Von Friedmann, Jan und Pieper, Dietmar
SPIEGEL: Im Regierungsprogramm der Union werden Schulen und Hochschulen nur äußerst knapp bedacht. Das muss Sie doch enttäuschen.
Schavan: In der Kürze liegt die Würze. Lange lyrische Texte machen noch keine gute Politik. Wir haben die strategischen Bildungsziele ins Programm aufgenommen, die mehr Arbeit schaffen und Deutschland zu einem Motor für Forschung und Entwicklung in Europa machen sollen. Die CDU versteht sich im Übrigen als föderale Partei: Bildung ist das Herzstück der Landespolitik. Wir wollen gemeinsam mit den Bundesländern die Ziele umsetzen.
SPIEGEL: Der amtierenden Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn verweigerten die unionsregierten Länder weitgehend die Zusammenarbeit.
Schavan: In den vergangenen Jahren hat es Provokationen seitens des Bundes gegeben. Tatsache ist, dass Frau Bulmahn unentwegt vom Bundesverfassungsgericht zurückgepfiffen wurde. Wir brauchen nicht mehr Regeln des Bundes, sondern mehr Freiheiten für Schulen und Hochschulen.
SPIEGEL: Eine unionsgeführte Regierung würde also das Bildungsministerium in ein Forschungsministerium umwandeln?
Schavan: So ist es. Das Haus sollte sich auf die Fragen konzentrieren, die Innovationen in Deutschland freisetzen. Die Wertschöpfungskette von der Grundlagenforschung bis zur industriellen Anwendung steht im Zentrum. Der Bund sollte keine Bildungspolitik über irgendwelche Töpfe betreiben, die vorübergehend wirken. Er sollte die Länder unterstützen, indem er etwa die Bildungsforschung stärkt. Mit jeder Vergleichsstudie stellen wir fest, was wir alles noch nicht wissen. So hängt in Deutschland beispielsweise die schulische Leistung relativ stark von der sozialen Herkunft ab. Ich will wissen, wie man das ändern kann.
SPIEGEL: Rot-Grün hat für den Ausbau von Ganztagsschulen vier Milliarden Euro bereitgestellt. Wollen Sie das heftig umstrittene Programm stoppen?
Schavan: Nein. Das Programm ist in vollem Gange, da wird nichts rückgängig gemacht. Ich bin davon überzeugt, dass die Ganztagsschule zur Schullandschaft der Zukunft gehört. Sie bietet die Chance für zusätzliche Lernzeit. Gerade für Jugendliche aus schwierigen Lebenswelten ist es wichtig, über den Vormittag hinaus zusätzliche Angebote zu bekommen.
SPIEGEL: Was muss noch geschehen, um das Niveau der Schüler anzuheben?
Schavan: Wir müssen das frühkindliche Lernen im Alter zwischen drei und sechs Jahren in unseren Kindertagesstätten fördern. Hierzulande herrschte lange die Meinung vor, dass das Lernen in der Schule beginnt und davor gespielt wird.
SPIEGEL: Und nach der Einschulung?
Schavan: Der Schlüssel zu mehr Leistung und Leidenschaft am Lernen sind verbindliche Standards durch alle Altersstufen hindurch. Die Zeit der 68er-Beliebigkeit ist endgültig vorbei.
SPIEGEL: Soll Bildung jederzeit messbar werden?
Schavan: Nein. Wir dürfen uns durch Pisa nicht zu einem technokratischen Verständnis verführen lassen. Bildung ist mehr als das, was sich testen lässt. Bildung muss auch Werte vermitteln und Talente entfalten. Deshalb sind Musik, Kunst und Literatur genauso bedeutsam wie die sogenannten Hauptfächer. Die Leitsätze lauten: Niemand darf zum Modernisierungsverlierer werden, und keiner soll seine Talente verstecken müssen.
SPIEGEL: Das Wort "Elite" wollen Sie nicht in den Mund nehmen?
Schavan: Ich scheue mich davor überhaupt nicht. Ich habe schon von Elite gesprochen, als das andere noch ganz schlimm fanden. Wir brauchen Eliten. Wer sie gezielt fördern will, muss sich um exzellente Bedingungen für exzellente Leute kümmern.
SPIEGEL: Brauchen wir dazu mehr oder weniger Studenten an den Hochschulen?
Schavan: Debatten, die nur von Prozentsätzen ausgehen, helfen nicht weiter. Wir sollten in der gesamten Bandbreite der Bildungsbiografien zu einem Niveau kommen, das der Wissensgesellschaft gerecht wird. Zwei Drittel aller Jugendlichen durchlaufen die berufliche Bildung. Diese teilweise sehr anspruchsvollen Ausbildungen gehen nicht in internationale Vergleiche ein, die Deutschland eine niedrige Studierquote bescheinigen. Wir haben bislang die Qualität unserer beruflichen Bildung zu wenig herausgestellt.
SPIEGEL: Der mittelmäßige Ruf deutscher Universitäten rührt aber nicht von mangelndem Marketing.
Schavan: Richtig ist, dass international auf den vorderen Plätzen Universitäten stehen, die aus dem Vollen schöpfen können. Die finanziellen Vorgaben in Deutschland sind dagegen eng, deshalb ist der Vergleich unfair. Einzelne Hochschulstandorte und regionale Verbünde entwickeln sich aber sehr erfolgreich.
SPIEGEL: Machen Studiengebühren die Hochschulen besser?
Schavan: Ich bin seit vielen Jahren eine Anhängerin von Studiengebühren. Die Hochschulen brauchen diese Finanzquelle. Ich bin zuversichtlich, dass viele Bundesländer Studiengebühren einführen werden. Grundsätzlich gilt aber: Niemand darf durch den Geldbeutel der Eltern vom Studium abgehalten werden. Dafür werden Stipendien und spezielle Kredite sorgen.
SPIEGEL: Wie erklären Sie einem angehenden Akademiker, dass er bei der Bundestagswahl CDU/CSU wählen soll, auch wenn das für ihn teuer werden kann?
Schavan: Ich sage diesem Studenten, dass die deutschen Universitäten, die in internationalen Rankings relevant sind, in der Regel in unionsregierten Ländern stehen. Ich sage ihm, dass Wissenschaft und Forschung in diesen Bundesländern seit Jahren eine hohe Priorität haben und entsprechend investiert wurde. Und ich sage ihm, dass die Universitäten im internationalen Vergleich attraktiver werden, wenn wir die internationalen Spielregeln einführen. Dazu gehören eben auch Studiengebühren.
SPIEGEL: Müssen die Deutschen umdenken und mehr privates Geld in die Köpfe ihrer Kinder investieren?
Schavan: Der Bildungssparvertrag sollte in Zukunft einen solchen Stellenwert haben wie der Bausparvertrag.
INTERVIEW: JAN FRIEDMANN,
DIETMAR PIEPER
DER SPIEGEL 34/2005
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