12.05.1975

Sicher und versichert

Der DFB ist zugleich der größte und reichste Sportfachverband der Welt. Die unmäßige Prestige- und Repräsentationssucht seiner Funktionäre müssen die Zuschauer mit inflationären Preisen finanzieren.
An Kondition und Reichweite nimmt der Fußball-Funktionär es fast mit Henry Kissinger auf. Hermann Neuberger, Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), flog in den letzten drei Wochen nach Argentinien, Dakar und Warna am Schwarzmeerstrand, bevor ihn eine TV-Diskussion nach Baden-Baden zurücknötigte -- alles in dringlichen Fußballgeschäften.
"Ohne Funktionäre wäre Fußball nie zum beliebtesten Spiel der Welt geworden", verteidigte der bundesdeutsche Fußballpräsident (seit 1962) und Rechtsanwalt Dr. Hermann Gösmann. 71, den ramponierten Ruf der Fußball-Vielstarter. Sein Stellvertreter, der Saarbrücker Totodirektor Neuberger. 55: "Spieler sind zu ersetzen, aber ehrenamtlich tätige Funktionäre nicht."
So muß es wohl sein. Denn selten tauchen in den höchsten Rängen der Fußball-Hierarchie neue Gesichter auf. In 70 Jahren seit 1905 kam der DFB mit vier Präsidenten aus. Ihr Selbstwertgefühl ist unheilbar gesund. "Das Kaiserreich gehört der Geschichte an. Die Weimarer Republik mußte dem "Tausendjährigen Reich' weichen. Dieses sank in Trümmer", malte der vorletzte DFB-Präsident Dr. Peco Bauwens (1949 bis 1962) sein Geschichtsbild. "Aber der pralle Lederball rollte."
Zum Pfingstfest sitzt der künftige DFB-Präsident Neuberger auf der Frankfurter Ehrentribüne. Denn 1975 feiert der DFB sein 75. Stiftungsfest. Höhepunkt soll die Neuauflage des Weltmeisterschafts-Finales gegen Holland am Sonnabend werden. "Es ist, zugegeben, ein Traumjob", räumte der Weltreisende Neuberger ein. "Aber Familie und Gesundheit leiden sehr."
Nicht nur bei Neuberger. Je anziehender das Reiseziel der Nationalmannschaft, desto größer die mitjettende Funktionäre-Kompanie. "Wenn wir auf Bude lagen", erinnerte sich Alt-Nationalspieler Willi Schulz, "turnten die auf Barhockern und manchmal noch was Besserem herum." Die 3'5 Millionen Mitglieder stärkten den DFB zur einflußreichsten Sportmacht.
Allein zur WM 74 forderte der Fußballbund von Bonn, Ländern und Städten 250 Millionen Mark für den Neu- und Umbau von Stadien. Insgesamt stellen die aus Steuergeldern errichteten Fußball-Stätten einen Wert von nahezu einer Milliarde Mark dar. Im Deutschen Sport-Bund (DSB). dem Dachverband aller Sport-Organisationen, geht schon lange nichts mehr ohne den DFB. Er lancierte 1950 Willi Daume als vermeintlich schwachen "Däumling" (Bauwens) zum ersten DSB-Präsidenten. 1970 setzte er den Turnfunktionär Dr. Wilhelm Kregel gegen den FDP-Minister Willi Weyer durch. 1974 ließ der DFB Kregel wieder fallen und unterstützte Weyer, allerdings unter der Bedingung, Weyer habe alle politischen Ämter aufzugeben. Mit dem mächtigen DFB-Stimmenpaket wurde Weyer gewählt.
Auch im Spiel entfaltete der DFB Macht und Glück. Die Nationalmannschaft ist nach Brasiliens Equipe die erfolgreichste der Welt: Achtmal nahmen die Deutschen an WM-Turnieren teil, sechsmal kämpften sie sich unter die besten Vier, 1954 und 1974 wurden sie Weltmeister, 1972 Europameister.
Dabei hatte der DEB 1900 einst wie ein Waschküchenbetrieb begonnen. Seinem Produkt, dem Fußball Made in Germany, mangelte es lange an Verkäuflichkeit und Qualität. In den ersten offiziellen 30 Länderspielen bis 1914 glückten nur sechs Siege (bei 19 Niederlagen). Reisekosten schossen die Spieler vor, die zumeist auch noch Funktionärs-Aufgaben erfüllten. Den dritten Präsidenten, Gottfried Hinze aus Duisburg (1905 bis 1925), wählte der DFB in Abwesenheit: Sein Verein benötigte ihn dringend als Spieler.
* Mit dem hessischen Ministerpräsidenten Osswald und Großbritanniens Premierminister Wilson beim WM-spiel Schottland -- Brasilien im Frankfurter Waldstadion.
Beim ersten Meisterschafts-Endspiel 1903 zahlten etwa 500 Zuschauer 473 Mark. Der Organisator Franz Behr, Vorsitzender von Altona 93, zählte das Ergebnis der Tellersammlung' sagte das Ereignis an und schiedsrichterte das Endspiel. Auf die Leistungen ihrer Fußballpioniere berufen sich DFB-Funktionäre bis heute; sie sprechen von Opfern -- ihrer Vorgänger -- und meinen Privilegien für sich selbst.
Die Fußball-Sekte gedieh schon vor 1914 trotz gesellschaftlicher Mißbilligung, weil sie zwei Gönner gewonnen hatte: den Kronprinzen, der sogar zwei Pokale stiftete, und das Militär, dem das Tretballspiel als vormilitärische Übung geeignet erschien.
Später im Dritten Reich exerzierten SA-Führer mit den Nationalspielern. Von 1925 bis 1945, inzwischen bestimmte der Reichssportführer die Richtlinien auch der Fußballpolitik, harrte DFB-Präsident Felix Linnemann unverdrossen aus.,, Manches Hemmnis fiel, die zentrale Macht wurde gestärkt", lobte eine DFB-Jubelschrift 1950 die Geschichte des "braunen Lederballs" im Dritten Reich.
Linnemann geriet ungefragt, kraft seines Amtes als Kriminalrat, in eine SS-Uniform. Nationalspieler Rudi Gramlich machte SS-Karriere. Die Fußballkameraden beriefen ihn dennoch, nibelungentreu, nach dem Zweiten Weltkrieg in den DFB-Vorstand. Vor notwendigen Reformen dagegen schloß die DFB-Mehrheit traditionell beide Augen. Anders als die Funktionäre in England oder Uruguay sperrte sie sich gegen den Berufsfußball. War um -- das stellte der DFB-Vorstand in den zwanziger Jahren klar:
Die Profis könnten "die Herrenspielverbände verlassen und einen eigenen internationalen Verband gründen, ohne daß die Herrenspielerverbände auch nur etwas dagegen tun können. Das Maß aller Fußballdinge war gesetzt: Spieler sind für die Funktionäre da.
Nach dem Zweiten Weltkrieg brüstete sieh DFB-Präsident Bauwens (1949 bis 1962), ein früherer Nationalspielei und internationaler Schiedsrichter, er habe "für unsere Vertragsspieler eine einmalige Steuerfreiheit ausgehandelt. die kein Arbeiter hat". Es handelte sich um 400, dann um 600 Mark monatlich, zu einer Zeit, da Profis in Italien und Spanien Direktorengehälter verdienten. Unausbleibliche Verstöße rügte Bauwens als "direkten Hochverrat".
Erst auf Druck der Öffentlichkeit führte der DFB 1963 die Bundesliga für Berufsspieler ein. An unrealistischen Gehalts- und Zahlungsgrenzen hielt er fest. Die zwangsläufigen Skandale durch fortwährende Übertretungen bis zum Bundesliga-Skandal vertuschte er meist.
In England oder Italien sorgen die Profi- Ligen als eigenständige Organisationen neben dem Fußballverband für die Bereinigung unausgeglichener Bilanzen. Im DFB-Reich stemmte sich eine Amateur-Mehrheit unter den 155 stimmberechtigten DFB Bundestagsdelegierten hartnäckig gegen fällige Maßnahmen, die alle Klubs zu wirtschaftlichem Verhalten gezwungen hätten. So überschwemmte eine Schuldenflut von 20 Millionen Mark die Bundesliga.
Der Zweiten Bundesliga stimmte die Amateur-Riege erst zu, nachdem der drohende Posten-Abbau verhindert worden war: Anders als die Erste Bundesliga untersteht die Zweite Klasse nun nicht dem DFB-Vorstand, sondern weiter den Regionalverbänden.
Doch Bundesliga- und Nationalspieler stehen als unerschöpfliche Dukatenesel im DFB-Stall und machten den DFB nicht nur zum Größten sondern auch zum Reichsten im ganzen Sport -- land. Allein die WM 74 brachte dem Fußballbund sechs Millionen Mark ein. Bei jedem Bundesligaspiel ist der DFB mit vier Prozent dabei, Länderspiele bringen etwa eine halbe Million Mark Ertrag für den DFB,
Werbung, Münzhandel, der Verkauf von WM-Büchern, den Vizepräsident Neuberger samt Ehefrau förderten, und Schallplatten-Aufnahmen mit Nationalspielern ergaben Millionengewinne. Neuberger vermittelte einer Versicherung den Auftrag für die Weltmeisterschaft 1974, ebenso wie für Argentinien 1978, ohne Eigennutz wie er sagt: " Ich verdiene daran 0,0 Prozent."
Neben einer Nobel-Villa an der Frankfurter Zeppelinallee ließ sich der DFB für fünf Millionen Mark einen Verwaltungs-Bungalow im Stadtwald errichten. 20 Sportschulen und Verbandsheime nebst Spielplätzen hoben den Verband auf die Stufe von Großgrundbesitzern. Sobald die Urheber aller Gewinne, die Spieler, einen Anteil forderten, feilschte der DFB. Den Weltmeistern von 1954 gönnte er 1000 Mark. Erst durch Boykottdrohungen handelten die Weltmeister von 1974 eine Prämie von 75 000 Mark aus.
Sobald es um Einnahmen ging. stank dem DFB kein Geld. Mögen Bund, Länder und Gewerkschaften maßhalten, der DFB nutzt seine Hochkonjunktur und heizt die Preise an. Jubiläumsgegner Holland erhält für die WM-Revanche 200 000 Mark Gage, mehr als jede ausländische Mannschaft zuvor. 300 000 Mark kostet eine Rheinpartie mit DFB-Gästen nach Rüdesheim. Ein Festakt im Frankfurter Schauspielhaus, die Gartenparty in einer Forsthausidylle steigern den Jubiläums-Etat auf bald eine dreiviertel Million Mark.
Zahlen sollen, wie stets, die Fußballfreunde. Der "Dienst an diesen vielen hunderttausend" Anhängern, den Bauwens in seiner Antrittsrede als "erste und vornehmste Aufgabe" gepriesen hatte, wich dem Millionenrausch ohne Risiko und Verpflichtung. Der billigste Stehplatz beim Holland-Spiel kostet 13,20 Mark, der teuerste Sitzplatz 66 Mark. Erwartete Rekordeinnahme: 1.2 Millionen Mark. Die Haupttribüne bleibt indes für Fans tabu. Dort läßt sich die Funktionärs-Creme als geschlossene Gesellschaft nieder, sicher vor Regen und versichert gegen Terror.
Im Organisieren und Verwalten übertrifft kein Sportverband die DFB-Bürokratie. Die WM 74 hatte Neuber-
* Mit Bundesinnenminister Maihofer und DSB-Prä sident Weyer bei der WM-Party 1974.
ger mit knapp 100 Mitarbeitern aufgezogen und einem Sechstel der Kosten, gemessen am Zwei-Milliarden-Olympia von 1972: "Bei allem Verständnis für Reputation, wir müssen auch an die Effektivität denken." Gewöhnlich zeigen die DFB-Herren nach außen Einigkeit. Aber vor Neuwahlen, gleichbedeutend mit der Verteilung prestige- und reiseträchtiger Posten, dringt die Rivalität schon mal nach draußen.
Noch 1975 wird Neuberger Präsident Gösmann ablösen. Gegen Neubergers Kandidaten für seinen frei werdenden Vize-Posten, den Landgerichtsdirektor und Ankläger im Bundesliga-Skandal, Hans Kindermann, mobilisiert schon die Opposition. Günter Siebert, der von einem Meineidsprozeß bedrohte Präsident bei Schalke 04, wiegelte Bundesliga-Ausschußmitglied Paul Märzheuser, 50, den Präsidenten des MSV Duisburg, auf. Märzheuser: "Kindermann bekommt unsere Stimmen nicht." Kindermann hatte auch Märzheusers Klub der Beteiligung am Bundesliga-Skandal verdächtigt.
Märzheuser entdeckte einen Gegenkandidaten im Norden: den Rechtsanwalt-Kollegen Horst Barrelet, ehemals Präsident des HSV. Die Opposition bemühte sich sogar um Sympathie unter den Nationalspielern, die zwar nicht stimmberechtigt, aber, wie jüngst der Fall Breitner bewies, meinungsbildend sind: Zu DFB-Banketten sollen künftig nicht nur Funktionärs-Damen, sondern auch Ehefrauen und Bräute der Spieler zugelassen werden.
"Ich dachte immer, daß es in der Politik am schlimmsten zuginge", wunderte sich der Münchner CSU-Bundestagsabgeordnete Dr. Erich Riedl, der seit dem Herbst 1974 dem Zweitliga-Klub TSV München 1860 vorsteht. "Doch was ich im Fußball erlebe, ist noch viel schmutziger."

DER SPIEGEL 20/1975
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