28.04.1975

Mein Instinkt sagt mir: Nicht nachgeben

Bundeskanzler Schmidt gab den Ausschlag. Auf seine Initiative hin quittierte der große Krisenstab nach dem Überfall auf die deutsche Botschaft in Stockholm das Ultimatum der Terroristen mit einem harten Nein. Daß es glimpflich abging, war gleichwohl Glücksache: Die Täter waren unerfahrene "Anarchisten aus dem fünften Glied".

In Stuttgart-Stammheim, wo die Baader-Meinhofs einsitzen, strichen am Donnerstagvormittag letzter Woche Maler die letzten Quadratmeter der Umfassungsmauer, im großen Sitzungssaal schalteten Techniker die Tonregler für die Übertragungsanlage, und eine Putzkolonne wienerte die numerierten gelben Plastikstühle für die Zuschauer -- letzte Vorbereitungen für den Prozeß im nächsten Monat.

Als gelte es Zweifel auszuräumen. versicherte der Gerichtsvorsitzende Theodor Prinzing, 49, in seinem Arbeitszimmer einer kleinen Runde, daß "der Prozeß stattfinden wird, zumindest beginnen" -- es war kurz vor zwölf, der Augenblick, da in Stockholm ein Anarchisten-Trupp die deutsche Botschaft überfiel, Geiseln nahm und den Prozeß in der Tat mit der Forderung in Frage stellte, 26 BM-Häftlinge, auch die Stuttgarter Kerngruppe mit Ulrike Meinhof und Andreas Baader, aus staatlicher Gewalt zu entlassen.

Wieder sah sich die Bundesrepublik, wie schon zwei Monate zuvor, einer beklemmenden Alternative ausgesetzt: den Erpressern nachzugeben, um Geiseln zu retten, oder der Herausforderung mit Härte zu begegnen, um den Staat zu wahren.

Zwölf Stunden später, die deutsche Botschaft in Stockholm stand in Flammen, war die Frage beantwortet, anders als im Fall Lorenz: Die BM-Häftlinge waren noch hinter Schloß und Riegel. die Terroristen waren verhaftet, die meisten Geiseln frei. Es gab, schlimm genug, drei Tote -- aber daß es nicht noch schlimmer kam, war das Erstaunliche.

Schlimmer wäre gewesen. wenn es, wie einst in Fürstenfeldbruck. ein Ma-

* Kriminalinspektor Tore Loftheim (rt.

saker gegeben hätte; schlimmer aber auch, wenn die Terroristen, die gleich nach dem Überfall den deutschen Militärattaché Andreas von Mirbach erschossen hatten, die gesamte BM-Gruppe aus den deutschen Gefängnissen hätten herauspressen können -- eine "unvorstellbare Zerreißprobe für unser aller Sicherheit und für den Staat", so sagte es Bundeskanzler Schmidt tags darauf im Bundestag.

Die Entscheidung über Tod oder Leben hatte der Kanzler allein getroffen. Eine knappe halbe Stunde lang zog sich Helmut Schmidt am Donnerstagnachmittag in sein Arbeitszimmer im Bonner Palais Schaumburg zurück, ehe er schon in der ersten Sitzung des großen Krisenstabes die Richtlinie vorgab: "Meine Herren, mein ganzes Gefühl, mein ganzer Instinkt sagt mir, daß wir hier nicht nachgeben dürfen."

Den Kabinettsmitgliedern, Parteivorsitzenden, Fraktionschefs und Länderministerpräsidenten des Krisengremiums präsentierte sich kein forscher Schmidt: Ein eher zweiflerischer Regierungschef, der später vor Freunden bekannte, es sei eine "der schwierigsten Entscheidungen" seines Lebens gewesen, die Forderungen der Terroristen abzulehnen und damit das Lehen von elf Geiseln auf das höchste zu gefährden, bat um Diskussion. "Dann fordern die gleich noch mal 13 Mann."

Widerstand gegen Schmidts harte Linie kam nicht aus der Opposition, sondern aus den eigenen Reihen der Koalition. FDP-Vizekanzler und Außenminister Hans-Dietrich Genscher wandte ein, als Dienstherr der Stockholmer Geiseln habe er eine besondere Fürsorgepflicht. Er müsse damit rechnen, daß ihn demnächst seine Beamten fragen: "Sollen wir künftig alle geopfert werden?"

Auch FDP-Innenminister Werner Maihofer verhielt sich anfangs zögernd. Der Krisenrunde offenbarten sich "die Grenzen eines Verfassungsministers, der sich als Humanist versteht", wie ein Teilnehmer es ausdrückte. Maihofers Zwiespalt: In seiner Scheu. Menschenleben zu riskieren, sah er zugleich ein, daß eine Kapitulation vor den Terroristen mit Rücksicht auf die Staatsautorität nicht in Frage kommen dürfe. Der Innenminister riet -- ohne große Überzeugungskraft -- dazu. Zeit zu gewinnen: Es solle ein Kompromiß gesucht werden, von dem er aber selber nicht zu sagen wußte, wie er aussehen könnte.

Den beiden Liberalen blieb nur Übrig, auf die harte Linie des Kanzlers einzuschwenken, der entschlossen war. sich nicht noch einmal wider bessere Überzeugung "zum Handeln nötigen zu lassen" -- wie zuvor im Fall des gegen fünf Terrorisien ausgetauschten CDU-Politikers Peter Lorenz.

Von der ungünstigen Optik -- Nachgiebigkeit der Regierung, als es um einen prominenten CDU-Politiker ging. nun Härte zu Lasten von elf unbekannten Diplomaten und Botschaftsangestellten -- wollte sich Schmidt nicht irritieren lassen: Werde den Forderungen der Verbrecher nachgegeben, "dann klappt eins nach dem anderen zusammen, dann zerbröckelt jede Autorität des Rechtsstaates, dann können wir für niemanden mehr Schutz garantieren". Würden erst einmal die 26 Terroristen freigelassen. ohne im Gegenzug die Freilassung sämtlicher Geiseln zu erreichen, dann bleibe es doch nicht dabei, "dann fordern die doch gleich noch einmal dreizehn Mann oder mehr",

Von den Unionsparteien tat sich in der Krisenrunde der potentielle Kanzlerkandidat und CDU-Vorsitzende Helmut Kohl als Anwalt der Staatsautorität hervor, der Mainzer war "eindeutig der Meinungsführer" (ein SPD-Minister), Fraktionschef Karl Carstens hatte nichts mitzuteilen, und CSU-Boß Franz Josef Strauß hielt sich zurück. wie stets in entscheidenden Situationen. Zur letzten Sitzung des Krisenstabes um 1.45 Uhr am Freitag früh erschien er erst gar nicht mehr.

Wie sehr die für die Bonner Machtverhältnisse so wichtigen Landtagswahlen an Rhein und Ruhr die Diskussion mitbestimmten. wurde deutlich, als NRW-Kühn einen Einfall präsentierte. Kuhn später: "Ich habe nur grundsätzlich zu erwägen gegeben, daß, wenn es zu Verhandlungen kommen sollte, sich ein Politiker im Austausch als Geisel zur Verfügung stellen solle."

Obwohl Kühn keinen Namen nannte, fürchtete Kohl sogleich, der Sozialdemokrat wolle sich als Geisel ins Spiel bringen und so das Stockholmer Drama zum Vorteil seiner Partei nutzen. Kohl drohte, solche Vorschläge gefährdeten die Gemeinsamkeit im Krisenstab -- erschreckt ließen Schmidt und seine Sozialdemokraten von dem Kühn-Plan ab.

In der Sache ging es nur noch um Modalitäten der Härte. Gegen 21.00 Uhr, als die Runde ohne förmliche Abstimmung auseinanderging und das Ultimatum ablief, resümierte Schmidt: Er könne also davon ausgehen, alle seien für harte Haltung. Es war nur noch eine Formsache: Bereits um 16.15 Uhr hatte sich Schmidt in einem Telephongespräch mit dem schwedischen Ministerpräsidenten Palme gegen den Austausch ausgesprochen -- spätestens seitdem war die Bonner Entscheidung programmiert.

Als das Ultimatum ablief, schwirrten Gerüchte durch die Republik. In unmittelbarer Nähe der Strafanstalt Zweibrücken, wo die Bandenmitglieder Grashof und Jünschke einsitzen, landete ein Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes; die Terroristin Carmen Roll wurde ebenfalls mit einem Hubschrauber nach Stuttgart eingeflogen, wo schon, wie auch in Hamburg, eine Boeing bereitgestellt worden war -- alles Indizien, die andeuteten, daß sich ein Austausch à la Lorenz anbahnen werde. Und dpa meldete denn auch um 20.59 Uhr. just um die Zeit, da Schmidt im Kanzleramt das letzte Wort sprach. "an mehreren Orten der Bundesrepublik" schienen Vorbereitungen zum Abtransport der Baader-Meinhof-Häftlinge getroffen zu werden.

Und doch war um diese Zeit schon spürbar. wenn auch nicht erkennbar. daß alles anders kommen würde. Während damals, als Lorenz entführt worden war, Funk und Fernsehen voll aufdrehten und den vorprogrammierten Abflug der Häftlinge und allenfalls verstaubte Archivbilder mutmaßlicher Täter zeigen konnten, gab es nun getragene Klavierstücke von Chopin (im Rundfunk) und die für Inspektor Columbo ins Programm geschobene "Erstbesteigung des Mount Everest" (im Fernsehen) -- obschon diesmal dramatisches Geschehen hätte gezeigt werden können, um Mitternacht sogar die Explosion.

Und auch dies war anders: Während die Lorenz-Entführer getreu dem Handbuch der Stadtguerilla samt Entführungsopfer nicht "aus der Dunkelheit der Anonymität" (Schmidt) hervorgetreten waren und mithin während des gesamten Unternehmens unangreifbar blieben, praktizierten die Stockholmer in nahezu jedem Detail das Gegenteil vom erfolgreichen Lorenz-Konzept. Sie begaben sich praktisch auf offene Szene: leicht zu orten, im dritten Stock hinter Fenstern, umzingelt von schwerbewaffneten schwedischen Polizisten und isoliert in einem fremden Land, dessen Sprache sie nicht sprachen. Der lange Marsch stockte im Salon.

Es war, von der Anlage der Tat her wie vom Resultat, nach Guerilla-Regeln die falsche Aktion am falschen Ort zur falschen Stunde. Die Geiselnehmer von Stockholm hatten offenkundig die falsche Konsequenz aus der gelungenen Lorenz-Entführung gezogen: Sie hatten auf einen vermeintlich laschen Staat gesetzt. der sich wohl wieder als schwach erweisen werde, und als diese Illusion zerrann, war der ihnen so verhaßte Staat nicht nur wieder gefestigt, sondern auch der westdeutsche Anarchismus um eine Legende ärmer um die gängige Vorstellung, die Täter aus dem Untergrund setzten eher ihr Lehen ein, als ließen sie ab von ihren Vorsätzen ("Sieg oder Tod").

Das veränderte die Qualität in der Auseinandersetzung mit dem Anarcho-Phänomen, das die Deutschen seit fast einem halben Jahrzehnt in Bewegung hält: Kaum eine relevante Gruppe der Bonner Republik, deren überkommene Denkmuster in dieser Zeit nicht demontiert wurden. Kaum eine Institution dieses Staates, die dabei nicht Positionen beziehen oder welche wechseln mußte.

Damals, als die Studenten rumorten. plötzlich links vor rechts zu gehen schien und das Gemeinwesen sich schon ungemein gefordert fühlte, als schließlich ein schicker Seitenzweig der Apo auf dem langen Marsch schon im Salon haltmachte -- da zählte noch in vertrauter Runde das Augenzwinkern von Baader. der Übernachtungstip für die Meinhof. Da schenkten Professoren. Journalisten und Schriftsteller den diskussionsgewandten Linksextremisten ihre Sympathie, später gelegentlich auch mal den Wohnungsschlüssel.

Doch dann, als die BMs ihre Ankündigung wahr machten, Rohrbomben "in das Bewußtsein der Masse zu schmeißen", kam Ernüchterung in die linke Szene.

Baader-Meinhof. eben noch das Glitzerding progressiver Parties. war nun out. Szenen-Wechsel auch in höheren, vormals BM-bewußten Gesellschaftskreisen in denen wie CSU-Chef Strauß spottete "die Kriminalpolizei normalerweise nicht zu verkehren pflegt". Dort ging nun statt dessen -- ach, Ulrike! -- die Distanzierung um.

Jäh desavoniert im Abtausch abgewetzter Argumente sahen sich die Deutschen. die Politisches machen. nicht nur beplaudern. Nichts und niemand belastete in vergleichbarem Ausmaß den Common sense in der Nachkriegspolitik -- nicht Fürstenfeldbruck, wo Staatsräson über menschliches Leben rangieren durfte, und kein Guillaume-Fall. wo wiederum manches Menschliche dem Staat unerlaubt nahe kam.

Bestand des Staatswesens. Bedrohung der Demokratie --- unterhalb solcher Höchstwerte wurde nicht mehr gehandelt. und über die Rednerpulte wurde fast nur noch Grobschnitt gereicht. Die Koalition hatte, wie der Provinzregent Hans Karl Filbinger herausfand. jenen "Zeitgeist" heraufbeschworen, der zur "Staatsverspottung reizt". Die Beklagten beeilten sich, als die wahren Wächter des Unveräußerlichen zu erscheinen. FDP-Politikerin Helga Schuchardt entlarvte Unions-Ambitionen als "faschistische Tendenzen", und Herbert Wehner bezichtigte die Opposition der "Roßtäuscherei".

Beispielhaftes für die spasmischen Beschwerden, die der BM-Infekt auslöste, und für die Vergeblichkeit aller Therapie zeigte sich bei denen, die den Terroristen von Amts wegen am nächsten kamen: der Polizei. Austauscherstaat plus Nachtwächterstaat?

Die Knüppelhiebe, die in der Apo-Ära auf Demonstranten prasselten, demolierten damals vor allem auch die Innenwelt der "Bullen". Einerseits angehalten, Ordnung um jeden Preis zu schaffen, doch von der Linken an die rechte Wand gestellt, anderseits belastet mit autoritären Weltbildern. doch schon angesteckt vom "Lernprozeß. den die Jugend predigte, gerieten die Polizisten zunächst in die Fahndung nach einem neuen Selbstverständnis.

Der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann bot Hilfe an mit einem anderen Begriff von Polizeiarbeit: "Sozialer Dienst am Bürger". Polizeipräsidenten wie der Berliner Klaus Hübner empfahlen ihren Leuten, "sich dynamisch in einen Lernprozeß einzuschalten".

Doch was damals an Reformdenken und hei jüngeren Jahrgängen gar an Rebellion aufschimmerte" wurde zugedeckt von dem kriminellen Flächenbrand. den die Anarchisten mit Bomben und Menschenraub. Banküberfällen und Morden legten. Wehrhafter denn je präsentiert sich seither die Ordnungsmacht. Nie zuvor wurden Schupos und Kripos, etwa wenn es ums Geld für neues Gerät und Personal geht, so verhätschelt. Etats wurden vervielfacht, und in allen Ländern gediehen Sonderkommandos, die mit Handkantenschlägen dem Phantom beikommen sollen.

Der Entwicklung zum "Sozialingenieur". wie es eben noch geheißen hatte, war so schnell abgeholfen; "der Prozeß der bürgernahen Polizei" wurde, wie der Vizevorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Kurt Gintzel. klagt, "aufgehalten, wenn nicht gar in eine rückläufige Tendenz verkehrt".

Nur: Genützt hat es gar nichts. Denn besonderes Kennzeichen jener Materialschlacht gegen die untergründig tätigen Terroristen ist eine Folge von Fehlschlägen.

Schon die Festnahmen von Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof, wenige Tage nach der Frankfurter Aktion gegen Baader und Meins, waren nicht mehr das Resultat gezielter Polizeiarbeit, sondern eher das Werk blanken Zufalls: Aufmerksame Bürger halfen nach.

Unaufgeklärt blieb der Mord an dem Berliner Richter von Drenkmann, ungelöst sind die Rätsel um die Lorenz-Entführung in Berlin. Nachdem die BM-Kerngruppe -- nach immerhin noch planvoller Vorarbeit -- überwältigt war, wurde nur mehr am Rande der Anarcho-Szene abgeräumt. Zu früh war damals, als vielen der schlimme Spuk beendet schien. Entwarnung gegeben worden.

Eine Expertenkommission der Innenministerkonferenz sah die ein Jahr zuvor beschlossene Weisungsbefugnis des Bundeskriminalamts in BM-Sachen als erledigt an, die Sonderkommandos der Kripo wurden aufgelöst, weil man nur noch "einzelne versprengte Reste" im Untergrund wähnte.

Vorschläge des BKA-Präsidenten Horst Herold zur kontinuierlichen und koordinierten Bekämpfung jener Reste wurden damals von den Länder-Experten beiseite geschoben. Statt die Chance zu nutzen, das ganze Anarcho-Feld trockenzulegen, gaben die Länder den Versprengten Gelegenheit, ihre Organisation und Logistik neu aufzubauen.

Jedes Landeskriminalamt, jede lokale Polizeibehörde laborierte nun am eigenen regionalen Anarcho-Komplex herum ohne ausreichende Kommunikation mit den Nachbar-Dienststellen. Die Gesamtschau auf die Terrorszene ging verloren.

Erst im Februar 1974 einigten sich die Innenminister auf einen neuen Regieplan -- mit halbem Herzen, denn fünf Länder setzten den mühsam abgestimmten Modus operandi der Polizei tatsächlich erst nach der Drenkmann-Ermordung im November in Kraft. Rund 2000 Blatt an "VS -- Vertraulichen" Lageberichten des BKA (über Zellenzirkulare, die Rolle der Anwälte oder Nachfolgeorganisationen) blieben in dieser Zeit meist bei untergeordneten Sachbearbeitern liegen

und in manchen Minister-Etagen ungelesen.

Zu solchen Kommunikationsmangeln auf höchster Ebene kamen Reibungsverluste im Vorfeld der Fahndung: Polizisten und V-Leute des Verfassungsschutzes gerieten einander ins Gehege, die Kompetenz zweier Behörden mit unterschiedlicher Aufgabenstellung trug eher zur Vernebelung denn zur Aufhellung des Untergrunds bei. Während in Hamburg etwa Verfassungsschützer den Anarchisten Rainer Hochstein seit Wochen observierten und sich von der Beobachtung einer konspirativen Wohnung weitergehenden Erfolg versprachen, nahm ein ahnungsloses Streifenkommando Hochstein fest, nachdem er vor einer Verkehrsampel seine Gefährtin noch bei Grün geküßt hatte.

Erst kurz vor Stockholm, als das Ende des BM-Hungerstreiks und "Reisevorbereitungen in den Zellen" (BKA-Präsident Horst Herold), als Geheimdienstberichte über den Einfluß japanischer Terroristen in Europa und Spuren angeblich der Lorenz-Entführer in Südschweden eine neue noch größere "Befreiungsaktion" anzeigten, faßten endlich auch Westdeutschlands zersplitterte Sicherheitsbehörden wieder halbwegs Tritt.

Nach monatelangem Kompetenzgerangel des Bundeskriminalamts, der Länderkripos und Verfassungsschutzämter um die föderalistische Formel. wer wo observieren, wer die Fahndungstaktik bestimmen und das Heer der Ermittler koordinieren soll, fanden die Innenminister von Bund und Ländern vor zwei Wochen den seit langem verlorengegangenen Konsens wieder.

Am 11. April beschloß die Innenministerkonferenz in Bonn vermeintlich Selbstverständliches: daß es im Anarcho-Bereich "der Koordinierung der Ermittlungen bedarf" und daß "Ersuchen, Hinweise und Empfehlungen des BKA" von den Länderpolizeien auch tatsächlich "durchgeführt werden" (Beschluß-Protokoll). Nicht mehr, wie früher, "im Einvernehmen" mit den Landeskriminalämtern (was jeweils eine umständliche, langwierige Zustimmungsprozedur heraufbeschwor), sondern künftig "im Benehmen" mit diesen Länderbehörden (was nur noch einfache Unterrichtung von oben nach unten bedeutet) kann das Bundeskriminalamt nun "die Zielperson der verdeckten Fahndung" bestimmen, den polizeilichen "Kräfteausgleich zwischen den Ländern vermitteln" und den "Einsatz technischer Mittel koordinieren" (IMK-Beschluß).

Und auch das konnte nur von bedingtem Nutzen sein, als die "Zielpersonen" sich entschlossen, außerhalb der Bundesrepublik, aber gegen sie loszuschlagen. Das Bundeskriminalamt erlaubte sich sogar ein Dementi: keinerlei Erkenntnisse über Anarchisten-Flucht nach Südschweden.

Daß die Anarcho-Gang, die es nun nach Drenkmann-Mord, nach Lorenz-Entführung versuchte, gleichwohl nach Norden rückte, war indes so unlogisch nicht. Schweden bot sich als Basis eines Anschlages aus mehreren Gründen an: Es ist

* dank hoher Ausländerbeschäftigung voller Möglichkeiten, unauffällig Infrastruktur anzulegen;

durch die geographische Aufteilung in weiträumige Verdichtungsgebiete und extrem dünn besiedelte Landschaft ein ideales Operationsgebiet für Terroristen.

Ein Gesichtspunkt freilich dürfte bei der Auswahl des Tatorts dominiert haben: bisherige Erfahrung mit der Austauschbereitschaft deutscher Krisenstäbe sowie die naheliegende Spekulation auf das humanitär geprägte Ordnungsverständnis im Wohlfahrtsstaat Schweden. Im zynischen Kalkül ließ sich die Rechnung aufmachen: Austauscherstaat plus Nachtwächterstaat gleich fixer Erpressererfolg.

"Die Grenzschützer standen rum und schwatzten."

Und man erinnerte sich: Als vor kaum zwei Jahren in Stockholm der Schränker Jan-Erik Olsson, assistiert von einem Kumpan, vier Geiseln spektakulär bedrohte, nahm die Nation fast sportlich interessiert Anteil, wie das Gangsterpaar innerhalb einer Woche durch sanftmütige Polizeitaktik hingehalten und unblutig ausgeschaltet wurde. Fazit also für deutsche Pistoleros: Da fackelt man lieber, da schießt man nicht gleich.

So gesehen, war die bundesrepublikanische Botschaft in Stockholm entschlossenen Terroristen gegenüber längst schon in äußerst exponierte Lage gerückt. Mit einem Aufwand von 65 000 Mark war das Gebäude in den vergangenen zwei Jahren denn auch ein wenig mehr als üblich gerüstet worden.

So war dafür gesorgt, daß niemand ohne weiteres in den dritten Stock gelangen konnte, wo Botschafter Stoecker in einem Eckzimmer am Ende eines langen Flurs residiert: Den Fahrstuhl nach oben konnte nur benutzen, wer einen Spezialschlüssel besaß. und den hatten nur wenige. Überdies war die Botschaft in zwei Sicherheitszonen unterteilt, mit Panzertüren dazwischen. Und Publikum hatte grundsätzlich nur im Erdgeschoß bei der Konsularabteilung etwas zu suchen.

Noch am 9. April fragte das Auswärtige Amt aus Bonn an, ob alle Sicherheitsmaßnahmen auch beachtet würden, und geraume Zeit später meldete die Botschaft, diese Maßnahmen hätten einen relativ hohen Stand erreicht -- wobei fraglich ist, was man in Stockholm unter "relativ" verstand.

Die Vertretung an der Skarpögatan 9 war -- außer von einem einheimischen Wachmann der "Almänna Bevaknings-AB", also der Wach- und Schließgesellschaft von zwei Beamten des Bundesgrenzschutzes bewacht. Freilich: "Die standen so rum und schwatzten vor der Tür, mehr nicht". wie ein Mitglied der Botschaft zu berichten weiß.

Jedenfalls konnte jedermann das Gebäude -- Sicherheitsaufwand hin. Sicherheitsaufwand her -- unkontrolliert betreten; auf Waffen. wie bei den Amerikanern üblich, wurde niemand durchsucht: "Das gab es bei uns nicht." Und von den beiden Grenzschutzbeamten war "meist nur einer im Dienst" -- so tatsächlich dann auch am vergangenen Donnerstag, als es passierte.

Es war 11.49 Uhr, die Außentemperatur betrug neun Grad, Sozialreferent Hanns Rehfeld hatte die Botschaft gerade verlassen, um einer Einladung zum Essen zu folgen. Und daß es sich um einen Überfall handelte, merkte man erst, als er schon geschehen war: Die Täter stürmten das Gebäude nicht, sondern mischten sich zunächst unauffällig unter die zu diesem Zeitpunkt etwa hundert Besucher und sickerten sachte ein -- vorweg einer, der in die Konsularabteilung ging und fragte, wie das mit einem Paß sei.

In dieser ersten Phase war von den Waffen, mit denen die sechs Terroristen schon wenige Minuten später herumschossen, noch nichts zu sehen; es blieb Beobachtern "ein Rätsel, wie sie die überhaupt unentdeckt hereingebracht haben. In der Konsularabteilung griffen sie sich den Mann, von dem sie offenbar genau wußten, daß er die Schlüssel nach oben hatte -- und dann allerdings knallte es.

In kopfloser Angst stürzten die einen ins Freie, andere flüchteten hinter Gardinen oder warfen sich unter ihre Schreibtische. Manche Botschaftsangehörige hasteten den Terroristen geradezu in die Arme und ließen sich -- "die waren nicht sehr gesprächig" -- anschreien, unverzüglich das Haus zu verlassen. "Die wollten", kombinierte danach einer aus der Botschaft, "offensichtlich nur etwa knapp doppelt so viele behalten, wie sie selber waren."

Sie behielten elf. Die Geiseln wurden im obersten, dem dritten Stockwerk zusammengetrieben, gefesselt, geknebelt und auf den Fußboden gelegt. Ingrid Stoecker. die Frau des Botschafters: "Wenn einer mal mußte, hatte er die Pistole im Rücken." Als einziger durfte sich der Botschaftsbote frei bewegen. dem die Gangster sagten: "Du bist einer von uns." Der Bote wußte damit nichts anzufangen und blieb, wo er war. Ingrid Stoecker: "Er ist eben ein konservativer Mann."

Im selben Moment, als die ersten Schüsse fielen, war Alarm in der Botschaft ausgelöst, auch in dem eingeschossigen Anbau mit dem Wohntrakt des Botschafterehepaars Stoecker und seiner vier Kinder. Frau Stoecker:

Ich lief sofort auf die Botschaft zu und sah an einem offenen Fenster meinen Mann stehen, der mir winkte, schnell zurückzugehen. Von meiner Wohnung rief ich über Hausapparat in der Botschaft an. Ein fremder Mann meldete sich und erklärte: "In einer Stunde anrufen", und legte auf. Sofort rief ich wieder an und sagte: "Ich bin Frau Stoecker." Der Mann: "Wir rufen in zehn Minuten die Nummer 116 an." Das ist der Apparat in der Portierloge, die mittlerweile schon von der Polizei besetzt war. Der Anruf wurde dann auch von der Polizei entgegengenommen und enthielt die Forderung der Entführer.

Die Polizei hatte, nachdem die ersten Beamten um 12.05 Uhr, sechzehn Minuten nach dem Überfall, mit Schüssen aus der Botschaft empfangen worden waren, unterdes nicht nur die Portierloge besetzt, sondern war -- BKA-Chef Horst Herold: "Eine taktisch hervorragende Position" -- bis in den zweiten Stock vorgedrungen. Drei Ultimaten zum Verlassen des Gebäudes ignorierte die Polizeiführung, "um gegebenenfalls zur Aktion übergehen zu können".

Es wurde ein Vorstoß von zwei Freiwilligengruppen mit Gaspatronen vorbereitet. Zugleich ermöglichte es die Polizei einer Reihe von Leuten in ihren Verstecken, über Leitern nach draußen zu entkommen, aber sie riskierte damit auch unkontrollierte Reaktionen der Eindringlinge.

Tatsächlich wurden vor und nach Abgabe der Ultimaten je drei Schüsse registriert. Dann stießen die Terroristen den Militärattaché der Botschaft, Oberstleutnant von Mirbach, schwer verwundet die halbe Treppe zum zweiten Stock hinab: Die Polizei, unter Androhung weiterer Repressalien zum Rückzug aufgefordert, verließ das Haus. Lediglich zwei schwedische Polizisten -- in Unterhosen, um zu zeigen, daß sie unbewaffnet waren -- bargen Mirbach dort und transportierten ihn vor das Gebäude.

Es war 14.30 Uhr geworden. Fünf Minuten vor sechs starb Mirbach im Krankenhaus.

Zur selben Zeit schaffte es Staatssekretär Heinz Ruhnau im Lagezentrum des Bonner Innenministeriums, daß zwei Standleitungen nach Stockholm

* Durch das Sozialistische Patienten-Kollektiv 1972.

geschaltet wurden, eine in die Residenz der Botschaft. eine ins Vorzimmer des schwedischen Regierungschefs Olof Palme. Der schwedische Justizminister Lennart Geijer hatte sich derweil im Parterre der Botschaft einquartiert und hielt Telephonkontakt zu den Terroristen, die oben im Haus über ein Fernsehgerät, zwei Radios und fünf Telephone verfügten.

Sechsmal, so versicherte Innenminister Werner Maihofer in Bonn, habe auf diese Weise Gesprächskontakt mit den Geiselnehmern bestanden, doch weigerten die sich mitzuteilen, ob bei ihnen Tote oder Verwundete liegen.

Als Geijer den Terroristen kurz vor Ablauf des Ultimatums um 21.00 Uhr die Bonner Entscheidung mitteilte, daß kein BM-Häftling gegen die Stockholmer Geiseln ausgetauscht werde, wollten sie ihm das nicht glauben. Daraufhin wies Maihofer in Bonn über die Standleitung seinen Ministerialdirigenten Gerhard Heuer am anderen Ende in Stockholm an, den Terroristen mitzuteilen, daß es keine Verhandlungen geben und ihren Forderungen nicht entsprochen werde.

Die Antwort kam abermals über Telephon: "Unser Ultimatum läuft nach wie vor. Um 10 Uhr werden wir den nächsten Botschaftsangehörigen erschießen ... Wir werden hier nicht herausgehen. Sieg oder Tod."

Nur wenige Minuten später lösten sie dem Wirtschaftsattaché Heinz Hillegaart die Fesseln und führten ihn in das Zimmer neben der Bibliothek, dann fielen Schüsse. Am Morgen wurde Hillegaart in den Trümmern des dritten Stocks "exekutiert" (Botschafter Stoecker), jedenfalls tot aufgefunden, nahezu unkenntlich nach der Explosion, dem Feuer und all dem Löschwasser. Schußwunden waren vorerst nicht zu entdecken.

Schon hatten die Terroristen zur Erschießung das nächste Opfer bestimmt. den Botschaftsangehörigen Dr. Elfgen. Doch unmittelbar bevor dessen Exekution anstand, wurden aus der Bibliothek drei Frauen freigelassen, mit einem Zettel nur für die schwedische Polizei: "Wir fordern", so der Inhalt. "die Freilassung der 26 Gefangenen. 20 000 Dollar für jeden. Werden unsere Forderungen nicht erfüllt, wird jede Stunde einer erschossen."

Jede Antwort darauf wäre zu spät gekommen. Keine Viertelstunde verging, als kurz vor Mitternacht erst eine. dann eine zweite Detonation die Luft zerriß, die Fensterscheiben samt Rahmen im dritten Stock herausflogen. Dachrinnen in die Bäume geschleudert wurden und ein Bürosessel fast hundert Meter weit entfernt auf den Rasen schlug. Eine Druckwelle riß rundum die Polizisten zu Boden. "Wir dachten. da hat keiner überlebt", schilderte ein Augenzeuge. und "Hilfe" hallte eine Stimme aus der Botschaft, und gleich noch einmal "Hilfe" aus dem Feuer, das in derselben Sekunde ausbrach. Die Detonation war im dritten Stock erfolgt. aber nicht in der Bibliothek, sondern am anderen Flurende nahe dem oder im Botschafterzimmer.

"Holt mich hier raus."

Absicht. Versehen? Botschafterfrau Ingrid Stoecker: "Alle Geiseln sind sich einig, das war ein Zufall." Tatsächlich hatten die Terroristen gleich nach der Besetzung des Gebäudes sowohl hinter dem Sofa des Botschafterzimmers wie in einem gegenüberliegenden Raum mit Fenstern zur Vorderseite Sprengladungen angebracht -- wohl nicht, wie die Terroristen gedroht hatten. 15 Kilogramm Trinitrotoluol (TNT), das eine solche Detonationsgeschwindigkeit hat, daß von der Botschaft kaum etwas übriggeblieben wäre, und das kein Feuer verursacht.

Jedenfalls flogen bei der Detonation auch in der Bibliothek die Fenster heraus, und Botschafter Stoecker, dem es mittlerweile gelungen war, sich die Schuhe auszuziehen und sich so die Fußfesseln zu lösen, kroch, auf brennendes Mobiliar gestutzt. Meter für Meter ins Freie, die Brille intakt, aber mit blutenden Händen, taub von der Detonation, heraushängendem. zerrissenem Hemd und bloßem Nabel.

Seine Familie sah ihn plötzlich über den Rasen vor der Botschaft heranwanken und eilte ihm entgegen. Ingrid Stoecker: "Da sind wir uns erst einmal alle um den Hals gefallen."

Nun wußte auch der Botschaftsbote wieder. was zu tun war: "Dann hab' ich den Elzer rausgeholt, &r lag unter einem dicken Schutthaufen, und den Elfgen. Klausen schrie: "Holt mich hier raus, holt mich hier raus.'" Alle drei trug er, so Frau Stoecker, "unter Lebensgefahr" ins Freie.

Die Kleider zerrissen, aus Nase und Ohren blutend und mit Brandwunden kämpften sich auch fünf der sechs Terroristen, teils Masken vor dem Gesicht. durch ein Fenster im Erdgeschoß nach draußen; der sechste wurde später tot vor der Botschaft gefunden. Die fünf liefen geradewegs dem Polizeiinspektor Tore Loftheim in die Arme, der, auf deutsch, nur "Hände hoch" zu rufen brauchte, um sie festnehmen zu können.

Einer trug ein Messer in der Hand. die anderen waren unbewaffnet und hatten lediglich Patronen hei sich, 9 und 7,65 Millimeter. Auf die Frage, was ihm an der weiblichen Terroristin aufgefallen sei, antwortete Loftheim nach kurzem Nachdenken: "Sie hatte einen kleinen Busen."

Daß die "alle aus dem fünften Glied" kamen, wie ein Sicherheitsbeamter schon vermutet hatte, bestätigte sich nach der Identifizierung. Die Hamburger Polizei, die immerhin zwei der Stockholmer Botschaftsbesetzer einmal hinter Schloß und Riegel hatte, spricht gar von "Anarchisten-Anwärtern".

Freilich, im Umfeld des Untergrunds waren sie alle schon einmal aufgefallen:

* Siegfried Hausner. 23, aus Selbb in Bayern, gehörte zum einstigen Heidelberger Sozialistischen Patienten-Kollektiv (SPK). wurde 1972 wegen Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung zu drei Jahren Jugendstrafe verurteilt und im Dezember 1974 nach verbüßter Haft entlassen.

* Karl-Heinz Dellwo, 23, aus Opladen, erhielt 1973 als Hausbesetzer in der Hamburger Ekhofstraße wegen Hausfriedens- und Landfriedensbruchs, Widerstands gegen die Staatsgewalt und gefährlicher Körperverletzung ein Jahr Gefängnis, das er "wegen starker rechtsfeindlicher Gesinnung" (Richterspruch) voll abzusitzen hatte.

* Bernhard Maria Rössner, 28, aus München, zählte wie Hausner zum SPK und wie Dellwo zu den Hamburger Hausbesetzern und erwartete wie Dellwo ein Verfahren wegen Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung.

Lutz Manfred Taufer, 31, aus Karlsruhe, wurde bereits wegen Hausfriedensbruchs und Nötigung verfolgt und zum SPK-Kreis gerechnet.

Hanna Elisabeth Krabbe, 29. aus Bentheim, trat bislang nur bei einer Demonstration in Zweibrücken als Agitatorin für BM-Häftlinge auf und wird von der Polizei ebenfalls mit dem SPK in Verbindung gebracht.

Das ist die Szene, aus der solche Anarchisten kommen und in der die "Metastasen von Baader/Meinhof" (BKA-Präsident Horst Herold) wuchern: Überbleibsel aus dem alten BM-Kreis, frühere Gefolgsleute des Sozialistischen Patienten-Kollektiv, rabiate Hausbesetzer und militante Demonstranten.

An der kriminellen Energie dieser Täter war nicht zu zweifeln, seit sie gleich zu Beginn der Botschaftsbesetzung um sieh schossen. Andererseits, daß da keine Anarcho-Profis vom Kaliber der Lorenz-Entführer am Werke waren, hatten Sicherheitsexperten dem Bonner Krisenstab schon bei Sitzungsbeginn stecken können. Als erkennbar wurde, daß im dritten Stock der Botschaft die falschen Leute mit den falschen Mitteln die falsche Aufgabe zu lösen versuchten, konnte die Stabsfrage nur noch lauten: Wiegen die Blößen im Konzept der Guerilleros die Risiken der harten Lösung auf? Und fast alles sprach dafür.

Gravierende Planungsschnitzer offenbarten sich schon im Timing der Erpressung. Zwischen Übergabe der Namensliste und dem Ablauf des ersten Ultimatums lagen knapp sechs Stunden. Selbst wenn die Regierung die Bedingungen hätte honorieren wollen, so wäre die Zeit knapp geworden. In sieben Justizvollzugsanstalten hätten Entlassungen vorbereitet werden müssen. aus Anstalten zwischen Lübeck und Zweibrücken waren die Häftlinge sodann fristgerecht nach Frankfurt zu verlegen -- Einhaltung des Ultimatums hätte also sofortige Kapitulation der Regierung vorausgesetzt, und daran glaubten die Täter offenbar.

Mit dem Mord am Attaché hatten sie den unterstellten Spielraum Bonns ohnehin im Ansatz eingeengt. Als dann Schwedens Justizminister Lennart Geijer den Geiselwächtern Helmut Schmidts Nein übermittelte, registrierte er in der Runde "Verwirrung" -- noch ein Beleg dafür. daß die Jungterroristen sich in Bonns Reaktion kraß verschätzt hatten --

Zur fehlerhaften Analyse kam die Sorglosigkeit schon in der Grohanlage des Kommandounternehmens. Von der Berliner Lorenz-Entführung hätten die Stockholmer nicht nur den meisterliehen Akkord aus Zeitpunkt, Opferauswahl und kalkulierter Forderung ableiten können. Sich selbst und die Geiseln dem direkten Zugriff der Polizei auszusetzen, war dann der für die Gangster folgenschwerste Verstoß gegen das Berliner Vorbild. Der einzige Fehler im Drehbuch der Guerilleros ist dagegen getreulich auf den schwedischen Coup übertragen worden. Hier wie dort fehlte ein entscheidendes Detail -- der garantierte Landeplatz für die Boeing.

Ob Nachahmer oder Dilettanten, ob nur verbohrt oder auch noch klug -- daß das Stockholmer Muster kaum Schlusse auf den Zuschnitt des von westdeutschen Staatsschützern erwarteten nächsten Anschlags zuläßt, ergibt sich aus der Genesis der Geiselnahmen. Das Repertoire der Tätereinschätzung wie die Spekulation über verschiedene Lösungen ist geradezu Bestandteil dieser Verbrechensart.

"Erlebnis der Macht

für verkrachte Existenzen."

Konnten sich nach Berlin jene Theoretiker bestätigt sehen, die den Tätertyp des Geiselnehmers den "verkrachten Existenzen" zuordneten, die ein "Erlebnis der Macht" suchten (so der Mainzer Kriminologe Armand Mergen), so wurde nun den "harten" Wissenschaftlern ein Beweisfall geliefert, die schon in Berlin von "ganz simplen Mördern und Räubern" sprachen (so der Schriftleiter der Zeitschrift "Kriminalistik", Bernd Wehner, früher Kriminaldirektor in Düsseldorf) und für die "beständiges Nachgeben alles immer schlimmer macht" (so der Freiburger Kriminologe Wolf Middendorff).

Daß der Geiselpoker von Stockholm nicht mit dem Tod aller Geiseln endete. spricht für Middendorffs These, daß bei "mindestens der Hälfte" aller Geiselnahmen bei Anwendung harter Methoden "die Täter mit ihrer Drohung nicht Ernst gemacht" hätten. Und daß die Täter in den Flammen der Botschaft nicht den Märtyrertod suchten. scheint eine Erkenntnis des Münchner Polizeipsychologen Wolfgang Salewski zu stützen, der in den letzten Monaten die Terrorakte und Entführungen im Bereich der Deutschen Lufthansa untersucht hat und bei den diversen Tätergruppen "weder Kamikaze-Mentalitäten noch psychische Deformationen" feststellen konnte.

Umstritten aber bleibt unter den Experten, ob Härte, wie sie nun demonstriert wurde, für potentielle Täter abschreckend wirkt oder eher anstecken wird.

Der Münchner Psychologe Georg Sieber sieht es sogar als eine "gesicherte Gesetzmäßigkeit" an, daß "bei mißlungenen Großtaten der Imitationstrieb besonders ausgeprägt" sei, während gelungene Aktionen den Nachahmungswilligen wegen der Unkenntnis der genaueren Umstände eher unheimlich erschienen und deshalb auch seltener kopiert würden.

"Sehr bald weitere Verbrechen, möglicherweise noch schlimmere", hätte der Bundeskanzler für den Fall erwartet, daß Bonn weich geworden wäre. Jedoch, daß die Stockholmer Schreckensszene nicht zum Schlußakt deutschen Anarchistendramas zählt, daran besteht für den BKA-Chef Herold gar kein Zweifel. Bonn muß sich darauf einrichten, daß die nächste Antwort bald fällig ist. Noch vor dem großen Prozeß?


DER SPIEGEL 18/1975
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