10.03.1975

„Wenn ihr wüßtet, was da gestorben ist ...“

Therese Giehse, Deutschlands größte Schauspielerin, starb am vergangenen Montag in München. Sie, die Brechts erste Mutter Courage, Dürrenmatts "Alte Dame" war, für die er seinen Irrenarzt in den "Physikern" zur Irrenärztin umschrieb, hat ihre Kraft und ihre Kunst auch dem damals schwierigen Beginn der Berliner Schaubühne mit der Rolle von Brecht/ Gorkis "Mutter" zur Verfügung gestellt -- die "Zeit" erinnert sich an ein letztes Gespräch mit der Giehse:
sprach sie von ihrer Zuneigung zu Peter Stein und der Schaubühne." Die Aufführung wurde zum Durchbruch des neuen Theaterkollektivs am Halleschen Ufer Berlin und seines Regisseurs und Künstlerischen Leiters Peter Stein, 37.
Auf der Reise nach München,
um sie zu besuchen, bis Stuttgart gelangt. Dort fragt man mich nach passenden Worten zu Thereses Ableben. Gut, ich weine. Sanft und kurz. Später sagt der Kroetz, wenn alle Menschen nach 77 Jahren so prall erfüllten Lebens sterben würden, wäre dies eine schöne Welt. Banal, aber richtig.
Als Kortner starb, hatte ich einen ähnlichen Impuls wie jetzt: man schaut in die Runde. Diesmal noch stärker, eindringlicher die Frage, was bleibt zurück? Das bemühte und aufgesetzte Theater der Noelte, Zadek, Stein und anderer. Es kann einem schlecht werden. Habt ihr die Giehse je bemüht gesehen?
Sie ist volkstümlich. Zadek will das auch sein. Vergleicht das mal. Sie ist präzis, bedingungslos genau und detailbesessen. So was will Noelte ja auch. Wo liegt der Unterschied? Sie bespricht die sozialen und politischen Gegebenheiten des Menschen. Angeblich macht Stein das auch. Wie ungleich. Wie abgeschmackt die Vergleichung. Dabei ist sie neben Kortner der einzige deutsche Schauspieler, den ich kennengelernt habe, der zu Regie-Fragen ernstlich etwas zu sagen hatte.
So ist sie meine Lehrerin geworden, die vieles, auf das Brechts Schriften einem in jüngeren Jahren Hoffnung machten, lebendig und bestätigend realisierte. Durch sie habe ich mehr über die Umsetzbarkeit der Brechtschen Theorie-Versuche kapiert als durch die Weigel oder die Arbeitsergebnisse des Berliner Ensembles. Wichtiger noch ist, daß sie die erste Schauspielerin war, die mir zugehört hat, als ich mit einhalbjähriger Theatererfahrung und als Regie-Assistent bei Gert Hofmanns "Der Sohn" ('65) mein Maul aufriß.
Sie hörte zu und schaute mich an (sie war damals schon das Denkmal, als das man sie immer und jetzt natürlich erst recht stilisierte). Diesen Augen, ihrem immer prüfenden Blick gehört meine Liebe. Vor ihnen sind schon ganz andere als ich winzig geworden. Jetzt, wo sie sich geschlossen haben, können sich die Liliputaner leichter groß fühlen. Sie schaute mich an, fragend: hast du etwas mitzuteilen, und hörte zu. Der dann folgende Umsetzungsprozeß war immer überprüfbar. Nicht der Schatten eines Nebels von Gestaltung. Vielmehr Handwerk. Tricks. Und strenges Vergleichen mit dem Mitgeteilten. "Denken müßt ihr die Rolle oder den Text", sagte sie zu den sie hemmungslos studierenden Schaubühnen-Schauspielern (1970 "Die Mutter") und zog dabei mit gestrecktem Daumen über geballter Faust und ums Handgelenk einen Bogen von 120 Grad in die Luft. Eine ihrer berühmten stereotypen Gesten.
In Peter Steins Schaubühnen-Inszenierung.
Mit Denken meinte sie natürlich Abwägen, Prüfen und Darlegen. Das dann aber mit Mitteln des Körpers, des horrenden face-works, mit Finten, Kniffs und manchmal auch mit faulem Zauber. Märchenhaft selbstbewußt im Handwerklichen. "Klassischer" und unbedingter in der Sprachgestaltung. Hört und studiert die Platten ihrer mit Peter Fischer erarbeiteten Brecht-Abende! Da kann man erfahren, was niemand mehr wahrhaben will oder kann, verdammt noch mal. Daß Sprache nämlich ein Instrument ist. Im Sinne einer prüfenden, tastenden Sonde und im Sinne eines musizierenden Klangkörpers. Hört mit dem Plappern auf, diesem besinnungslosen Mundöffnen, beißt in die Mikros, laßt das Herumdrücken auf den Kehlkopf und die Speicheldrüsen, seid still und hört Therese Giehse zu!
Wenn ihr wüßtet, was da gestorben ist. Keine Brecht-Heroine, kein Urviech, kein integrer Mensch, wie es Münchner Kultus-Chauvinisten uns weismachen wollen. Sondern eine Schauspielerin, an der man auch die ganze Widersprüchlichkeit unseres Berufs studieren konnte; die es sich gefallen ließ, von einem miesen Karrieristen als Intendant geschurigelt zu werden, die es akzeptierte, daß mehr als einmal ihre Begabung zu grotesker Zuspitzung, zu Klamotte und Entlarvung als läppische Gaudi mißbraucht wurde, die es auf sich nahm, Texte zu lernen, die ihr zutiefst zuwider waren. Die nicht aufmuckte, die eine Intendantenfurcht hatte. Die ihre fortschrittlichen, politischen Überzeugungen stärker auf als hinter der Bühne zur Geltung brachte. Die unausstehlich sein konnte, die oft gegen Kollegen und die Welt ungerecht war. Aber eine Schauspielerin, die durch ihre Arbeit unseren zweifelhaften, bezweifelbaren Job gerechtfertigt und getragen hat. Ganz allein. Jetzt ist sie tot. Jetzt seht euch vor, zittert noch mehr um eure Subventionen. Prätention, Dummheit, Schlamperei, Mittelmaß und Natürlichkeit brauchen ihren Spott nicht mehr zu fürchten.
Hängt euch eines dieser Photos übers Bett, aus denen man den Blick der Giehse auf sich ruhen fühlt, und fragt euch, ob ihr was zu sagen habt. Es ist doch zum Heulen, weil man sich fürchten muß.
Von Peter Stein

DER SPIEGEL 11/1975
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