04.08.1975

DDR-Flucht: BG 14 war pünktlich

Noch immer wird der genaue Hergang der spektakulären Flucht des Rostocker Segelmachers Willy Gaeth, die beinahe zum ersten bewaffneten Zusammenstoß zwischen der DDR-Marine und Booten des Bundesgrenzschutzes geführt hätte, von offiziellen Stellen geheimgehalten. Tatsächlich verlief das Rettungsunternehmen auf See genau nach Plan: Gegen 18 Uhr am 15. Juli passierte die Rostocker Segeljacht "Tornado" mit Willy Gaeth, seiner Frau und seinen beiden Söhnen an Bord die Drei-Meilen-Zone vor der mecklenburgischen -- Küste und nahm Kurs auf das in internationalen Gewässern kreuzende westdeutsche Patrouillen-Boot BG 14 "Duderstadt". Das Grenzschutz-Fahrzeug stand zu dieser Zeit auf Position 54 Grad 34,5 Minuten Nord und 12 Grad 36,5 Minuten Ost. Die Koordinaten waren dem Grenzschutz-Kommando in Bad Bramstedt kurz zuvor in einem anonymen Brief, der die Gaeth-Aktion detailliert ankündigte, übermittelt worden. Die Grenzschützer hatten daraufhin beschlossen, während einer ohnehin in die Gewässer um Rügen geplanten Einsatzfahrt zur angegebenen Zeit am angegebenen Ort zu sein. Sechs Seemeilen von der DDR-Küste entfernt nahm "Duderstadt"-Kommandant Kurt Seekamp die Flüchtlinge an Bord und die Gaeth-Jacht ins Schlepptau. Mehr als eine Stunde später kreisten fünf gefechtsklare DDR-Boote vom 2. Geschwader der Grenzbrigade Küste den westdeutschen Schleppzug ein und versuchten. BG 14 in Ost-Gewässer abzudrängen. Auf den DDR-Booten standen Entergruppen bereit, Schwimmwesten umgeschnallt, die Schlauchboote klar zum Aussetzen. Die Gefechtsstationen an den Sehneilfeuerkanonen waren besetzt, die Matrosen trugen Stahlhelme. Auch auf der "Duderstadt" wurden die Maschinengewehre justiert und Maschinenpistolen an die Besatzung ausgegeben. Kommandant Seekamp ("Zeitweilig paßte zwischen die und uns nur eine Mütze") rief Hilfe über Funk herbei. Erst um 23.15 Uhr gaben
die DDR-Verfolger auf und drehten ab. Nach dem mißglückten Manöver will Ost-Berlin nun offenbar wenigstens die Flucht-Jacht "Tornado" (Eigner: Willy Gaeth) wiederhaben. Begründung für die DDR-Demarche in Bonn: Die "Tornado" sei "gewaltsam" entführt worden.

DER SPIEGEL 32/1975
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