01.09.1975

GEWERKSCHAFTENAufs Trittbrett springen

In der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft konnten die Gegner des Vorsitzenden Hermann Brandt ihre Macht ausbauen. Bonner Sozialdemokraten fürchten, daß die CDU davon profitieren könnte.
In Prospekten und Broschüren, auf Handzetteln und Plakaten feiern sie sich gern mit Vokabeln, die längst obsolet wurden: "Die Erfolgreichen der DAG" müssen schon intensive Geschichtsforschung treiben, wenn sie sich ihrer Großtaten rühmen wollen.
Vom Erfolg verlassen scheint insbesondere ihr Vorsitzender Hermann Brandt, seit acht Jahren Chef der traditionsreichen Deutschen Angestellten-Gewerkschaft. Er weiß es selber: Auf dem DAG-Bundeskongreß in Wiesbaden wird es "kein Vertuschen und Verschleiern" geben.
Anders als die Führer der ideologisch formierten und politisch in der SPD verankerten Industriegewerkschaften des DGB muß der höchste Funktionär des Angestellten-Standes vor allem den Widerstand aus den eigenen Reihen fürchten. Im mitgliederstärksten DAG-Landesverband Nordrhein-Westfalen etwa haben seine Gegner längst die Macht übernommen, in den anderen Bezirken, weiß ein Brandt-Freund, "haben die in der letzten Zeit mobil gemacht".
Ihre Stärke verdankt die hauseigene Opposition den Schwächeanfällen und Mißerfolgen ihres Anführers. Während die schärfste Konkurrenz des Angestellten-Vereins, die DGB-Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), im letzten Jahr 25 000 neue Mitglieder anwerben konnte, mußte sich die DAG mit 8000 neuen Beitragszahlern bescheiden. Die Zahl der DAG-Mitglieder unter 24 Jahren geht gar seit Monaten zurück.
Niederlagen brachten der DAG auch die Sozialwahlen des vergangenen Jahres. Ihr Stimmenanteil in den Parlamenten der Sozialversicherungen wurde nahezu halbiert.
Gefährlich wurde es für den Vorsitzenden Brandt, als die von ihm gesuchten und gepflegten Gespräche mit dem DGB über enge Zusammenarbeit der beiden Arbeitnehmerorganisationen scheiterten. Nachdem Brandt sein Konzept vorgetragen hatte, ließen ihn die Gehilfen von DGB-Chef Heinz Oskar Vetter schroff abfahren. Ungerührt empfahlen sie, die DAG möge sich besser schrittweise auflösen.
Die Abfuhr traf die Angestellten-Funktionäre hart. Ohnehin fällt es ihnen immer schwerer, Mitglieder und Öffentlichkeit von der Notwendigkeit einer besonderen Standesorganisation zu überzeugen. Zwar behauptet DAG-Chef Hermann Brandt: " Die Politik des DGB geht an den Interessen der Angestellten vorbei."
Doch die Mehrheit der Aktentaschenträger ist mittlerweile anderer Meinung.
In einer Untersuchung über das gewerkschaftliche Bewußtsein der Angestellten ermittelte das Bonner Infas-Institut, daß 58 Prozent aller Gehaltsempfänger lieber in eine Gewerkschaft eintreten würden, die Arbeiter und Angestellte gemeinsam vertritt. "Wer, wie die DAG, die Berechtigung zur Eigenständigkeit in der Vertretung von Standesinteressen sieht", triumphiert HBV-Chef Heinz Vietheer, "der hat die Zeichen der Zeit verkannt."
Selbst jenen Angestellten, die lieber unter sich bleiben wollen, hat die DAG nur wenig zu bieten: In den gesellschaftspolitischen Grundsatzfragen, etwa der Mitbestimmung und der Vermögensbildung, folgt sie -- von Nuancen abgesehen -- der DGB-Linie. "Man muß die Unterschiede mit der Lupe suchen", fand Günter Stephan, für Angestelltenfragen zuständiges Mitglied des DGB-Vorstands.
Selbst beim Aushandeln von Gehältern und Arbeitsbedingungen kommen die DAG-Funktionäre häufig zu kurz. Weil ihre Mitgliedschaft -- anders als die Kader der Industriegewerkschaften -- über fast alle Wirtschaftszweige verstreut ist, können sie mangels Masse nur selten eigenständige Tarifpolitik treiben.
In der Metallbranche oder der Chemie-Industrie etwa handeln die Arbeitgeber zunächst stets mit den Industriegewerkschaften die Tarifverträge aus. Der DAG bleibt dann zumeist keine andere Wahl, als die Ergebnisse zu übernehmen und als stolze Eigenleistung zu verkaufen.
Um so gefährlicher erscheint den Brandt-Kritikern die Annäherung ihres Vorsitzenden an die DGB-Spitze. Nur durch harten Kontrast und gelegentliche Konfrontation mit den Industriegewerkschaften sei die DAG noch zu retten.
Aufgeheizt wurde der innergewerkschaftliche Hader durch handfeste politische Interessen: Während nämlich Gewerkschaftschef Brandt eingeschriebenes SPD-Mitglied ist, sind seine Gegner, darunter der nordrhein-westfälische DAG-Landesvorsitzende Walter Quartier, überzeugte CDU-Anhänger. Selbst ranghohe Bonner Sozialdemokraten fürchten deshalb, die Brandt-Gegner könnten die Oppositionspartei einem seit langem angepeilten Ziel näherbringen: einer CDU-beeinflußten Angestellten-Gewerkschaft, die der Union das von allen Parteien hart umworbene Wählerpotential der Mittelkläßler erschließen könnte. "Die CDU", fürchtet ein Brandt-Helfer, "will in Wiesbaden aufs Trittbrett springen."
Um das Trittbrett für die eigenen Leute freizuhalten, lassen Bonns regierende Sozialdemokraten kaum eine Gelegenheit aus, Brandts Prestige und Position aufzuwerten. Sorgsam achten sie darauf, daß der DAG-Chef bei offiziellen Anlässen stets mit den gleichen protokollarischen Ehren hofiert wird wie DGB-Chef Vetter.
Pikiert nahmen die DGB-Spitzenfunktionäre zur Kenntnis, daß gelegentlich Kanzler Schmidt den Angestellten-Führer vorzieht. Während der Regierungschef dem Hamburger DAG-Vorstand schon im Februar seine Aufwartung machte, mußten Heinz Oskar Vetter und Genossen auf den Kanzler-Besuch bis zu dieser Woche warten.

DER SPIEGEL 36/1975
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GEWERKSCHAFTEN:
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