05.05.1975

PHILOSOPHIEGlück ist utopisch

Fort von Marx -- hin zu Popper: Das fordern junge SPD-Wissenschaftler in einem in dieser Woche erscheinenden Essay-Band, zu dem Bundeskanzler Schmidt das Vorwort schrieb.
Sir Karl Popper, 72, der in Wien geborene und in England lebende bedeutendste Wissenschaftsphilosopb der Gegenwart, engagierter Anwalt der "offenen Gesellschaft" pluralistisch-liberaler Demokratie, wird ein Leitbild für Sozialdemokraten, die den Marxismus als totalitäre Ideologie verwerfen -- auch wenn sie die wissenschaftliche Leistung des Kapitalismus-Kritikers Marx nach wie vor anerkennen.
In dieser Wendung zu Poppers Kritischem Rationalismus sehen die Anti-Jusos der SPD keinen Wechsel von einer Glaubenslehre zur anderen, sondern gleichsam eine neue Theorie für die pragmatisch-demokratische Praxis der Partei. Poppers Denken gibt ihnen, wie die Herausgeber erklären, "eine wissenschaftliche Methode und ethischpolitische Haltung in der Tradition der Aufklärung", die darum bemüht ist, wie Deutschlands größter Aufklärer Immanuel Kant "anstatt Wahrheit zu entdecken ... Irrtümer zu verhüten
So bekennt auch der Bundeskanzler ganz im Sinne Poppers: "Unsere Hoffnung kann nur bleiben, daß die pluralistische Gesellschaft ... auch diejenige ist, in der sich letztlich die Vernunft am ehesten durchsetzt" -- und das Herausgeber-Team des neuen Essay-Bandes erklärt programmatisch, gemeinsam sei Popper und der philosophischen Tradition der SPD das "Bekenntnis zur Kritik des Bestehenden als dem Motor des Fortschritts" und "die Verteidigung der Demokratie als der rationalen Form politischer Auseinandersetzung".
Nicht mehr Hegel und Marx, und damit der Enthusiasmus einer prophetischen Geschichtsphilosophie, sind für diese jungen Sozialdemokraten Wegweiser der Partei, sondern Kant und Popper. Sie wollen zeigen, daß Poppers Erkenntnislehre und politische Philosophie "als theoretische Grundlegung eines ethischen und demokratischen Sozialismus das Erbe Kants antreten kann" -- und Schmidt betont: "Kants Nüchternheit und Klarheit im Denken wird heute von den kritischen Rationalisten geteilt."
Mit diesem Bekenntnis eröffnet der Bundeskanzler eine neue Phase in der Geschichte der Sozialdemokratie. Sie knüpft wieder an den Versuch Max Adlers oder Leonard Nelsons an. den Sozialismus von Immanuel Kant her auf den nüchternen Geist ständiger Kritik und das Sittengesetz zu verpflichten, das dem Menschen gebietet, jeden anderen Menschen niemals als Mittel zu irgendwelchen Zwecken zu gebrauchen, sondern ihn in seiner Würde als sittliche Person und damit als Selbstzweck zu respektieren.
Die jungen Herausgeber -- alle sind Ökonomen, und drei haben in den letzten Jahren zum Dr. rer. pol. promoviert -- Georg Lührs, 33, Thilo Sarrazin, 30, Frithjof Spreer, 31, und Manfred Tietzel, 28, vereinigen in ihrem Sammelband zum Teil neu geschriebene oder bearbeitete Aufsätze jüngerer deutscher Wissenschaftler mit wichtigen Essays Poppers -- darunter zum erstenmal auf deutsch "Utopie und Gewalt". Die Herausgeber selbst beschreiben die Gemeinsamkeiten von Sozialdemokratie und Kritischem Rationalismus*.
Das tut auch der Bundeskanzler. Obschon er weder Marxist noch kritischer Rationalist sein will und nur die Lektüre von Marx und Popper empfiehlt. konvergieren die Ansichten des politischen Praktikers Schmidt und des politischen Theoretikers Popper häufig auf überraschende Weise.
* Plädiert Popper für "Stückwerk-Sozialtechnik" und "vernünftigen Kompromiß" -- so tritt Schmidt für die "Pluralität der politischen Zielsetzungen", für "schrittweise Veränderung" und den dafür "ausreichenden Konsensus (und das heißt Kompromiß!)" ein.
Gilt Popper die "vernünftige Einstellung" in der Politik als Bereitschaft, mit dem anderen zu diskutieren und "vielleicht von ihm überzeugt zu werden". so bekennt
* Georg Lührs, Thilo Sarrazin, Frithjof Spreer, Manfred Tietzel (Hrsg.): Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie. Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Bonn-Bad Godesberg; 500 Seiten: 25 Mark.
Schmidt: "Wer die Ziele und die Interessen des anderen nicht ernst nehmen will, der taugt nicht zum Kompromiß. Wer zum Kompromiß nicht taugt. kann den Frieden nicht bewahren."
* Fordert Popper, daß jede wissenschaftliche Hypothese -- und in der Praxis auch jedes politische Werturteil -- an der Erfahrung geprüft und grundsätzlich durch sie widerlegbar sein muß, so verlangt Schmidt die ständige "empirische Überprüfung" von Wirtschafts- und Sozialtheorie und den freien Wettstreit der Argumente in Wissenschaft und Politik.
Gilt für Popper und seinen Mannheimer Schüler Professor Hans Albert das "rationale Problemlösungsverhalten" der Wissenschaft als Modell vernünftiger Politik und als Grundlage einer Verantwortungsethik kritischen Argumentierens und Agierens -- so meint der Kanzler: "Politik ist pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken. Freilich trennt der Kritische Rationalismus streng zwischen "Tatsachen" und "Entscheidungen". zwischen Wissenschaft und Ethik. Normative Soll-Sätze, das heißt sittliche Gebote, die auf Werturteilen beruhen, sind von Tatsachenaussagen. den Ist-Sätzen der Erfahrungswissenschaft. und von der analytischen Logik nicht begründbar. Es ist daher auch nicht möglich, wie Popper sagt, "die letzten Ziele politischen Handelns ... durch wissenschaftliche oder rein rationale Methoden" zu bestimmen.
Ebenso erklärt Schmidt, der Politiker bleibe "mit einem großen Rest von Ungewißheit belastet". denn "keine "Theorie" kann ihm das Werturteil abnehmen" -- und damit auch nicht die Verantwortung für alternative Entscheidungen in der Politik.
Aus dieser "prinzipiellen Ungewißheit im wissenschaftlichen und politischen Leben" folgert das Herausgeber-Team die Notwendigkeit der demokratischen Methode. die im Wettstreit der Argumente weder absolute Gewißheiten noch absolute Rechtfertigungen kennt: "Kritisch-rationale Ethik des Argumentierens ist durch eine Rationalität ausgezeichnet, die Kritik und Rechtfertigung nicht mehr vermengt."
Eben weil die Wahrheit niemals manifest, niemals greifbar wird, sondern laut Popper nur den sittlichen Ansporn erweckt, unaufhörlich nach ihr zu suchen, weisen Herausgeber. Autoren und Bundeskanzler das geschlossene System -- und die geschlossene Gesellschaft -- des "wissenschaftlichen" Sozialismus und dessen vermeintlich absolute Gewißheit zurück: Nach den Regeln der Erfahrungswissenschaft wie der demokratischen Methode erscheint der Marxismus, dem Schmidt vorwirft. seine Soll-Sätze an der Wirklichkeit nicht zu "revidieren", als utopisch. Utopisches Denken aber verleitet zu jener Art von Gewaltanwendung. die aus der abstrakten Intellektuellen-Maxime folgt: Die Menschen müssen zu ihrem Glück gezwungen werden.
Diese Bereitschaft. Menschen zum Glück zu zwingen. also auch für eine nebelhafte Endzeit der Utopie zu opfern, lehnen die Herausgeber ab: "Übel sind handgreiflich, Glück ist utopisch." Sie proklamieren gegen den orthodoxen Marxismus, "daß sich der Sozialismus nur noch ethisch, nicht aber 'wissenschaftlich' begründen läßt, wenn man einmal von der Geschichtsmetaphysik des historischen Materialismus Abschied genommen hat":
So sieht denn auch Helmut Schmidt das "sittliche Urteil über das, was -- innerhalb des Möglichen -- sein soll" als letztlich entscheidende Quelle für die Überzeugungen des demokratischen Sozialismus an. Dieser Sozialismus ist ethisch, weil er nach dem Vorschlag Poppers "vermeidbares menschliches Leid" als dringlichstes Problem rationaler Politik anerkennt -- und nicht etwa die "Verwirklichung abstrakter Ideale". Er ist demokratisch, weil er sich -- im Gegensatz zu utopischem Denken -- zuallererst an der Erreichbarkeit des konkret Möglichen erprobt und sich dabei stets an einen zuvor erzielten Kompromiß der Interessen hält.
Kein Wunder, daß die Herausgeber auch utopische Argumente von Jusos und Altlinken in der eigenen Partei bekämpfen. Bereits die polemische Unterscheidung zwischen "systemstabilisierenden" und "systemverändernden" Reformen erscheint ihnen als utopisch. denn damit gelten nur Reformen als wertvoll, die das Fernziel der "neuen" Gesellschaft anvisieren, nicht aber die Beseitigung akuter Mißstände: "Die Auffassung der Utopisten. erst der Plan von der vollkommenen Gesellschaft mache rationale Reformpolitik möglich, ist nicht nur falsch. sie ist politisch gefährlich und, zur Maxime politischen Handelns gemacht, eine Quelle der Gewalt und Unterdrückung."
Wie gegen Utopismus und Gewalt wenden sich einige Autoren aber auch dagegen, den Kritischen Rationalismus nun wieder als eine Art neuer "Staatsphilosophie" zu ideologisieren. So sieht Professor Gerd Fleischmann, 44 -- er lehrt in Frankfurt Wirtschaftliche Staatswissenschaften -, die Gemeinsamkeit von SPD und Kritischem Rationalismus darin, daß beide auf eine letzte Wahrheit verzichten, den Glauben an Grundwerte wie Vernunft und Demokratie teilen und den "Theorienpluralismus" fördern: die grundsätzliche Kritisierbarkeit aller Positionen.
Die Freiheit der Kritik gilt also als entscheidender Grundwert der rationalen Erfahrungswissenschaft wie des demokratischen Sozialismus. Würde der Kritische Rationalismus zur Staatsphilosophie erhoben, so höhe er sich selbst auf, denn er, so Fleischmann. läßt ja gerade "alle Staatsphilosophien als suspekt erscheinen", weil sie oft genug eine geschlossene Gesellschaft absoluter und daher auch gegen Kritik immunisierter Herrschaft propagiert haben.
Fleischmann urteilt daher konzilianter als die Herausgeber: "Ob Mitglieder der CDU dogmatisch am Konzept der sozialen Marktwirtschaft festhalten oder oh sich Jungsozialisten vorbehaltlos für die Aufhebung des Privateigentums engagieren, solange keine der beiden Gruppen oder sonst jemand in der Lage ist. Kritik zu unterbinden. kommt es nicht darauf an, ob sich die rivalisierenden Standpunkte am Kritischen Rationalismus orientieren oder nicht"
Eben das ist letztlich auch die Ansicht des Bundeskanzlers. Mit dem Mißtrauen des gewieften Praktikers gegen den autoritären Sog von Theorien und Ideologien entscheidet er kritischrationalistisch gegen das Monopol des Kritischen Rationalismus: "Die Oberzeugungen des demokratischen Sozialismus fließen nicht aus einer einzigen Theorie."

DER SPIEGEL 19/1975
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 19/1975
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PHILOSOPHIE:
Glück ist utopisch

Video 01:07

Formula Offroad Buggy erklimmt (fast) vertikale Wand

  • Video "Nach Talkshow zu Frauenrechten im Sudan: Extremisten bedrohen deutschen Moderator" Video 03:34
    Nach Talkshow zu Frauenrechten im Sudan: Extremisten bedrohen deutschen Moderator
  • Video "Forscher filmen seltenen Aal: Großmaul unter Wasser" Video 00:58
    Forscher filmen seltenen Aal: Großmaul unter Wasser
  • Video "Geisterstadt bei Paris: Fluglärm? Welcher Fluglärm?" Video 03:13
    Geisterstadt bei Paris: Fluglärm? Welcher Fluglärm?
  • Video "Attacke in Florenz: Künstlerin mit Bild angegriffen" Video 00:52
    Attacke in Florenz: Künstlerin mit Bild angegriffen
  • Video "Im Indischen Ozean gekentert: Schwer verletzter Segler nach Tagen gerettet" Video 00:50
    Im Indischen Ozean gekentert: Schwer verletzter Segler nach Tagen gerettet
  • Video "Tunesien: Sturzflut reisst Autos davon" Video 01:05
    Tunesien: Sturzflut reisst Autos davon
  • Video "Neymars Gaben: PSG-Star schenkt weinendem Kind sein Trikot" Video 01:30
    Neymars Gaben: PSG-Star schenkt weinendem Kind sein Trikot
  • Video "Wie Spielzeug-Waggons: Zug entgleist und rutscht in Fluss" Video 00:39
    Wie Spielzeug-Waggons: Zug entgleist und rutscht in Fluss
  • Video "Sturm Ali über Großbritannien: Air-France-Maschine muss durchstarten" Video 01:07
    Sturm "Ali" über Großbritannien: Air-France-Maschine muss durchstarten
  • Video "Einziges Hunde-Hallenbad Deutschlands: Wenn Vierbeiner Freischwimmer machen sollen" Video 03:54
    Einziges Hunde-Hallenbad Deutschlands: Wenn Vierbeiner Freischwimmer machen sollen
  • Video "Touristenattraktion: Glasbodenbrücke mit Schockeffekt" Video 00:42
    Touristenattraktion: Glasbodenbrücke mit Schockeffekt
  • Video "Seltene Fehlbildung: Zweiköpfige Schlange in Garten gefilmt" Video 00:41
    Seltene Fehlbildung: Zweiköpfige Schlange in Garten gefilmt
  • Video "Dortmund: Polizei ermittelt nach rechtsextremem Aufmarsch" Video 01:15
    Dortmund: Polizei ermittelt nach rechtsextremem Aufmarsch
  • Video "Baumstamm-Wettklettern: Mann oder Eichhörnchen?" Video 01:14
    Baumstamm-Wettklettern: Mann oder Eichhörnchen?
  • Video "Nach Unfall: Demolierte Zugspitzbahn-Gondel geborgen" Video 01:58
    Nach Unfall: Demolierte Zugspitzbahn-Gondel geborgen
  • Video "Formula Offroad: Buggy erklimmt (fast) vertikale Wand" Video 01:07
    Formula Offroad: Buggy erklimmt (fast) vertikale Wand