03.11.1975

MEMOIRENAlles ist wahr

Klaus Kinskis Memoiren haben Anstoß erregt: Seine Brüder fanden darin „infame Lügen“.
Schön war sie nicht, die Jugend des Klaus Kinski. In seiner Lebensbeichte "Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund" hat sie der wilde Mime so beschrieben:
Die Mutter gab sich, um Heimarbeit zu kriegen, einem schmierigen Unternehmer hin; der Vater, ein früherer Opernsänger, ließ sich beim Stehlen erwischen, und auch der kleine Klausi klaute, was ihm gerade unterkam: "Lebensmittel, Kleidungsstücke, Wäsche, Spielsachen, Bücher", dazu "Lippenstifte für meine Mutter und für meine Schwester eine Puppe".
Denn die Kinskis' erzählt Klaus, waren arm wie Kirchenmäuse. "Für vier Kinder gibt es nur ein Leibchen und ein Paar lange Strümpfe"; Frostbeulen tunken sie, zu Heilungszwecken, in siedendheißes Wasser, und einmal "haben wir seit zweiundsiebzig Stunden nichts mehr gegessen
Dagegen sind die Ratten, die mit "Unverschämtheit über uns hinwegsteigen", so "stramm wie Möpse"; die häuslichen Küchenschaben erreichen "die Größe junger Schildkröten", und auch die Holzwürmer haben was zu beißen: Die "fressen uns das Bett wortwörtlich unter dem Hintern weg".
Aber das Mütterchen ist lieb zum Klaus. Sie heißt ihn ihr "kleines Känguruh", wenn er Diebesbeute anschleppt, und später nimmt sie ihn auch mal -- "Wir beide wissen seit Jahren, daß es zwischen uns passieren muß" -- mit ins Bett; aufs Schwesterchen ("Mein Gott, diese Votze!") ist er vorher schon "gestiegen".
Der Rest der Welt freilich peinigte das heranreifende Genie. In dem "sozialen Kinderheim"' in dem er kurz weilte, wird er von "unbefriedigten sadistischen Weibern" mit Rohrstöcken geschlagen; und als Leichenträger, der er auch war, wird ihm das Waschen der Toten zugemutet.
So also durchlitt Klaus Kinski, jetzt 49, seine Jugend im Berlin der 30er Jahre, und wer es nicht glauben will, der hat nun guten Grund dazu. Kinskis Brüder, Arne und Hans-Joachim Nakszynski (Kinski ist Künstlername), wollen "diese infamen Lügen nicht unwidersprochen hinnehmen".
In Briefen an den Kinski-Verlag Rogner & Bernhard und an die "Welt", die das Buch vor Rührung bibbernd referierte, werfen sie dem Schmerzensmann "gemeine Verleumdungen" und "verlogene Selbstdarstellungen" vor: Kinski schrecke "offenbar vor nichts zurück, wenn es darum geht, seine krankhafte Geltungssucht zu befriedigen".
Die Brüder, wenig älter als Kinski, führen gutbürgerliche Existenzen in Berlin, jeder mit einer Lehrerin zur Frau. Zu Kinski' der ihnen früher "oft auf der Tasche lag", haben sie, "seit er berühmt ist", keinerlei Kontakte mehr.
Sie schildern den Wilden als braven, kränklichen Knaben, der, stets mit einem Stullenpaket versehen, zum Gymnasium ging, wo er allenfalls durch Faulheit auffiel. "Unser Elternhaus war das, was man im herkömmlichen Sinne bürgerlich nennt", und Bruder Klaus wurde da "besonders umhegt".
Der Vater war auch nicht Opernsänger, sondern ein, in der Wirtschaftskrise nur bisweilen arbeitsloser, Apotheker; die Mutter, eine Pfarrerstochter aus Danzig, schildern die Brüder als "eine in ihrem Fleiß, ihrer Sauberkeit und selbstlosen Fürsorge durchaus bewundernswerte Frau"; die Eltern starben im Krieg.
Niemals brauchten sie zu hungern; die Kleidung war "stets zweckmäßig. sauber und im Winter auch warm"; Ratten, Schaben oder sonstiges Ungeziefer "hat es in unserem Elternhaus nie gegeben", auch keine Holzwürmer: "Unsere Bettgestelle waren aus Stahlrohr."
Der kleine Klaus weilte auch nie in einem Kinderheim, und "nie im Leben" habe er Leichen gewaschen: "Das hat er wohl aus einem russischen Klassiker." Jener Vater hinwiederum, der beim Stehlen ertappt wird, stamme, vermuten die Verwandten, aus einem Film, aus De Sicas "Fahrraddieben". Und die Sache mit der Schwester gehöre schlicht "ins Reich seiner schmutzigen Phantasie
Wild schweifende Gedanken waren Kinski von jeher eigen. Ein gut Teil bezog er aus den Balladen des Francois Villon, mit denen er einst, brüllend und flennend, ganze Säle erschreckt hatte. "Villon, das bin ich", schreibt er in seiner Lebensbeichte, und Villon war eben "von armen Leuten arme Brut", ein Tunichtgut "mit Strafen mannigfalt" und ein sexueller Nimrod dazu.
Im Licht der brüderlichen Enthüllungen wird man jetzt auch den Rest des Buches, ein fortwährendes Potenzgeschrei, mit Skepsis lesen. Die 76 Orgasmen etwa, die er in einer Nacht einer Architekten-Gattin (mit leichter Fremdhilfe) zufügte, verweist man nun erleichtert ins Reich der Fabel.
Kinski freilich bleibt dabei: "Alles ist wahr." Seine Brüder, "diese Spießer"' sagt er, "können mich am Arsch lecken und zur Hölle fahren". Wenn er sich die Zeit nähme, könnte er "so Skandalöses berichten, daß sie einen Herzinfarkt kriegen".

DER SPIEGEL 45/1975
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