21.04.1975

PROZESSENerven verloren

Weil sie einen Häftling zu Tode geschunden haben sollen, stehen zwei Gefängniswärter vor dem Mannheimer Schwurgericht. Mit in die Affäre verstrickt aber sind auch die Justizbehörden und der Anstalts-Arzt.
Statt der vom Anstaltsarzt verordneten Tbc-Tablette "Tebesium 0,5" bezog der Untersuchungshäftling in Zelle 1329 der Mannheimer Vollzugsanstalt Hiebe. Ein Gefängniswärter traktierte ihn mit einem hölzernen Schlagstock, ein anderer drosch mit einem abgebrochenen Stuhlbein auf den Gefangenen ein, der dritte trommelte mit seiner Faust, die ein Schlüsselbund umspannte, auf Kopf und Körper des Opfers.
"Wenn du jetzt nicht ruhig bist", hatte der mit den Schlüsseln zuvor dem Häftling gedroht, "kriegst du richtig den Frack voll." Die beiden Kollegen ("Erst Theater machen, du Lump, du dreckiger") besorgten das dann.
Zwei, vielleicht auch erst drei Stunden später war der Untersuchungsgefangene Hans Peter Vast, 25, tot. Die Justizbeamten hatten, um die Tat zu vertuschen, den bis zur Bewußtlosigkeit Mißhandelten mit dem Oberkörper unter sein Bett geschoben, wo Vast erbrach, das Erbrochene einatmete und an ihm erstickte so die Ermittlungen der Mannheimer Staatsanwaltschaft vor dem Prozeß, der am Mittwoch dieser Woche beginnt.
Der Tod des Häftlings am Abend des 27. Dezember 1973 mobilisierte Öffentlichkeit und Justiz -- allerdings erst acht Monate danach, als der "Gefangenenrat Frankfurt" eine ganze Serie brachialer Begebenheiten in der Mannheimer Anstalt ans Licht brachte. Denn Anstaltsarzt Eckhard Reith, mittlerweile vom Dienst suspendiert, hatte bei Vast lediglich "Tod durch äußere Einwirkungen" attestiert, Und in ihrem offiziellen Pressebericht schloß die Polizei "Fremdverschulden aus" -- zu klären sei nur, "ob ein selbstverschuldeter Unfall zum Tode führte oder ob eine Selbsttötung vorliegt".
Zweien der drei Wachmänner macht das Mannheimer Schwurgericht nun wegen gemeinschaftlichen versuchten Totschlags und gemeinschaftlich begangenen Mordes den Prozeß:
* dem Hauptwachtmeister Walter Deis, 39, einem gelernten Maler. der 11969 als Hilfsaufseher ins volkstümlich so genannte "Landes" kam dem in seiner Freizeit als Diakon der Neuapostolischen Kirche wirkenden Deis bescheinigten seine Vorgesetzten 1970 zwar "geringe Fähigkeiten", aber auch "Verständnis und Einfühlungsvermögen für gestrauchelte Menschen";
* dem Hauptwachtmeister Jürgen Otto, 31, bis zu seiner Einstellung als Hilfsaufseher 1967 Wagenpfleger und Reifenmonteur. 1971 galt er bei seinen Vorgesetzten als "der beste Stockwerksbeamte unter den Nachwuchskräften".
Der dritte Beschuldigte, Oberverwalter Oswald Meisch, 43, erhängte sich -- nach einem vollen Geständnis -- im Dezember vorigen Jahres während der Untersuchungshaft im pfälzischen Frankenthal, Meisch, der vor seinem Eintritt in den Justizdienst 1970 als Herrenschneider beim Bundesgrenzschutz und als Kraftfahrer gearbeitet hatte, in einem Abschiedsbrief an seine Frau: "Ich habe die Nerven verloren damals, heute wieder."
Daß der mehrfach, meist wegen Diebstahls, vorbestrafte Hans Peter Vast, der damals als Autodieb beschuldigt wurde und gerade sechs Tage in Mannheimer Haft saß, durch besondere Renitenz die Beamten provoziert haben könnte, schließt Oberstaatsanwalt Gerhard Klass in seiner Anklageschrift aus. Vast sei, gab der für ihn zuständige Stockwerksbeamte Gerhard Bilger zu Protokoll, an jenem Abend "so ruhig und freundlich wie immer" gewesen.
Die Mordanklage stützt der Oberstaatsanwalt darauf, daß Vast trotz des Ausmaßes seiner Verletzungen bei unverzüglicher ärztlicher Hilfe noch hätte gerettet werden können. Dies freilich hätten Meisch, Otto und Deis vereitelt, um nicht als Urheber der Mißhandlungen entdeckt zu werden.
Statt dessen -- so die Anklage -- versuchte das Prügel-Trio einen Unfall vorzutäuschen: Sie tauschten den demolierten Stuhl, den ein Häftling später im Beamtenklo entdeckte, gegen einen anderen aus; dann schrubbten sie den Zellenboden und kratzten ihn mit Stahlspänen ab, um auch die letzten Blutspuren zu beseitigen. Damit der reglose Vast nicht von der nachfolgenden Nachtschicht durch den Türspion entdeckt werden konnte, zerrten sie schließlich den aus zahlreichen Wunden Blutenden unters Bett.
Das Täuschungsmanöver mag erklären, weshalb amtliche Verlautbarungen zunächst von einem Fremdverschulden am Tode Vasts ablenkten. Unverständlich blieb indessen bis heute das Zeugnis des Anstaltsarztes Eckhard Reith, der von 1957 bis 1961 für die CDU im Bundestag saß und dessen "laxe Dienstauffassung ... eher an eine Beamtenkarikatur denn an einen engagierten Arzt erinnert" ("Stuttgarter Zeitung"). Reith war es auch, der nach der Mißhandlung mehrerer Gefangener durch Wachbeamte am Pfingstsonntag vorigen Jahres -- als unter anderem ein Wärter seine brennende Zigarette im Gesicht eines Amerikaners ausdrückte -- nicht ausschließen mochte, daß sich der U-Häftling Stacy Hata die Brandwunde selbst mit einem Ätzmittel beigebracht habe.
Und wie der Mediziner, so geriet auch die Mannheimer Staatsanwaltschaft in den Ruch der Amtskumpanei: Sie hatte den Fall Vast, wie andere Verfahren gegen Gefängnisbedienstete" voreilig zunächst eingestellt.
In das Bild südwestdeutschen Strafvollzugs fügt sich der zynisch anmutende Zuspruch, der der Witwe des Oberverwalters Meisch von Oberstaatsanwalt Klass zuteil wurde: "Möge es Ihnen Trost sein, daß Ihr Gatte ... seine Schuld auf sich genommen und sich so letztlich trotz seines Versagens in einem Einzelfall als anständiger Beamter erwiesen hat."

DER SPIEGEL 17/1975
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