22.08.2005

INTERNETSchwatzen, Schrillen, Schreien

Buchwelt und Internet wachsen zusammen: Der Online-Händler Amazon will in den nächsten Jahren Hunderttausende Werke digitalisieren, die Suchmaschine Google sogar 15 Millionen. Wie kann sich Europa gegen die Dominanz der amerikanischen Netzgiganten behaupten?
Wer früher auf die Geräuschkulisse einer Bibliothek lauschte, vernahm vielleicht das Rascheln von Papier, das Kratzen von Stiften, geflüsterte Fachdiskussionen. Heute kommen noch andere Töne hinzu: Es zischt, klickt und sirrt in einem entlegenen Trakt der altehrwürdigen Universitätsbibliothek zu Göttingen, gegründet 1734. So klingt es, wenn das alte Europa auf die neuen Medien trifft.
Ein alter Foliant liegt aufgeschlagen unter grellen Lampen wie auf einem Operationstisch. Eine Bibliothekarin fokussiert die Linse, kontrolliert das Bild auf einem Computermonitor, löst den Scanner aus. Sie tippt mit dem Fuß das linke Pedal an, die Glasplatte hebt sich zischend, sie blättert um, die Platte senkt sich sirrend auf die Buchwippe. Klick. Bis zu 300 Seiten können so pro Stunde von der Buchwelt ins Internet geschleust, Zeichen aus Druckerschwärze in Einsen und Nullen verwandelt werden.
Die Arbeit im Digitalisierungszentrum der Universitätsbibliothek Göttingen geht stetig voran. Über vier Millionen Seiten aus Zeitschriften und Tausenden von Buchbänden haben die derzeit neun Vollzeitkräfte digitalisiert und auf die Server überspielt, in Sekundenschnelle abrufbar von jedem angeschlossenen Rechner. Doch zufrieden ist der Verantwortliche nicht.
"Es ist zum Verzweifeln", sagt Elmar Mittler, der Leiter der Bibliothek. Oft redet er so leise, dass man sich vorbeugen muss, um ihn zu verstehen. Doch nun schlägt er mit der Hand auf den Tisch: "Es ist unfassbar, wie Deutschland seine Position verspielt bei der Digitalisierung. Andere machen Tempo, wir machen Gutachten."
Mittler, 65, gilt als streitbarer Vordenker auf diesem Gebiet. Mitte der Neunziger baute er einen der ersten deutschen digitalen Verbundkataloge auf. Im Jahr 2000 stellte sein Team dann die elektronische Version einer der Gutenberg-Bibeln aus dem 15. Jahrhundert ins Internet, alle 1282 Seiten in voller Farbe und höchster Qualität (www.gutenbergdigital.de). Das Angebot wurde in der Zeitung "USA Today" als vielleicht beste Website zum Gutenberg-Jahr gefeiert. Die deutsche Öffentlichkeit hingegen nahm von dem Thema kaum Notiz.
Das könnte sich bald ändern. Denn derzeit ist ein fieberhafter Wettlauf ausgebrochen. Nach Online-Spielen, Blogs und Podcasting haben große Internet-Konzerne ein Medium ganz anderer Art für sich entdeckt: das gute alte Buch.
Vor allem die Ankündigung der Suchmaschine Google, das Buchwissen der Welt online verfügbar zu machen, sorgte für Aufsehen: Rund 15 Millionen Werke sollen bis 2015 digitalisiert und in eine Datenbank eingespeist werden, bislang sind es angeblich bereits "mehrere hunderttausend". Die Kosten für das Mammutprojekt dürften bei bis zu 200 Millionen Dollar liegen.
Wer fortan einen Suchbegriff wie zum Beispiel "Johannes Gutenberg" eingibt, wird nicht nur auf Websites verwiesen, sondern auch auf Fundstellen in Papierbüchern, komplett eingescannt als Volltext zugänglich, zumindest sofern es sich um "gemeinfreie" Bücher handelt, deren Urheberrechte also abgelaufen sind. Bei neuen Büchern dagegen müssen sich die Leser oft mit "Textschnipseln" begnügen, mehr lässt das Urheberrecht wohl nicht zu.
Die Kosten sollen zumindest teilweise durch gezielte Werbung aufgefangen werden: Wahlweise können sich die Nutzer nicht nur zu Bibliotheken weiterklicken, die das Buch ausleihen, sondern auch zu Verlagen und Buchläden.
Auch der Internet-Versandhändler Amazon bietet einen ähnlichen Dienst an: Über hunderttausend englischsprachige Bücher lassen sich bereits online auf Stichworte durchsuchen, und das soll nur der Auftakt sein. Seit Juli 2005 umfasst die Datenbank auch Deutschsprachiges von 120 Verlagen.
"Wer findet, der liest", so die Diagnose des Fachmagazins "Buchreport" zum Sog des Netzes: Angeblich steigert die Buchsuchmaschine den Absatz bei Krimis um 5 Prozent und bei Comics um 48 Prozent.
Mit dem Einstieg der amerikanischen Netzgiganten ins Business der Buchsuchmaschinen kündigt sich eine tiefgreifende Medienrevolution an: Der Buchdruck machte zwar die industrielle Verbreitung des Wissens möglich - doch erst die Volltextsuche automatisiert auch den Zugriff. Bislang lag die Gutenberg-Galaxie für die meisten Benutzer schwer zugänglich zwischen Buchdeckeln versteckt, vieles darin war verborgen wie die abgewandte Seite des Mondes. Wer sich zurechtfinden wollte, war darauf angewiesen, von belesenen Menschen einen Tipp zu bekommen, wo sich das Nachschlagen lohnt.
Noch sind die Buchsuchmaschinen zwar unvollständig, die Ergebnisse oft lächerlich schlecht. Doch das Potential ist gewaltig - ein erster Schritt zu einer Art Universalbibliothek, deren Portale Tag und Nacht für jedermann offen stehen, ganz gleich, ob in Göttingen oder in einem Johannesburger Internet-Café.
So schön dieser Traum einer digitalen Universalbibliothek auch sein mag, so heftig sind die Reaktionen der Fachwelt: Bibliothekare, Verlagsleiter und Buchhändler fühlen sich von der Marktmacht Amazons und Googles überrumpelt.
Vor allem Googles rüde Taktik stieß auf Kritik: Statt bei Verlagen um die Scan-Erlaubnis zu bitten, schuf der Konzern einfach Tatsachen. Dies Vorgehen sei ein "systematischer Verstoß gegen das Urheberrecht", schäumte der amerikanische Verband der Universitätsverlage.
Tatsächlich droht eine Klagewelle, auch von Autorenseite. Daher gab Google kürzlich einen einstweiligen Stopp beim Einscannen von urheberrechtlich problematischen Büchern bekannt - zumindest bis November. "Das wurde in der Presse oft fälschlich als Unterbrechung dargestellt", ärgert sich Jens Redmer von Google, "aber die umstrittenen Werke machen einen verschwindend geringen Anteil aus."
Die Kritiker indes lassen nicht locker. Der bekannteste Wortführer dieser Fraktion sitzt in Paris, in einem der Glastürme der Bibliothèque nationale de France (BnF). Man dürfe die Meinungshoheit nicht amerikanischen Privatfirmen überlassen, warnt Jean-Noël Jeanneney, Leiter der BnF. "Wenn Google Europa herausfordert", so lautet der Titel einer Streitschrift, die er im April auf Französisch veröffentlichte. Die Dominanz der englischsprachigen Literatur in den US-Datenbanken, warnt er, könne nicht nur die französische Sprache verdrängen, sondern auch europäische Wissens- und Rechtstraditionen.
Andere Skeptiker fürchten, die Buchsuche könne kostenpflichtig werden, wenn Google in finanzielle Schwierigkeiten geraten
sollte. Oder schlimmer noch: Die Suchergebnisse könnten zugunsten zahlungswilliger Verlage manipuliert werden. Auch stellt sich die Frage, ob die Ranking-Methode von Google, die automatisch populäre Fundstellen noch populärer macht, nicht zu einer Monokultur führen würde.
Jeanneneys Forderung ist klar: Die europäischen Bibliotheken sollten Google mit einer eigenen Digitalisierungskampagne begegnen. Ein halbes Dutzend Staatschefs forderten im April den EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso auf, einen Aktionsplan zu erstellen. Doch die europäischen Mühlen mahlen langsam.
In der Tat fragt sich, ob die Europäer zur Gegenwehr überhaupt fähig sind. Zwar gibt es schon ein europäisches Bibliotheksportal namens "The European Library", doch das bietet lediglich einen wirren Flickenteppich einzelner nationaler Kataloge, vereinzelte digitalisierte Bücher in unterschiedlichsten Formaten, aber keine umfassende Volltextsuche.
Mitunter preschen einzelne Akteure vor: Jeanneney zum Beispiel ließ an der BnF ein Konvolut aus rund 70 000 französischen Werken digitalisieren. Doch der Zugriff auf die Datenbank namens "Gallica" ist langsam, kompliziert, lieblos und abschreckend.
Auch die deutsche Privatwirtschaft rührt sich. Von den amerikanischen Buchsuchmaschinen überrascht, erwägt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, einen dezentralen Verbund aus Verlagsservern aufzubauen, auf denen aktuelle Bücher in digitaler Form abrufbar gehalten werden. "Google könnte auf unsere Daten zugreifen, gegen eine Gebühr", schlägt Matthias Ulmer, der Leiter der zuständigen Arbeitsgruppe "Volltextsuche online", vor.
Doch als er seine Idee im Juni auf den Buchhändlertagen in Berlin vortrug, blieb die Stimmung im Saal skeptisch. Zudem bezweifeln Beobachter, dass die ohnehin gebeutelten Verlage überhaupt in der Lage sind, den Technikexperten von Google Paroli zu bieten in puncto Suchgeschwindigkeit, Verfügbarkeit und Logistik.
Der technische Rückstand ist umso erstaunlicher, als Deutschland ursprünglich im internationalen Vergleich einen guten Start hinlegte. Seit 1997 schon finanziert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit rund 28 Millionen Euro mehr als 90 Digitalisierungsinitiativen quer übers Land verstreut.
Im Januar zogen die Gutachter Bilanz - der Evaluierungsbericht fiel vernichtend aus: Kaum jemand kenne oder nutze die geförderten Websites, viele Projekte seien "im Internet so gut wie unsichtbar", das Angebot sei fragmentiert, es gebe "nur minimale Synergieeffekte". Wenn die Probleme nicht behoben werden, "sollte die weitere Förderung im Umfang mindestens stark eingeschränkt werden", so das Fazit.
Ein großer Kritikpunkt: Ein gemeinsames Portal fehle noch immer. Vor allem aber mangelt es am Blick auf die Benutzerbedürfnisse. Bisher, so Ralf Goebel von der DFG, sei eben mehr auf Klasse als auf Masse gesetzt worden. Anders gesagt: Es ging eher darum, wertvolle Bestände "konservatorisch" zu scannen, um sie zu schonen und seltener ausleihen zu müssen. Die Google-Offensive erscheint im Vergleich wie der Inbegriff von Nutzernähe.
"Man hatte bei der DFG bislang nicht den Plan und den langen Atem, um all die wunderbaren Digitalisierungsprojekte bis zur Marktreife zu bringen", konstatiert auch der Göttinger Experte Mittler. Sogar das von ihm geleitete Digitalisierungszentrum selbst hat es bislang versäumt, die eingescannten Texte als Volltexte durchsuchbar zu machen - dafür habe das Geld und der politische Wille gefehlt, so Mittler.
Dabei könnte sich die Investition durchaus lohnen: Eine moderne Forschungsbibliothek ist ein Standortfaktor und Aushängeschild, das gute Forscher und Studenten anlockt, so wie auch die Göttinger Bibliothek nach ihrer Gründung vor über 250 Jahren klügste Köpfe anzog: Lessing, Kant, Herder, Goethe. Heinrich Heine verewigte den Lesesaal in der umgewidmeten Paulinerkirche sogar im berühmten Bibliothekstraum seiner "Harzreise": Eine Horde selbstgefälliger Gelehrter verfolgt darin den Träumer mit "Schwatzen und Schrillen und Schreien" über allerlei "neuergrübelte Systemchen oder Hypotheschen".
Manchmal, wenn Mittler abends noch einmal durch den historischen Lesesaal geht, erinnert ihn Heines Traumszene an die deutsche Digitalisierungslandschaft mit all ihren Systemchen und Projektchen und ihrer akademischen Weltvergessenheit.
Noch, so glaubt er, wäre ein Erwachen aus diesem Bibliotheksalptraum möglich: "Wenn wir sicherstellen wollen, dass die deutsche Literatur im Internet nicht komplett untergeht, müssten wir spätestens Anfang nächsten Jahres ein großes Digitalisierungsprojekt in Deutschland starten."
Wahrscheinlicher ist indes, dass das Wettrennen zwischen Amerika und Europa, zwischen privat und öffentlich, am Ende auf eine Kooperation hinausläuft. Bibliotheken und Verlage könnten die Inhalte liefern, die sie allein ohnehin nicht erschließen können, und Google steuert Geld und Technik bei.
Bereits heute wertet Google die Bestände von fünf Bibliotheken in den USA und Großbritannien aus und überlässt diesen im Gegenzug Digitalkopien. "Wenn wir ein ähnliches Angebot bekämen, wäre es schwer, nein zu sagen", gibt Elmar Mittler zu.
So ging es auch den Verantwortlichen der altehrwürdigen Bodleian Library in Oxford. Seit Anfang August richtet Google in den Räumen der Bibliothek seine erste europäische Digitalisierungsmanufaktur ein, im Oktober soll das Scannen beginnen.
Doch für weitere Projekte, zum Beispiel in Deutschland, sei derzeit kaum mehr Kapazität frei, sagt der Google-Buchexperte Redmer: "Wir scannen schließlich nicht aus Spaß, sondern aus Notwendigkeit. Wir müssen Prioritäten setzen."
Sein Trost: In Oxford stünden schließlich auch Texte in anderen Sprachen, einige davon auch auf Deutsch. HILMAR SCHMUNDT
* Im Lesesaal der Göttinger Universitätsbibliothek.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 34/2005
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