03.11.1975

ARGENTINIEN

Herrliche Menschen

Linke Guerrilleros entführten den Mercedes-Direktor Metz -- weil Mercedes Unimogs produziert.

Vor dem Verwaltungsgebäude der Mercedes-Benz Argentina S. A. in Buenos Aires, an der Avenida del Libertador Nummer 2424, hob der Belegschaftsdelegierte Alfredo Cano ein Megaphon. Die Geschäftsführung, so verkündete er am vergangenen Mittwoch unter dem frenetischen Jubel von rund 2000 Mercedes-Arbeitern und -Angestellten, "nimmt die Sache absolut ernst. Sie hat die Wiedereinstellung unserer Kollegen akzeptiert."

Der Geschäftsführung blieb wohl nicht viel anderes übrig, wollte sie das Leben ihres Produktionsdirektors Heinrich Franz Metz, 48, nicht aufs Spiel setzen -- denn den hatte am Freitag vorletzter Woche ein Guerilla-Kommando der "Montoneros" entführt.

Metz -- aus Biblis bei Worms gebürtig und seit 20 Jahren in Argentinien ansässig, Vater zweier Kinder -- sei "ein aktiver Agent des imperialistischen Vordringens in unserem Vaterland", so erklärte ein Kommuniqué der Kidnapper. Er sei in ein "Volksgefängnis" gebracht worden, das er nur unter bestimmten Bedingungen wieder verlassen dürfe -- nämlich wenn die Betriebsleitung

* jene 117 Arbeiter, die anläßlich eines am 8. Oktober begonnenen und von der Regierung für illegal erklärten Streiks im Mercedes-Lastkraftwagenwerk bei González Catán am Stadtrand von Buenos Aires entlassen wurden, wieder einstelle, > die Lohnforderungen der Belegschaft erfülle und auch die Streiktage bezahle,

* die von der Belegschaft gewählten Arbeiterausschüsse anerkenne und

* keinerlei Repressalien gegenüber den Streikteilnehmern anwende.

* Vor einem Gefängnis in Buenos Aires, aus dem 1973 bei Amtsübernahme des Peronisten Campora 186 Guerrilleros befreit wurden.

Von Lösegeld war angeblich keine Rede -- und das zumindest ist ungewöhnlich an einem Entführungsfall, wie er sonst längst zum argentinischen Alltag gehört. Denn seit Jahren bereits benutzen die beiden schlagkräftigsten Guerillaorganisationen des Landes -- die linksperonistischen Montoneros und das marxistisch orientierte Revolutionäre Volksheer (ERP) -- die Entführung einflußreicher Manager oder Chefs in- und ausländischer Großunternehmen als Waffe im Kampf gegen die jeweilige Regierung.

Im Mai 1971 etwa, als in Argentinien noch mit harter Hand die Militärs herrschten, entführten ERP-Partisanen den Direktor der Fleischkonservenfabrik Swift, den britischen Honorarkonsul Sylvester, und ließen ihn erst wieder frei, nachdem das Unternehmen für rund 200 000 Mark Lebensmittel und Kleidung an die Bewohner eines Armeleuteviertels verteilt hatten.

Ein Jahr später richteten Guerrilleros den gekidnappten Fiat-Direktor Oberdan Sallustro hin, weil sein Konzern sich auf Befehl der Regierung drei Wochen lang weigerte, das geforderte Lösegeld in Höhe von 2,5 Millionen Mark zu zahlen.

Nicht zuletzt solche Guerilla-Aktionen zermürbten die Militärs schließlich so sehr, daß sie abdankten und dem einstigen Volksidol Juan Domingo Perón Platz machten. Dessen Statthalter Héctor Campora lobte hei seinem Amtsantritt die "herrlichen jungen Menschen, die der Gewalt mit Gewalt antworteten" und meinte, in Zukunft seien derlei Partisanenstreiche ja nun nicht mehr nötig. Er irrte.

Denn je mehr sich die Perón-Regierung nach rechts entwickelte, desto heftiger wurde der Guerillakrieg der enttäuschten Partisanen.

Die Polit-Entführungen häuften sich derart, daß einige argentinische Tageszeitungen "Entführungschroniken" als ständige Rubrik einrichteten. Geschröpft wurden vor allem jene, bei denen man Zahlungskräftigkeit vermutete.

"Wir sind sicher", so erklärte ein Guerilla-Führer vergangenes Jahr auf einer geheimen Pressekonferenz nach der Entführung des amerikanischen Managers der Exxon-Niederlassung in Argentinien, "daß alle großen ausländischen Unternehmen hier Lösegeldforderungen bereits in ihr Budget eingeplant haben."

Entführt wurde ein Swissair-Direktor ebenso wie ein Pepsi-Cola-Chef, der Leiter der First National Bank of Boston, wie ein Direktor der argentinischen Kodak-Niederlassung. Erstes prominentes deutsches Opfer war, im Sommer vergangenen Jahres, der Vorgänger des jetzt entführten Heinrich Franz Metz -- der Mercedes-Produktionsleiter Herbert Pilz.

Zum finanziellen Schaden kam oft der Spott: So etwa mußte der wohl wichtigste argentinische Multi. der von Belgiern gegründete Industriekonzern Bunge y Born seine beiden Erben Jorge und Juan nicht nur mit dem bisher höchsten Lösegeld der Entführungsgeschichte von "Montonero"-Partisanen freikaufen -- gegen runde 150 Millionen Mark. Das Unternehmen mußte sich vielmehr noch verpflichten, in seinen Fabriken Anschläge auszuhängen, in denen es sich bezichtigt, seine Arbeiter auszubeuten, und in argentinischen sowie ausländischen Blättern (so etwa auch in der "Süddeutschen Zeitung") ein Polit-Manifest der Montoneros als Inserat abdrucken zu lassen.

Der argentinischen Mercedes-Niederlassung warfen die Metz-Entführer in ihrem Kommuniqué vor allem eines vor -- den Bau von Unimogs. Denn "in Vietnam", aber "auch in unserem Land und im Chile von Pinochet sind die Unimogs die Sturmfahrzeuge des Heeres", so die Montoneros, "mit denen man den Imperialismus verteidigt und die Organisationen des Volkes unterdrückt."


DER SPIEGEL 45/1975
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