DER SPIEGEL



SCHACH

Winzige Bauern

Schachweltmeister Bobby Fischer soll mm 1. Juni in Manila seinen Titel verteidigen -- sein gefürchteter Nervenkrieg hat schon begonnen.

Das Mädchen wartete, bis der Gewaltige aus dem Auto gestiegen war. Dann trat sie ihm in den Weg: "Herr Fischer?"

Robert ("Bobby") Fischer, 32, Weltmeister im Schach, blickte die Unbekannte an, weiß vor Wut: "Wer sind Sie?" Sie war eine Reporterin der "Pasadena Star-News", der es nach wochenlangem Herumfragen gelungen war, das geheime Apartment des Schachbrett-Champions auszubaldowern. Fischer kreischte: "Ich rate Ihnen, lassen Sie sich hier nie wieder sehen." Ein Leibwächter: "Hauen Sie lieber ab, er könnte tätlich werden."

Der Wüterich soll am 1. Juni in Manila gegen seinen sowjetischen Herausforderer Anatolij Karpow, 23, antreten -- den unvermeidlichen Nervenkrieg um das neue Großereignis im Schach hat Fischer in bestem Reykjavik-Stil schon vor Jahr und Tag entfesselt.

In Reykjavik hatte er seinen Gegner, den sowjetischen Weltmeister Boris Spasski, und die versammelte Schachwelt im Juni 1972 bis zuletzt im unklaren gelassen, ob er überhaupt erscheinen werde. Dann trat er, mit Verspätung, wie ein zürnender Fürst auf, brachte die Schachfunktionäre mit Geldforderungen zur Verzweiflung, entnervte seinen Gegner mit Psycho-Tricks und trat sogar mitten im Turnier in den Streik ("Kameras raus").

Diesmal, genauso abgekapselt wie damals, hat der grimme Weltmeister die Funktionäre des Schach-Weltverbandes (Fide) mit dem Verlangen nach neuen Wettkampfregeln schon derart getriezt" daß sie letzte Woche aufgeregt zu einem außerordentlichen Kongreß zusammentraten. Und auch Fischers Schmähphase hat schon eingesetzt: "Karpow? Ein todgeweihter Fisch -- ich werde ihn vernichten."

Für Fischer, so deutet ein intimer Kenner der Psyche des Weltmeisters, gehört dies alles zum Kampftraining. denn bei ihm zählen im Grunde nur zwei Gefühle: "schreckliche Angst und mörderische Wut." Die Angst brauche er, "weil sie ihn schlau und tückisch macht, die Wut, um die Gier nach Schach zu wecken, wo er töten kann".

Der sonderbare Amerikaner deutscher Abstammung, vor wichtigen Partien immer heftiger pendelnd zwischen Furcht und Mordlust, kann gleichwohl der Nachsicht aller Schachkenner sicher sein. Denn keiner hat für die Popularität des Schachspiels mehr getan als Bobby Fischer. Vor dem Duell von Reykjavik war der höchste, jemals im Schach ausgesetzte Geldpreis eine Summe von 13 000 Dollar -- und Schach war, wie der US-Schachexperte Robert Benchley formulierte, für die Welt so interessant, "wie das Graswachsen zu beobachten". Bobby Fischer trieb den Geldpreis in Reykjavik vor den Augen der Welt auf 250 000 Dollar -- und schwor später: "Beim nächsten Mal verlange ich mehr als (Boxweltmeister) Muhammad Ah. Ich verlange zehn, 20 Millionen Dollar!"

Er bekommt es, wenigstens annähernd: Fünf Millionen Dollar, davon 3 125 000 für den Sieger, hat Manila ausgesetzt, ungerechnet Fernseh- und Filmrechte. Aber geht es Fischer wirklich um Geld? Zehn Millionen Dollar hatten ihm nach dem Triumph von Reykjavik Verlage, Schallplattenfirmen, Werbeagenturen und Fernsehproduzenten angeboten. Fischer lehnte damals alles ab: "Sie alle wollen mich ausbeuten -- aber ich leg" sie rein, keiner kriegt einen Sechser aus mir raus." Danach ließ Fischer, der sich gern mit dem Stummfilm-Herzensbrecher Rodolpho Valentino vergleicht, für acht Monate die Schachfiguren beiseite und kümmerte sich nur noch um lebende Damen.

Im Sommer 1973 flog er nach den Philippinen, schlief im Palast des Präsidenten Ferdinand Marcos und kassierte 20 000 Dollar für Schach-Demonstrationen. Als er nach Pasadena zurückkehrte, möchte er plötzlich nicht mehr aus dem Haus gehen ("die Leute starren mich an") und ließ alle Jalousien herunter ("die Presse und die Russen spionieren mich aus"). Sein altes Leben hatte ihn wieder: Tagsüber schlief er, nachts las er Pornomagazine und hörte dazu BBC auf Kurzwelle. Und bald nahm er auch seine Schachstudien wieder auf: "Ich muß mich vorbereiten auf diese Russen und ihre Tricks."

Gemeinsam mit seinen Ratgebern entwickelte er in einem 60-Seiten-Katalog an die Fide-Manager Hunderte von Bedingungen. Manches war vernünftig. anderes eher komisch: So verlangte Fischer wegen seiner schmalen Hände besonders winzige Bauernfiguren. damit die Russen bei der traditionellen Farbwahl nicht sehen sollen, welche Fischer-Faust den weißen Bauer birgt (Weiß hat den ersten Zug). Fischers Hauptforderung: Die Anzahl der Partien soll nicht mehr begrenzt. Remis nicht mehr gewertet werden -- Sieger soll sein, wer als erster zehn Partien gewonnen habe. Ausnahme: Bei einem Stand von 9:9 Siegen müsse der Weltmeister im Amt bleiben.

Als die Delegierten Fischers Hauptforderung ablehnten, bekamen sie die Quittung telegraphisch: "Ich verzichte auf meinen Weltmeistertitel. Hochachtungsvoll, Bobby Fischer." Der jugoslawische Großmeister Svetozar Gligoric fing sofort an zu weinen -- in der Tat: Schach ohne Fischer wäre kein Schach mehr. Ein Ergebenheitstelegramm der erschrockenen Delegierten nahm der Gnadenlose nicht zur Kenntnis.

Erst letzte Woche offerierten die Schach-Manager einen Kompromiß: Zehn Siege für den Titelgewinn, bei unbegrenzter Partienanzahl -- aber Fischer blieb einstweilen eisig.

"Sie werden zu Kreuze kriechen, ihm notfalls sogar die Füße küssen". prophezeite ein Kenner der internationalen Schachszene, "denn sonst ist die Schach-Renaissance wieder dahin." Schon der sowjetische Exweltmeister Tigran Petrosjan hatte einst gejammert: "Was soll ich machen -- Fischer bestimmt ja doch alles. Wenn er Kaffee will, muß ich Kaffee trinken." ·


DER SPIEGEL 14/1975
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