22.08.2005

VERBRECHEN„Zicke ist tot“

Diese Woche beginnt in Hamburg der Prozess gegen die Eltern der verhungerten Jessica. Sie haben ihr Kind nicht nur vernachlässigt, sie quälten es unvorstellbar.
Am ersten März dieses Jahres, morgens kurz vor sieben Uhr, kommt Marlies Sch., 35, aus dem Kinderzimmer und sagt zu ihrem Lebensgefährten: "Ich glaube, Zicke ist tot." Zicke, so nennen sie ihr gemeinsames Kind. Burkhard M., 49, wählt aus der gemeinsamen Hochhauswohnung in Hamburg-Jenfeld den Notruf. Er sagt: "Unsere Tochter ist die Nacht entschlafen." Der Notarzt findet das Mädchen schon leichenstarr, abgemagert auf 9,6 Kilogramm, die Haut wächsern wie die einer Mumie. Und er findet ein Verlies, das Kinderzimmer, in dem Jessica ihre Zeit verbringen musste, eingesperrt in Dunkelhaft und Kälte.
Als die Ermittler das tote Mädchen untersuchten, stellten sie fest, dass ihre Jeanslatzhose mit Kabelbindern zugezurrt war. Auch der zerrissene Body war im Schritt mit den scharfen Plastikbändern zusammengeknotet. Der durch die Unterernährung steinharte Kot in ihrem Darm ragte wie ein Pfropf hinaus und hat sie unaussprechliche Schmerzen leiden lassen. Die Mutter gab zu Protokoll, sie habe am Abend zuvor noch nach dem Mädchen geschaut. Es habe "gemeckert", sonst sei aber alles in Ordnung gewesen.
Die Untersuchung von Jessicas qualvollem Tod gibt Einblick in ein verwahrlostes Milieu - im Kreislauf von Sozialhilfe, Alkohol und Ziellosigkeit, von Gleichgültigkeit der eigenen Eltern, Schlägen und Missbrauch, der sich durch die Generationen zieht. Und doch lassen sich dadurch nicht die Torturen erklären, die Jessica erdulden musste. Neue grausige Details des Falls legen den Verdacht nahe, dass die Eltern das Kind nicht nur ins Dunkle sperrten, sondern systematisch dem Tod anheim fallen ließen. Sie sind wegen Mordes durch Unterlassen angeklagt.
Diesen Mittwoch beginnt vor dem Hamburger Landgericht der Prozess.
Darin wird ein etwa 15 Zentimeter langes Stück Kupferdraht eine besondere Rolle spielen. Der fiel den Ermittlern auf, als sie das Zimmer des Mädchens durchsuchten: Die Verkleidung des Lichtschalters neben der Tür war abgerissen, genau wie die Deckenlampe, die er eigentlich betätigen
sollte. Aus dem offenen Schalter ragte der unisolierte Draht.
Die Eltern gaben an, Jessica habe den Schalter abgerissen. Aber die Polizisten holten einen Gutachter, einen Ingenieur. Der stellte fest: Der Draht gehört nicht zum Schalter, er wurde dort angebracht. Er stand unter Strom, 220 Volt.
Der Staatsanwalt glaubt deshalb: Die Konstruktion war eine Stromfalle für das in der Dunkelheit nach dem Lichtschalter oder der Tür tastende Mädchen. Sie sei wahrscheinlich schon im vergangenen Jahr von Burkhard M. angebracht worden. Der Vater habe auch unten auf dem Fußboden, wo ein Kind stehen würde, um den Schalter anzufassen, den Teppich und das darunterliegende Linoleum weggeschnitten. Nackter Estrich leitet den Strom besser. Die Eltern hätten dies so vorbereitet, um womöglich einen Haushaltsunfall oder den natürlichen Tod des Mädchens vorzutäuschen.
Schon vorher hatten die Eltern das Zimmer zum Verlies umgestaltet. Fenster mit schwarzer Folie verklebt und zugeschraubt. Den Heizungsthermostat mit Kabelbinder auf Stufe eins fixiert - selbst im Winter. Ein Schlüssel, der von außen steckte. Kein Licht. Kein Klo. Kein Wasser.
Der Umbau weckt Zweifel an dem, was der Vater in seinen Vernehmungen gesagt hat: Dass vor allem Marlies Sch. sich um Jessica gekümmert habe. Und er wirft die grundsätzliche Frage auf, wie es kommen konnte, dass die beiden Eltern die grauenhafte Behandlung ihres Kindes als normal ansahen. Ihre Aussagen zeigen eine Stumpfheit, die sich mit bizarrer Wirklichkeitsverdrängung paarte.
Ermittler berichten, Burkhard M. habe zu Jessicas Tod gesagt, mit dem Kind sei alles in Ordnung gewesen, es habe normal gegessen, nur in letzter Zeit "n' bisschen abgenommen".
Marlies Sch. schiebt gar ihrem Kind die Verantwortung für das Geschehene zu. Nachdem sie 2003 heftigen Streit mit ihrem Lebensgefährten hatte, habe Jessica keinen mehr an sich rangelassen. Sie habe nicht nach draußen gewollt, sie habe den Teppich zerrissen, sie habe die Jalousien zerstört, den Arztbesuch verweigert, nicht richtig gegessen und deshalb nicht mehr mit dem Paar essen können. Das Kind war schuld, an allem.
Nachfragen von Freunden und Bekannten, die es immer wieder gab, wimmelten die beiden konsequent ab. Einen Interimsgeliebten, der insistierte, Jessica kennen zu lernen, hielt Marlies Sch. so lange hin, bis er die Beziehung abbrach. Burkhard M., der stark trank, ließ sich für seine Tochter einen ausrangierten Computer schenken und präsentierte einem misstrauischen Kollegen sogar ein fremdes Kind als eigenes, wie dieser ausgesagt hat.
Auch Marlies Sch., die nie einen Beruf erlernt hat und während der Schwangerschaft versucht hatte, Jessica mit Hilfe eines Schraubenziehers abzutreiben, hat sich die Welt absurd zurechtgebogen.
Auf die Frage, warum sie sich nie Arbeit gesucht hat, antwortet sie: "Die ganze Zeit war ich nur für die Lütte da." Die Lütte. Gemeint ist Jessica.
Aber an die Gründe für ihr Verhalten rührt auch der Gutachter nicht, der Marlies Sch. befragt hat. Er schildert sie als emotional dickfellig, stur und bequem. Aber was erklärt das?
Wenn Eltern ihr Kind derart unvorstellbar quälen, spielten Armut und Herkunft als Erklärung nur eine Nebenrolle, sagt Professor Peter Riedesser, Ärztlicher Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: Bei den Eltern müsse es "schwerste Persönlichkeitsstörungen geben, oft durch schwere traumatische Erfahrungen in der eigenen Kindheit". Manche bestraften das Kind stellvertretend für eine andere gehasste Person, etwa die eigene Mutter. Oder die Eltern träumten als Kompensation der eigenen schlimmen Vergangenheit von einer "perfekten Familie", und wenn das Kind sich nun nicht perfekt verhalte, werde es brutal dafür bestraft, dieses Idealbild zu zerstören.
Alarmzeichen gab es viele. Wenn Marlies Sch. von ihrer eigenen Mutter erzählt, geht es um Schläge, Alkohol und reihenweise Liebhaber. Einer von denen sei sogar der leibliche Onkel der Mutter gewesen, der habe auch Marlies noch begrabscht.
Als Teenager wird Marlies Sch. schwanger, sie schnürt sich den Bauch ab, verheimlicht die Schwangerschaft bis wenige Wochen vor der Geburt. Sie gibt das Kind zur Adoption frei, wohl nachdem sie es immer wieder tagelang im Dunkeln eingesperrt hatte.
Sie heiratet, gebärt zwei weitere Kinder. Der Mann sagt, er habe sich fast ausschließlich um den Sohn und die Tochter kümmern müssen. Marlies Sch. habe sich vorm Wickeln geekelt, sie habe ihrem Sohn den Schnuller mit einer Stoffwindel um den Kopf im Mund festgebunden, damit er aufhöre zu schreien. Die Eheleute trennen sich, Marlies Sch. lebt aber noch viele Monate in der gemeinsamen Wohnung - sie hat trotzdem keinen Kontakt zu den Kindern, interessiert sich nicht für sie. Als der Ex-Ehemann mit den Kindern eine Familientherapie beginnt, lehnt sie ab mitzumachen.
Doch zur Wahrheit gehört auch: Als Jessica nicht zur Einschulung erschien, gab es einen Bußgeldbescheid. Mehr nicht. "Sicher hat meine Mandantin sehr viel Schuld auf sich geladen", sagt ihr Verteidiger Manfred Getzmann, "aber wenn die staatliche Fürsorge funktioniert hätte, würde Jessica noch leben." Obwohl wegen der Vergangenheit von Marlies Sch. alle Schalter auf Rot stehen müssten, griff das Jugendamt nicht ein. Es wusste nicht von Jessica. Getzmann sagt, Marlies Sch. habe jahrelang selbst die Telefonnummer des Jugendamts mit sich herumgetragen. Sie hat nie angerufen. CORDULA MEYER
Von Cordula Meyer

DER SPIEGEL 34/2005
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