19.05.1975

BM: Die MaterialschlachtWird man so Revolutionär?

Hör ma, vorschläge sind n dreck wert. ich habe dich so vollgestopft, damit ihr eure taktik selbst entwickeln könnt." Baader aus der Zelle an Genossen draußen, Kassiber, aufgefunden Februar 1974.
Es schreibt der Chef. Er gibt die Anweisungen ("das beste zuerst die aktion, die den gefangenenaustausch bringt"); er pfeift, telephonisch, seinen Linksanwalt an ("Du bist eine Pfeife, du kannst nichts, du hast die Anweisungen auszuführen, die ich dir gebe ..."). Er ist einmal fuchsteufelswild geworden, als eben diesem Anwalt am Telephon herausrutschte, er habe vorher schon mit Ulrike Meinhof gesprochen.
Baader -- der Boß, der Oberrevolutionär: und das, obwohl er weder aus dem akademischen Untergrund kommt (er hat mit 18 Jahren ohne Abitur von der Oberschule abgehen müssen) noch jemals dem proletarischen Milieu persönlich verbunden gewesen ist?
Selbst noch Mitte der sechziger Jahre in Berlin, als die linken Studenten gerade anfingen, auf die Straße zu gehen, war Baader offenbar ein ganz anderer Typ: fröhlicher Penner, allenfalls Räuberhauptmann. Kumpane von damals erinnern einen Baader, der die brutale, zynische Pose liebte, der "ununterbrochen den frühen Marlon Brando" spielte und der, da er stark war, keiner Schlägerei aus dem Weg zu gehen brauchte. Einer auch, den die Frauen "Baby" nannten, und der, mit einem neuen Mädchen im Bett, das Licht ausknipste, weil er sich für zu dick hielt.
Saufen war "in", und ergo traf man Marlon Baader in immer denselben Berliner Kneipen, wo er fünf doppelte Schnäpse auf einmal bestellte, sie hintereinander kippte, dann eine Hand mit fünf gespreizten Fingern hob und vom Wirt "nochmal dasselbe" heischte.
Verkehrsdelikte waren sozusagen sein Markenzeichen. Zum erstenmal ist er als Schüler ohne Führerschein mit einem weder zugelassenen noch versicherten Motorrad erwischt worden (drei Wochen Jugendarrest), dann 1964 in Berlin mit gefälschtem Führerschein und später mehrmals ganz ohne ein solches Papier (zehn Wochen Gefängnis). Immer hat er sich mit Autos auffällig gemacht. Für den linken Schriftsteller Wallraff ist er ein "Großhubraumfetischist mit übersteigertem Selbstdarstellungs- und Imponiergehabe".
Aber Revolutionär? Wird man so Revolutionär, auch nur anführerischer, aufrührerischer Aktivist einer kriminellen Vereinigung mit politischer Motivation? Bürgerlichem Selbstverständnis entzieht sich eine solche Entwicklung (sir venia verbo) ohnehin, und mit der Psychologie allein kommt man wohl auch nicht weiter.
immerhin, wer Belege sucht für infantile Anpassungsdefekte kann solche finden. Baaders Mutter Anneliese ("Befehle konnte ich ihm nicht erteilen") weiß noch, wie Andreas mit zwölf Jahren einmal Zahnschmerzen bekämpfte: "Ich wollte ihm Tabletten geben und mit ihm zum Zahnarzt gehen. Er lehnte es ab. Er sagte, er wolle testen, wieviel Schmerzen er ertragen könne."
Frauen, Frauen allewege. Die Familie bestand aus Großmutter, Mutter. Tante. Der Vater (ein promovierter Staatsarchivar) blieb im Krieg, als Andreas zwei Jahre alt war. Die Mutter, zweifellos die dominierende Figur seiner frühen Jahre, brachte ihn mit Sekretärinnenarbeit durch.
Die Lebensgefährtin seiner ersten Berliner Zeit, die damals noch verheiratete, in einer weithin unpolitischen Boheme etablierte Malerin Ellinor Michel, mit der er eine Tochter hat, attestiert ihm Zärtlichkeit ebenso wie Aggressivität.
Schon auf der Schule hatte Baader, dem Zeugnis eines Klassenkameraden zufolge, "immer einen Haufen Weiber. Aber er ist nie länger mit einer einzigen zusammen gewesen. Er suchte ein Mäd-
* Ende 1969 in Paris,
chen, das ihm intellektuell gewachsen war
Denn dumm ist er nicht, auch nie gewesen. Sein Münchner Schuldirektor. Dr. Florian Überreiter, für den Baader ein "sehr begabter junger Mann" war. hat "damals vermutet, er würde ins Journalistische gehen", schrieb er doch "phantastische Aufsätze".
Das Mädchen, das er suchte und auf der Berliner Szene schließlich fand, war Gudrun Ensslin, die links engagierte Pfarrerstochter. Daß dies eine explosive Konstellation war, daß es zwischen den beiden (beinah buchstäblich) gefunkt hat, ist erwiesen. In der gemeinschaftlich begangenen Frankfurter Brandstiftung vom April 1968 verschmolzen dann beider (ganz gegensätzliche) Ausgangspositionen zur "befreienden Tat".
Hinzu kam aber wohl, daß die Ensslin (nach Ansicht eines väterlichen Freundes) "mehr, als sie wußte und ihr Intellekt zugab, von Andreas Baader seelisch abhängig" war. Er umgekehrt nahm sie aus von den -- ganz charakteristischen -- Aggressionen, mit denen er andere weibliche Mitglieder der Bande, auch und gerade Ulrike Meinhof, reichlich bedachte.
Beate Sturm, beizeiten abgesprungenes Bandenmitglied, erzählt wie Baader, als die Meinhof einmal gegen seinen Willen die Fehler einzelner Gruppenmitglieder diskutieren wollte, lostobte: "Ihr Votzen, eure Emanzipation besteht darin, daß ihr eure Männer anschreit" -- und wie die Ensslin darauf ganz ruhig sagte: "Baby, das kannst du doch gar nicht wissen." Das war, so Beate Sturm, "der einzige Moment, wo er wirklich die Schnauze gehalten hat".
Zureichend erklärt ist Baaders führende Funktion in der Bande, abgesehen vielleicht von seinem Boß-Behaviorismus, mit alledem natürlich nicht. Sie wird begreifbar erst dann, wenn man in Rechnung stellt, daß damals Baaders individuelle kriminelle Disposition auf ein zentrales Problem der Studentenbewegung traf: auf das Problem der Vermittlung von Theorie und Praxis, speziell auf die Unzufriedenheit mit dem linken Praxisbegriff.
Beate Sturm beschreibt dieses Dilemma folgendermaßen: "Man kommt so als vollkommen praxisferner studentischer Idiot daher, hat überhaupt nichts mit den Händen gemacht, dann reißt es einen einfach mit -- wie auch Ulrike ... Der braucht man nur zu erklären, daß Aktion einfach wichtiger ist als ihr Geschreibsel, das genügt ihr."
Diese linken Intellektuellen, frustriert von der Diskrepanz zwischen ihren moralischen Forderungen und der gesellschaftlichen Praxis. hatten, mindestens qua Herkunft, die bürgerliche Gesetzgebung verinnerlicht, waren jedenfalls noch nicht fähig, sich darüber hinwegzusetzen. Baader hingegen brüstete sich mit seinem kriminellen Vorleben als einer, der "aus seiner Klasse ausgetreten" sei. "Er vermittelte das Gefühl", so Peter Homann, der 1971 von der Bande absprang, "das Überschreiten von bürgerlichen Gesetzen sei allein schon ein revolutionärer Akt."
"Aktion" war Andreas Baaders persönliche Abwehr der "Gefahr, vom System gefressen und verdaut zu werden". Seine Politisierung war, vor allem, Kriminalisierung jener intellektuellen Linken. Und seine Autorität in dieser Gruppe erklärt Peter Homann so: "Natürlich hatten die meisten Angst, was Baader genau wußte, denn er hatte selbst Angst. Warf er sie anderen vor, dann zog das immer -- nach dem Motto: Spring doch, wenn du kein Feigling bist. Und dann sprangen sie jedesmal und ließen jeden politischen Verstand hinter sich."
Sein eigenes Theorie-Defizit allerdings dürfte Boß Baader im Knast weitgehend aufgearbeitet haben: eine lange Latte linker Literatur. Was immer er im übrigen daraus gelernt haben mag -- in einem fühlt er sich bestärkt (dafür kann einer seiner Anwälte sich verbürgen): daß man Mensch nur als Revolutionär sein kann. Alle anderen, die "den entmenschlichenden Zwängen des Systems" nicht gewaltsam widerstehen, sind bloß Schweine.
Will sagen: Andreas Baader kann nur noch "Revolutionär" sein. Ob Hungerstreik oder Anweisung an die Entführer -- er ist auch im Gefängnis im Gefecht; und wäre es sein letztes.
Von Hermann Schreiber

DER SPIEGEL 21/1975
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