19.05.1975

UNO

Heiße Luft

Die Uno verkündete, 1975 sei das Jahr der Frau. Doch nicht einmal in der Uno sind die Frauen gleichberechtigt.

Als der Chef des Uno-Gesundheitswesens in New York voriges Jahr seinen Posten aufgab, übernahm Dr. Miriam Seaborg vertretungsweise sein Amt: eine Ärztin mit 20 Jahren Berufserfahrung und der Fähigkeit, sich fließend in vier Sprachen auszudrücken.

Doch als die Liste der Kandidaten für die endgültige Besetzung des Posiens veröffentlicht wurde. enthielt sie nur männliche Namen. Miriam Seaborg wäre besser als die meisten qualifiziert gewesen aber der türkische Doktor auf dem Posten des Stellvertreters hatte sich geweigert. unter einer Frau zu dienen.

Die australische Wirtschaftsprüferin Sue Watt muß bei der Unicef als Sekretärin in der Buchhaltung tippen. Ihre Aussichten auf Beförderung seien null. erklärte ihr Chef Werner Middleman -eine Frau als Wirtschaftsprüfer sehe bei der Unicef "merkwürdig" aus.

Eine afrikanische Delegierte wurde, als sie den Saal der Vollversammlung zum ersten Mal betrat, von einem Kollegen freundlich begrüßt: mit einem kräftigen Kniff in den Hintern. Ein europäischer Diplomat steckte den Kopf durch die Tür eines Arbeitszimmers, sah eine Frau am Schreibtisch und fragte sie: "Ist denn niemand hier?"

Fälle von männlichem Chauvinismus und gezielter sexueller Apartheid gibt es bei sämtlichen Uno-Delegationen. Als die zu 97 Prozent aus Männern bestehende Vollversammlung 1975 zum "Jahr der Frau" bestimmte, hätten daher, fand eine Uno-Angestellte. im Glashaus der Vereinten Nationen am Fast River in New York "eigentlich etliche Fensterscheiben zu Bruch gehen müssen" -- so "abgrundtief" sei das Mißverhältnis zwischem dem proklamierten Ideal der Gleichberechtigung und der Praxis in der Weltorganisation: "Sie schwebt auf der heißen Luft ihrer Erklärungen über dem East River wie ein Zeppelin.

Gute Vorsätze hat es bei der Uno in der Tat genug gegeben. Schon die Präambel der Charta aus dem Jahr 1945 bestätigt die "gleichen Rechte für Männer und Frauen", und der Artikel acht der Charta verbietet ausdrücklich "jegliche Beschränkung" von Männern oder Frauen bei der Posten-Vergabe.

Dem folgte in den kommenden Jahren noch ein stetiger Strom von Deklarationen zum Thema Gleichberechtigung: das von der Ilo (Internationale Arbeitsorganisation) ausgearbeitete "Abkommen über gleichen Lohn für Männer und Frauen bei Arbeit von gleichem Wert" aus dem Jahr 1951 oder das Unesco-Abkommen "gegen Diskriminierung in der Erziehung" aus dem Jahr 1960 zum Beispiel.

Laut beschwerte sich die Uno, daß das erste Abkommen bisher von einem Drittel der Mitgliedstaaten nicht unterzeichnet wurde, das zweite von der Hälfte. Aber in der Organisation selbst kamen die Frauen auch zu kurz. In den fast 30 Jahren der Uno-Geschichte hat es nur drei weibliche Missionschefs gegeben. Eine davon, Agda Rössel aus Schweden, durfte auf Weisung ihres Außenamts nicht an den Sitzungen des Sicherheitsrats teilnehmen. Dafür wurde ihr Kollege und Vorgänger Gunnar Jarring aus Washington geholt.

Sechzig Prozent aller Delegationen sind reine Männerklubs; nur zehn Prozent der 1113 ständigen Delegierten sind Frauen. Gegenüber 681 männlichen regulären Teilnehmern der Vollversammlung standen die 21 Frauen auf schier verlorenem Posten. Weibliche Kandidaten für den Posten des Generalsekretärs wurden nicht mal diskutiert.

Unter den etwa 40 Hauptmitarbeitern des Generalsekretärs gibt es seit 1972 die von Kurt Waldheim berufene Finnin Dr. Helvi Sipila. Ihr wurde ein traditionell weibliches Aufgabengebiet übertragen -- die Aufsicht über das "Center for Social Development and Humanitarian Affairs". das sich hauptsächlich mit Frauenfragen beschäftigt. Und anders als alle ihre männlichen Kollegen der höheren Ränge hat sie im Uno-Telephonbuch keinen eigenen Absatz bekommen, sondern wird unter einer Reihe von niedrigeren Uno-Funktionären mit aufgeführt.

Auch sonst sind die Uno-Frauen benachteiligt. So bekommen männliche Angestellte den Heimaturlaub für ihre ganze Familie bezahlt -- auch wenn die Ehefrau selbst verdient: Frauen dagegen wird das Reisegeld für den Ehemann nur dann erstattet, wenn er ohne eigenes Einkommen ist. Nur in diesem Fall auch dürfen Frauen, wenn sie versetzt werden, das Unkosten-Darlehen in Anspruch nehmen, das ihren männlichen Kollegen ohne Einschränkung zur Verfügung steht. Wird die Frau eines Uno-Angestellten Witwe, bekommt sie Pension. Der Mann aber hat auf die Uno-Pension seiner Frau nur dann Anspruch. wenn er arbeitsunfähig ist.

Eine "Bastion aus der diplomatischen Feudalzeit" nannte daher Ricky Rosenthal. langjährige Uno-Korrespondentin des "Christian Science Monitor", die Vereinten Nationen: Im Jahr der Frau erwarte die Weltorganisation nach wie vor von ihren Frauen, "daß sie sich nach dem Diner zum Schwatzen ins Boudoir der Botschafterfrau zurückziehen, während die Männer bei Zigarren und Kognak im Salon über Weltpolitik verhandeln".

Widerstand gegen die Frauenmisere bei der Uno hat sich bisher nur schwach geregt: Die Frauen aus Staaten der Dritten Welt, deren Vertreter in der Uno jetzt die Mehrheit haben, fürchten. daß allzu lautstarker Kampf um Gleichberechtigung sie in dem als wichtiger empfundenen Konflikt um die wirtschaftliche Entwickung von ihren Männern trennen könnte. Und bei den Vertreterinnen westlicher Staaten schwankt die Stimmung zwischen Resignation und Zorn.

Welches Gewicht im Glashaus am East River auf die Frauenfrage insgesamt gelegt wird, zeigt sich am Budget für die Weltfrauenkonferenz, die im Juni in Mexico stattfinden soll. Für die Umweltkonferenz 1972 in Stockholm hatte die Uno-Vollversammlung 700 000 Dollar zur Verfügung gestellt: der Welternährungskonferenz billigte sie 750 000 Dollar zu. Für das große Frauen-Meeting aber waren nur 250 000 Dollar übrig.


DER SPIEGEL 21/1975
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