19.05.1975

„Lassen Sie die Pfoten von Frank!“

Nie habe er sich, sagt er, mit der Mafia verbrüdert. In Wirklichkeit sind Frank Sinatras Kontakte zur Unterwelt, die ihn die Gunst amerikanischer Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten kosteten, längst eindeutig belegt. Aber wer sie nennt, riskiert Prügel. Jetzt kommt „The Voice“, erstmals seit 1962, wieder in die Bundesrepublik. Wird Sinatra nur singen, oder verursacht er, wie letztes Jahr in Australien, einen Skandal?
Er habe ihm Wohlverhalten versprochen, sagt der Frankfurter Konzertveranstalter Marcel Avram: keinen Ärger, keine Skandale, keine Ausfälle gegen die Presse, solange Frank Sinatra, am 23., 25. und 26. Mai, auf deutschen Bühnen swingt. Aber wer wagt schon Prognosen? Nicht nur Ol' Blue Eyes, auch Ol' Troublemaker is back.
Bei seiner letzten Auslandstournee, vergangenen Juli in Australien, wäre die Stimme wegen eines Gewerkschaftsboykotts um ein Haar gar nicht erklungen. In Hotels wollte ihn niemand mehr bedienen, Bühnenarbeiter verweigerten den Mikrophondienst, Flughafenpersonal blockierte den Privat-Jet -- aus Solidarität. Schon zum Tourneestart in Melbourne hatte der Sänger nämlich alle Journalisten Strolche und Parasiten genannt, alle Journalistinnen als Huren diffamiert.
Sinatra. 59, kann es nicht lassen. Kaum war er nach einer mit dem australischen Gewerkschaftsvorsitzenden Robert Hawke mühsam ausgehandelten Entschuldigung wieder daheim, entschuldigte er sich während einer Nachtklub-Darbietung abermals -- bei den Prostituierten, weil er sie mit weiblichen Reportern verglichen habe. "Die Nachrichtenweiber", blaffte er in Lake Tahoe, Nevada, "haben doch schon alle ihre Seelen verkauft. Wer wollte dann noch ihren Körper?"
Warum haßt Sinatra die Presse? Als der Journalist Bill Davidson diese Frage 1957 in der US-Illustrierten "Look" zu beantworten versuchte, verklagte Frankieboy die Zeitschrift auf 2,3 Millionen Dollar Schadenersatz; später wurde die Klage fallengelassen. Davidson hatte die rational kaum erklärbare Heftigkeit von Sinatras Presse-Attacken psychoanalytisch gedeutet: Journalisten hätten die sorgsam aufgebaute Legende einer unterprivilegierten Kindheit in Hoboken, New Jersey, zerstört und eine überstarke Mutterbindung bloßgelegt.
Tatsächlich hatte nur ein Magazin. die ziemlich einflußlose Zeitschrift "Photoplay", im September 1956 in Sinatras Jugend herumgestochert. Die meisten Kritiker feierten dagegen stets seine Leistung: passabel vor der Filmkamera (immerhin erhielt er für "Ver-
* Auf dem Weg zur US-"Crime Commission" in Washington, 1972.
dammt in alle Ewigkeit" einen Oscar). unvergleichlich am Mikrophon. Sinatra als zweifellos bester Interpret populärer Songs vor Anbruch der Rock-Ära -- die Presse hat dieser Rolle applaudiert.
Es waren aber auch Journalisten. die auf seine Verquickung mit dem US-Gangstersyndikat hinwiesen gegen sie hat er sich bisweilen blindwütig zur Wehr gesetzt. Seit der Sänger im April 1947 im Hollywood-Restaurant Ciro's einen Reporter zu Boden drosch und dafür 25 000 Dollar Schmerzensgeld und Anwaltshonorare bezahlen mußte, gehören Kinnhaken und Nötigung zum Stil seiner Öffentlichkeitsarbeit. Noch letzten Herbst malträtierten Sinatras Leibwächter im New Yorker Madison Square Garden Photoreporter; einer der Gorillas drohte, der Frau eines Kritikers die Beine zu brechen.
"Wenn Sie wissen, was gut für Sie ist", so wurde der Journalist Richard Gehman während einer Sinatra-Recherche 1960 um drei Uhr nachts durchs Hoteltelephon geweckt, "dann lassen Sie die Pfoten von Frank!" Gehman: "Ich redete mir ein, daß sich jemand einen Witz gemacht habe, aber mein Herzklopfen und Händezittern machten mir klar, daß die Sache nicht komisch war."
Um auf Sinatras schwarze Liste zu kommen und von seinen bewaffneten Muskelmännern am Betreten der Filmstudios, Nachtklubs oder Konzertsäle gehindert zu werden, in denen er auftrat, reichte es für einen Reporter oft schon, die Mafia-Vorwürfe nur zu erwähnen -- und sei es, um sie zu entkräften. Denn: "Jeder Bericht, ich hätte mich mit dem Mob eingelassen, ist eine gemeine Lüge." So sagte er es 1947, und dabei ist er geblieben.
Tatsächlich gibt es für die meisten Sinatra-Skandale zumindest zwei Wahrheiten: die des Hauptdarstellers und die der Chargen. Als er sich im September 1970 im Spielerhotel Caesar's Palace in Las Vegas mit dem Kasino-Manager prügelte (weil ihm beim Baccarat kein höherer Kredit eingeräumt worden war) und vor einem Schießeisen weichen mußte -- hat er da wirklich gesagt: "Die Mafia wird sich um dich kümmern"? Es ist kaum zu klären.
An der Tatsache jedoch, daß er im Laufe seiner imponierenden Show-Business-Karriere mit zumindest zehn berüchtigten Gangsterführern Umgang pflegte, ist nicht zu deuteln. Die Kumpanei mit der Mafia, 1962 in einer 19-Seiten-Studie des US-Justizministeriums dokumentiert, kostete ihn beispielsweise die Huld John F. Kennedys, für dessen Präsidentschaft er lautstark die Stimme erhoben hatte. Auch Hubert Humphrey ließ ihn fallen, als der Mafia-Verdacht 1968 wieder einmal in den Zeitungen stand.
Mit Willie Moretti alias Willie Moore, dem obersten Mafioso seines Heimatstaates New Jersey, verkehrte Frankieboy schon Anfang der vierziger Jahre familiär. Als er sich 1951 von seiner Frau Nancy scheiden ließ, nahm Moretti telegraphisch Anteil; das Kabel wird im Archiv der New Yorker Rauschgiftbehörde aufbewahrt: "Vergiß nicht, daß du eine brave Frau und Kinder hast. Darüber solltest du sehr glücklich sein. Grüße an alle, Willie Moore."
Mit Lucky Luciano, einst Boss des Syndikats, traf Sinatra 1947 in der kubanischen Hauptstadt Havana während eines Mafia-Meetings zusammen. Der renommierte Reporter und Romanautor Robert Ruark ("Der Honigsauger") sah den Sänger dort in mehreren Bars und Restaurants mit den Mafiosi trinken und dinieren, Sinatra indes redete sich mit einer Zufallsbekanntschaft heraus: "Wenn ich jemandem vorgestellt werde, frage ich nicht gleich nach seiner Vergangenheit."
Wie die goldene Zigarettendose mit der Inschrift "To my dear pal Lucky, from his friend, Frank Sinatra", die die Polizei nach Lucianos Tod in dessen Apartment gefunden haben will, in den Besitz des Mafia-Patrons gekommen sei, versuchte der angebliche Spender gar nicht zu erklären. Er bestritt aber auch nicht, daß er von den Mafia-Brüdern Joseph und Rocco Fischetti aus Chicago, Vettern von Al Capone, von Miami aus zum Havana-Rendezvous mit Luciano eskortiert worden war. Wann immer er später im Hotel Fontainebleau im Miami Beach auftrat, ließ er von der Gage einen Teilbetrag an den angeblichen "Talent Scout" Joe Fischetti überweisen -- bis April 1962 waren es 71 Schecks über eine Gesamtsumme von 38 340 Dollar.
Sam "Momo" Giancana, Oberhaupt der Mafia-Familie von Chicago, kostete ihn im Juli 1963 noch mehr Geld. Obgleich der Gangster im "Black Book" der Spielbehörde von Nevada als "unerwünschte Person" geführt wurde, beherbergte Sinatra ihn fast zwei Wochen lang im Chalet 50 des Spielerhotels Cal-Neva Lodge in Lake Tahoe, an dem er mit 50 Prozent beteiligt war. Sinatra verlor daraufhin die Spielbanklizenz und mußte seine Anteile an der Cal-Neva Lodge und am Sands Hotel in Las Vegas (neun Prozent) verkaufen -einen Wert von 3,5 Millionen Dollar.
Die Frage, ob die Cosa Nostra den bislang wohl talentiertesten Entertainer des 20. Jahrhunderts an der Kette habe, ist in den USA drei Jahrzehnte lang öffentlich diskutiert worden. Eine der möglichen Antworten ging durch den Romanautor Mario Puzo ("Der Pate") sogar in die Literatur- und Kinogeschichte ein. Puzo hat seine Roman-
* Im Film "Tony Rome", 1961.
und Filmfigur Johnny Fontane aus dem "Paten", kaum verschlüsselt, nach dem Frank Sinatra der amerikanischen Kriminal-Folklore modelliert.
Soviel ist -- Fall eins -- belegbar: Der Sänger befand sich etwa 1943, zu Beginn seiner Solokarriere, in einer finanziell unerfreulichen Situation. Er mußte ein Drittel seiner Einnahmen an seinen früheren Orchesterchef Tommy Dorsey abführen, bei dem er noch unter Vertrag stand. Ganz plötzlich stellte Sinatra jedoch seine Zahlungen an Tommy Dorsey ein. Show-Business-Beobachter fabulierten daher -- und so ähnlich ist es auch im "Paten" dargestellt -, Sinatra habe mit ein wenig Hilfe seines Mafia-Freundes Willie Moretti vom Bandleader Dorsey eine Verzichterklärung erlangt: Moretti habe Dorsey schlicht den Federhalter in die Hand und eine Pistole in den Mund gedrückt.
Auch in der Krise von 1952, so heißt es" habe sich -- Fall zwei -- ein "Pate" des stimmbandgeschädigten" von Agentur, Filmproduktion und Plattenfirma fallengelassenen Sinatra erbarmt. Frankieboy wünschte sich fürs Comeback die Rolle des Maggio in "Verdammt in alle Ewigkeit". Puzo läßt im "Paten" in dieser Situation dem widerstrebenden Filmproduzenten durch die Mafia ein "Angebot" machen, "das er nicht abschlagen kann" (Mob-Jargon): Der Hollywood-Mächtige erwacht eines Morgens in einer Blutlache neben dem abgetrennten Kopf seines Lieblingspferdes. In panischer Angst gibt er Fontane die Rolle. Daß der nach seinem Comeback mit "Verdammt in alle Ewigkeit" zum einflußreichen Show-Tycoon aufgestiegene Entertainer sich in kriminelle Aktionen seiner Unterwelt-Spezis habe verwickeln lassen, wurde oft behauptet, aber nie bewiesen.
In ihrem Las-Vegas-Buch "The Green Felt Jungle" berichteten die Kriminalreporter Ed Reid und Ovid Demaris 1963, zahlreiche Lizenzträger der Spielerhotels von Nevada seien Strohmänner des Syndikats, die auf dem nicht kontrollierbaren Weg über die Spieltische Geld aus Mafia-Raubzügen legalisierten. "Die Tatsache, daß es Sinatra gelang, neun Prozent Anteile am Mob-kontrollierten Sands Hotel zu erwerben", so die Reporter, "ist Beweis genug für seine Verbindungen zur Unterwelt."
Noch vor drei Jahren sagte der inhaftierte Gangster Joe "The Baron" Barboza vor der Crime Commission in Washington aus, Sinatra sei als Investor im Sands Hotel von Las Vegas und im Fontainebleau in Miami Beach Strohmann des
Patriarca entgegnete, er kenne Sinatra "bloß aus dem Fernsehen". Der Sänger, nur nach mehrmaliger Vorladung zum Erscheinen vor der Crime Commission bereit, verurteilte anschließend derlei Kongreß-Hearings als "Politikmachen mit Unterstellungen". Dort werde "die Reputation unbescholtener Bürger durch die Vermischung sogenannter Tatsachen mit Gerüchten und übler Nachrede vor der Öffentlichkeit demoliert".
Sowenig sein Image indes aufgrund der selbstverschuldeten Blessuren derzeit wohl noch leiden kann, sowenig glauben die meisten seiner Ankläger in der US-Presse selbst an kriminelle Verirrungen Frankieboys. Mit Frank Costello im New Yorker Nachtlokal Copacabana tafeln war eine Sache. mit ihm Verbrechen planen eine andere.
Als schmächtiger Sohn sizilianischer Einwanderer im "Little Italy"-District von Hoboken, New Jersey, aufgewachsen. galt ihm der Mafioso als Leitfigur. als Robin Hood. Er wollte dazugehören, wollte der harte Junge mit den schnellen Fäusten sein: Mit echten Gangstern zu fraternisieren befriedigte seine Großmannssucht.
Um selbst Il Padrone, ein großes Tier in der US-Gesellschaft, zu werden, hat er mit der Stimme den richtigen Ton getroffen und im Karrieremechanismus die richtigen Tasten gedrückt. Und damit hat er es geschafft. Blauäugig und schlitzohrig, wie er immer war. antwortete er vor dem Kongreßausschuß auf die Frage, ob es so etwas wie die Mafia oder die Cosa Nostra überhaupt gebe, er habe schon einiges darüber gelesen: "Aber von organisiertem Verbrechen weiß ich persönlich nichts."

DER SPIEGEL 21/1975
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