10.02.1975

Mann mit allerlei Extras

Parteifreunde hat er, die bei Eintreffen der Nachricht, es sei auf ihn geschossen worden, laut gelacht haben. Nicht weil sie ihm übel wollten, sondern weil ihnen unwillkürlich die Idee kam, er selber habe auf sich schießen lassen -- mindestens aber sei er so schlau gewesen, ein privates Eifersuchtsdrama trendgerecht als Terror-Anschlag zu verkaufen.
Es gibt keinerlei Belege für diese schlimme Version. Überhaupt wird man wahrscheinlich nie erfahren, wer am 30. November 1974 zu Kronberg im Taunus versucht hat, den saunierenden Walther Leisler Kiep kaltzumachen, und warum. Im Bundeskriminalamt, wo der Fall in einer Abschlußbesprechung am letzten Mittwoch ungelöst geblieben ist, herrscht der Eindruck vor, es seien wohl doch irgendwelche Polit-Desperados aus der Baader-Meinhof-Ecke gewesen und mitnichten das gehörnte Gespons einer angeblichen Nebenfrau von Kiep (geschweige denn sein Referent).
Aber zugetraut wird es ihm nachgerade von den dramatis personae der Bonner Szene, Scherereien und Schlagzeilen immer wieder absichtsvoll in kausale Zusammenhänge zu bringen, insonderheit sich auffällig zu machen durch deutlich sichtbare Abweichungen von der christdemokratischen Parteinorm. Kiep und Coup sind sozusagen synonym.
Kein Wunder: Kiep verteidigt im Prinzip die von seiner Partei bekämpfte sozialliberale Ostpolitik und stimmt im Bundestag für den Grundvertrag; Kiep hat die Stirn, öffentlich eine Wahlanalyse zu zitieren, in der das Verdienst am haushohen Sieg der CSU bei den letzten bayrischen Landtagswahlen nicht in erster Linie Franz Josef Strauß zugebilligt wird; Kiep fährt nach Ost-Berlin, ohne seinem Parteivorsitzenden zu verraten, mit wem er dort zum Essen verabredet ist (nämlich unter anderem mit einem Angehörigen der sogenannten Ost-CDU).
Karriere durch Ketzerei? Das sei, sagt Kiep, durchaus nicht die Absicht. Und selbst wenn es doch seine Absicht wäre, würde es ihm schwerlich nützen. Denn so wird man nichts in der CDU -höchstens eben Schatzmeister (was kaum einer werden will) oder außenpolitischer Sprecher des Präsidiums (letzteres bereits gegen heftige parteiinterne Widerstände). Und was werden will er schon -- am liebsten Außenminister, sofern die CDU mal wieder regiert.
Ein Mann für morgen also -- das vor allem soll sein Image signalisieren. Jedenfalls hat Walther Leisler Kiep diesem Teil seiner Selbstdarstellung mehr Sorgfalt zugewendet als der Profilierung durch kalkulierte Konflikte. Er strahlt Jugendlichkeit nicht nur aus, er hat sie förmlich verinnerlicht. Daß er nächstes Jahr fünfzig wird, seit 25 Jahren verheiratet ist und fünf Kinder hat, glaubt er manchmal vielleicht selbst nicht,
"Die meisten Mädchen mögen Motorräder. Die meisten Motorradfahrer mögen Mädchen, auch oder besonders auf dem Soziussitz", erklärt der Motorradfahrer Kiep öffentlich (nämlich in einem Zeitungsaufsatz über das "Vergnügen eines Politikers, Motorrad zu fahren"). Dabei verfügt er, neben dem dienstlich genutzten Mercedes 450 mit Computer-Telephon und Fahrer, auch noch über einen Porsche Carrera. Aber nur auf dem Motorrad überkommt ihn ein Hochgefühl wie dieses: "Die Straße ist da, ganz nah, jeder Nerv spürt sie, man lebt mit ihr, man bewältigt sie."
Für den Photographen flankt er, unschwer überredet, mit Schlips und Aktenkoffer rechtshändig über eine Barriere (insgesamt acht Anläufe an zwei verschiedenen Schauplätzen). Und selbst noch hinter dem Rednerpult haben seine knappen, aber federnden Bewegungen etwas vom tänzerischen Gestus eines Bandleaders. Kiep swinging.
Er kann etwas, das auch Churchill gekonnt haben soll: den Gesprächspartner minutenlang ohne einen einzigen Lidschlag fest im Blick behalten, bis der die Augen niederschlägt.
Ein Mann mit allerlei Extras, obendrein Millionär. "Unabhängig, unkonventionell, unbequem" heißen die Hausnummern seiner persönlichen Ortsbestimmung; und die summieren sich dann zu jener prinzipiellen Normabweichung, die Kiep sich nicht nur leisten kann, sondern zu der er sich geradezu verpflichtet fühlt.
Ein politisches Kredo -- jenseits liberal temperierter Fortschrittlichkeit -- schließt diese Verpflichtung nicht a priori ein. Jedenfalls ist Kiep, ausweislich seiner für den Wahlkampf entworfenen Personenbeschreibung, "kein Verfechter von Ideologien. Für ihn bedeutet Politik die Bewältigung von praktischen Aufgaben". Wer Ansprüche an Theorie (oder auch nur an politische Logik) stellt, wird sich schwertun, nachzuvollziehen, warum Kiep, nachdem er anno 1960 als Geschäftsreisender in Amerika lichterloh für John F. Kennedy und dessen Polit-Stil entbrannt war, dann ein Jahr später, nach dem Bau der Mauer, ausgerechnet in die heimische CDU eintrat, die ziemlich quer zu Kennedy lag. In der Tat ist er nur deshalb nicht zur FDP gegangen, weil er "in der CDU die breitere Basis" hatte.
Daß ein Macher wie Kiep, der nach abgebrochenem Studium alsbald mit großem Erfolg Versicherungen vermakelte, sich überhaupt dazu gedrängt gefühlt hat, in seiner Biographie politisches Profil über die Macht der Moneten zu stellen das ist eben nur biographisch zu erklären.
Hat er doch eine ungewöhnlich stattliche Erbmasse zu bewältigen: Sein Großvater mütterlicherseits, Walther vom Rath, der letzte Frankfurter nationalliberale Abgeordnete und bis 1918 Mitglied des Preußischen Herrenhauses, war ein enger Freund Bismarcks; die handgeschriebene Korrespondenz der beiden bewahrt der Enkel als seinen Besitz. Der Bruder seines Vaters, Gesandter Otto Carl Kiep, zunächst Reichspressechef unter dem Kanzler Luther, gab 1933 als deutscher Generalkonsul in New York einen Empfang für Albert Einstein und wurde zur Disposition gestellt, 1944 dann als Mitglied des Kreisauer Kreises von den Nazis hingerichtet.
Von dem Fluch, den es bedeuten kann, ein Nachkömmling hervorragender Männer zu sein, will Walther Leisler Kiep zwar keinen Hauch verspürt haben. Aber wenn man ihn nach seinem Vorbild fragt, dann bleibt er eben doch in der Familie und nennt den Onkel Otto Carl.
Nun muß man dabei nicht gleich an Widerstand oder gar an Hinrichtung denken. Aber eine Herausforderung. Unabhängigkeit zu demonstrieren, ab und zu auch mal Politik nach Gutsherrenart zu machen (wie gehabt: "Wenn"s euch so nicht paßt, geh ich eben auf meine Klitsche"), ist solche Familientradition wohl allemal. Ein ebenso prominenter wie wohlwollender Parteifreund Kieps wird gar den Verdacht nicht los, Otto Carl Kieps Neffe agiere unter der erblichen Belastung, so etwas wie ein neuer Freiherr von und zu Guttenberg werden zu müssen -- diesmal von links.
Hingegen weiß sich Walther Leisler Kiep gänzlich unbelastet vom Schicksal seines meistgenannten "Ahnherrn": jenes Jakob Leisler, der als Vorkämpfer der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung 1691 in New York von den Engländern aufgehängt worden ist und dem die männlichen Leislers ihren zweiten Vornamen verdanken.
Denn erstens sind die Kieps mit den Leislers ursprünglich nur um so viele Ecken herum verwandt, daß von einem Vorfahren eigentlich nicht gesprochen werden kann. Und zweitens war es nicht in erster Linie Jakob, sondern ein gewisser Louis Leisler, dessen Namen die Kieps aus Dankbarkeit fortführen wollten. Louis Leisler war der Adoptivvater einer Kiepschen Großmutter.
Aber Jakob Leisler ist nun mal der Held.

DER SPIEGEL 7/1975
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