04.08.1975

TOURISMUS

Brustweh am Berg

Eine Minderheit von Autofahrern versetzt jedes Jahr zur Urlaubszeit die motorisierte Majorität in Schrecken: Camping-Karawanen bewirken den "Stau aus dem Nichts".

Praktiker der Verkehrsüberwachung sahen das Schreckliche kommen. "Wir machen ganz üble Erfahrungen mit Wohnwagen", befand schon vor fünf Jahren Hauptkommissar Karl Döscher, Verkehrspolizeistaffel Göttingen. "Wohnwagengespanne", beobachtete um die gleiche Zeit Oberkommissar Helmut Schulz. Verkehrspolizeistaffel Hildesheim, "sind eine schlimme Verkehrsbehinderung -- wenn das auch künftig so zunimmt, dann sehe ich schwarz."

Es nahm so zu. Noch vor zehn Jahren besaßen von 1000 bundesdeutschen Auto-Eignern gerade sechs auch noch einen Wohnwagen, heute haben sich bereits 27 von 1000 Autofahrern ein Anhänger-Heim angeschafft. Der bundesrepublikanische Bestand an Campingwagen (Fachsprache: "Caravan") schwoll mittlerweile an auf rund 470 000 teils tonnenschwere, beräderte Küsten aus Plastik und Metall. von denen knapp 400 000 für den Straßenverkehr zugelassen sind; die übrigen sind Dauercamper (siehe Seite 100).

Und diese knapp 400 000 Wohnwagen. 3,50 Meter bis über acht Meter lang, haben sich in der Hauptreisezeit des Jahres 1975 offenbar alle auf den Weg gemacht. Mehr noch: Vereinigt mit den noch zahlreicheren Camping-Anhängern aus den Nachbarländern bildeten sie die längsten, hinderlichsten und verdrußträchtigsten Camping-Karawanen aller Reisezeiten. Rund 1,5 Millionen Autofahrer, so schätzten Fachleute des Bundesverkehrsministeriums, zockeln und schaukeln ihre 3000 bis über 40 000 Mark teuren Anhängelasten auf den Autobahnen kreuz und quer durch Deutschland.

Der Drang von Hunderttausenden, unbedingt ihr eigenes Wohnklima und Chemikalienklo aus den deutschen Ebenen über die Alpen zu schleppen, machte verkehrspolizeiliche Vorsorgeplanungen zunichte.

"Wir haben die Lastzüge verbannt, und wir überlegen vor jedem Großfeiertag und zur Ferienzeit: Was machen wir -- und dann kommen die Camper dazwischen, und der normale Reiseschnitt von wenigstens 90 wird auf 60 Stundenkilometer gedrückt", erläuterte Polizeidirektor Werner Uebe, Innenministerium Niedersachsen. Die Camper seien "zwar gutwillig, aber untermotorisiert: Da gibt es immer wieder diesen Stau aus dem Nichts".

Das von den Camper-Kolonnen ausgehende Hauptübel erklärte der Stuttgarter Lastwagenfahrer Friedrich Ströh so: "Wenn's bergauf geht, kriegen die doch gleich Brustweh. da geht ihnen die Luft aus."

Tatsächlich können viele Camper, von Polizisten verächtlich "Flachlandtiroler" oder "Urlaubskutscher" genannt, mit ihren "kompletten Vierzimmerwohnungen" jene 80 km/st. die sie auf ebener Straße nicht überschreiten dürfen, an Steigungen häufig nicht annähernd halten. Einer der schlimmsten Extremfälle dieser Reisesaison führte am vorletzten Wochenende auf der Zufahrt zur Tauern-Autobahn zum Verkehrschaos: Dutzende deutscher Wohnwagengespanne waren an der 15-Prozent-Steigung hängengeblieben.

Ursache dafür ist meist ein Mißverhältnis zwischen Anhängerlast und Zugkraft des Autos. Wulf Grundmann, stellvertretender Dienststellenleiter der AutobahnpolizeiDarmstadt: "Die Händler verkaufen die Wohnwagen oft eine Nummer zu groß." Andererseits lassen sich manche Wohnwagen-Ligner, die Kurzatmigkeit ihres Zuggefährts schlicht verdrängend. oft zu langwierigen Überholmanövern anderer Wohnwagen verleiten -- zum Nachteil der sich bald zusammenbaIlenden nachfolgenden Solofahrer.

Zusätzlich bringen Wohnwagen-Eigentümer ihre Autos durch Überladen "um Keuchen. Von 110 Fahrzeugen, die unlängst in Oberbayern kontrolliert wurden, hatten 47 "Übergewicht", teilweise mehr als 100 Prozent. "Die Leute machen sich anscheinend überhaupt keine Gedanken, was sie hinten an Kilos so drin haben", berichtete ein Autobahnpolizist. Häufig werde der hintere Wohnwagenteil so stark beladen, daß "die Deichsel das Zugfahrzeug nach oben drückt und die Bodenhaftung mindert". Dadurch kommt es zu einer Verschlechterung des Fahrverhaltens, mithin höherer Unfallgefahr.

Als "geradezu eine Pest" beklagten Autobahnbenutzer die Neigung zahlreicher Caravaner, im "Pulk" zu reisen, um das Reiseziel gemeinsam zu erreichen. Polizeirat Reinhold Bauer, Landespolizeidirektion Oberbayern: "Das Kolonnenfahren der Gespanne ist ein echtes Problem -- die fahren zum Teil in Sechsergruppen, und wenn was los ist, dann ist der Stau im Nu perfekt."

Nicht selten kommt es auf längeren Baustellenabschnitten zu rasch anschwellenden Fahrzeug-Staus, weil manche Wagenlenker das an sich mögliche Überholen von Wohnwagen nicht riskieren mögen -- die großen, hellen Plastikkästen kommen ihnen zu breit vor, Und allzu häufig stoppen die Wohnwagen durch Pannen (Hauptdefekte: Radschäden) den Verkehrsfluß.

So kam es unlängst südlich Kassels zu einem Mammut-Stau, der Tausende von Autofahrern bei glühender Hitze über eine Stunde zum Stehen brachte. Ursache waren zwei Wohnwagen, die auf einer Baustellen-Umführung in Abständen von 400 Metern zusammengebrochen waren. Im Vorbeifahren ließen sich entnervte Autofahrer zu wütenden Sprüchen ("Bleibt doch zu Hause mit euren Scheißdingern") hinreißen. Und oft mangelt es den motorisierten Schrebergärtnern auch an fahrerischer Qualifikation. Fernfahrer Joachim Müller, Frankfurt: "Die scheren beim Überholen meist sehr knapp wieder ein, weil sie das Fahren mit dem Anhänger nicht gewohnt sind."

Die Wohnwagenhersteller, deren Erzeugnisse im Straßenverkehr von vielen Automobilisten als "ein heutzutage nicht mehr zu rechtfertigender Anachronismus" beklagt werden, streben neue Steigerungsraten an. Von 1964 bis Ende vergangenen Jahres haben die deutschen Caravan-Produzenten rund 400 000 Wohnwagen im Werte von 2,3 Milliarden Mark gefertigt.

Drei Firmen teilen sich in die Marktführung: das" Wohnwagenwerk Helmut Knaus" in Ochsenfurt, die "Tabbert Wohnwagenwerke GmbH" in Bad Kissingen und die "CI-Caravans Wilk GmbH" in Bad Kreuznach. Wohnwagenhersteller Helmut Wilk demonstrierte den erworbenen Wohlstand durch originelle Einrichtungen seiner Luxusvilla: elektronisch gesteuerte Kegelbahn, Tennisanlage, Schwimmbad mit Stereomusik, Regenwassersammler für die Bäume und Spezialfernrohr, das automatisch den Mond im Visier hält.

Gemeinsam mit den Importfirmen wollen die Wohnwagenhersteller den bundesdeutschen Bestand an Camping-Vehikeln von 27 auf 50 Wohnanhänger je 1000 Personenwagen steigern. Wenn ihnen das gelingt, "dann müssen wir uns was einfallen lassen" (so Polizeidirektor Uebe). Schon vor drei Jahren hatte Uebe in einem Bericht an Niedersachsens Verkehrsminister angeregt, die Camper von der Autobahn fernzuhalten, ihnen nur bestimmte Fahrzeiten einzuräumen oder sie durch generelles Überholverbot zu zügeln.

In einer jüngst vom Bundeswirtschaftsministerium erarbeiteten Tourismus-Studie stand über Verkehrsrestriktionen für Camping-Anhänger kein Wort. Vielleicht aber neigen sich die Camper von selbst jenem zeitgemäßen" neuen Campingstil zu, den sich zum Beispiel auch der Camping-Freund und Bonner Wohnungsbauminister Karl Ravens hat einfallen lassen: Er ist nach Kärnten gefahren und hat sich dort einen Wohnwagen gemietet.


DER SPIEGEL 32/1975
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