23.06.1975

RUDOLF AUGSTEINJournalisten und andere Schweine

In dem Transkript des abgehörten Kohl-Biedenkopf-Gesprächs, das vollen Wortlauts zu veröffentlichen Henri Nannen den beiden Geschädigten "nun doch schuldig" zu sein glaubte, beklagte der CDU-Vorsitzende die totale Polarisierung in der Bundesrepublik; man habe es hier nicht mit einer normalen politischen Landschaft zu tun.
Wer diese Polarisierung gewollt und erreicht hat, wird nicht erörtert; aus dem Zusammenhang muß man entnehmen: die Linkspresse. Weiter im Text: "Dann kommt noch hinzu, alle die Leute sind menschliche Schweine." Als menschliches Schwein namentlich ausgemacht wird nur "der Pitzinger", "der Stellvertreter von Lammen", Manfred Bissinger also, geschäftsführender Redakteur unter Henri Nannen.
"Alle die Leute". das kann ja nun nicht der Bissinger allein sein. Auf sie sind, laut Kohl, Maßstäbe des normalen Lebens nicht anzuwenden (auf Strauß aber wohl?); ihre Methoden sind die von Gangstern, die Mafia ist dagegen noch eine ehrwürdige Organisation.
Bis hierher hat Kohl nichts gesagt, was ein aufgebrachter Politiker über Presseleute im vertrauten Zwiegespräch nicht sagen darf. Dann aber kommt ein Argument, das beleuchtet werden muß: "Die verkaufen ihre Mutter, wenn sie am Wochenende 5000 mehr Auflagen verkaufen können." Auch hier wird kein vernünftiger Journalist eine Ehrenkränkung sehen -- wenn nicht eine Selbsteinschätzung der Politiker insgesamt sichtbar würde, die zur Kritik oder gar zum Spott herausfordert.
Will ein Zeitungs- oder Zeitschriftenredakteur die Auflage erhöhen, so verfolgt er (nur) Privat- und Profitinteressen. Der Politiker aber, der sich im Wahlkampf oder sonstwie schweinisch benimmt -- und ich kenne kaum einen, der das nicht schon getan hätte -, er handelt nicht zugunsten seines Ladens, sondern immer seines Landes. Er will nicht sich und seine Partei oder seine Partei und sich an die Macht bringen, er will nicht an der Macht bleiben, nein, er hat das große Ganze im Blick.
Man kann das auch mit den Worten jenes einfachen Menschen Hans Apel aus Barmbek beschreiben, dem zwar die Worte fehlen, um mit Gott Zwiesprache zu halten, der ihn aber auf mysteriöse Weise doch immer wieder erreicht. Unnachahmlich hat er es auf dem evangelischen Kirchentag formuliert: Wenn er faule Kompromisse schließt, unfair kämpft, nicht die Wahrheit sagt, so tut er das, weil er meint, daß es "für unser Land gut ist" (und nicht etwa, weil er Finanzminister werden, sein oder bleiben will).
Der Journalist, der trachtet, die Auflage seines Blattes zu mehren, will demnach seinem Land nicht dienen, sondern steht erst einmal im Verdacht, ein Schwein zu sein. Daß beides kein Gegensatz ist, oder nicht notwendig sein muß, und daß es auch hier gilt, immer wieder faule Kompromisse zu schließen, und dabei doch die Wahrheit zu sagen, wobei man das unfaire und faire Kämpfen einmal beiseite lassen kann: Sollten die Politiker aller Richtungen dafür so völlig taub sein, wie sie sich immer wieder stellen?
Als Herbert Wehner, einer der honorigsten Politiker überhaupt, gleichzeitig vielleicht einer der "schweinischsten", auf Hans Kapfingers Sofa Platz nahm, um einige 5000 niederbayrische Stimmen mehr zu ergattern: War er da Schwein oder Politiker? Als er dem deutschen Volk vormachte, er wolle die deutschen Ostgebiete zurückbekommen, obwohl er doch nur die SPD an die Macht bringen wollte: War er da Politiker oder Schwein?
Als er Brandt den Rücktritt nahelegte, was war er da? Welche Mutter würde der Onkel nicht verkaufen, um die SPD an der Macht zu halten, und welches Menschen politische Macht läßt sich von seinem persönlichen Machtstreben trennen?
Sind die Parteien und ihre Vorstände auch nur ein Fitzelchen besser als die journalistischen Institute, wenn es um ihre Selbstkontrolle geht? Wer verschleppt die überfällige Reform des Parteienwesens, wenn nicht die Parteien selbst?
Der parlamentarische Staat, soviel sei ja zugestanden, kann ohne Parteien nicht sein. Aber braucht er nicht ebenso die Medien, und soll den privatwirtschaftlich Organisierten verwehrt werden, was den Parteien heilig ist, ihr Eigennutz nämlich? Wohl dem Toren, der sich selbst nicht für Schwein, sondern für rein hält.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 26/1975
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