22.08.2005

NAHOSTKarneval des Sieges

Nach dem zügigen Abzug der jüdischen Siedler aus dem Gaza-Streifen planen die Palästinenser den Aufbau eines eigenen Staates. Die USA drängen Israel bereits zu weiteren Konzessionen, Hardliner von Hamas und Islamischem Dschihad wollen den Heiligen Krieg ausweiten.
Der Weg zur Zukunft Palästinas führt durch einen heruntergekommenen Geschäfts- und Wohnblock im Stadtzentrum von Gaza. Hier, über dem "Medizinischen Zentrum al-Nada", im 15. Stock, liegt das Büro von Abd al-Hakim Awad. Der 39-jährige Führer der Fatah-Jugend plant an einem mächtigen, mit Leder gepolsterten Schreibtisch im Auftrag der Palästinensischen Autonomiebehörde die grandioseste Gala in der Geschichte des Gaza-Streifens: die Jubelfeiern zur Räumung der jüdischen Siedlungen.
Sobald der letzte israelische Soldat abgezogen ist, soll ein "Karneval des Sieges" starten - mit Folklore-Shows, Feuerwerk und Festumzügen durch die ehemaligen Wohnorte der verschwundenen Nachbarn. Viele Palästinenser werden dann erstmals ihren Fuß auf jene Ländereien setzen, die jahrzehntelang hinter Mauern und Stacheldraht verborgen waren. Mit einem Shuttle-Service will die Autonomiebehörde Hunderttausende Schaulustige herankarren - zur Besichtigung des "befreiten palästinensischen Landes".
Über zwei Millionen Dollar lässt sich die klamme Palästinenserführung das Spektakel kosten, inklusive 350 000 eilig genähter Flaggen, Basketballmützen mit dem National-Emblem sowie weißer Gratis-T-Shirts - wahlweise mit dem Aufdruck "Sieg und Befreiung" versehen oder dem Konterfei Arafats. Geht es nach der Autonomiebehörde, werden sich auch die islamistischen
Milizgruppen einreihen. Der "historische Tag", so Fatah-Führer Awad, soll eine Schau der nationalen Einheit sein. Ihr Motto: "Eine Flagge, ein Volk, ein Land".
Doch bevor die Palästinenser in nationale Euphorie verfallen, ist Geduld gefordert. Womöglich frühestens in zwei Monaten, so der israelische Verteidigungsminister Schaul Mofas, könnten die geräumten Siedlungsgebiete übergeben werden.
Das Tempo allerdings, das Israel vergangene Woche bei der Evakuierung der Siedler vorlegte, beeindruckte selbst Kritiker des jüdischen Staates. Mit einer Blitz-Offensive räumte die Armee binnen drei Tagen fast alle der 21 Siedlungen, die nach der Eroberung des Gebiets im Sechs-Tage-Krieg 1967 entstanden waren.
Der Aufmarsch war eindrucksvoll. In kilometerlangen Kolonnen rückten die Streitkräfte am Mittwoch in die Siedlungen ein. Ihr Auftrag: jene Bewohner, die nicht freiwillig abziehen wollten, zwangsweise aus den Häusern zu holen.
Von blutigen Konfrontationen, ja einem "nationalen Trauma" war zuvor die Rede gewesen. Doch die heikle Operation lief zumindest bis Ende vergangener Woche weitaus friedlicher ab als erwartet. "Ich bin stolz, wie unsere Sicherheitskräfte agieren", lobte Premier Ariel Scharon tief zufrieden die Soldaten und die Polizei.
Allerdings: In den Hochburgen der Abzugsgegner stießen sie tatsächlich auf erbitterten Widerstand. In Kfar Darom mussten sich die Sicherheitskräfte nach stundenlanger Belagerung sogar in einen Container zwängen und am Kranhaken auf das Dach der Synagoge hieven lassen, wo sich Hunderte teilweise gewalttätige Aktivisten verschanzt hielten. Bis zum Schluss hatten die Siedler auf himmlische Hilfe gehofft.
Auch in Neve Dekalim, der idyllischen Hauptstadt mit Palmen, üppigen Gärten und komfortablen Bungalows. Beißender Rauch stieg dort von eigens errichteten Müllbarrikaden auf, als das Militär Einzug hielt, und hüllte die von der Polizei geschützten Umzugswagen für die Möbel ein. In der Synagoge hatte ein Prediger Hunderten Jugendlichen gerade noch erklärt, wie sie sich auf den Boden legen und dann nach jüdischer Sitte ihre Kleider einreißen sollten - als Zeichen der Trauer. Doch auch Ober-Rabbiner Jigal Kamenezki musste schließlich eingestehen, "dass das erhoffte Wunder ausgeblieben ist: Der Allmächtige hat etwas anderes für uns bestimmt".
Der Abzug stürzt Israels nationalreligiöses Lager, dem der Großteil der Siedler zuzurechnen ist, in eine Krise. Für jene, die selbst Gaza als Teil des verheißenen Landes sehen, verstößt Scharon mit dem Rückzug gegen die Halacha, das jüdische Religionsgesetz. "Die Tora verbietet uns, auch nur einen Quadratmeter des von Gott geschenkten Landes an Fremde zu geben", hatten die Gaza-Rabbiner ihren Gemeinden eingeschärft. Viele Siedler sind nun vom Staat enttäuscht: "Emotional ist für mich etwas zerbrochen", so die Sprecherin von Schirat Hajam, Chana Pikar.
Von einer Niederlage wollen die Siedler trotzdem nicht sprechen. "Unser Traum ist nicht zu Ende", sagt Natan Dreyfus, der zur Unterstützung der Widerständler aus dem Westjordanland in den Gaza-Streifen gekommen ist: "Es ist eher ein Rückschlag, unsere Ideologie bleibt." Dreyfus glaubt, dass Scharon auch weitere Siedlungen im Westjordanland räumen wird.
Tatsächlich hat Israel mit der erfolgreichen Gaza-Operation bewiesen, dass die Aufgabe von Siedlungen möglich ist - ohne Blutvergießen und Bürgerkrieg. Für die Siedler dagegen wiegt der Abzug umso schwerer, weil er auch den Abschied von einem lieb gewonnenen Sonderstatus bedeutet. Jahrzehntelang lebten sie mit üppiger staatlicher Förderung in kleinen, eng- vernetzten Gemeinschaften. Nun müssen sie aus großzügigen Bungalows mit Meeresblick in die israelische Normalität umziehen - und mit vielfach bescheideneren Wohnungen zurechtkommen.
Die Wut und der Frust der Evakuierten richtete sich vergangene Woche gegen Armee und Polizei. Als "Verräter", "Nazis", ja als "Schande für unser Land" wurden die Soldaten beschimpft. Mit Tränen und Klageliedern versuchten vor allem zugereiste Protestler, die Armeeangehörigen zur Befehlsverweigerung zu drängen. Ein Siedler streckte den Soldaten sogar sein weinendes Kind entgegen: "Hier, nimm meine Tochter und deportiere sie." Meist ließen die in monatelangem Spezialtraining geschulten Sicherheitskräfte die Provokationen mit stoischer Miene über sich ergehen. Etliche allerdings brachen in Tränen aus, manche mussten vom Dienst befreit werden.
Doch viele Soldaten diskutierten auch mit den Siedlern, trösteten sie oder halfen beim Packen. Manche weinten sogar mit ihnen. "Diese Operation ist einmalig in der
modernen Militärgeschichte", schwärmt Scharon-Sprecher Raanan Gissin.
Auch das Ausland applaudierte, Großbritanniens Premier Tony Blair, der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki und der türkische Premier Tayyip Erdogan spendeten Lob für den Mut der israelischen Führung. Nun hänge der Frieden davon ab, "den Palästinensern die Möglichkeit zu geben, einen unabhängigen Staat zu bilden - und Israel die Chance, in Frieden und Sicherheit zu leben", schrieb Marokkos König Mohammed VI. versöhnlich.
Doch ist der Abzug der Israelis für die Palästinenser tatsächlich der erste Schritt in die erträumte Unabhängigkeit - und der 365 Quadratkilometer große Gaza-Streifen mit seiner Armut wirklich die Keimzelle ihres künftigen Staats? Die internationale Gemeinschaft hofft auf die Rückkehr zum Friedensprozess. Verstreicht diese Chance ungenutzt, könnte die Region erneut in Terror und Gewalt zurückfallen - und womöglich sogar in eine dritte Intifada.
Schon drängt US-Außenministerin Condoleezza Rice auf weitere Zugeständnisse Israels. "Jeder hat Mitgefühl für das, was die Israelis gerade durchmachen, aber es kann nicht beim Gaza-Streifen bleiben", kommentierte sie den Abzug der Siedler. Das ist ganz im Sinne der Palästinenser im Westjordanland.
Ariel Scharon dagegen sieht nach dem Entgegenkommen in Gaza die Bringschuld bei den Palästinensern. Die müssten, energischer noch, den Terror bekämpfen: "Strecken sie die Hand zu uns in Frieden aus, werden wir mit einem Olivenzweig antworten. Wählen sie aber das Feuer, werden wir härter antworten als je zuvor."
Palästinenserpräsident Mahmud Abbas verfolgt im Unterschied zu Vorgänger Jassir Arafat einen gewaltfreien Kurs. Für ihn hat der Terror aus den eigenen Reihen der palästinensischen Sache schwer geschadet. Zwar halten die Extremisten, mit denen er sich auf eine Waffenruhe verständigen konnte, bislang weitgehend still. Doch selbst seine Anhänger zweifeln, ob die Feuerpause den Abzug der Siedler überdauern wird.
Die Islamisten von Hamas und Islamischem Dschihad sind den offiziellen Sicherheitskräften allein schon mit ihrer geballten Feuermacht überlegen. Zum Beweis ihrer Stärke ließen die Gotteskämpfer vergangene Woche im Sportstadion des Flüchtlingslagers Dschabalija uniformierte Rekruten ihrer angeblich 40 000 Mann starken "Volksarmee" aufmarschieren, bewaffnet mit Kalaschnikows und Granatwerfern. Höhepunkt der Militärshow: die simulierte Erstürmung einer jüdischen Siedlung.
Mit schwülstiger Kriegsprosa priesen Hardliner die Opfer der Intifada, das Blut der Märtyrer sei "nicht umsonst vergossen". Den Rückzug der Israelis feiern sie als "Sieg des Widerstands", unverhüllt rufen sie zur "Eskalation des Heiligen Kriegs" auf.
Das nächste Schlachtfeld, so die Extremisten, werde das Westjordanland mit den dort verbliebenen 250 000 Siedlern sein. Ziel könnten aber auch wieder Israelis im Kernland werden. Die Kampfansage der Hamas: "Zionisten, verlasst unser Land."
Ismail Abu Midein lehnt diese Gewaltparolen ab. Der 41-jährige Bauer am Ortsrand von Gaza-Stadt träumt von einer friedlichen Zukunft Palästinas, persönlich hat er ein bescheidenes Ziel: Er will bald wieder auf seinen Grund und Boden zurück, auf dem er bis vor vier Jahren Tomaten, Gurken und Pfefferschoten anbaute. Weil ein Großteil seines 120 Hektar großen Besitzes an die nur 800 Meter entfernte jüdische Siedlung Nezarim angrenzte, wurden die fruchtbaren Äcker samt Brunnen und Bewässerungsanlagen damals von Armeebulldozern plattgewalzt und die Gemüsefelder zur militärischen Sperrzone umgepflügt. Dennoch ist der Vater von acht Kindern den abziehenden Besatzern nicht gram. "Wir sind Nachbarn und können in Frieden miteinander auskommen. Was wir wollen ist ein Leben in Ruhe und Sicherheit."
Das trifft eine verbreitete Stimmung unter den 1,4 Millionen Palästinensern im Gaza-Streifen. Zermürbt durch Israels Panzervorstöße und Feuerüberfälle, verbittert durch die Willkür bei Hausdurchsuchungen und Straßensperren, aber auch die Attacken der eigenen Milizen, sehnen sich die meisten nach Normalität, Bewegungsfreiheit, Lohn und Brot.
"Erst mit der Hoffnung auf Wohlstand wird hier politische Stabilität einkehren", sagt Siad al-Bandak. Dafür bedürfe es aber weiterer Leistungen von Seiten Israels, so der in Dresden ausgebildete Elektroingenieur, der Abbas als Tourismusminister dient: "Wir brauchen offene Übergänge sowie einen See- und einen Flughafen." Doch bislang ist unklar, wie durchlässig Israel die Grenzen machen wird. "Der freie Verkehr von Im- und Exporten muss garantiert sein", fordert Wirtschaftsminister Masin Sunukrut.
Noch stecken die Palästinenser in einer desolaten Wirtschaftslage. Zwar haben sowohl die Türkei wie auch China Interesse am Aufbau eines Industrieparks bekundet. Die G-8-Staaten versprachen zudem eine Wiederaufbauhilfe von bis zu drei Milliarden US-Dollar, die Vereinigten Arabischen Emirate kündigten sogar eine 100-Millionen-Dollar-Spende zum Bau einer völlig neuen Stadt an.
Doch die bisher einzig konkrete Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ist die Beseitigung von 80 000 Tonnen Schutt: Das ist der Rest jener Häuser und Lagerhallen, die in den jüdischen Siedlungen zurückgeblieben sind. Beton, Ziegel und Holz sollen säuberlich getrennt und recycelt werden. "Das gibt vor allem Arbeit für unsere Fuhrunternehmer", freut sich Sunukrut.
Der Abtransport könnte sich hinziehen, bis Anfang nächsten Jahres vielleicht oder sogar noch länger. So lange will Abd al-Hakim Awad, der Führer der Fatah-Jugend, mit seinem Freudenfest natürlich nicht warten: "Dann feiern wir eben auf den Ruinen der Israelis." ANNETTE GROSSBONGARDT,
STEFAN SIMONS
Von Grossbongardt, Annette, Simons, Stefan

DER SPIEGEL 34/2005
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