12.05.1975

TERRORISTENMancher kommt durch

Der Bombenleger Siegfried Hausner wurde, schwerverletzt, von schwedischen Behörden in die Bundesrepublik abgeschoben -- zu früh? Hausner starb.
Fast 90 Stunden lang war der Terrorist bewußtlos. Als Siegfried Hausner, 23, schwerverletzt beim Anschlag auf die deutsche Botschaft in Stockholm, im Karolinska-Krankenhaus wieder zu sich kam, wurde er mit amtlicher Nachricht konfrontiert: Er werde abgeschoben in die Bundesrepublik.
Ob der halbverbrannte Hausner (40 Prozent Hautverlust, vermutlich Schädelbruch) in der Lage war, sich dazu zu äußern, ob er überhaupt begriff, was man ihm bedeutete, blieb ungeklärt. Er hatte jedenfalls "keine Einwände". wie ein schwedischer Regierungssprecher lakonisch bemerkte, und es war offenkundig, daß die Benachrichtigungsprozedur am Krankenbett nur vollzogen worden war, um formell dem Gesetz Genüge zu tun: nach schwedischem Recht hat einer Ausweisung ein sogenanntes Ausweisungsverhör voraufzugehen.
In der Sache ließ Schwedens Regierung keinen Zweifel aufkommen: Man wollte den Terroristen schnellstens loswerden.
Tags darauf wurde Hausner denn auch ausgeflogen, wie zuvor die anderen Anarchisten vom "Kommando Holgers Meins", und noch einmal fünf Tage später war er tot. Ob er am Leben geblieben wäre, wenn ihn die Schweden vorerst im Lande belassen und ihm die nach internationalem Standard hervorragende brandmedizinische Betreuung der schwedischen Spezialklinik hätten zuteil werden lassen, ist seit letzter Woche Gespräch mindestens unter Medizinern.
Die Stockholmer Zeitung "Expressen" zitierte einen schwedischen Brandwunden-Spezialisten, der die Verlegung Hausners schlicht als "reines Todesurteil" bezeichnete, und ein deutscher Mediziner, der gleichfalls anonym bleiben wollte, fand ohne Umschweife: "Ein Verbrechen, was man mit dem Mann gemacht hat." Freilich: Hausner war mit Billigung von drei schwedischen Ärzten ausgeflogen worden.
Tatsächlich erscheint der Transport auch eines schwer Brandverletzten möglich. Der Schock klingt nach zwei oder drei Tagen ab, und es tritt gewöhnlich eine wenn auch oft nur vorübergehende Phase der Besserung ein.
Hausner aber, der zum Teil Verletzungen dritten Grades -- vor allem im Gesicht, an Armen und Beinen hatte, wurde am fünften Tag transportiert. Er kam ins Gefängnislazarett Stuttgart-Stammheim' das zwar über eine Intensivstation verfügt (die zur Behandlung von Hungerstreikenden eingerichtet wurde), aber keineswegs auf spezielle Brandwundenabheilung vorbereitet war.
Gleichwohl hatte Anstaltsarzt Dr. Helmut Henck, ein Psychiater, Fachärzte aus der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Ludwigshafen herbeirufen lassen, die die von ihm eingeleitete Therapie -- Freiluftbehandlung, keine Verbände -- bestätigten. Noch einen Tag vor dem Exitus des Patienten hegte Henck Hoffnung: "Vielleicht bringen wir ihn durch, wenn keine zusätzlichen Komplikationen auftauchen."
Aber die Komplikationen stellten sich ein indem die Krankheit ihren geradezu typischen Verlauf nahm. Nach Abklingen des Schocks und einer kurzen Phase scheinbarer Erholung starb Hausner, so Psychiater Henck, "von einer Minute auf die andere" = ein Phänomen, das den Medizinern zwar längst geläufig war, für das sie aber bis vor kurzem keine fundierte Erklärung bieten konnten.
Erst 1973 entdeckte ein Forscher-Team der Universität Basel, daß die tödliche Krise im Befinden von Verbrennungsopfern durch Giftstoffe ausgelöst wird, die sich in den verschmorten Hautteilen bilden, Diese sogenannten Verbrennungstoxine werden von der toten Haut in den Kreislauf eingeschleust und wirken im Körper wie Krankheitserreger.
Als Gegenmittel hilft nur das sofortige Abtragen der verbrannten Haut bis auf die Muskelhaut -- wodurch wiederum die betroffenen Stellen schutzlos Infektionen ausgesetzt sind, die ebenfalls zum Tode führen können. Bombenleger Hausner starb an einem toxischen Lungenödem, das sich "fast explosionsartig" verbreitet hatte, wie es ein Arzt umschrieb. Und: "Manchmal kommt einer durch, meistens geht es schief."

DER SPIEGEL 20/1975
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