19.05.1975

RAUSCHGIFTFunde am Strom

Das Haschisch aus der Elbe war der größte Posten, den Zoll und Polizei in der Bundesrepublik sicherstellten, und doch: Die Aktion erwies sich auch als ein Fehlschlag.
Im schleswig-holsteinischen Dorf Wewelsfleth wurde der Polizist Uwe Butmann kurz nach sechs Uhr aus dem Sonntagsschlaf geklingelt. Ein Telephonanrufer berichtete von absonderlichem Strandgut am Elbufer: "Ich glaube, ich hab' hier Rauschgift gefunden."
Butmann sah sich das Zeug in dem angeschwemmten Jutesack an und glaubte das auch. Alsbald wurde ihm die Landung eines zweiten, dann dritten, schließlich zehnten und zwanzigsten Sackes gemeldet.
Von einem Bauern lieh sich der Polizist einen Trecker mit Anhänger, fuhr "von Stack zu Stack. von Buhne zu Buhne" und sammelte die Fundsachen ein -- "wie andere Zement aufpacken". Es war Haschisch der feinen Sorte "Roter Libanese".
Hubschrauber stiegen auf, Wasserschutzpolizei machte die Boote klar, Bereitschaftspolizei sicherte die Ufer. Derweil verbreitete sich in Hamburgs Drogenszene die Kunde von der sagenhaften Haschwelle. Typen kreuzten auf, machten sich, mit Schiffen und im Kleinbus, auf die Suche nach dem Stoff, aus dem die Träume sind.
Legal wurden 1,7 Tonnen geborgen, der größte Posten des halluzinogenen Harzes. der je in der Bundesrepublik erhascht wurde. Grammweise auf dem Schwarzmarkt verdealt, hätte der Stoff. ausreichend für sechs Millionen Joints, um 15 Millionen Mark gebracht.
Der Schlag gegen den Hasch-Handel erweist sich -- trotz der Funde am Strom -- aber auch als ein Schlag ins Wasser für Hamburgs Rauschgiftfahndung: Die Ladung war schon erwartet worden, und die Hoffnung galt als realistisch, Hintermänner zu schnappen.
Den großen Coup hatte die gemeinsame Kommission aus Zollexperten und Kriminalpolizisten für Sonntag vor Pfingsten geplant. Denn von einem Agenten aus Beirut war der Tip gekommen, daß auf dem Frachter "Baabda" der "Associated Levant Lines" 2,6 Tonnen Haschisch auf dem Seeweg in die Bundesrepublik seien.
Derlei Informationen sind ein Geschäft für Vigilanten, seit der Zoll Prämien zahlt: bei Kleinposten pro Kilo 100 Mark, bei Großpartien Pauschalen nach Gutdünken und Gefahrenrisiko. Der Mann im Orient konnte auf mindestens 25 000 Mark spekulieren.
Sein Tip galt als "heiß". Doch als die "Baabda" im Hamburger Hafen anlegte und der Suchtrupp des Zolls ("Schwarze Gang") an Bord ging, fand sich kein einziges Gramm Hasch. Dabei war der Frachter, seit er in deutsche Hoheitsgewässer eingelaufen war, ständig von Polizei- oder Zollbooten observiert worden. Und gerade diese Wachsamkeit erwies sich offenbar als Warnung.
Denn als sich ein Beobachtungsschiff etwa in Höhe Wewelsfleth von der "Baabda" überholen ließ, vergewisserte sich Kapitän Jan Kuschak beim deutschen Elblotsen, ob das denn wohl ein Zollboot sei. Gleich darauf nahm der Lotse wahr, daß eine Ladung von Bord der "Baabda" gehievt wurde Abfall, wie der Lotse in jener Nacht meinte, oder das Hasch, wie das Rauschgiftdezernat glaubt? Zwar ließ ein Hamburger Amtsrichter das Schiff am Mittwoch beschlagnahmen, doch ob die Beweismittel für einen Prozeß gegen Kapitän und Bootsmann ausreichen, ist fraglich.
Auch wären die Seefahrer ohnehin nur als "Wasserträger" (Karlheinz Gemmer vom Bundeskriminalamt) einzustufen, als kleine Angestellte mächtiger Syndikate, die -- abgeschottet wie Geheimdienste -- aus dem Orient ferngesteuert werden. Die "Big shots", wie Kriminalisten die Großen der Branche nennen, aber betreten niemals deutschen Boden. Und wann immer deutsche Fahnder eine Spur in den Libanon verfolgten, verfranzten sie sich auf den krummen Wegen des Orients. Das Kölner Zollkriminalinstitut machte die Erfahrung: "Da ist alles verfilzt."
Während der "Grüne Türke" oft zu Lande per Laster auf den Münchner Umschlagplatz kommt, wird der "Rote Libanese" zumeist per Schiff angelandet und vorzugsweise im Hamburger Hafen gelöscht, wie die Zollfahndung glaubt. Aber erst einmal, im Oktober 1973, wurde ein nennenswerter Posten libanesischer Provenienz im Freihafen entdeckt: 250 Kilo, fabrikmäßig abgepackt in Blechdosen, ausgewiesen als Zwiebelpulver. Manchesmal aber mußten die Fahnder eine verdächtige Ladung durchlassen, etwa wenn ein Tip vorlag, daß unter tausend Kisten tiefgefrorener Aale eine mit Haschisch sei, und der Fiskus die Fracht hätte ersetzen müssen, wenn sie aufgetaut worden wäre.
Und so gelangten nach Schätzungen von Fahndern nur zwei bis höchstens zehn Prozent des heißen Stoffs statt auf den Drogen-Markt in staatliche Verbrennungsöfen. Seit dem Rekordjahr 1971, als beim Import, Groß- und Einzelhandel 6669 Kilo Haschisch sichergestellt wurden, ist die Erfolgsbilanz der Rauschgiftfahndung rückläufig (siehe Graphik): Zum einen hat sich der einst expandierende Markt konsolidiert, zum anderen ist der Handel raffinierter und sicherer geworden. Denn gedealt wird unter dem Schutz aufwendiger Gegen-Observation zumeist nur mit altbekannten Kunden.
Deshalb kann sich kaum noch ein Fahnder als Käufer einschleichen, getarnt mit Neun-Millimeter-Pistole ohne Polizeikennzeichen und Vorzeigegeld in Tausender-Bündeln. So war noch 1971 der libanesisch-jordanische Brückenkopf der Sippe Schare gesprengt worden, eine in Offenbach residierende Verteiler-Organisation, die nach Vermutungen der Kripo enge Kontakte zur El-Fatah hatte und einen Tauschhandel betrieb: Rauschgift rein, Waffen raus.
Auch die "Baabda" sollte in Hamburg zehn Kisten mit 500 tschechoslowakischen Pistolen übernehmen. Aber ob es sich um ein kriminelles Kompensationsgeschäft -- Stoff gegen Schießgerät -- handelt, erschließt sich den Fahndern ebensowenig wie das Rätsel, welcher hansische Kaufmann gleich tonnenweise Haschisch-Nachschub bestellt hat.
Zwar haben die Rauschgiftexperten in Hamburg längst vier Organisationen unter Firmenschildern seriöser Im- und Exporthäuser ausgemacht -- einen Türkenring, einen Perserring, einen Afghanenring und einen sogenannten "weißen Ring" deutscher Dealer. Zwar glauben die Fahnder, die Hasch-Handelsherren genau zu kennen, aber zu überführen sind sie nicht. Denn die Kaufleute scheinbaren Glücks und sicheren Elends kommen nie mit ihrer Ware in Berührung; gefaßt werden dann und wann nur kleine Schlepper und Fahrer.
Ebenso entspricht es den Usancen der Branche. für verlorengegangene Lieferungen alsbald Ersatz zu leisten. So war denn auch der Stoff, der aus der Elbe kam, nach Meinung der Fahnder, fest geordert zur Sättigung des abgeräumten Schwarzmarktes. Hamburgs Zollfahndung ist gewiß: "Das nächste Schiff kommt bestimmt."

DER SPIEGEL 21/1975
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