21.07.1975

VETERANEN

In Treue fest

Die letzten Askaris aus Lettow-Vorbecks Schutztruppe hängen noch am deutschen Vaterland. Eine alte deutsche Dame sorgt für sie.

Vier Jahre lang hat Ex-Feldwebel Hasani Silanda die Uniform des deutschen Kaisers getragen. Im Felde blieb er unbesiegt wie sein Feldherr, General Paul von Lettow-Vorbeck. Es mußte ein halbes Jahrhundert verstreichen, ehe Hasanis Glaube an die Unbezwingbarkeit der deutschen Rasse ins Wanken geriet.

Im Alter von 78 Jahren erlebte er im Juli eine deutsche Niederlage: Er wurde im Fußballstadion seiner ostafrikanischen Heimatstadt Tanga Zeuge, wie eine Mannschaft der Regierung von Tansania eine Bonner Bundestagself zu Paaren über den Rasen trieb. Nur der südhessische SPD-Abgeordnete Manfred Coppik, der auf Rechtsaußenposition dribbelte, rettete Hasanis Deutschen-Bild mit einem Ehrentor (Ergebnis 4:1) vor dem Totalkollaps. Alt-Feldwebel Silanda ist einer der letzten Überlebenden der "Schutztrupppe" Deutsch-Ostafrikas, die. fünfeinhalb Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des kaiserlichen Reiches noch immer in Treue fest zu einem längst verblichenen Deutschtum stehen. In und um Tanga am Indischen Ozean hatte deutsches Waffenhandwerk Anfang November 1914 einen seiner donnerndsten Triumphe gefeiert, als Lettow mit 300 Weißen und 600 Askaris eine achttausendköpfige britische Invasionsarmee ins Meer warf. Träger und Askaris pflegten bis heute deutsche Soldatentradition -- so gut es geht.

Die Veteranen sind alle über 75. Den meisten fällt das Strammstehen schwer. Doch zweimal im Jahr gehen sie in Habachtstellung: Einmal am Volkstrauertag, wenn -sie auf dem Friedhof von Tanga zu Ehren der toten Kameraden "Heil dir im Siegerkranz" anstimmen. Und dann noch mal in den ersten Dezembertagen, wenn bei Mama Scheel Weihnachtsgeld gefaßt wird.

Margarethe ("Mama") Scheel, 73. Honorarkonsulin der Bundesrepublik Deutschland, teilt einmal im Jahr den kargen Dank des verflossenen Vaterlandes an die alten Kameraden aus: derzeit 70 Shilling (23 Mark). Ein Drittel davon entstammt den Spenden von Veteranenvereinen und Unteroffiziersklubs in der Bundesrepublik, gelegentlich tut auch ein deutscher Tanga-Besucher einen Oholus in den "Old Askari Fund", wie der Malermeister Reinhold Siebentritt aus Grenzhausen, der letztes Jahr begeistert 100 Dollar in die Kameradschaftskasse zahlte.

Aus dem säuberlich in einem Hauptbuch registrierten Fonds bestreitet die

*ln Tanga. Links: Flaggenhissung vor dem bundesdeutschen Konsulat.

"Mama Askari", wie man sie in Tanga nennt, auch die Kosten für Unvorhergesehenes. Ausgaben unter der Rubrik "Verwendung": Alt-Askari Baali Athmani erhielt 50 Shilling für die Beerdigung seines Sohnes, der bei der Kokosnußernte von einer Palme gefallen war. Feldwebel Silanda erbat sich 20 Shilling, um seinem Sohn ein "deutsches" Hochzeitsgeschenk zu machen: zwet alte deutsche Kolonial-Rupien.

Das Anliegen des Schützen Athmani Magazig war "ein Grenzfall" für die Konsulin: "Er sagte mir, er sei so allein und wolle sich eine Frau kaufen", berichtet Mama Scheel. "Die Dame seines Herzens verlangte 100 Shilling Brautgeld. Fünfzig hatte er schon. Da habe ich ihm den Rest dazugegeben."

Ein weiterer Eintrag in Mama Scheels Hauptbuch weist 50 Shilling für den Ankauf von 30 Kilo Kartoffeln aus, denn im letzten Jahr während der Dürrekatastrophe mußten viele Askaris hungern. "Damit sie mal wieder was zwischen die Rippen kriegten, was sie auch beißen konnten", kochte die Konsulin ein paar Kübel Kartoffelbrei. Bei Sonnenuntergang sammelten sich die Kostgänger zum Fahnenappell und anschließenden Essen in Mama Scheels Garten. Einer fragte Frau Scheel, was Ex-Untertanen des Kaisers in den ehemaligen Kolonien mitunter auch deutsche Urlauber fragen: "Wann kommen die Deutschen wieder?"

Die Relikte ihrer vergangenen Grandeur tragen die Veteranen wie Reliquien am Leib: einen stumpfen Uniformknopf, einen Fetzen aus der Fahne, unter der sie einst dienten. Nicht einmal jeder zehnte hatte noch die von Lettow ausgestellte Dienstbescheinigung, als Margarethe Scheels inzwischen verstorbener Ehemann 1964 im Auftrag der Bundesregierung die im Norden und Osten Tansanias lebenden Askaris namentlich erfaßte.

Doch Konsul Walther Scheel ließ auch andere Beweise gelten. Unteroffizier Mwangazi Mungiya krempelte vor Scheels Schreibtisch nur stumm die Hosenbeine hoch und zeigte die Brandwunden, die er erlitten hatte, als er seinen schwerverwundeten Kompaniechef, Hauptmann Mettner, aus einem Buschfeuer rettete.

Der Regierungsbeauftragte, der 1964 in Mwanza am tansanischen Ufer des Viktoria-Sees die Empfänger eines von Bonn ausgesetzten "Askari-Ehrensoldes" ermitteln sollte, ließ die 300 Antragsteller zum Beweis ihrer Pensionsberechtigung probeexerzieren. Er drückte ihnen einen Besen in die Hand und ließ sie nach deutschen Kommandos Griffe klopfen. Keiner fiel bei dem Test durch, nur ein gichtkranker Ex-Korporal trat nicht an; ersatzweise gab er auf kisuaheli eine Art eidesstattliche Versicherung ab: "Mimi ni askari mdachi ich bin ein deutscher Soldat". Er bekam seinen Sold.


DER SPIEGEL 30/1975
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