24.03.1975

Ulrich Lohmar über Helmut Schelsky: „Die Arbeit tun die anderen“Klassentheorie eines Frustrierten

Professor Ulrich Lohmar, 46, SPD-MdB, lehrt als Politologe an der Gesamthochschule in Paderborn. Er war mehrere Jahre lang Assistent von Professor Helmut Schelsky, 62.
Der im westfälischen Münster lehrende und von dort aus streitende Soziologe Helmut Schelsky hat erneut zugeschlagen. Er entdeckte die "Priesterherrschaft" sowie den "Klassenkampf" der Intellektuellen und meint, das neue Mittelalter fange im Westen an: "Wir befinden uns vergleichsweise im 2. oder 3. Jahrhundert post marxum natum, und der Bezug auf Hegel oder die Aufklärung entspricht der Berufung auf Johannes den Täufer oder auf andere Propheten."
Die Intellektuellen, das sind für ihn die "Sinn-Vermittler" und die "Reflexions-Elite". Sie berennen, folgt man Schelskys Diagnose, die noch intakten Bastionen unserer Kultur und Zivilisation: Wissenschaft und Technik, die politische Herrschaft und die alten (christlichen) Heilslehren. Die zentralen Aufgaben des modernen Staats -- Frieden, Wohlfahrt und Freiheit der Person -- gälten den linken Intellektuellen wenig oder würden inhaltlich umgedeutet. Herrschaft sei für diese Sorte Intelligenzia kein "Gegenseitigkeitsverhältnis, an dessen Herstellung und Bestand beide Seiten (die Herrschenden wie die Beherrschten) ein Interesse haben müssen".
Schelsky kreidet der Neuen Linken an, daß sie die gegenseitigen Leistungen in Herrschaftsbeziehungen nicht mehr "auf Dauer stellen" wolle, sondern die Konflikte überbetone und sie zugleich für die Erreichung einer neuen Heilsordnung zu nutzen trachte. Legitime demokratische Herrschaft werde als bloße Macht der Herrschenden, als Klassenkampf denunziert.
Das anthropologische und gesellschaftliche Gegenbild der linken Intelligenz sieht Helmut Schelsky so: "In ihrer Heilslehre wird die Vorstellung eines sich in seinem Wesen oder seiner Natur ungehindert und glückhaft auslebenden Individuums mit dem Zustand der vollkommenen Gesellschaft verbunden."
Diese Vision sei, fährt Schelsky fort, von den Verheißungen der Rationalität, der Befreiung vom Leistungsdruck und der allumfassenden Mitwirkung begleitet. Der Umschlag solcher Postulate in Herrschaft vollziehe sich durch ihre Moralisierung und Monopolisierung. "Die gegenwärtige Formel für diesen Anspruch auf totale Gegenherrschaft lautet daher auch "Demokratisierung."
Spätestens hier muß man ihm wohl ins Wort fallen. Welche Indizien gibt es eigentlich dafür, Rationalität, Demokratisierung, Emanzipation, Leistung und Mitwirkung in einen so einseitigen Kontext zu der Überbau-Philosophie der Neuen Linken zu bringen? Wie kann es einem Gelehrten wie Schelsky entgehen, daß die inhaltliche Bestimmung dieser Sprachsignale etwa in der originären Sozialdemokratie oder in den handfesten Gewerkschaften nicht nur partiell anders aussieht als bei der Neuen Linken oder bei den K-Gruppen an unseren Universitäten?
Nur Anhänger der utopischen Linken und der militante Flügel der Unionsparteien werden Helmut Schelsky für diese Simplifizierung die Hände schütteln. Seine Interpretations-Strategie hat Aussicht. zugleich zu einem "Clausewitz" der Linken und zu einer zweiten Bibel der Konservativen zu werden.
Gleichwohl hat Schelsky mit manchen seiner Thesen im Detail recht. So, wenn er darauf beharrt, daß die Arbeitsteilung und die Trennung von privatem und öffentlichem Lebensraum zu den konstitutiven Merkmalen unserer Art des Zusammenlebens gehören. Oder mit einem Satz wie diesem: "Das Grundgesetz der modernen Gesellschaft, das der Arbeitsteilung, entspricht dem Grundgesetz der Gewaltenteilung in der modernen Demokratie, und je mehr sie sich verschmelzen und gegenseitig stützen, um so mehr ist das gesellschaftliche und das politische Prinzip der Demokratie verwirklicht."
Und es trifft sicherlich zu, daß "die empirische Verbundenheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" nicht einfach durch eine "gefühlsmäßig anziehende bloße Vorstellung einer mühelosen, Glück verheißenden Zukunft" ersetzt werden kann.
Bei diesen Aussagen hat der empirische Soziologe Pate gestanden, aber Schelsky mindert die Kraft solcher Sätze immer wieder durch polemische Ausfälle, durch sein emotionales Ressentiment gegenüber allem "Linken". Und da die Linken auch die Soziologie heute weitgehend durchdrungen haben, schreibt er schließlich auch seine eigene Wissenschaft ab.
Nichts markiert deutlicher den Weg Schelskys in die Einsamkeit als dieser Bannfluch gegen die meisten seiner Berufskollegen; aber gelangt er dadurch auch zu einer wissenschaftlichen Freiheit, deren Dimensionen immer noch Augenmaß und Gelassenheit des Urteils sind?
Noch spürbarer als bei der Beschreibung der Rolle der "Reflexions-Elite" wird die tiefe Frustration Schelskys in seiner Analyse der "Klassenherrschaft der Sinn-Vermittler". Er sieht diese "neue Klasse" in einem Gegensatz zu denen, "die der Produktion von Gütern im Sinne der Lebensbefriedigung, des Wohlstandes und des Funktionierens eines gesellschaftlichen Systems dienen". Die "Sinn-Vermittler" okkupierten, so meint er, vor allem die Bereiche der Bildung, der Öffentlichkeit und der Information. Der gegenwärtige "Volkswille" werde, wenn er überhaupt noch vorhanden sei, von den "Informatoren" und "Sozialisatoren" geprägt und beherrscht.
Bei seiner Suche nach konkreten Beweisstücken für seine These verwickelt sich Schelsky in kaum begreifliche Widersprüche. Einerseits meint er, die "Sinn-Produzenten" dieses Schlages tummelten sich in den Gewerkschaften, den Parteien, in den Kirchen und den Organisationen der Publizistik oder der Erwachsenenbildung, in der Tagungsindustrie, in den Verbänden der Unternehmer und der Berufe. Doch andererseits wähnt er die Politiker von den "Sinn-Produzenten" beherrscht.
Schelsky erliegt dabei dem Irrtum, daß Publizität bei ins stets in Macht umschlagen müsse. Er geht davon aus. daß die "Durchtränkung und Überflutung einer breiten Bevölkerung mit Informationen ... langfristig die Macht über die Erziehungs- und Ausbildungs-Vorgänge ... und kurzfristig die Beherrschung der "Volksmeinung" bewirke". Das kann jedoch nur da der Fall sein, wo eine einzige ideologische Richtung das Monopol der Informationen innehat.
Aber finden wir in der Bundesrepublik diese Situation vor? Haben wir nicht die GEW und den Philologenverband, den Bund Freiheit der Wissenschaft und dessen Widerpart? Gibt es nicht die IV-Magazine von Merseburger und Löwenthal, können wir uns nicht an Springer und Augstein (dem Schelsky die "Räson eines Publizitätsherrschers" zuschreibt) reiben, erfreuen wir uns nicht der "Welt der Arbeit" und des "Rheinischen Merkur"? Ist es denn wirklich so, daß in den Springer-Schrebergärten die SPD verliert und im Einzugsbereich etwa der "Süddeutschen Zeitung" die CSU? Die Tatsachen sind anders.
Doch hinderliche Fakten irritieren Schelsky wenig. Er sieht die "Sinn-Produzenten" auch in der "Bildungsherrschaft in der Freizeit" am Werk: "Durch ökonomischen Druck. also durch eine typische Methode der Kapitalistenherrschaft, wird sie heute von den "Sozialpolitikern" der Freizeitherrschaft erzwungen."
Wie denn, wo denn? Fahren nicht Millionen unserer Landsleute jedes Jahr irgendwohin in Urlaub, spielen zu Hause Skat, kegeln, trinken Bier, Korn oder Wein und halten ihre Familien allen Unkenrufen zum Trotz zusammen? Klagen klassenbewußte "Sinn-Produzenten" nicht darüber, daß-die Informations-Konsumenten den gefälligen Angeboten des Fernsehens oder der Yellow Press folgen, die ideologische Aufforstung hingegen abweisen? Konkurrieren die Massenmedien nicht gerade deshalb um Einschaltquoten und Lesergeschmack? Wo gibt es eine "Bildungsherrschaft in der Freizeit"?
Und schließlich: Ist es denn so, daß "das entscheidende Produktionsmittel der (linken) "Sinn-Produzenten' ihre Sprache" sei und daß diese Sprache sie an die Macht bringe?
Das genaue Gegenteil trifft zu. Die Neue Linke hat sich ja gerade durch ihre abstrakte und esoterische Ausdrucksweise von der "Masse der Werktätigen" isoliert. Die Ungenauigkeit ihrer Heilsformeln ging und geht mit einem hohen sprachlichen Diffusionsniveau einher. Eben das hat die Neue Linke ja an den Rand der Gesellschaft, ihres Verständnishorizonts und ihrer Aufnahmebereitschaft gedrängt.
Daß die schmale Schicht von linken Jungakademikern der arbeitenden Bevölkerung das beiläufige Wort "Scheiße" entwunden habe, wird wohl auch Helmut Schelsky kaum als ausreichende Stütze für seine These von der Sprachherrschaft der Linken anführen mögen.
Schelsky hat sich gegenüber einer ihm feindlich und gefährlich dünkenden Umwelt eingeigelt. Er hängt an seiner strategischen Maxime der "Sachgerechtigkeit", ohne zu bemerken, daß auch sie konfliktträchtig ist. Die Inhalte, um die es ihm geht -- Freiheit der Person und Gewaltenteilung -, mag er nicht in eine gesellschaftliche Umwelt transferieren, die oft mit anderen Sprachsymbolen Gleiches oder Ähnliches anstrebt.
Schelsky ist seinem eigenen Begriffssystem und seinen persönlichen Erfahrungen verhaftet geblieben. Seine neue "Zweiklassentheorie" von den Heilsbringern und den Arbeitenden bleibt schließlich so einsilbig wie die der Marxisten, die alles über den Leisten des Produktionsmitteleigentums und des Proletariats schlagen wollen, oder wie die der Konservativen, die das Gras nur da wachsen lassen wollen, wo es von selber gedeiht.
Heinrich Böll, so moniert Schelsky, habe nicht die Fähigkeit, "die widerspruchsvollen Bedeutungen der Worte in den verschiedenen Lebensbereichen miteinander zu versöhnen". Doch er selbst hat nicht einmal den Versuch unternommen, dies zu tun. Helmut Schelsky hätte es gekonnt, aber er mochte nicht mehr. Warum?
Von Lohmar, Ulrich

DER SPIEGEL 13/1975
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