20.01.1975

„Kein Mensch muß jetzt noch leiden!“

Undurchdringlicher Nebel verhüllte den Vierwaldstätter See, doch auf dem Erster-Klasse-Deck des Vergnügungsdampfers "Gotthard" erblickte Maharishi Mahesh Yogi "die Morgenröte einer neuen Ara".
Er thronte auf einem Sofa, aus dessen seidenem Überwurf Jüngerinnen jedes Fältchen herausgestreichelt hatten, und las die Zeitenwende von einem Elektrowecker ab. Ein eigens eingerichtetes Fernsehsystem übertrug seine vollfette Glückseligkeit auf sämtliche Decks der "Gotthard" sowie zweier im Nebel folgender Geleitschiffe, in denen sich 1000 von den insgesamt 740 000 Lehrern und Adepten seiner "Transzendentalen Meditation" (TM) andachtsvoll aneinanderdrängten.
Dieser erste Sonntag nach Epiphanias war sein Geburtstag, und den erlaubte er ihnen zu feiern, obwohl er nie sein Alter nennt. Was ihn aber so pompös in den See stechen ließ, war darüber hinaus die Eingebung, daß es an der Zeit sei, ein neues Zeitalter auszurufen, und zwar das der "Erleuchtung". Mag sich die Uno mit der Ausrufung eines Jahres -- etwa der Frau -- begnügen. Dem Guru, von dem vor drei Jahren schon ein "Weltplan" zur stufenweisen Sanierung der Menschheit durch TM kam, wäre es nicht zuzumuten, sich mit weniger als einem Zeitalter zu begnügen.
Niemand lachte. Nicht einer der in seiner Gefolgschaft -- neben hinschmelzender Weiblichkeit jeglichen Alters -- auffallend stark vertretenen jungen Naturwissenschaftler aus Amerika, England und der Bundesrepublik riskierte offene Zweifel an solch großblumiger Selbstdarstellung.
Dabei regt sich speziell unter den bald 50 000 deutschen Meditanten der Verdacht, das schwierigste Hindernis auf dem vom Maharishi propagierten Wege zur wissenschaftlichen Verklärung der TM sei möglicherweise er selber, der "Große Seher und Gott". Doch so ein Verdacht ist selbst bei meditierenden Wissenschaftlern von einigem Ansehen vorerst weit geringer als die Bereitschaft, da, wo sie den Alten nicht mehr verstehen, zu glauben. "Er allein", so erklärt es ein Sprecher der deutschen "Weltplan"-Filiale, "kennt eben das Ziel."
Ein typischer Fall für derart gebremste Skepsis ist Dr. Hartmut Schenkluhn, ein meditierender Chemiker des Max-Planck-Instituts in Mülheim. Ehe er mit den anderen an Bord drängt, bindet er sich, nicht ohne Mokanz, schnell noch die Krawatte um. Er weiß. sein Maharishi will es so. Der wertet dies und die Kürze des Haupthaares als ein Signum gefestigter Seelen-Solidität, auf welches allein er selber verzichten darf. Und inmitten all des befremdlichen Spektakels schwankt der junge Forscher eben doch, ob angesichts der um sich greifenden Wirkung von TM die Ausrufung eines "Zeitalters der Erleuchtung" nicht das eigentlich Wahre sei.
Zwar kniet er nicht, wie rudelweise andere junge Deutsche, betend vor dem Meister, der inmitten von Blumen und Video-Technik wach und träge thront. Wenn sich die anderen die vom Meister nur angelächelte Geburtstagstorte einverleiben wie heiliges Manna, hält sich unser Chemiker zurück. Dennoch neigt auch er dazu, in dem schlaflosen, scharlatanisch schillernden Alten ein Universalgenie zu vermuten -- und nicht nur ein Genie des Seelenmarketings.
So hängen Wissenschaftler am Guru wie er an ihnen. Er weiß natürlich, daß "in diesem wissenschaftlichen Zeitalter" sich sogar die Seligkeit nur anhand von Beweisen wirklich gut verkauft. Also hat er für 80 000 Dollar ein Gerät zur Messung der Gehirnwellen anschaffen und mit an den Vierwaldstätter See kommen lassen. Dort stand es in seinem Hotel, umkreist von den besoldeten Grüblern seiner Bewegung, die sich vorerst noch vergeblich fragen, wie sie damit nun den physikalischen Wirkungsgesetzen der TM auf die Schliche kommen.
Es ist, als bezögen die hoffnungslos spezialisierten Diener der Wissenschaften von dem Alten jenseits aller Meditations- und Entspannungstechnik eine Hoffnung auf Erlösung und Symbiose. Bereits hinter der meßbar ordnenden Wirkung von TM auf Gehirnströme ahnen sie Beweisangebote einer höheren Ordnung und Harmonie, der sie mit dem Verstand huldigen könnten.
Ordnung heißt jetzt das oberste Stichwort des Alten. Entsprechend emsig apportieren ihm noch auf dem See die Mitarbeiter seiner kalifornischen "Maharishi International University" (MIU) wissenschaftlich garnierte Hinweise auf geheimnisvolle Ordnungsgesetze in der Gesellschaft und Natur: so den Umstand, daß ordentliche Ausrichtung von einem Prozent der Elektronen genügt, einen ganzen Magneten dauerhaft zu stärken. Der Maharishi behängte sich damit wie mit einer endgültig geschlossenen Beweiskette. Tat er denn da nicht weise, wenn er ordentliche Kleidung verlangte?
Genau besehen gab ihm eine Theorie der Ordnung den Anlaß zur Verkündigung auf dem See. Seine Leute haben nämlich entdeckt, daß in etlichen amerikanischen Provinzstädten, in denen mehr als ein Prozent der Bewohner meditiert, die Kriminalität "bis zu 17 Prozent" zurückging. Sie schlossen daraus nicht etwa, daß da besonders viele Gauner meditieren. sondern, daß schon ein Prozent Bekehrter reiche, das gesamte Klima zu wandeln.
Darauf wollte der Maharishi der Welt nicht länger verschweigen, wie sie mit seiner Hilfe nun überm Berg sei. Genügt ein Prozent, solche, wie er es nennt, "dramatischen Veränderungen" unter den restlichen 99 Prozent zu bewirken, so ist dies das Gesetz des Heils. Eines übrigens, nach dem er den Dienern seines "Weltplans" ein greifbares Missionsziel zeigen kann: Ein Prozent, das müssen sie doch schaffen.
"Stoppt das Leiden", rief der Maharishi also von seinem Sofa auf dem Dampfer, "kein Mensch muß jetzt noch leiden, keine Nation braucht Probleme zu haben ... egal, was die Regierung tut oder nicht tut." In dieser Weise redete er stundenlang.
Seine Jünger hatten zuvor schon Aufrufe verfertigt, nach denen sich so schlimme Plagen wie die englische Wirtschafts-Krankheit oder die Inflation ebenfalls glatt durch TM erledigen lassen: "Balance begins at home."
"Heute erkennen wir das volle Potential der menschlichen Rasse", predigt der große Seher, "und das auf der Basis wissenschaftlicher Verifikation." Demutsvoll huldigt er dann dem hinter ihm stets hängenden Ölporträt seines eigenen, verstorbenen Gurus, der freilich von der Wissenschaft des Westens weit entfernt war.
Zum Start in "eine problemlose Gesellschaft", frohlockt er, "brauchen wir also nur ein paar Leute. Und was müssen die tun? "15 Minuten morgens und abends die Augen zumachen." Wer das befolgt, dem verheißt der Maharishi sogar "Unfehlbarkeit", während ein etwas bescheidenerer deutscher Sektionschef seines "Weltplans" mir eben noch als seinen eigenen größten Erfolg mit TM beschrieb, wie er "aus einem Säufer einen Quartalssäufer machte".
"Jeder meditierende Haushalt", findet der Maharishi, "ist wie eine Polizeistation." Darin beruht nämlich noch so ein Segen der Sache: daß sie jegliche Ordnung von innen her stärkt, sich, wenn"s beliebt, in den Dienst jedes Mächtigen stellt. Auf der Liste der zur Verkündigung erwünschten Gäste standen deshalb Helmut Schmidt, Mao Tse-tung und die "Prawda", welche allerdings bereits die Annahme eines einladenden Fernschreibens verweigerte.
Von den eisern lächelnden Krawattenträgern, die seinem Throne nahestehen, ließ der Maharishi in alle Welt tickern, daß es auch schon deutsche Städte gebe, in denen ihm mehr als ein Prozent der Einwohner folge. Entsprechend steil senke sich dort die Kurve der Kriminalität. Ulm wurde mir auf Anfrage als ein gutes Beispiel genannt und Schwäbisch Hall als das andere. Leider hat die Polizei dort von der großen Wende nichts bemerkt.

DER SPIEGEL 4/1975
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