz darauf händigte er dem New Yorker FBI-Regionalchef Foxworth den Fragebogen und "ergänzende Daten" aus.
Doch der FBI-Mann reagierte kühl und ungerührt: Das Material wirke "zu lückenlos, um glaubwürdig zu sein", soll er gesagt haben. Popov schlug das ganze Mißtrauen einer unerfahrenen Abwehrpolizei entgegen, die einen Horror vor zwielichtigen Doppelagenten hatte.
Daran scheiterte auch der Plan, den der britische ND mit Popovs US-Mission verband; von New York aus das Doppelspiel mit den Deutschen fortzusetzen. Vor allem FBI-Boß Hoover mochte den Doppelagenten nicht, dessen Amouren ihn ebenso irritierten wie Popovs Verbindungen zur Abwehr.
"Sie sind wie alle Doppelagenten", soll ihn "dieser klotzige Autokrat" (Popov) einmal angebellt haben. "Sie betteln um Informationen, die Sie Ihren deutschen Freunden verkaufen können. Damit verdienen Sie einen Haufen Geld und spielen den Playboy." Selbst Interventionen des britischen Geheimdienstes konnten Hoover nicht umstimmen -- 1942 brach er alle Kontakte zu Popov ab.
hat Hoover damit auch die Katastrophe von Pearl Harbour mitverschuldet? Spionage-Experte Peis zweifelt: "An der Popov-Version stimmt so manches nicht."
Zahlreiche Fakten sprechen in der Tat dagegen: Matsuoka reiste ohne Militärdelegation nach Berlin, im Frühjahr 1941 hatte Japans Führung noch nicht den Angriff auf Pearl Harbor beschlossen (die Entscheidung fiel erst im Juli). Zudem waren die Japaner viel zu mißtrauisch, der deutschen Abwehr wichtige Erkundungsaufträge anzuvertrauen -- bis zum letzten Augenblick verschwieg Tokio den Deutschen seine Kriegsabsichten gegen Amerika.
Aber selbst wenn Popovs Material an die richtigen US-Stellen gelangt wäre, hätte es nur bestätigt, was man dort bereits wußte. Der britische Angriff gegen Tarent hatte Admiral Stark, den Chef des US-Marinestabes, schon Anfang 1941 veranlaßt, die Frage untersuchen zu lassen, ob mit einem solchen Angriff auch gegen Pearl Harbor zu rechnen sei.
Am 24. Januar lag die Antwort vor: "Kommt es zu einem Krieg mit Japan, so hält man es für leicht möglich, daß die Feindseligkeiten durch einen Überraschungsangriff auf die Flotte in Pearl Harbor eröffnet werden" -- so der Marineminister in einem Brief an den Kriegsminister.
Ab Spätsommer 1941 lasen außerdem US-Geheimdienstier die Telegramme Tokios an den japanischen Generalkonsul in Honolulu mit, in denen er immer wieder ermahnt wurde, laufend über die Lage in Pearl Harbor und die Bewegungen der dort liegenden Kriegsschiffe zu berichten.
Bleibt nur der ominöse Fragebogen, aus dem Popov das Wo. Wie und Wann des japanischen Angriffs herausgelesen haben will. Aber auch hier täuscht sich der Memoirenschreiber: In dem Drei-Seiten-Papier wird weder ein japanischer Angriff noch ein Datum erwähnt.

DER SPIEGEL 34/1975
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/1975
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIONE:
Popovs Erzählungen

Video 00:50

Beeindruckende Aufnahmen Lawinensprengung in der Schweiz

  • Video "Videoreportage zur Lawinengefahr: Herrn Bergmayrs Gespür für Schnee" Video 05:34
    Videoreportage zur Lawinengefahr: Herrn Bergmayrs Gespür für Schnee
  • Video "Anleitung zum Reichwerden: Die Millionärsformel" Video
    Anleitung zum Reichwerden: Die Millionärsformel
  • Video "Amateurvideo: Explosion in Lyon" Video 00:46
    Amateurvideo: Explosion in Lyon
  • Video "Naturphänomen in Maine: Was steckt hinter dem Eiskreis?" Video 01:20
    Naturphänomen in Maine: Was steckt hinter dem Eiskreis?
  • Video "In Spanien vermisster Zweijähriger: Hoffnung, dass er noch lebt" Video 01:00
    In Spanien vermisster Zweijähriger: "Hoffnung, dass er noch lebt"
  • Video "Beinahesturz von LKW: Keine Angst, Hilfe naht" Video 00:30
    Beinahesturz von LKW: Keine Angst, Hilfe naht
  • Video "Schlagabtausch im Unterhaus: Das Land bemitleidet Sie" Video 03:18
    Schlagabtausch im Unterhaus: "Das Land bemitleidet Sie"
  • Video "Brexit-Krise: Je größer das Unternehmen, desto größer die Sorge" Video 03:14
    Brexit-Krise: "Je größer das Unternehmen, desto größer die Sorge"
  • Video "Brüchige Eisdecke: Feuerwehr rettet Kind aus Teich" Video 00:47
    Brüchige Eisdecke: Feuerwehr rettet Kind aus Teich
  • Video "Videoanalyse zum gescheiterten Brexit-Deal: Das gespaltene Königreich" Video 03:38
    Videoanalyse zum gescheiterten Brexit-Deal: Das gespaltene Königreich
  • Video "Unterwasservideo: Krabbe kämpft gegen Kamera" Video 00:54
    Unterwasservideo: Krabbe kämpft gegen Kamera
  • Video "Abgelehnter Brexit-Deal: Gegner und Befürworter in Wut auf May vereint" Video 01:46
    Abgelehnter Brexit-Deal: Gegner und Befürworter in Wut auf May vereint
  • Video "Von der Lawine erwischt: Schnee im Speisesaal" Video 00:47
    Von der Lawine erwischt: Schnee im Speisesaal
  • Video "Lawinenlage: Auch an kleinen Hängen ist es gefährlich" Video 02:14
    Lawinenlage: "Auch an kleinen Hängen ist es gefährlich"
  • Video "Beeindruckende Aufnahmen: Lawinensprengung in der Schweiz" Video 00:50
    Beeindruckende Aufnahmen: Lawinensprengung in der Schweiz