05.05.1975

ASTRONOMIEKap Kaputt

Der Bochumer Volkssternwarte droht die Pleite. Bund und Stadt wollen das Unternehmen, das vorwiegend durch die Propaganda seines Direktors Kaminski zu Weltruf kam, nicht länger stützen.
Auf dem Böckenberg im Bochumer Ortsteil Sundern, zwischen Wanderwegen und Hattinger Eisenhütte. begrenzt von Wäscheleinen und Hochspannungsleitung, wölbt sich fast 190 Meter über dem Meeresspiegel die Kunststoff-Kuppel einer deutschen Orakelstätte von Weltruf.
Der bärtige Kuhmeister, stets von einem schwarzen Hündchen begleitet ("Der merkt sofort, wer seinem Herrchen böse will"): Heinz Kaminski, 53, Autodidakt der Himmelskunde und Autokrat mit Direktorentitel. Ihm ist die kommunale Sternwarte Bochum untertan, mit Planetarium, astronomischer Beobachtungsstation und "Institut für Weltraumforschung".
Über den Prinzipal dieser Dreifaltigkeit urteilt der Profi-Astronom Dr. Wolfhard Schlosser, Hauptobservator an der nahen Ruhr-Universität Bochum: "Die Art des Herrn Kaminski, seine Popularität durch Angst- und Schreckensmeldungen aufzupolieren, erinnert stark an die Ausnutzung der Kometenfurcht im Mittelalter."
Anfang Januar zum Beispiel empfahl Kaminski, graduierter Chemieingenieur und seit 1972 Honorar-Professor für "Didaktik der Weltraumkunde" an der "Gesamthochschule" in Essen, den Menschen "südlich der Linie Saarbrücken-Frankfurt--Nürnberg, vorsichtshalber in den Keller zu gehen". Wahrscheinlich würden Reststücke einer amerikanischen Saturn-Rakete wie eine Superbombe irgendwo in Süddeutschland aufschlagen.
Die US-Raumfahrtbehörde Nasa hatte zwar einen Absturz in Äquatornähe errechnet, und tatsächlich versanken die Raketentrümmer zwischen Afrika und den Azoren im Atlantik. Aber für Kaminski war das nur ein "gütiges Geschick". Die Fachleute in der Volkssternwarte München e.V. erregten sich über die "üble Panikmache": "Der Schlag aus Bochum war wieder einmal ein Schlag ins Wasser."
Im November letzten Jahres hatte der Bochumer Stadtbeamte, der seine Station in Sundern gern "Kap Kaminski" nennen läßt (Professoren-Spott: "Piep im Weltraum -- Pup in Bochum"), prophezeit, in wenigen Jahren müßten Trinkwasser und Atemluft wegen Rohstoffmangels und Umweltverschmutzung rationiert und womöglich Menschen in Entwicklungsländern wegen Nahrungsmangels getötet werden. Die Mitarbeiter der "Volkssternwarte Bonn/Astronomische Vereinigung e.V." befanden daraufhin, daß Kaminski mit "obskuren Meldungen" arbeite.
Nun muß das Horror-Orakel in Bochum möglicherweise schweigen. Der "idealen Kombination von Wissenschaft und Sprachrohr" (Kaminski) droht ein jähes Ende: Die Finanzierung des Amateurbetriebes, der einen Jahresetat von 1,2 Millionen Mark erfordert, ist nur noch bis zum 30. Juni gesichert. Kaminski: "Dann stehe ich vor der Pleite." Mitbetroffen ist ein Mitarbeiter-Stab von zwölf städtischen Angestellten, zu denen kein Fach-Wissenschaftler gehört.
Das Bundesministerium für Forschung und Technologie mag im Zuge der Konzentration von Weltraumprogrammen nicht länger mit Steuergeldern ein Institut fördern, das von den meisten deutschen Wissenschaftlern ignoriert und boykottiert wird. Und die Stadt Bochum, via Kulturamt Träger der Sternwarte, macht eine Zusage über jährlich 800 000 Mark davon abhängig, daß Bonn mit ernst zu nehmenden Aufträgen für Bedeutung und Bestand von "Kap Kaputt" (so ein Bundestagsabgeordneter) garantiert.
Wem Kaminskis teures Hobby überhaupt irgendeinen Nutzen bringt, ist seit langem fraglich. Gleichwohl investierte der Bund binnen zwölf Jahren insgesamt etwa 6,5 Millionen Mark in das Bochumer Unternehmen. Als Paradestück der Sternwarte, die mit Bauten und Apparaten gut zehn Millionen Mark wert ist, gilt eine Parabolspiegel-Antenne von 20 Metern Durchmesser -- 1967 von Krupp zum Vorzugspreis von 3,5 Millionen Mark eingerichtet.
Seit 18 Jahren, hauptamtlich seit 1960, betreibt Kaminski als eine Art Köhnlechner der Sternkunde vor allem Satelliten-Beobachtung. Er lagert inzwischen 45 000 Photos, 6000 Filme und 1200 Magnetbänder -- die jedoch kaum genutzt werden; das Gros der Wissenschaftler bedient sich bei der Nasa und andernorts. Eine bisher unveröffentlichte "Studie über die Zielsetzung" des Kaminski-Kombinats vom Frankfurter Battelle-Institut, im Januar 1975 für den Haushaltsausschuß des Bundestags geliefert, ermittelte -- gemessen am Aufwand -- überhaupt keine wissenschaftlichen, wohl aber 65 Prozent "technische" und 35 Prozent "informative Aktivitäten". Und vom Technik-Teil wiederum entfallen 60 Prozent auf den Empfang von Satelliten-Daten, die kaum jemand benötigt, bei der Information 20 Prozent auf "gesellschaftliche Bildung".
Ansehen und Anspruch als Himmelsspäher stützt Kaminski vor allem auf eine Liste mit rund 150 Publikationen, die sein Schaffen belegen und den Vorwurf der Scharlatanerie ausräumen sollen. Dazu zählen allerdings Beiträge wie "In der Freizeit Himmelskunde". veröffentlicht in der Steinkohlenwerkszeitschrift "Die Grubenlampe". Oder, "exklusiv" in der Daimler-Benz-Hauszeitschrift, der Artikel "Sterne greifbar nahe" -- wo der Autor vorweg als "begeisterter Mercedes-Benz-Fahrer" gefeiert wird. Auch genoß der Astraliker 1974 unter dem Romantitel "Ein Stern fällt vom Himmel" (von Heinz Konsalik in der "Bild"-Zeitung) die Zeile "wissenschaftliche Beratung: Prof. Heinz Kaminski".
Als es jedoch einmal ernst wurde mit der Wissenschaft, blieb das Lob aus: Eine vor Jahren geplante Ehrenpromotion Kaminskis an der Ruhr-Universität fand nicht statt" nachdem sich die zuständigen Professoren von dem Wert seiner Forschungen überzeugt hatten.
Ansonsten freilich fallen die deutschen Professoren für Radioastronomie" Geowissenschaften oder Meteorologie über den von ihnen so titulierten "Professor Kannixki" nur intern her. Sie scheuten bisher die Konfrontation mit dem Außenseiter vor allem wohl wegen dessen parteipolitischer Verbindungen in Bonn und Bochum: Kaminski ist engagiertes SPD-Mitglied und hofiert mit Erfolg die unkundige Parteiprominenz. Ein rheinischer Ordinarius: "Wir brauchen unser Geld auch von den Ausschüssen" wo seine Freunde den Ton angeben."
Wie im wissenschaftlichen, so fehlt dem Volkssterngucker auch im technischen Bereich kompetenter Beistand. Das Fernmeldetechnische Zentralamt der Bundespost bewertet die Funkstation Bochum als gänzlich ungeeignet für den Erde-Weltraum-Funkverkehr. bedingt "durch die Lage dieser Stelle im dichtbesiedelten Ruhrgebiet mit einem sehr dichten öffentlichen Funknetz". Zudem sei "die Antenne nicht in einem Kessel aufgebaut", wie es richtig ist. Ein Bochumer Fachprofessor: "Kaminski stellte den Spiegel einfach dahin, wo er wohnte" -- hinter sein Haus an der Blankensteiner Straße 200. Weil eine Verbesserung der Antennenanlage laut Post "nicht den notwendigen Schutz gegen Störungen" bringen würde, sei Sundern auch "beispielsweise für ERTS-Datenempfang" ungeeignet. Just davon aber könnte die weitere Existenz des "Instituts für Weltraumforschung" abhängen. Denn Kaminski kämpft um die 1,2 Millionen Mark unter anderem mit dem Hinweis, er wolle die Daten der amerikanischen "Earth Resources Technology Satellites" (ERTS) auffangen. Dazu wäre jedoch auch die bundesfinanzierte Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR) im bayrischen Oberpfaffenhofen imstande -- und zwar für die Hälfte der Betriebskosten, die bei Kaminski entstehen würden.
Letzte Chance für das Überleben der Bochumer Himmelswerkstatt wäre wahrscheinlich ein bereits formulierter Kooperationsvertrag zwischen der Forschungsanstalt und Kaminski -- und darüber ist noch nicht entschieden. SPD-Minister Hans Matthöfer will die für Bonn in der Tat interessanten Erdforschungsdaten lieber in Italien einkaufen, um Zusatzinvestitionen in Oberpfaffenhofen und erst recht in Bochum (etwa eine Million Mark) zu vermeiden.
Bleibt das Forschungsministerium hart, dann könnte die Bochumer Beobachtungsstation Beute der Ruhruniversität oder aber Filiale der DFVLR werden. Bislang scheiterten solche Pläne am Widerstand des selbstbewußten Kaminski und an der Abneigung der Wissenschaftler, den Amateur als Institutsleiter zu übernehmen.
Bedenken aller Kaminski-Kontrahenten, so ein hoher Beamter aus dem Hause Matthöfer: "Zu große Diskrepanz zwischen Wollen und Können."

DER SPIEGEL 19/1975
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