21.07.1975

Literatur: Versuch, ein Image zu zerstören

In einem Interview, das als Buch erscheint, aus dem der SPIEGEL Auszüge vorabdruckt, kämpft Heinrich Böll gegen sein Bild in der deutschen Öffentlichkeit: In die Rolle einer politisch-moralischen Instanz, sagt der Literatur-Nobelpreisträger, sei er ungewollt nur „gedrängt“ worden, weil „die öffentliche Meinung nicht funktioniert“.
Die Öffentlichkeit", sagt Heinrich Böll, 57, "kreiert ein Image, macht einen zu einer moralischen Autorität, die man gar nicht ist." Er klagt: "Es ist wirklich ein blödsinniges, irrsinniges Image." Und er beteuert: "Ich habe. dieses Image nie gewollt."
Präzeptor, Gewissen der Nation -- Böll selber hat sich in der Tat nie so verstanden und das auch schon früher dargelegt. Noch nie jedoch hat er so ausführlich und so beunruhigt darüber gesprochen wie jetzt -- in einem rund zehn Stunden langen Interview, das der Kölner Literat Christian Linder, 26, an drei Tagen im März mit dem Literatur-Nobelpreisträger geführt hat und das in dieser Woche als Buch erscheint: "Drei Tage im März"*.
Die Problematik der moralisch-politischen Rolle, in die er sich von der Öffentlichkeit "gedrängt" sieht, ist nicht Bölls einziges Thema im Linder-Interview. Und der Interview-Band ist nicht die einzige Böll-Novität der Saison:
* Eine neue Böll-Satire (über Verfassungsschutz-Aktivität und "Radikalen"-Observierung) erscheint als Kiepenheuer & Witsch-Taschenbuch im August: "Berichte zur Gesinnungslage der Nation".
* Verfilmungen der Böll-Romane "Ansichten eines Clowns" (Regie: Vojtech Jasny) und "Gruppenbild mit Dame" (Aleksander Petrovid) sind in Arbeit.
* Volker Schlöndorffs Film nach Bölls jüngstem Bestseller "Katharina Blum" hat Mitte Oktober auf der Frankfurter Buchmesse Premiere.
Auch auf diesen Film kommt der Schriftsteller im "Drei Tage"-Interview zu sprechen. Schlöndorff, verrät Böll, habe "ein anderes Ende" der Geschichte vom Presse-Opfer Katharina Blum gefunden, einen Schluß, den er "sogar besser als den des Buches" finde, "wo Schuld und Unschuld und gerechte Ehre so scheinbar integer oder nicht integer aufeinanderprallen".
Böll berichtet seinem -- sehr einfühlsamen -- Gesprächspartner unter anderem, daß er "im Augenblick" vorhabe, "ein Buch über einen Mann zu
* Heinrich Böll/Christian Linder: "Drei Tage in, März". Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln: 144 Seiten; 12 Mark.
schreiben, nachdem ich viel über Frauen geschrieben habe". Er erklärt, daß er die moralisch-politische Metapher "von den Büffeln und den Lämmern", die seinen Roman "Billard um halb zehn" (1959) beherrscht, "heute nicht mehr gebrauchen" würde: "Ich kann diesen Dualismus nicht mehr durchhalten."
Er räumt ein, daß bei dem, "was man den Abgrund zwischen der CDU und den Intellektuellen nennt ... vielleicht ein Fehler gemacht" worden sei: "Wahrscheinlich hätten beide Seiten öfter und eher miteinander reden müssen", jedenfalls sei es jetzt "höchste Zeit" dazu.
Und er spricht sowohl eindringlicher wie nachdenklicher als in früheren autobiographischen Äußerungen von seinen Eltern und seiner Kindheit, von Inflation und Wirtschaftskrise: "Ich möchte gerne mal im klassischen Sinne autobiographisch darüber schreiben; aber ich kriege das nicht in die Hand, ich könnte über meinen Vater. meine Mutter sehr schwer schreiben, nur andeutungsweise."
Ein Hauptstück des Gesprächs beschäftigt sich mit dem, was Böll die "Philosophie der Abfälligkeit", die "terroristische Hygienekultur" und den "neudeutschen Wilhelminismus" nennt, mit seiner Kritik an einer Gesellschaft der Adretten und Schneidigen, der emotionsarmen und moralisch unsensiblen "Fertigen".
In diesem Zusammenhang kommt er noch einmal auf seine Erfahrungen mit Springer-Zeitungen zu sprechen und von da aus auf seine politischen Kommentare und die Reaktionen der Öffentlichkeit. Er findet "das, was ich so manchmal sage ... einfach zum Teil selbstverständlich, zum Teil auch ein bißchen töricht überformuliert"; Skandal mache es oft nur, weil "die öffentliche Meinung nicht funktioniert" (siehe Interview-Auszug "Schimpfen ist menschlicher").
Mit diesem Argument auch verteidigt er sich gegen die Kritik, die Helmut Schelsky in seinem Bestseller "Die Arbeit tun die anderen" an der politischen Rolle des Schriftstellers Böll, an der Wirkungsmacht seines Images ("Kardinal und Märtyrer") geübt hat. Aber er ist "Herrn Schelsky regelrecht dankbar, daß er dieses Image zerstört".
Schließlich versuche er selber "andauernd", so sagt Heinrich Böll seinem Interviewer, "dieses Bild zu zerstören, manchmal sogar ganz bewußt, sowohl nach links wie nach rechts, aber es gelingt mir einfach nicht. Ich hoffe, ich werde es schaffen in ein, zwei Jahren",

DER SPIEGEL 30/1975
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