12.05.1975

DDR/ZEITGESCHICHTEMit Hammer und Strick

Wo verbrachte Erich Honecker die letzten Kriegswochen? Der SED-Chef hat bisher keine eindeutige Klärung der Frage zugelassen, ob er von den Sowjets im Zuchthaus Brandenburg befreit wurde.
Festakt im Havel-Städtchen Brandenburg zum "30. Jahrestag der Befreiung des faschistischen Zuchthauses Brandenburg-Görden", 80 000 Teilnehmer. Auf der Rednertribüne erinnert sich SED-Chef Erich Honecker: "Unvergessen bleibt die Begeisterung, mit der wir die Sowjetsoldaten in die Arme schlossen."
Tatsächlich aber ist bis heute unklar, ob Brandenburg-Häftling Honecker, vom NS-Volksgerichtshof wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" im Juni 1937 zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, dabei war, als am 27. April 1945 die sowjetischen Befreier die Zuchthaustore öffneten. Ex-Mithäftlinge, die sich noch an den kommunistischen Jugendfunktionär von der Saar, der auch als Arzt-Kalfaktor Dienst tat, erinnern können, wollen wissen: "In den letzten Wochen war der Honecker-Erich nicht mehr in Brandenburg."
Wera Küchenmeister, eine Partei-Schriftstellerin, stützt diese Version. Sie schrieb bereits 1969 unwidersprochen über Honeckers letzte Kriegswochen: "Er erlebte sie in unserem Hause" in Berlin. Dagegen hatte der damalige FDJ-Chef schon 1954 -- wie jetzt bei
Bei der Feier zum "30. Jahrestag der Befreiung".
der Befreiungsfeier -- in einem Brief an Jungwähler behauptet, er sei "ins Zuchthaus Brandenburg verschleppt' worden, "wo mich 1945 die Soldaten der ruhmreichen Sowjetarmee befreiten".
Diese Lesart bestätigte einige Jahre später das DDR-',Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer" auch dem früheren FDJ-Funktionär und späteren westdeutschen Honecker-Biographen Heinz Lippmann. Lippmann aber hielt sich an Wera Küchenmeister, die berichtet hatte, daß dem Häftling Anfang März 1945 die Flucht von einem Zuchthaus-Außenkommando gelungen sei.
Honeckers Vergangenheits-Retusche erklärt Lippmann so: Die mit der illegalen Partei-Leitung des Zuchthauses nicht abgestimmte Flucht von einem Außenkommando hätte die im Knast arbeitenden KP-Zellen erheblich gefährden können. Nach 1945 sei deshalb gegen Erich Honecker ein Parteiverfahren eingeleitet, jedoch mangels Beweisen eingestellt worden. Lippmann: "Dennoch wollte Erich Honecker später an diese Episode nicht gern erinnert werden, denn er war immerhin von der Parteizentrale wegen seines undisziplinierten Verhaltens gerügt worden."
Erst im vergangenen Jahr unternahm dann ein SED-Genosse den Versuch, die beiden unterschiedlichen Versionen, wie Honecker das Kriegsende erlebte, miteinander zu versöhnen. Erich Hanke, 64, gelernter Maurer und später Marxismus-Professor in der DDR-Hauptstadt, beschrieb in seinen "Erinnerungen eines Illegalen" die gemeinsame Flucht von einem Handwerker-Außenkommando.
Dieser Häftlingstrupp hatte den Auftrag, Bombenschäden in Berlin zu beseitigen. Zunächst noch täglich vom Zuchthaus abgeholt und abends dorthin zurückgebracht, wurde er später fest im Berliner Frauengefängnis in der Barnimstraße stationiert. Als diese Kolonne etwa Mitte 1944 in der Nähe des Potsdamer Platzes eine Dachreparatur durchzuführen hatte, empfahl Hanke dem Kommandoführer und SS-Hauptsturmführer Seraphin "einen guten Fachmann. er heißt Honecker".
Die gemeinsame Zwangsarbeit unter anderem am halbzerstörten Volksgerichtshof ließ den Maurer Hanke rasch die "hervorragenden Qualitäten" des Dachdeckers Honecker erkennen: "Bescheidenheit, Sinn für Gerechtigkeit. die Fähigkeit, für das Wohl des Volkes jedes persönliche Opfer zu bringen, Mut, Willenskraft und Energie" beeindruckten ihn ebenso wie die "große Intelligenz" und "das umfangreiche Wissen" des Leidensgefährten. Die beiden Genossen beschlossen, "vom Kommando zu fliehen
Eine günstige Gelegenheit ergab sich am 6. März. Mit einem Maurereimer, in dem ein Meißel. ein Hammer. ein langer Strick und die Tagesration Brot steckten, flüchteten Hanke und Honecker aus dem Frauen-Jugendgefängnis in der Lichtenberger Magdalenenstraße -- heute Domizil des DDR-Staatssicherheitsdienstes.
Die erste Nacht verbrachten sie in einem halb verschütteten Keller am Belle-Alliance-Platz. Die gelben Streifen ihrer Zuchthausmontur hatten sie zuvor umgenäht. Am nächsten Tag half ihnen eine Genossin aus Neukölln weiter, und am 9. März beschlossen sie, sich vorläufig zu trennen.
"Etwa 14 Tage später", so erinnert sich Hanke, also um den 23. März herum, "geriet Erich wieder in die Hände der faschistischen Justiz. Er hatte aber großes Glück im Unglück. Er wurde ins Zuchthaus Brandenburg-Görden gebracht und überlebte, Als die Sowjetarmee nach Brandenburg vorstieß, schlug auch für ihn die Befreiungsstunde,"
Obwohl Hankes Darstellung der Wahrheit offenbar näher kommt als Honeckers eigene Aussagen, läßt sie mehr Fragen offen, als sie beantwortet. zum Beispiel: Wieso geriet Honecker "in die Hände der Justiz" und nicht. was in diesen letzten Kriegstagen -- zumal bei einem entflohenen Hochverräter -- wahrscheinlicher gewesen wäre, in die der Gestapo? Und weshalb wurde er nicht einfach liquidiert, sondern nach Brandenburg zurückgeschickt?
Die neuen Ungereimtheiten mögen denn auch die drei DDR-Autoren des jüngsten Brandenburg-Buches ("Gesprengte Fesseln") davon abgehalten haben, die Fluchtgeschichte überhaupt zu erwähnen. Statt dessen heißt es in diesem Bericht des "Arbeitsausschusses der ehemaligen politischen Gefangenen des faschistischen Zuchthauses Brandenburg-Görden" lapidar: "Genosse Erich Honecker war 1944 und 1945 mit anderen Gefangenen der Baukolonne in Berlin eingesetzt ... Diese Baukolonne, und mit ihr Erich Honecker, kam einige Tage vor dem Zusammenbruch des Faschismus wieder ins Zuchthaus zurück."
Politischer Opportunität und damit den heutigen Machtverhältnissen in der DDR fühlten sich die Berichterstatter auch an anderer Stelle verpflichtet. So wird mit keiner Silbe die Widerstandsarbeit des Brandenburg-Häftlings Robert Havemann erwähnt, der für seine Genossen einen Kurzwellenempfänger baute, täglich zwei Exemplare der illegalen Zeitung "Der Draht" tippte und in seinem Knast-Labor Schwelkerzen und Sprengsätze für einen geplanten Aufstand herstellte.
Im Erinnerungsbuch unterschlagen, durfte Havemann, der 1964 wegen seiner Kritik am DDR-Sozialismus seinen Ost-Berliner Lehrstuhl verlor und aus der SED ausgeschlossen wurde, folgerichtig auch am diesjährigen Festakt nicht teilnehmen.
"Ich selbst"' offenbarte Max Frenzel, Mitautor der "Gesprengten Fesseln", dem einstigen Zuchthauskameraden Havemann am Telephon, "habe im Komitee dafür gesprochen, dich nicht einzuladen, weil du dich von unserer Sache losgesagt hast." Andere "alte Brandenburger", so Havenmann' fänden allerdings, "daß das bei so einer Sache doch nicht zählt: Da zählt nur, was damals war, und das war in Ordnung".
Bei den früheren Befreiungsfeiern hatten nicht einmal Politbüro-Mitglieder Einwände gegen die Anwesenheit des alten Kampfgefährten. Vor zehn Jahren noch ließ der Vorsitzende des DDR-Volkswirtschaftsrates' Alfred ("Ah") Neumann, den kurz zuvor zum Partei-Schädling erklärten Havemann an seinen Tisch bitten, um mit ihm ein Glas Wein auf die gemeinsam erlittene Zuchthaus-Zeit zu leeren. Und Neumanns Tischnachbar. der stellvertretende Spionage-Chef Hans ("Hanne") Fruck, erfuhr lebhaften Widerspruch, als er den Herbeigerufenen abkanzelte: "Hier bei den alten Brandenburgern wirst du mit deinen Ideen keinen Anklang finden, Robert."
Inzwischen wurde Havemann, Gründungsmitglied des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer, aus der Mitgliederliste gestrichen.

DER SPIEGEL 20/1975
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