12.05.1975

„Jetzt wird Selbstbeherrschung verlangt“

Seit 30 Jahren gelten die Ausschreitungen sowjetischer Soldaten bei ihrem Einmarsch in Deutschland 1945 als eines der heikelsten Themen deutscher Zeitgeschichte. Die einen verdrängen sie im Interesse sozialistischer Blockbruderschaft, die anderen verteufeln sie als Auswirkung eines von Stalin geplanten Rachefeldzuges. Neue Sowjet-Dokumente beweisen, daß die Führung der Roten Armee versuchte, die Grausamkeiten zu stoppen.
Nur mit Mühe bahnte sich der Jeep des sowjetischen Leutnants einen Weg durch die brennenden, qualmenden und mit Leichen gefallener Soldaten übersäten Straßen ostpreußischer Städte. Jurij Uspenski, Offizier in der 2. Garde-Artillerie-Division der Roten Armee, sah die Szenen der Verwüstung nicht ohne Genugtuung: Die russischen Armeen rückten ein in Hitlers Deutschland
Im zerstörten Gumbinnen notierte sich Uspenski am 24. Januar 1945 in sein Tagebuch: "Unendliehe Kolonnen von Soldaten und Kraftwagen kommen hindurch: ein für uns herrliches, für den Feind aber bedrohliches Bild. Das ist die Rache für alles, was die Deutschen bei uns angerichtet haben. Jetzt werden ihre Städte vernichtet, und ihre Bevölkerung erfährt jetzt. was das bedeutet: Krieg!
Uspenskis Division zog weiter. Da sah der Leutnant zum erstenmal, was ihn fortan beschäftigen und beunruhigen sollte: verstümmelte Leichen deutseher Frauen und Kinder, offensichtlich ermordet von sowjetischen Soldaten.
Anfangs beruhigte sieh Uspenski: "Die Deutschen haben diese Greueltaten verdient, mit denen sie angefangen haben. Man braucht nur an (das deutsche Vernichtungslager) Maidanek und an die Theorie von dem Übermenschen zu denken, um zu verstehen, weshalb unsere Soldaten mit Befriedigung Ostpreußen in diesen Zustand versetzen. Gewiß, es ist unwahrscheinlich grausam, Kinder zu töten, aber dic deutsche Kaltblütigkeit in Maidanek ist hundertmal schlimmer gewesen."
Bald kamen ihm jedoch Zweifel. Am 2. Februar notierte er: "Gestern abend haben mir Soldaten der Division einige Sachen erzählt, die man keineswegs gutheißen kann." Uspenski erfuhr von Orgien betrunkener Rotarmisten, die sieh nachts auf Frauen und selbst 13jährige Mädchen stürzten und sie vergewaltigten.
Der Leutnant war entsetzt: "Man soll sich rächen, aber nicht mit dem Penis. sondern mit den Waffen. Aber die Vergewaltigung von Mädchen -- nein, das ist nicht zu billigen!"
Und je weiter die sowjetischen Angriffsverbände vordrangen, desto deutlicher erschloß sich Uspenski eine bittere Wahrheit: Rußlands Soldaten ließen eine breite Spur von Vergewaltigungen. Morden und Plünderungen zurück. Die Disziplin in der Roten Armee war zusammengebrochen, nur wenige Offiziere wagten es, sich den enthemmten Rotarmisten entgegenzustellen.
Erst allmählich fing die Armeeführung an, mit drakonischen Strafen Ordnung zu schaffen. Hoffnungsvoll schrieb sich Uspenski auf: "Die Soldaten haben vieles angerichtet! Aber dieses Vorgehen wird jetzt bekämpft. Man hat schon genug verwirtschaftet -- so daß sich die hiesigen Deutschen noch hundert Jahre lang bekreuzigen werden in der Erinnerung an den Winter 1944/ 45."
Leutnant Uspenski fiel im Frühjahr 1945 in Ostpreußen, sein Tagebuch geriet in dic Hände der deutschen Truppen. Seine letzte Eintragung erwies sich als Irrtum: Nicht hundert Jahre, sondern bereits drei Jahrzehnte nach Kriegsende sollen organisierte Deutsche im sowjetischen Machtbereich die schmerzlichen Erlebnisse während des Russen-Einmarsches verdrängen im Auftrag und zum höheren Wohl kommunistischer Staatsräson.
Wo immer die Agitprop-Aktivisten der DDR in den vergangenen Tagen die Festkomitees und Jubelbrigaden an sowjetischen Kriegerdenkmälern aufmarschieren ließen, um den "30. Jahrestag der Befreiung vom Hitler-Faschismus" zu feiern, war das heikle Thema sorgfältig ausgeklammert. Kein Wort erinnerte an die deutschen Kriegsopfer.
Geschichte als Manipulationsobjekt der Herrschenden selten ist sie perfekter gehandhabt worden. Und dennoch droht die Polit-Show gerade aufzurühren, was sie verdrängen sollte. Die düsteren Begleitumstände des Russen- Einmarsches, apokalyptische Grunderlebnisse einer Generation, kehren in die Erinnerungen der DDR-Bürger zurück.
Die DDR-Feiern belebten in der Tat alte antisowjetische Ressentiments und nährten damit nur die Behauptungen jener, die noch heute wähnen, die Ausschreitungen einzelner Rotarmisten seien Anzeichen eines von Stalin geplanten und von dem Publizisten Ilja Ehrenburg ("Tötet den Deutschen") formulierten Rache- und Vernichtungsprogramms gewesen.
Die Wiedererweckung solcher antirussischen Emotionen aber ist besonders gefährlich in einem Staat. dessen Führer die unerfreulichen Aspekte deutsch-sowjetischer Begegnung systematisch verschweigen, statt sie offen zur Diskussion zu stellen. Für die DDR bleiben die Ausschreitungen von 1945 tabu.
Dabei sind die sowjetischen Historiker und Militärs längst von den Propaganda-Klischees abgerückt. die noch die DDR-Feiern bestimmten. Bereits 1965 protestierten sowjetische Offiziere unter Führung des Armeegenerals Wladimir Iwanow gegen die denunziatorische Darstellung des deutschen Gegners in sowjetischen Geschichtsbüchern. Dazu der Leningrader Historiker Solomon Mogilewski: "Heute versuchen wir, einen Modus vivendi zu finden, um zu sagen, wie es wirklich war.
Auch in der Frage der Rotarmisten-Ausschreitungen scheint sich eine Wende anzubahnen, seit der sowjetische Pressedienst "APN" westdeutschen Redaktionen Artikel anbietet, in denen prominente sowjetische Autoren auch Plünderungen und Vergewaltigungen nicht verschweigen (siehe den nebenstehenden Beitrag von Lew Ginsburg). Selbst ein DDR-Historiker. Horst Schützler, wagte sich bereits mit der Feststellung vor, es habe "in moralischer Hinsicht unbeständige" Soldaten und Offiziere gegeben, "die der falschen Meinung waren, im faschistischen Deutschland sei ihnen alles erlaubt.
Noch halten freilich Rußlands Mili tärs die Akten des sowjetischen Verteidigungsminisleriums zurück. die mit einem Schlag die alte Ehrenburg-Legende zerstören könnten. Was die Akten enthalten, lassen sowjetische Dokumente erkennen, auf die kürzlich ein SPIEGEL-Redakteur bei zeitgeschichtlichen Forschungen in US-Archiven stieß: Befehle von Heeresgruppen- und Armeestäben, Kriegsgerichtsurteile, Tagebücher und Aussagen von Rotarmisten.
"Unerträgliche Ausschreitungen, Roheiten und Saufereien."
Das Material -- 1945 von Reinhard Gehlens Generalstabs-Abteilung "Fremde Heere Ost" erbeutet und dann in die Hände der US-Armee gefallen -- eröffnet einen Einblick in Mentalität und Leben der sowjetischen Soldaten bei Kriegsende. Es bestätigt zugleich, daß der zeitweilige Zusammenbruch der Disziplin in der Roten Armee die Ausschreitungen bewirkte.
Schon bei dem Vorstoß nach Rumänien im Herbst 1944 war es zu zahlreichen Auseinandersetzungen in der Truppe und zu Übergriffen gegenüber der fremden Bevölkerung gekommen.
Drei Jahre ununterbrochenen Krieges hatten in der Roten Armee ihr" Spuren hinterlassen: ein großer Teil der angestammten Offiziere gefallen, das Gros der Mannschaften erschöpft und durch unerfahrene Soldaten ergänzt, ohne Urlaub und ausreichende Ernährung und trotz sowjetischer Siege ohne Hoffnung auf eine rasche Kapitulation des Gegners.
Der Unmut der Soldaten entlud sich in alkoholischen und sexuellen Exzessen. Offiziere und Soldaten überfielen ihre Vorgesetzten, der Vormarsch wurde wiederholt durch Prügeleien verzögert, Soldaten verließen zeitweilig ihre Truppe. Hauptunruheherde: das XXIII. Panzerkorps, die 63. Kavallerie-Division, die Artillerie-Regimenter 1669 und 1443.
"Einzelne Rotarmisten, Sergeanten und Offiziere". rügte Marschall Malinowski, Oberbefehlshaber der 2. Ukrainischen Heeresgruppe, am 30. September 1944. "betrinken sich, besuchen unanständige Häuser, pflegen Verkehr mit zufälligen Frauen, verlieren ihre Dokumente, verraten Kriegsgeheimnisse ...
Besonders arg irritierte ihn, daß die Kommandeure die "unerträglichen Ausschreitungen mit unmotivierten Roheiten, Eigenmächtigkeiten und Saufereien" (so der Kommandeur der 63. Kavallerie-Division) nicht unterbanden, sie sogar "fördern", wie der Kommandierende General des XXIII. Panzerkorps feststellte.
Malinowski griff scharf durch. Es hagelte Verwarnungen und Kriegsgerichtsurteile, die Kontakte mit der Zivilbevölkerung wurden eingeschränkt und von jedem Soldaten bei strengster Strafe verlangt, er habe "im äußeren Auftreten beispielhafte militärische Würde und Haltung zu bewahren" (Malinowski-Befehl), "Erlaube Dir nichts,
was Deiner Ehre abträglich ist."
Doch schon bei der nächsten Station des sowjetischen Feldzuges, beim Einmarsch in Ungarn, lockerte sich die Disziplin erneut. Ein Aufruf des Kriegsrates der 3. Ukrainischen Heeresgruppe hatte zuvor jeden Rotarmisten ermahnt:
Tue der friedlichen Bevölkerung keine Kränkungen an. Erlaube Dir nichts, was Deiner Ehre abträglich sein und Deinen ruhmvollen Namen beflecken würde. Wo Du Dich auch befinden solltest, betrage Dich immer so, daß Dein Betragen die Achtung vor der Roten Armee und vor unserem großen Lande hervorruft. Mögen alle sehen, daß die Rote Armee die stärkste Armee ist und ihre Soldaten die tapferaten und kühnsten und zugleich die zivilisiertesten und diszipliniertesten
Gegen den Goodwill-Ukas verstießen nur allzu viele Rotarmisten. Die Plünderungen und Gewaltakte wurden so zahlreich, daß Rußlands gefürchtetes Innenministerium, das NKWD. Sondereinheiten entsandte, die mit Schuldigen hart umgingen, wo sie gefaßt wurden. Auch Gerichtsoffiziere wurden verstärkt eingesetzt. "Sobald sie ihre Tätigkeit beginnen, wird nicht mehr gestohlen und geraubt, denn die schweren Strafen wirken abschreckend" -- so ein übergelaufener Rotarmist zu deutschen Vernehmungsoffizieren.
Sowjetische Offiziere griffen zur Selbsthilfe und erschossen Vergewaltiger -.- nur gestützt auf den Ukas. jeder Rotarmist, ob Offizier oder einfacher Soldat, könne einen Kameraden töten, wenn der einen Stalin-Befehl breche. Auch kleinere Einheitsführer wurden jetzt belangt. Aus einem Befehl des 221. Haubitzen-Regiments:
Ich bestrafe den Führer des Verwaltungszuges mit acht Tagen Stubenarrest unter Zurückhaltung von 50 Prozent seiner Gebührnisse, weil er wiederholte Plünderungen, die sich seine Leute der Zivilbevölkerung gegenüber zuschulden kommen ließen, nicht unterbunden hat
Die Disziplin in der Roten Armee aber wurde vollends brüchig, als drei Heeresgruppen -- die 2. und 1. Belorussische und die 1. Ukrainische am 12. Januar 1945 aufbrachen, mit 2,5 Millionen Mann. 41 600 Geschützen rund 6250 Panzern die "Höhle des faschistischen Untiers" (Stalin- Befehl) zu vernichten: Die Sowjets drangen in Deutschland ein.
Es war der Tag, auf den alle sowjetischen Patrioten gewartet hatten. Keine deutsche Untat in Rußland. kein Massenverbrechen war vergessen: Die brutale Behandlung russischer Kriegsgefangener, die Massenvernichtung "jüdisch-bolschewistischer Untermenschen", die Ausbeutung der Bevölkerung in den besetzten Gebieten alles trieb die Rotarmisten zu furchtbarer Rache.
Zugleich riefen Propagandisten und Militärs die Sowjetsoldaten zur Vergeltung auf. Schilder verkündeten: "Rotarmist: Du stehst jetzt auf deutschem Boden -- die Stunde der Rache hat geschlagen!" Der Kriegsrat der 20. Armee verlangte, die "faschistischen blutigen Mörder" erbarmungslos auszurotten, Generaloberst Glagolew feuerte seine 31. Armee an: "Übt unbarmherzig Rache an den faschistischen Kindermördern und Henkern."
Bald freilich erkannten die nüchterneren Führer der Armee, daß eine solche Emotionalisierung die Disziplin der Truppe untergraben müsse. Die 2. Belorussische Heeresgruppe verbot in einem Befehl jedes Plündern in Ostpreußen, andere Orders stellten Vergewaltigungen und mutwilliges Zerstören deutschen Besitzes unter strenge Strafen.
Am 29. Januar ließ Marschall Schukow in allen Bataillonen seiner 1. Belorussischen Heeresgruppe einen Ukas verlesen, der es den Rotarmisten untersagte, "die deutsche Bevölkerung zu drangsalieren, die Wohnungen zu plündern und die Häuser niederzubrennen". Zugleich sollte die Verlesung eines schon früher erlassenen Stalin-Befehls den Warnungen vor Ausschreitungen Nachdruck geben:
Offiziere und Rotarmisten aller Truppen! Wir gehen jetzt ins feindliche Land, Von jedem wird Selbstbeherrschung verlangt, jeder hat tapfer zu sein, wie es einem Kämpfer der Roten Armee gebührt, Die auf von uns besetzt-am Gebiet zurückgebliebene Bevölkerung, unabhängig davon, ob es Deutsche, Tschechen oder Polen sind, soll nicht belästigt und nicht beleidigt werden, denn die Schuldigen werden nach Kriegsgesetzen bestraft. Im besetzten Feindgebiet darf kein intimer Verkehr mit Frauen stattfinden Für Mißhandlungen und Vergewaltigungen werden die Schuldigen erschossen. Zum erstenmal stellte sich jetzt auch das Verteidigungskommissariat offen gegen die Rache-Thesen Ehrenburgs. Am 9. Februar schrieb die "Krasnaja swesda", das Organ des Kommissariats: "Auge um Auge, Zahn um Zahn ist ein alter Spruch. Aber man muß ihn nicht wörtlich nehmen. Wenn die Deutschen marodierten und Frauen schändeten. heißt das nicht, daß wir dasselbe tun müssen. Das war niemals so und wird niemals so sein."
"Wir vernichten alles, was uns unter die Hand kommt."
Doch die Bremsbefehle kamen zu spät. Getrieben von dem Verlangen nach Vergeltung, fasziniert und irritiert vom Anblick des deutschen Wohlstands (Uspenski: "Endlich sind wir in ein reiches Land gekommen"), überrannten Sowjetsoldaten Städte und Dörfer im östlichen Deutschland.
"Wir schlagen den Deutschen in seinem Land". schrieb ein Soldat des 874. Schützen- Regiments an seine Mutter. "und vernichten alles, was uns unter die Hand kommt." Viele handelten wirklich so: Deutsche Kriegsgefangene wurden erschossen, Frauen, Greise und Kinder mißhandelt, Dörfer und Städte mutwillig in Brand gesetzt -- oft zum Ärger der mitmarschierenden polnischen Truppen, die von ihnen eroberte Städte noch nachträglich von Rotarmisten in Brand gesetzt sahen.
Leutnant Uspenski notierte: "Z. B. schlafen die Soldaten im Hause, dann gehen sie weg und zünden das Haus an oder zerschlagen sinnlos Spiegel und Möbel." Eintragung im Tagebuch des Leutnants Parassjuta vom VII. Garde-Panzerkorps: "In den Häusern ist alles durchwühlt und umhergeschmissen. Die Rache ist ausgezeichnet, aber sie ist noch zuwenig, wir gehen weiter, um noch mehr anzustellen."
Neue Eintragung: "Wir blieben über Nacht in Liegnitz. Hier haben wir gefeiert und geheiratet mit den deutschen Frauen. Wie man so sagt: "Willst oder nicht, aber gib es her!' Wir sind doch Russen und Rächer."
"Aus Berichten einer Reihe von verantwortlichen Personen", notierte das Hauptquartier der 2. Belorussischen Heeresgruppe' "ist zu ersehen, daß in einer Reihe von Einheiten und Verbänden die Führung der Truppe verlorengegangen ist. Soldaten und selbst Offiziere verlieren infolge von übermäßigem Alkoholgenuß ihre Truppe, begehen sogar Plünderungen." Bei der 1. Ukrainischen Heeresgruppe sah es nicht anders aus, wie ein Bericht vom 27. Januar 1945 illustriert:
Viele Angehörige der Roten Armee haben ihr soldatisches Aussehen verloren. Von ihrer Truppe abgekommen, fahren sie auf Fahrrädern und in Kutschen umher, Manche tragen Filzhute und Zylinder als Kopfbedeckung. Pferdefuhrwerke und Autofahrzeuge sind mit dem unmöglichsten Gerümpel einschließlich Hausrat überladen. Der Verbrauch des in großen Mengen erbeuteten Alkohols führt zu Saufgelagen, Ausschreitungen und Verbrechen.
Die 26. Garde-Schützen-Division konnte nicht rechtzeitig eingesetzt werden, weil ein Teil ihrer Soldaten betrunken und plündernd herumstreifte. Der betrunkene Unterleutnant Klechow beschoß mit seinem Panzer die Bedienungsmannschaften zweier Sowjet-Geschütze und tötete sie. Und die 5. Panzerarmee kam nicht voran, weil ihre Fahrzeuge Weinfässer geladen hatten.
Die OB der Heeresgruppen mußten eingreifen, wollten sie nicht ihre Operationen gefährden. Marschall Rokossowski befahl seiner 2. Belorussischen Heeresgruppe am 22. Januar, "diese für die Rote Armee schändlichen Erscheinungen mit glühendem Eisen auszumerzen". Rokossowski: "Ich verlange in kürzester Frist eine musterhafte Ordnung und eiserne Disziplin in allen Einheiten."
Auch Marschall Konew von der 1. Ukrainischen Heeresgruppe ordnete am 27. Januar "Sofortmaßnahmen gegen Brandstiftungen und sinnlose Zerstörung des vom Feinde zurückgelassenen Eigentums" an. Der Streifendienst der Armeen wurde verstärkt, Plünderungen und Vergewaltigungen erneut unter Todesstrafe gestellt, strenge Uniform-Kontrollen eingeführt. Tagesbefehl der 262. Infanterie-Division vom 1. Februar:
Es wird festgestellt, daß deutsche Uniformen von Offizieren und Mannschaften getragen werden. Dieses verstößt gegen die Ehre der russischen Uniform. Sämtliche deutschen Uniformstücke sind sofort abzulegen.
Die Militärstaatsanwälte der Armeen erhielten Order, mit ihren Untersuchungsrichtern "zu jeder Tages- und Nachtzeit" überraschende Besuche in Militärquartieren zu unternehmen. Oberstleutnant der Justiz Maljarow ermahnte die Militärstaatsanwälte der 48. Armee: "Gegen die Erschießung von Kriegsgefangenen ist entschieden vorzugehen."
Die Oberbefehlshaber drängten auch Politruks' bessere Arbeit zu leisten; bei ihnen herrsche "eine politische Sorglosigkeit, die jegliche bolschewistische Wachsamkeit vermissen läßt" -- so Armeegeneral Tschernjachowski. OB der ebenfalls nach Ostpreußen befohlenen 3. Belorussischen Heeresgruppe. Er beantragte die Ablösung seines Polit-Chefs und verlangte harte Erziehungsarbeit unter den Offizieren. da 30 Prozent aller Täter aus dem Offizierskorps stammten.
Nur allmählich konnte die militärische Führung ihre Truppe wieder in den Griff bekommen. Todesurteile der Kriegsgerichte und der verstärkte Einsatz der Polit-Instrukteure dämmten die Ausschreitungen ein. Als sich die Sowjettruppen Mitte April zum letzten Stoß gegen Berlin versammelten, hatte sich die Disziplin in den meisten Verbänden bereits etwas gebessert. Moskau: "Ehrenburgs Ansichten sind falsch,"
Immerhin war die Unruhe in den Einheiten noch so groß, daß die Marschälle um ein klärendes Wort der Kreml-Führung baten. Ein neuer Ehrenburg-Artikel mit leidenschaftlichen Kollektiv-Vorwürfen gegen die Deutschen ("Das sind Banditen, arrogante, feige Banditen") bot einen geeigneten Anlaß. Am 14. April erklärte der Chefideologe des Zentralkomitees der KPdSU. Georgij Alexandrow, in der "Prawda": "Der Artikel von Ehrenburg wurde offensichtlich schlecht durchdacht; außerdem sind seine Ansichten falsch. Man kann ihm nicht beipflichten, wenn er ganz Deutschland als "eine einzige riesengroße Bande' darstellt.
Mit dem 14. April 1945 begann offiziell eine neue Ära der deutsch-sowjetischen Beziehungen. Die Gulaschkanonen der Roten Armee, aus denen sich hier und da schon eingeschüchterte Deutsche labten. ließen erste Hoffnungen auf eine bessere Zukunft aufkommen.
Doch als die sowjetischen Truppen Berlin, die verhaßte Zentrale des Gegners, eroberten, brach wieder alle Disziplin zusammen. Über Berlin ergoß sich eine neue Welle der Vergewaltigungen und Plünderungen. Sie hielt sogar noch an, als die Truppen der westlichen Alliierten Stadtteile Berlins besetzten: Plündernde Rotarmisten zogen durch die von der Roten Armee offiziell geräumten Bezirke.
Die Lage wurde so unhaltbar, daß Marschall Schukow frische Verbände aus der Sowjet-Union anforderte. In Moskau wurde eine Elitedivision in Marsch gesetzt, die Schukow als Sicherungs- und Ordnungstruppe einsetzte. Erst dann hörten die Ausschreitungen auf.
Die Armeeführer waren jedoch vorsichtig genug, ihre Verbände aus den Städten herauszunehmen und in Gettos fern der Bevölkerung zu konzentrieren. Dort leben sie und ihre Nachfolger noch heute, für die Öffentlichkeit nur freigegeben, wenn die DDR ihre Festtage feiert und die Rotarmisten sich des alten Stalin-Spruchs erinnern dürfen, den schon Alexandrow zitierte: "Die Hitler kommen und gehen. aber das deutsche Volk bleibt."

DER SPIEGEL 20/1975
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 20/1975
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Jetzt wird Selbstbeherrschung verlangt“

  • Whistleblower Daniel Ellsberg: "Wartet nicht, bis die Bomben fallen"
  • Gelbwesten-Proteste in Paris: Demonstranten beleidigen bekannten Philosophen antisemitisch
  • Indonesien: Chaotische Evakuierung nach Flugzeug-Crash
  • Snowkiting: Deutscher Doppelsieg auf zugefrorenem Alpensee