02.06.1975

FÄLSCHUNGENBesondere Rarität

Im Karlsruher Münzskandal wird demnächst Anklage erhoben -- auch gegen den Direktor der Staatlichen Münze.
Im Januar staunte Bundesbankdirektor Werner Lucht noch, es sei "doch "ne einmalige Sache, daß eine Staatliche Münze fälscht". Und Willy Ott, Direktor der Staatlichen Münzanstalt Karlsruhe, wies Frager barsch ab, als sein Stellvertreter Stefan Heiling und der Facharbeiter Klaus Fetzner wegen des Verdachts der Falschmünzerei verhaftet wurden: "Was hier im Hause geschieht, hat die Presse nicht zu interessieren.
Mittlerweile steht Otts Name mit in der Anklageschrift, die demnächst abgeschlossen werden soll, und gegen Lucht liegt eine Strafanzeige eines Münz-Experten vor. Gegen die drei von der Münzanstalt wird wegen "Geldfälschung" und "Inverkehrbringen von Falschgeld" ermittelt, mit Gefängnis bedrohte Delikte.
Jahrelang, so stellte sich heraus, waren in Karlsruhe, einer der vier deutschen Münzstätten (Herkunfts-Kennbuchstabe "G"), Geldstücke im Nominalwert von zwei Pfennig bis fünf Mark produziert worden, in der richtigen Legierung, mit Original-Prägestempeln, auf echten Prägestöcken (SPIEGEL 5/1975) -- aber "ohne Auftrag des Münzherrn" (Lucht). Die illegalen Stücke, vor allem Raritäten mit geringer Auflage oder Abweichungen in Text oder Druckqualität, erreichten -- wie die Originale -- Katalog- und Handelswerte bis zu 1800 Mark.
Münzsammlern war freilich schon zwei Jahre lang aufgefallen, daß allzu häufig und in viel zu großer Zahl vermeintlich rare deutsche Münzprägungen der Nachkriegszeit auftauchten -- so auch zur Begutachtung bei dem Münzexperten Philipp Kaplan in Münster, Herausgeber der Monatsfachzeitschrift "der Münzensammler mit dem Münzenmarkt".
Kaplan sandte am 21. November 1974 der für Echtheits-Prüfungen zuständigen Bundesbank in Frankfurt einen Satz Kursmünzen des Jahrgangs 1967 "6" mit verdächtigen Merkmalen. Am 4. Dezember bestätigte ihm die Bundesbank, es handle sich "um echte Münzen", die jedoch "nachträglich hergestellt wurden" -- mit "Werkzeugkombinationen", wie sie 1967 noch gar nicht vorhanden gewesen seien.
Zugleich bat die Bundesbank-Direktion den mißtrauischen Kaplan, vom Bundesfinanzministerium "eingeleitete Ermittlungen" zu unterstützen und von einer Berichterstattung "vor dem Abschluß der Untersuchungen abzusehen", um die Maßnahmen "nicht zu beeinträchtigen". Kaplan hielt still in der irrigen Annahme, es handle sich um ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren.
Aber die Bundesbank als Münzen-Aufsichtsbehörde ermittelte gewissermaßen hausintern in Karlsruhe und kontaktierte jene, die mutmaßlich betroffen sein mußten: Ott und Vize Heiling, die als einzige über Schlüssel für den Tresor verfügten, in dem alle Prägestempel -- ob noch benutzt oder bereits archiviert -- aufbewahrt werden.
Erst acht Wochen nach dem Bundesbankbrief an Kaplan wurde die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Kaplan: "Eine bühnenreife Farce, denn es gab bis dahin gar keine Ermittlungen, die gefährdet werden konnten."
Stellvertreter Heiling samt Helfer Fetzner wurde überführt, Direktor Ott zunächst wegen möglicher Unterlassungen bei der Aufsichtspflicht vorläufig suspendiert. Erst nach weiteren Nachforschungen wurde er als Mitbeschuldigter eingestuft: Er habe von den Vorgängen in seiner Anstalt gewußt und sie geduldet.
Die Ermittlungen betrafen auch die achtwöchige Spanne zwischen der Einschaltung von Bundesbank und Staatsanwaltschaft. Zumindest war zu prüfen, ob Heiling und Fetzner, die zu Ostern aus der Untersuchungshaft entlassen wurden, und auch Ott Gelegenheit oder Absicht hatten, etwas zu vertuschen oder zu verlagern. Abnehmer zu tarnen oder illegales Neugeld einzuwechseln.
Denn die Menge der -- nach Kripofeststellung -- seit mindestens sechs Jahren illegal geprägten Kursmünzen beträgt nach Händler- und Sammler-Schätzung ein Vielfaches der gefundenen Restbestände. Hinweise von Sammlern, die sich Ankläger erhofft hatten, "um das ganze Ausmaß festzustellen", blieben allerdings aus -- als echte Falsifikate werden die falschen Fuffziger offenbar als eine besondere Rarität bewertet und verwahrt.
Bis Ende Juni will der Karlsruher Oberstaatsanwalt Adolf Müller nun die Anklageschrift gegen Ott, Heiling und Fetzner abschließen. Eine gezielte Strafanzeige ist derweil noch bei ihm eingegangen: Münzfachmann Kaplan meint, Bundesbankdirektor Lucht und sein Falschgeld-Experte Ernst Balke hätten sich der Mitwisserschaft und Beihilfe schuldig gemacht -- durch Verzögerung der Ermittlungen und auch dadurch, daß die Bundesbank seit Jahren Nachprägungen trotz erkennbarer Fehler für echt attestiert habe.

DER SPIEGEL 23/1975
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 23/1975
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FÄLSCHUNGEN:
Besondere Rarität

Video 01:27

Brexit-Krise Harter Dialog zwischen May und Juncker

  • Video "Liverpool vor Spitzenspiel: Wenn Sie daraus eine Geschichte machen können" Video 01:15
    Liverpool vor Spitzenspiel: "Wenn Sie daraus eine Geschichte machen können"
  • Video "Kontrollierte Sprengung: Schneelawine in der Schweiz" Video 01:19
    Kontrollierte Sprengung: Schneelawine in der Schweiz
  • Video "Vor 20 Jahren: Model-Mafia in Moskau" Video 10:58
    Vor 20 Jahren: Model-Mafia in Moskau
  • Video "Privater Raumfahrttourismus: SpaceShipTwo für eine Minute im All" Video 01:24
    Privater Raumfahrttourismus: "SpaceShipTwo" für eine Minute im All
  • Video "EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen" Video 01:08
    EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen
  • Video "Postkarten-Aktion gegen den Brexit: Und täglich grüßt Ihr Martin Cobb" Video 04:06
    Postkarten-Aktion gegen den Brexit: Und täglich grüßt "Ihr Martin Cobb"
  • Video "Filmstarts: Krieg der Städte" Video 07:02
    Filmstarts: "Krieg der Städte"
  • Video "EU-Gipfel zum Brexit: EU will May keine Zugeständnisse mehr machen" Video 03:16
    EU-Gipfel zum Brexit: "EU will May keine Zugeständnisse mehr machen"
  • Video "Frankreich: Festnahmen bei Gelbwesten-Protesten" Video 01:47
    Frankreich: Festnahmen bei "Gelbwesten"-Protesten
  • Video "Seidlers Selbstversuch: Abwracken für Anfänger" Video 03:50
    Seidlers Selbstversuch: Abwracken für Anfänger
  • Video "Von wegen stilles Örtchen: Singende Klofrau begeistert Kaufhauskunden" Video 02:23
    Von wegen stilles Örtchen: Singende Klofrau begeistert Kaufhauskunden
  • Video "Geburt über den Wolken: Baby kommt auf Linienflug zur Welt" Video 00:51
    Geburt über den Wolken: Baby kommt auf Linienflug zur Welt
  • Video "TV-Interview mit Melania Trump: Am schlimmsten sind die Opportunisten" Video 01:23
    TV-Interview mit Melania Trump: "Am schlimmsten sind die Opportunisten"
  • Video "Darts-WM: Acht Millimeter entscheiden über den Sieg" Video 02:21
    Darts-WM: Acht Millimeter entscheiden über den Sieg
  • Video "Brexit-Krise: Harter Dialog zwischen May und Juncker" Video 01:27
    Brexit-Krise: Harter Dialog zwischen May und Juncker