10.03.1975

MADAGASKARHerz des Volkes

Der rätselhafte Tod eines Deutschen beschäftigt die Inselrepublik Madagaskar. Er war ein Freund des Staatschefs Ratsimandrava, der vor vier Wochen ermordet wurde.
Die Eskorte raste durch die Regennacht ins Anjohy-Viertel von Tananarivo. Plötzlich peitschten Schüsse durch die Dunkelheit. Kugeln durchsiebten den schwarzen Peugeot des Staatschefs. Nur sechs Tage nach seiner Vereidigung verblutete der dreiundvierzigjährige Ratsimandrava 400 Meter von seiner Villa entfernt.
Der linksorientierte Oberst starb -- am 11. Februar dieses Jahres -, weil er Madagaskars Gesellschaftsstruktur grundlegend verändern wollte. Und möglicherweise wurde auch ein Deutscher Opfer des Machtkampfes zwischen Reformern und der um ihre Vormachtstellung fürchtenden Elite auf der Insel vor Südostafrikas Küste.
Seit dem Tod des Staatschefs jedenfalls spricht vieles dafür, daß der Ratsimandrava-Freund Hannes Kamphausen aus Köln im vergangenen September nicht, wie offiziell behauptet, beim Baden ertrank oder von Barrakudas getötet wurde.
Der ermordete Staatschef Ratsimandrava war 1972 zum Innenminister berufen worden, nachdem rebellierende Schüler und Studenten die Frankreich-freundliche Regierung von Philibert Tsiranana gestürzt hatten. Ratsimandrava, ein in Frankreich ausgebildeter Berufssoldat, stammte aus dem Hochland, gehörte aber nicht zu der von dort kommenden madegassischen Herrenschicht.
Wahrscheinlich deshalb wollte er die Verhältnisse in der Inselrepublik ändern. Denn auch nachdem Madagaskar 1960 unabhängig geworden war, beherrschten Franzosen und eine kleine einheimische Elite weiter das Wirtschaftsleben: Große Sisal-, Kaffee- und Zuckerplantagen gehören noch heute Franzosen, die wie in der goldenen Kolonialzeit leben. Madagaskars Bauern aber, 86 Prozent der Acht-Millionen-Bevölkerung, verdienen teilweise nicht mehr als 150 Mark im Jahr.
Als Instrument der Veränderung sah Ratsimandrava die "Fokonolona" (madegassisch: Herz des Volkes), die vorkoloniale Gemeinde-Demokratie auf Madagaskar, an. In vielen Dörfern hatte zu jener Zeit eine Art von Kommunen bestanden, in denen von der Dorfgemeinschaft gewählte Räte die Arbeit und das Zusammenleben regelten.
Der Innenminister ermunterte die Bauern zur Gründung von Fokonolona vaovao, neuen Fokonolona. Er propagierte seine Ideen über den Rundfunk, ließ eine Fokonolona-Zeitung drucken und wollte nicht mehr die etablierten Handelsunternehmen, sondern die Fokonolona die Reisernte der Bauern aufkaufen lassen. Die Gewinne sollten der Gemeinschaft bleiben. Anfang dieses Jahres gab es auf Madagaskar 10 000 Fokonolona.
Fasziniert von der Fokonolona-Idee war auch der promovierte Afrikanist Hannes Kamphausen, 38. Er war mit der Madegassin Lalao Ralison, einer Diplom-Volkswirtin, verheiratet und erforschte auf Madagaskar mit einem Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft die ungeklärte Herkunft der durch eine gemeinsame Sprache vereinten afro-asiatischen Inselbevölkerung.
Der linksliberale Kamphausen wurde eine Art inoffizieller Berater von Ratsimandrava. Und wahrscheinlich hätte er der Fokonolona-Bewegung zu finanzieller Unterstützung verholfen: Die Bonner Friedrich-Ebert-Stiftung war wegen ihres Engagements für das gestürzte Tsiranana-Regime im Lande diskreditiert und versuchte verzweifelt, mit der neuen Regierung ins Geschäft zu kommen. Kamphausen vermittelte zwischen der Stiftung und Innenminister Ratsimandrava. Als Kamphausen starb, hatte er bereits die Zusage der Ebert-Stiftung für einen Forschungsauftrag über die Fokonolona.
Kamphausen sah, daß die Fokonolona "starke Gegenkräfte -- vor allem bei den ausländischen "vested interests' und der um ihre Privilegien hangenden Bürokratie auf den Plan rufen" würde. In einem anderen Papier erwähnte er die Furcht der Parteien "ums Überleben". Denn: "Die Fokonolona-Politik der Regierung zieht ihnen den Boden unter den Füßen weg."
Kamphausen glaubte aber nicht, daß die Auseinandersetzungen um die Reformen blutig geführt werden könnten -- wofür es Anzeichen gab: So stürzte am 3. Juli 1974 der Staatssekretär Norbert Zafimahova mit einem Flugzeug ab, in dem ursprünglich Kamphausen hatte mitfliegen sollen. Innenminister Ratsimandrava bekannte einmal: "Ich habe Morddrohungen bekommen."
Kamphausen reiste im September für seine Forschungsarbeit nach Sahambava in Nordmadagaskar. Am Morgen des 22. September ging er schwimmen. Später fand ein Mann am Strand Kamphausens Leiche. Man vermutete zunächst einen Badeunfall: Tiefe Wunden an Kamphausens Gliedmaßen wurden als Bisse von Barrakudas ge-" deutet.
Doch Kamphausen-Freund Ratsimandrava war mißtrauisch: Eine Woche nach der Beerdigung des Deutschen in Tananarivo ordnete der Innenminister eine Autopsie an.
Sie ergab Verblüffendes: Kamphausen konnte kaum ertrunken sein, denn in seinen Lungen fand man kein Wasser. Die Wunden aber konnten schwerlich von Barrakudas stammen, denn es waren keine Fleischstücke herausgerissen. Daß der Deutsche aber -- wie in Madagaskar vermutet wird -- vergiftet wurde, konnte freilich auch nicht festgestellt werden. Denn vor der Überführung nach Tananarivo war der Leichnam mit Formalin konserviert worden.
Kamphausen-Freund Ratsimandrava hoffte dennoch, das Rätsel um den Tod des Deutschen lösen zu können -- bis ihn vor vier Wochen die Kugeln trafen.

DER SPIEGEL 11/1975
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