03.03.1975

Lorenz-Entführung: Nur die Generalprobe?

Wie nie zuvor wurde die Bonner Republik durch das Berliner Entführungsdrama provoziert -- durch Anarchisten, Terroristen aus dem linken Untergrund. Seit dem Anschlag der "Bewegung 2. Juni" auf den Berliner CDU-Spitzenkandidaten Peter Lorenz scheint eine politische Folge unvermeidlich: daß der Staat mehr Macht hervorkehrt.

Was war zu tun? Der Staat konnte sich dem Terror beugen, die Bedingungen erfüllen, klein beigeben -- mit dem Risiko, demnächst noch ärger erpreßt zu werden.

Er konnte Stärke zeigen, das Ultimatum ignorieren, deutlich machen, daß er nicht mit sich umspringen läßt -- mit dem Risiko, daß das lebende Unterpfand getötet wird.

Und auch dies war möglich: das eine wie das andere zu versuchen, nachgiebig zu sein im Umgang mit dem Untergrund, um den Gefangenen auszulösen, und dennoch danach zu trachten, die Täter hervorzulocken und zu fassen -- ein Handel mit der Gefahr, daß es ausgeht wie bei Olympia, blutig.

Es waren lauter Kalamitäten, zwischen denen die Staatsgewalt in der Bundesrepublik letzte Woche zu wählen hatte. Die Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz in West-Berlin offenbarte, wieder einmal und doch wie nie zuvor, die Schwächen einer offenen Gesellschaft gegenüber entschlossenen Terroristen.

Da saß, irgendwo in West-Berlin, der Landesvorsitzende der Christlich-Demokratischen Union als "Gefangener" in einem versteckten "Volksgefängnis", und die Entführer stellten die Bedingungen: die Freilassung linker Gefangener, eine Boeing für den Abtransport, "absolute Waffenruhe von seiten der Polizei, keine Präsenz auf den Straßen, keine Kontrollen, keine Hausdurchsuchungen, keine Fahndungsphotos, keine Fahndungsersuche an die Bevölkerung".

Ob in dieser Situation demonstrierte Stärke nicht ein Zeichen von Schwäche, behutsames Passen nicht die beste ötaatsräson sei, war die Frage, die in den ersten 24 Stunden des 72stündigen Ultimatums zu entscheiden war. Und in der Nacht zum Sonnabend, Mitternacht. gab die Berliner Polizei die Antwort. auf die sich alle -- Berlin wie Bonn. Koalition und Opposition -- geeinigt hatten.

Sie entsprach der Bedingung der Terroristen, zwei Berliner Demonstranten aus der Haft zu entlassen, die wegen schweren Landfriedensbruchs verurteilt worden waren, als sie nach dem Hungertod von BM-Mitglied Holger Meins in West-Berlin sich an Ausschreitungen beteiligten: den Bauarbeiter Gerhard Jagdmann und den italienischen Kommunisten Ettore Cannella, Fliegender Händler vom Kudamm.

Eine Passage der Mitteilung klang sibyllinisch: Was geschehen solle, wenn einer der sechs aus der Haft angeforderten Genossen "sich weigert, an dem von Ihnen vorgesehenen Verfahren teilzunehmen?" Aber alle Beteiligten wußten, worum es ging: daß der Genosse Mahler, ideologisch längst separiert von den Anarchisten und neuerdings Parteigenosse des ehemaligen Politkommunarden Dieter Kunzelmann in der KPD, womöglich nicht freizukommen wünschte -- offenbar aus Furcht vor Genossenrache.

Alles andere war eindeutig:

* "Es ist nötig, daß Sie uns einen überzeugenden Beweis von der Tatsache liefern, daß Peter Lorenz weiterhin am Leben ist.

* Geben Sie uns als Nachweis dafür. daß wir mit den Richtigen verhandeln, die Nummer des Personalausweises von Peter Lorenz an.

* Wir sind bemüht, mit unseren Maßnahmen Leben und Gesundheit von Peter Lorenz nicht zu gefährden. Zur Vermeidung von Mißverständnissen ist es erforderlich, Fragen zu klären. Wie zum Beispiel stellen Sie sich die Modalitäten der unversehrten Übergabe von Peter Lorenz vor."

Notfalls sollten, so waren sich Kanzler Schmidt und die Parteispitzen nach einem langen Freitag der Krisenkonferenzen im Schaumburg-Bungalow einig geworden, die sechs Gefangenen entsprechend den Kidnapper-Konditionen freigelassen werden.

Während der Ausgang des Dramas, das an der Krummen Lanke seinen Lauf genommen hatte, nur angedeutet schien, war doch so viel schon sicher: daß sich das politische Klima in der Republik wieder ändern wird.

Nicht nur in Berlin, wo fürs Wochenende die Stadtverordnetenwahl anstand und mit einem Male "alle demoskopischen Umfragen im Eimer waren", wie der FDP-Fraktionsvize Heinz Baetge fand. "Hätten die doch", versuchte ein Junggenosse der regierenden Sozialdemokraten zu scherzen, "bloß unseren Klaus Schütz entführt." Sondern auch in Westdeutschland, wo die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und an der Saar, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen fällig sind. So eindeutig schienen die Folgen, daß der britische "Manchester Guardian" schrieb, von jetzt an würden "Deutschlands EG-Partner zur Kenntnis nehmen müssen, daß die Regierung des reichsten EG-Landes ängstlich über die Schulter auf die murrenden Wähler blickt".

Daß sich das politische Klima ändern würde, schien unausweichlich. In Bonn, wo der Bundestag seine Sitzung unterbrach, sagte Sozialdemokrat Bruno Friedrich ahnungsvoll: "Das wird ganz böse Folgen haben." Und in Berlin, wo sich eilends die Bundesparteivorsitzenden der SPD. FDP und CDU einfanden, glaubte Unionschef Helmut Kohl "Weimarer Verhältnisse" heraufziehen zu sehen.

Zeiten der Hysterie à la Baader-Meinhof mochten wieder heraufziehen, wie einst nicht nur Heinrich Böll sie beklagte. Auch "echte Sicherheitsprobleme" plagten die Staatsschützer: Daß der BM-Kern nicht auf der Auslieferungsliste war, galt ihnen als ein neues Indiz dafür, daß bald ein neues Kidnapping bevorstehe -- nach der in Berlin womöglich nur als Generalprobe angelegten Lorenz-Entführung.

Es geschah, gut getimed, 71 Stunden vor einer Wahl, von deren Ausgang für Berlins regierende Sozialdemokraten mehr abhing als von jedem anderen Urnengang zuvor: Erstmals nach insgesamt 27 Jahren Regierung oder Regierungsbeteiligung mußten die Sozis damit rechnen, nicht wieder als stärkste Partei ins Abgeordnetenhaus zurückzukehren.

Das Verbrechen traf ausgerechnet einen Politiker, der wie kein anderer die innere Sicherheit zum Thema dieses Wahlkampfes gemacht hatte: den CDU-Spitzenmann Lorenz, 52, der mit dem Slogan "Mehr Tatkraft schafft mehr Sicherheit" angetreten war -- und dem es, gemessen an seinem SPD-Widerpart Schütz, bislang stets an jener Eigenschaft gemangelt hatte, zu der das Kidnapping ihm nun im Überfluß verhalf: Popularität.

Gerade am Beispiel dieses Mannes -- eines auch nach Ansicht seiner Gegner redlichen, rechtschaffenen und eher liberalen Rechtsanwalts -- hatte SPD-Kanzler Schmidt noch wenige Wochen zuvor, mitten im Wahlkampf, die Angstpropaganda der Union der Lächerlichkeit preisgegeben. Schmidt höhnte über eine CDU-Anzeige, die über einem Lorenz-Porträt die Schlagzeile "Berliner leben gefährlich" trug: "Der Peter Lorenz, der das verantwortet, diesen Unfug, der muß sich offenbar nachts in seiner Wohnung ängstigen."

Der Donnerstag letzter Woche sollte für Lorenz ein kurzer Tag werden; erstmals seit Wochen wollte er am Abend früh zu Hause sein. Um 8.52 Uhr ließ sich der Spitzenkandidat von seiner Frau Marianne ("Die Schwäne sind da, jetzt wird"s Frühling") in Zehlendorf verabschieden, sagte noch "Bis heute abend" und rollte in seinem schwarzen Dienst-Mercedes, gesteuert von Fahrer Werner Sowa, zwischen Grunewald und Einzelhäusern davon -- in einen langen Tag.

Gesehen wurde Lorenz erst wieder gut 24 Stunden später auf einem frischen Polaroid-Photo, acht mal acht Zentimeter, ohne Brille, vor sich ein Pappschild mit der Aufschrift "Gefangener". Die ihn knipsten (und das Bild der Deutschen Presse-Agentur schickten), hatten ihn, am Donnerstag um 8.55 Uhr, gekidnappt -- rund 1500 Meter entfernt von seiner Villa, nachdem sein Mercedes von einem Viertonner blockiert und von einem Fiat gerammt und Fahrer Sowa mit einem Besenstiel niedergeschlagen worden war.

Der Coup -- erste Entführung eines bundesdeutschen Politikers -- löste Minuten später die größte Fahndungsaktion in der Geschichte der Halbstadt aus: fünf Hubschrauber, 200 Streifenwagen, 10 000 Fahnder, 100 000 Mark Belohnung, noch einmal 50000 vom rechten "Bund Freies Deutschland".

Bevor der Tag, der mit der Verschleppung an der Krummen Lanke begonnen hatte, zu Ende war, stand für Polizisten wie für Politiker fest, daß Planung und Praxis der Täter alles andere als anarchisch waren: "Hier haben eiskalte Profis gearbeitet", dämmerte es dem West-Berliner Polit-Oberstaatsanwalt Hans-Dieter Nagel, und Bundesinnenminister Werner Maihofer bestätigte "perfektes Ritual".

Bereits beim Baldowern hatten die Kidnapper Umsicht walten lassen: Schon Tage zuvor, so erinnerten sich im nachhinein Lorenz-Nachbarn, hätten am späteren Tatort häufig fremde Fahrzeuge geparkt, darunter jener rote Fiat, mit dem dann der Dienst-Mercedes des CDU-Chefs gerammt wurde, und jener rote Ford Consul, der anschließend dem Fluchtwagen auf die Avus folgte.

Beide Fahrzeuge, nach alter BM-Manier mit gefälschten Kennzeichen ausgerüstet, hatten sich die Entführer rechtzeitig zugelegt: den Fiat nahmen sie, wie die Recherchen nun ergaben, am 13. August vergangenen Jahres mit, den Ford stahlen sie am 8. Februar in Heiligensee. Lediglich den Blockade-Lkw entlieh ein junger Mann gegen Bares -- freilich unter Vorlage falscher Personalpapiere.

Zwar gelang es der Polizei, binnen vier Stunden die beiden Autos sicherzustellen und danach den Fluchtweg zu rekonstruieren, zwar identifizierte Lorenz-Fahrer Sowa auf Polizei-Photos die Fiat-Fahrerin "mit Sicherheit" als die polizeilich gesuchte Anarchistin Angela Luther, zwar ließen auch die Kollegen von der DDR-Volkspolizei wissen, sie hätten "alle erforderlichen Fahndungsmaßnahmen eingeleitet" -- aber als Berlins Chef-Staatsschützer Manfred Kittlaus am Abend des Tattages Bilanz zog, sah die eher blaß aus: In der hermetisch abgeriegelten Inselstadt gab es "keine heiße Spur" mehr.

Die Entführer meldeten sich anderntags von selber. Bei dpa-Berlin traf, um 9.15 Uhr, mit dem Polaroid-Bild das erste Lebenszeichen ein, dazu ein Text, der anhebt: "Heute morgen haben bewaffnete Frauen und Männer der Bewegung 2. Juni den Parteivorsitzenden der Berliner CDU, deren Spitzenkandidaten für die Abgeordnetenhauswahlen am 2. März, Peter Lorenz, gefangengenommen."

Kein Wort von Baader und Ulrike Meinhof.

In ultimativer Form forderten die Kidnapper die Freilassung von sechs inhaftierten Anarcho-Tätern, und zwar > Horst Mahler, 39, ehemaliger Rechtsanwalt; 1973 verurteilt zu zwölf Jahren Freiheitsstrafe als Rädelsführer einer kriminellen Vereinigung und wegen gemeinschaftlichen Raubes, weitere Verfahren schweben, in Berlin in Haft;

* Verena Becker, 22, Telephonistin, im Dezember 1974 verurteilt zu sechs Jahren Jugendstrafe wegen gemeinschaftlich versuchter Herbeiführung einer Explosion in Verbindung mit fahrlässiger Tötung und Beteiligung an einem Banküberfall, inhaftiert in Berlin;

* Gabriele Kröcher-Tiedemann, 28, Soziologie-Studentin, verurteilt im Dezember 1973 zu acht. Jahren Freiheitsstrafe wegen versuchten Mordes in drei Fällen, räuberischer Erpressung und Diebstahls, Justizvollzugsanstalt Essen;

* Ingrid (Hedwig) Siepmann, 30, pharmazeutisch-technische Assistentin, im Dezember vergangenen Jahres verurteilt zu zwölf Jahren Freiheitsstrafe wegen schweren Raubes in sechs Fällen und unbefugten Waffenbesitzes, in Berlin in Haft;

* Rolf Heißler, 26, Student, vor drei Jahren verurteilt zu acht Jahren Freiheitsstrafe wegen schweren Raubes sowie schweren und fortgesetzten einfachen Diebstahls, Justizvollzugsanstalt Straubing;

* Rolf Pohle, 33, Jurist, verurteilt vor einem Jahr zu sechs Jahren und fünf Monaten Freiheitsstrafe wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung (BM), fortgesetzter Urkundenfälschung, mehrerer Verstöße gegen das Waffengesetz" unbefugten Führens eines akademischen Grades, Widerstands gegen Polizeibeamte und Betruges, zur Zeit Vollzugsanstalt Landsberg.

Kein Wort von Andreas Baader, Ulrike Meinhof und den anderen Genossen von der "Roten Armee Fraktion", die in Stuttgart Stammheim einsitzen und, als die Nachricht von der Lorenz-Entführung aus den Zellenradios zu vernehmen war, rasch "in so etwas wie Hochstimmung" gerieten, wie ein Betreuer fand. Noch am Donnerstag kam BM-Anwalt Claus Croissant ins Sinnieren: "Ob der Prozeß nun überhaupt noch stattfindet? Wer weiß, vielleicht mache ich morgen meinen letzten Besuch bei Andreas Baader im Knast."

Die vier Häftlinge, seit 23 Tagen nicht mehr im Hungerstreik und schon wieder bei Kräften, waren jedenfalls laut Anstaltsarzt Dr. Helmut Henck reisefähig. Aber als tags darauf die Berliner Liste bekannt wurde, schien Croissant frappiert: "Mahler, das verstehe ich nicht, der ist ja doch gar kein Kämpfer mehr." Und als der SPIEGEL fragte, warum wohl seine Stammheimer nicht mit von der Partie seien, zitierte der Anwalt seine Schützlinge aus dem SPIEGEL (4/1975): "Fragen Sie das den 2. Juni."

Der hatte an das Ende seiner Lorenz-Verlautbarung aus dem Untergrund eine Art Entschuldigung gesetzt: "An die Genossen im Knast: Wir würden gern mehr Genossen von Euch herausholen, sind aber bei unserer jetzigen Stärke nicht dazu in der Lage."

Die Leute vom 2. Juni, bei denen es immerhin zur spektakulärsten Geiselnahme in der Crime-Geschichte der Bundesrepublik reichte, waren freilich von jeher eine eigenständige, auf Abgrenzung zur Baader-Gruppe bedachte Untergrundunion gewesen. Die Genossen, die nach dem tödlichen Polizeischuß auf den Studenten Benno Ohnesorg vom 2. Juni 1967 -- das Datum erkoren sie zum Namen -- aufbrachen, waren zwar von der RAF-Theorie überzeugt, aber, so bekundete später einer aus ihrem Kreis, "hinsichtlich der Praxis wollten wir einen anderen Weg einschlagen".

So sollte er aussehen: nicht von Banküberfall zu Banküberfall vorgehen, nur um in immer wieder neuen Wohnungen und mit teuren Autos das beschaffte Geld durchzubringen, sondern mehr als die Genossen von der RAF wollten sie ihre Zeit zu politischer Arbeit nutzen.

Aber dann unterschied sich ihre Praxis von der Gruppe um Andreas Baader und Ulrike Meinhof am Ende doch nicht. Sie stahlen Autos und Waffen. fälschten Papiere und Pässe, bauten und warfen Bomben, überfielen Banken -- und am Ende: mindestens fünf Tote. Ihre kriminelle Entschlossenheit stellten sie auch im letzten Jahr blutig unter Beweis:

Am 4. Juni 1974 richteten sie im Grunewald den "Verräter" Ulrich Schmücker durch Kopfschuß hin. > Am 10. November 1974 versuchten sie den Berliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann zu entführen und schossen, als dies mißlang, ihn tödlich nieder. Jedenfalls übernahmen sie für die Morde die "Verantwortung" -- makabres Spätstück einer "Bewegung", die Ende der sechziger Jahre eher zufällig entstanden war und der, zu verschiedenen Zeiten, junge Mädchen wie Annerose Reiche und Angela Luther, junge Männer wie Georg von Rauch, Peter Knoll, Michael Baumann, Thomas Weisbecker, Heinz Brockmann, Ralf Reinders angehörten.

Die Gruppenbildung war, so schilderte es später Heinz Brockmann, "keinem besonderen Entschluß" entsprungen, "sondern ergab sich einfach daraus, daß wir aufgrund unserer Schicksale uns irgendwie zusammengehörig fühlten". Die Bewegung entstand aus eher zufälliger Tuchfühlung zweier Anarcho-Schwärmer: Brockmanns und des Cocktail-Werfers Michael Baumann ("Bommi").

Dritter Mann der Gruppe war damals Georg von Rauch, zuvor Anführer der "umherschweifenden Haschrebellen" in West-Berlin. Schließlich war es ein gutes Dutzend Gesinnungsgenossen, das sich regelmäßig in konspirativen Wohnungen der Bundesallee in Wilmersdorf traf.

Ihre Polit-Aktionen konzentrierten sie ganz auf West-Berlin. Denn, so Brockmann: "In dieser Beziehung folgten wir der Auffassung der RAF nicht, die von einem zentralen Führungsstab aus verschiedene Personengruppen in einzelne Orte lenkte, ohne daß diese Personen sich dort hinsichtlich der Örtlichkeit, der Bewohner und deren aktuellen Probleme auskannten."

Anders auch als die straff organisierte Baader-Meinhof-Gruppe verzichtete der anarchistische Zwilling auf das Prinzip von Befehl und Gehorsam. "Der jeweils Sachkundigste sagte, was notwendig sei", so Brockmann; der "autoritäre Führungsstil einer herausgehobenen Gruppe der Personenzahl", für die BM-Genossen Ausweis revolutionärer Disziplin, galt bei der "Bewegung 2. Juni" als verpönt.

Zunächst entwickelte sich im Halbstadt-Underground eine Atmosphäre von altmodischer Bombenwerfer-Romantik. Noch verzichtete man vorsätzlich auf Präzision, Logistik und Aktionsradius der BM-Guerilla. Und doch gab es schon damals Pläne fürs politische Kidnapping. Der Wohnsitz des französischen Stadtkommandanten war bekannt geworden, und diskutiert wurde, ob man sich seiner Person bemächtigen sollte. Dann sollte der West-Berliner Justiz durch Entführung des Vorsitzenden im Mahler-Prozeß vor Augen geführt werden, daß sie von Horst Mahler lassen solle.

Waffen fehlten -- und die beschaffte der große Bruder RAF reichlich. In Hamburg trafen Brockmann und Ina Siepmann mit Gudrun Ensslin und Andreas Baader zusammen. Brockmann erinnert sich: "Die fingen gleich an zu planen, als wollten sie die Tat selbst ausführen" und forderten, daß die "Bewegung 2. Juni" in der RAF aufgehe. Schließlich erhielten die Berliner Separatisten ihre Waffen aber doch -- per Paket aus Frankfurt: Ausrüstung für die geplante Befreiung von BM-Mädchen aus der Berliner Frauen-Haftanstalt Lehrter Straße.

Das Unternehmen -- geplant mit Leitern von außen und dem Durchsägen der Zellenstäbe von innen -- schlug fehl, die Täter fühlten sieh entdeckt. Immer drückender aber wurde die Finanznot der Anarchisten-Gruppe, und so wählten sie wie die RAF den Bankraub als Mittel zum Zweck.

Am 22. November 1971 machten Georg von Rauch, Peter Knoll, Ralf Reinders und Heinz Brockmann den Anfang. Beute: 87 000 Mark. Sie reichte nicht lange. Rollen und Kostüme wechselten, die Methode blieb dieselbe. Jeweils zwei Fluchtfahrzeuge standen bereit, nach Baader-Beispiel mit Kennzeichen-Doubletten und Fahrzeugpapieren von tatsächlich vorhandenen Originalen "verdoppelt" (Gruppenjargon).

Daß es immer glattging, verdankte die "Bewegung" dem technischen Know-how des einstigen Mechanikers Brockmann, der für die Gruppe beispielsweise einen heißen Draht zur Polizei installiert hatte. Sämtliche Autoradios ließen sich durch einfachen Knopfdruck auf alle Berliner Polizei-Wellen, ob "Anna", "Berta" oder "Cäsar", schalten.

Sein größtes Werk, eine Bombe im Eigenbau aus Feuerlöscher (Fabrikat "Gloria PG II E"), Uhren, Wasserrohren und Zündpille, Schwarzpulver und Unkraut-Ex-Zucker-Gemisch, brachte am 2. Februar 1972 auch die größte Wirkung: Im britischen Jachtklub Gatow zerschmetterte sie einen Bootsschuppen und tötete den deutschen Bootsbauer Erwin Beelitz, 66.

Am 4. Dezember 1971 hatte die Gruppe freilich selber einen Schlag hinnehmen müssen: An diesem Tag starb Georg von Rauch. In West-Berlins Eisenacher Straße war es zur tödlichen Konfrontation gekommen. Geschossen wurde 15mal. Der genaue Hergang blieb bis heute widersprüchlich. Am Ende lag Georg von Rauch mit einem Kopfschuß tot an der Hauswand, der Kriminalhauptmeister Hans-Joachim Schultz trug einen Streifschuß in der Leistengegend davon. Brockmann, Baumann und Knoll konnten entkommen.

Wer immer nun noch im Untergrund zu ihnen stieß -- die Gruppe wurde bösartiger, schreckte auch vor geplantem Mord nicht mehr zurück. Erstes Opfer: der Ex-Genosse Ulrich Schmücker. Er hatte nach seiner Inhaftierung im Mai 1972 umfassend gestanden, kam deshalb im Februar 1973 vor Gericht mit einer Strafe von nur zweieinhalb Jahren davon, wurde nach der Verhandlung wieder in Freiheit gesetzt und tauchte erneut unter.

Aus der Lektüre staatsanwaltschaftlicher Vernehmungsakten, die sie sich zu beschaffen verstanden hatten, erfuhren die Terroristen im Untergrund vom "Verrat" ihres Genossen. Unter Vorwänden wurde Schmücker -- nach dem Erkenntnisstand der Staatsanwaltschaft -- von Ilse Jandt ins Verhör gezogen, mußte Fragebogen ausfüllen und unterschrieb mit einem Schuldbekenntnis unbewußt das eigene Todesurteil.

Am 4. Juni 1974 wurde es vollstreckt -- nachts im Berliner Grunewald. Am Tage nach der Rachetat ging der Deutschen Presse-Agentur (dpa) das Bekenntnis-Schreiben der "Bewegung 2. Juni zu.

Ahnlich war es am 12. November, drei Tage nach dem Tod von Holger Meins, und zwei Tage nach dem Mord am Berliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann. Wieder war dpa Empfänger der Botschaft. Inhalt: "Als der Hungerstreik der Häftlinge. begann, haben wir gesagt" wenn die Vernichtungsstrategie erneut das Leben eines Revolutionärs kostet, werden die Verantwortlichen selber mit ihrem Leben bezahlen."

Die Ermordung von Drenkmanns stand nicht auf dem Programm, der Richter hatte entführt werden sollen -- auserwählt als erste Geisel für die von allen Terroristen-Gruppen schon immer anvisierte und für ihre weitere Strategie allein entscheidende Haupttat: die Befreiung von inhaftierten Genossen.

Es war der Kopf der anderen Fraktion, Baader, der diese Maxime letztes Jahr noch einmal formulierte -- in Haft. In einem von der Justiz abgefangenen Kassiber heißt es:

ich denke, irgendein austausch ist einfach zu organisieren, euer risiko ist kleiner mit minimalen kräften: bundestagsabgeordnete -- wo sie sich außerhalb bonns in ihren häusern treffen -- aber die richtige fraktion innerhalb der spd ode< aus ihren häusern.

landtagsabgeordnete (mindestens 2) wie die mdb aus den richtigen ausschüssen. nur als beispiel: typen, die gruppen repräsentieren, auf deren loyalität die re gierung angewiesen ist ... nach der vereinbarung der innenministerkonferenz hat das leben der geiseln vorrang -- na ja, was das schon heißt -- vor strafrechtlicher verfolgung.

mit sprengstoff -- am besten natürlich ihr schafft mir 4-5 kg rein. stück zündschnur, 2 kapseln. die menge müßt ihr durch versuche checken -- an irgendwelchen alten gemäuern, burgen oder so, gibts is genug, die einsam liegen der nachteil ist, kann uns und damit nicht nur mich, die druckwelle, wenn sie das dach einfällen läßt, umbringen

aber zunächst sah es so aus, als seien weder derart abenteuerlich anmutende befreiungsaktionen möglich noch terroristische routine-unternehmen: nach der verhaftung des harten kerns der baader-meinhof-gruppe flauten die anarcho-anschläge in der bundesrepublik vorübergehend ab.

"metastasen im

umfeld von baader-meinhof".

doch während die aufgeregte republik sich wieder beruhigte, machte das bundeskriminalamt eine phase der "reorganisation" aus -- ohne anfangs genauere konturen zu erkennen. "es existieren allerhöchstwahrscheinlich dezentrale aktionsgruppen. kontakte untereinander sind höchstwahrscheinlich."

erst allmählich zeichneten sich neue gruppierungen ab, die sich unter anderen aus rund zwanzig flüchtigen mitgliedern der alten bm-gruppe, des einstigen heidelberger sozialistischen patientenkollektivs (spk) und der "gruppe 2. juni" rekrutierten. drei köpfe glaubten die sicherungsbeamten am werk im anarcho-untergrund: > Jörg ("Jogi") Lang, 34, Stuttgarter BM-Anwalt, der untergetaucht ist, nach Ansicht der Polizei mit ehemaligen SPK- und BM-Mitgliedern eine neue Untergrundorganisation aufbaut und dabei -- ähnlich wie jetzt in Berlin -- Sendeanlagen in einem Möbelwagen installieren soll; > Ralf Reinders, 26, ein erfahrener Baader-Meinhof-Gefolgsmann und "Schlägertyp" (BKA) von der "2. Juni"-Gruppe;

* Reiner Hochstein" 36, führender Funktionär der "Schwarzen Hilfe", eine der RAF-Nachfolgeorganisationen.

Vergeblich wurde nach ihnen während der Großfahndung "Winterreise" am 26. November gefahndet. Die "Metastasen im weitesten Umfeld von Baader-Meinhof" (BKA-Präsident Horst Herold) wucherten weiter. "Schon wenn wir Hochstein und Reinders gefaßt hätten", meinten Ermittler. "wäre die Luft raus und der Druck weg." Vor allem Hochstein wurde als der Mann eingestuft, der "am deutlichsten nach Baaders Konzept Operiert".

14 Stunden vor der Entführung von Lorenz, am letzten Mittwoch gegen 19 Uhr, wurde Hochstein in Hamburg gefaßt, durch Zufall. Er hielt mit einem Opel vor einer roten Ampel und küßte seine Beifahrerin. Dahinter wartete ein Streifenwagen der Polizei auf die Weiterfahrt. Als bei Grün das Küssen im Opel kein Ende nahm, drückte im Funkwagen der Fahrer kurz auf die Hupe. Daraufhin fuhr im Opel das Paar auseinander, der Mann drehte sich um, gab Vollgas. "Er reagierte so erschrocken, daß unsere Beamten stutzig wurden", so Polizeisprecher Eberhard Hohler.

Hochstein baute einen Frontalzusammenstoß, nahm mit vorgehaltenem Colt einem anderen Autofahrer den Wagen weg, konnte ihn aber nicht starten, flüchtete, da zwei Polizeischüsse krachten, zu Fuß und wurde schließlich überwältigt.

Der Mann der "Schwarzen Hilfe" hatte seine Finger im Spiel oder wirkte im Hintergrund, so -- wie die Polizei mutmaßt -- als

* am 4. Oktober dem Hamburger Justizsenator Ulrich Klug ein Bombenpaket vors Haus gelegt wurde; 120 Sekunden vor der Explosion konnte die Ladung entschärft werden;

* am selben Tage das Auto des Hamburger Gefängnisarztes Walter Mairose durch einen Brandsatz gezündet wurde;

* am 20. November auf dem Grundstück des Hamburger Richters Geert Ziegler, der als Vorsitzender der mit BM-Prozessen befaßten Staatsschutzkammer unter Polizeischutz stand, eine explodierende Bombe Sachschaden in Höhe von 1000 Mark anrichtete;

* am 7. Dezember ein Sprengsatz in einem Schließfach des Bremer Hauptbahnhofes detonierte und vier Menschen verletzt wurden.

Polizeischutz nur bei Nacht.

Daß zwischen der "Schwarzen Hilfe" und dem Berliner "2. Juni zumindest Kontakte bestanden, hält die Polizei für wahrscheinlich. Die Staatsschutzabteilung prüft auch einen Hinweis, daß das "2. Juni"-Mitglied Angela Luther am vorletzten Wochenende in Hamburg war und auf dem Hauptbahnhof mit zwei Männern über einen großen "Coup" gesprochen habe.

In Berlin gab es, nach dem Coup, keinen Zufall, der die Kripo an die Täter brachte. Obwohl Hunderte von Beamten den West-Berliner Polit-Untergrund durchkämmten, Wohnungen durchsuchten und Kneipen observierten, blieben Peter Lorenz und seine Entführer am Donnerstag und Freitag unauffindbar.

Doch so berechnend, so kaltblütig die Desperados auch ans Werk gegangen waren -- sicher scheint, daß Nachlässigkeiten in der Berliner Polizeiführung ihnen die Tat zumindest erleichterten: allen voran der Umstand, daß lediglich das Lorenz-Haus (von 19 bis sieben Uhr früh), nicht aber der Politiker selbst unter Polizeischutz stand.

Und wie Lorenz war auch Schütz bis zum Donnerstag letzter Woche bei seinen Wahlkampfauftritten nur gelegentlich von Sicherheitsbeamten begleitet worden; beide, Schütz wie Lorenz, hatten freilich auch keinen besonderen Wert auf derlei Gesellschaft gelegt.

Wo immer jene Gruppe, die dann den Coup landete, samt Anhängseln zuvor im Dunkelfeld der Anarcho-Szene plaziert war, als Splitter oder als Kernstück -- die Todesdrohung verlieh ihr neue Dimension. Bonner, Berliner, sie hatten von nun an auf den Untergrund zu hören.

Und betroffen waren nun nicht mehr nur westdeutsche Staatsschützer, gefordert war das Staatswesen. Ordnung um jeden Preis oder Preisgabe rechtsstaatlicher Substanz, erpressen lassen oder erschießen lassen -- es gab nichts dazwischen. Zum erstenmal stand die Republik vor den Fragen, die sich ähnlich in anderen Regimes seit Jahren stellen -- und immer anders beantwortet wurden.

Aus der Genesis politischer Entführungen in aller Welt jedenfalls konnten die deutschen Krisenstäbe kaum Lehren für den Fall Lorenz gewinnen -- abgesehen von der simplen Erkenntnis, daß Nachgeben die Unversehrtheit der Entführten zu gewährleisten scheint.

So war es schon bei der Entführung des Washingtoner Brasilien-Botschafters Charles Burke Elbrick am 4. September 1969, Auftakt und Vorbild vieler Polit-Kidnappings in Lateinamerika. Nach drei Tagen ging die brasilianische Regierung auf die Forderung der Entführer ein und ließ 15 politische Häftlinge in einer Maschine der eigenen Luftwaffe nach Mexiko ausfliegen. Elbrick wurde noch am selben Tage unverletzt freigelassen.

Ein Jahr danach, am 11. Juni 1970, wurden die Leibwächter des deutschen Rio-Botschafters Ehrenfried von Holleben von vier Terroristen, unter ihnen eine Frau, niedergeschossen -- der Diplomat mit Äther betäubt und in einer Kiste abtransportiert. Die Täter forderten die Entlassung von 40 politischen Häftlingen. Nachdem die Gefangenen nach Algerien ausgereist waren, wurde von Holleben am 16. Juni unversehrt auf freien Fuß gesetzt.

Todbringend war die harte Haltung der Regierung Guatemalas, nachdem

* Beschossener Hubschrauber in Fürstenfeldbruck nach der Spurensicherung mit markierten Schußkanälen

am 31. März 1970 Guerilleros Bonns Botschafter Karl Graf von Spreti aus seinem Dienst-Mercedes gekidnappt hatten. Er sollte ihnen 22 politische Gefangene und über 2,5 Millionen Mark Lösegeld einbringen. Die Regierung weigerte sich, Spreti wurde erschossen.

Im Herbst 1970 scheiterte -- teilweise -- auch Kanada-Premier Trudeau mit Härte: Untergrundkämpfer der linken franko-kanadischen Separatisten verlangten für den gekidnappten Arbeitsminister Pierre Laporte und den britischen Handelsattaché James Cross 23 inhaftierte Separatisten. Trudeau antwortete mit dem Kriegsrecht, ließ 500 Sympathisanten verhaften und ging auf kein Angebot ein.

Eine Woche nach seiner Entführung wurde Laporte erschossen aufgefunden; Cross kam sechs Wochen nach seiner Entführung frei, als die kanadische Polizei seinem Gefängnis auf die Spur gekommen war und die Täter eingekesselt hatte. Gegen freies Geleit nach Kuba ließen die Separatisten den britischen Diplomaten frei.

Nachgeben als Patentlösung, Unnachgiebigkeit mal mit, mal ohne Todesfolge -- für die Deutschen gab das schon nichts her, als sie zum erstenmal mit politischem Geiselraub konfrontiert waren. Und damals, als arabische Terroristen in München israelische Olympia-Kämpfer in ihre Gewalt brachten, erwies sich, wie schmal der Spielraum zwischen den klaren Entscheidungen ist -- und wie tödlich es enden kann, wenn man ihn zu dehnen versucht.

Fast einen ganzen Tag hatte das Krisenmanagement im Olympia-Dorf Zeit, um zwischen hart oder weich zu entscheiden. Doch anders als nun in Berlin lag die eigentliche Entscheidung über die Forderungen der acht Araber vom "Schwarzen September" nicht in den Händen von Deutschen. Die Guerillas verlangten die Freilassung von 200 palästinensischen Gefangenen -- eine Forderung, die die israelische Regierung barsch ablehnte.

Die Falken setzten sich auch in Bayern durch. Die Araber samt ihren neun Geiseln wurden per Hubschrauber zum Militärflughafen Fürstenfeldbruck transportiert, wo alles vorbereitet war: Panzerwagen des Bundesgrenzschutzes umzingelten das Gelände, Scharfschützen waren auf dem Tower und auf dem Rollfeld postiert.

Der Krisenstab war überzeugt, daß "nur eine gewaltsame Befreiung noch eine Überlebenschance für die Geiseln bietet" (so eine spätere amtliche Dokumentation). Zwar wurden bei den Schüssen vier der acht Terroristen getroffen -- aber der Rest zeigte keine Schockwirkung. Ergebnis: Alle neun Geiseln tot, am Ende fünf der Terroristen erschossen, ein Polizist durch Kopfschuß getötet.

Wohl vollzog sich jene düstere Premiere terroristischer Entführung gleichsam unter deutschem Kommando. Doch die Wahl der Mittel war eingeengt durch das Nein aus Israel; die Problemzone, die sich auftat zwischen den beiden Extremen, war denkbar klein; Staat wie Staatsbürger waren nur mittelbar betroffen, bündige Leitlinien für Berlin in München nicht abzugucken.

Westdeutsche Gesetze geben nur pauschal Auskunft darüber, ob der Handel -- Gefangene gegen Geiseln -- erlaubt ist oder verboten. Generell ist die Abwägung zugunsten der Geisel gerechtfertigt, aber erst die Kriterien des Einzelfalls können den Ausschlag geben. Soviel ist geschriebenes Recht, daß der Staat im eigenen Interesse auf seinen Strafverfolgungsanspruch verzichten, das sogenannte Legalitätsprinzip -- den Verfolgungszwang -- aus politischer Opportunität durchbrechen kann. Delikte wie Friedens-, Landes- oder Hochverrat, aber auch Aktivitäten in einer kriminellen Vereinigung wie der Baader/Meinhof -Gruppe dürfen laut Strafprozeßordnung straffrei bleiben, "wenn die Durchführung des Verfahrens die Gefahr eines schweren Nachteils für die Bundesrepublik Deutschland herbeiführen würde oder wenn der Verfolgung sonstige überwiegende öffentliche Interessen entgegenstehen".

Unmittelbar freilich hilft diese. Regel nicht aus dem juristischen Niemandsland. Denn die Häftlinge, deren Freilassung nun gefordert wird, sind durchweg bereits verurteilt, so daß nicht auf Strafverfolgung, sondern auf Vollstreckung zu verzichten wäre.

Eine Maxime aber gilt für jedes staatliche Vorgehen, die alle drei Gewalten bindet: der auch vom Bundesverfassungsgericht postulierte Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, das Übermaßverbot. In der Wertskala bundesdeutscher Grundrechte aber rangiert der Schutz des Lebens vor allen anderen Interessen. Und so gesehen wäre es unvertretbar, das höchste Rechtsgut zu riskieren, um einem minderen, dem Strafanspruch. Genüge zu tun.

Die Logik des Terrors jedoch, die politischen Implikationen des Berliner Menschenraubs, verwiesen von vornherein den Stellenwert juristischer Skrupel hinter den Beistrich. Gefragt war nicht rechtliche Ausdeutung, sondern die Einschätzung gesellschaftlicher Wertsachen.

Dieser Pression nachgeben -- hieße das nicht, die nächste und immer weitere zu provozieren? Mit das Beste der Republik, ihre Rechtssicherheit, in Raten zu verscherbeln? Dem Bürger Schwächen zu zeigen, die ihn lauter noch nach starken Männern rufen lassen?

War, andererseits, Unnachgiebigkeit denn wirklich ein Mittel, Wiederholungen zu wehren? Und sprach nicht alle Einsicht aus Erfahrung dagegen?

Erschien politisches Kalkül nicht geradezu pervers, wenn es aufgerechnet wurde gegen ein Menschenleben? Und geriet nicht, gemessen an dessen Unversehrtheit, staatliche Autorität zu einem blassen Abstraktum?

Derlei Fragen, die über die nächste Wahl hinausreichen, bewegten denn zunächst auch die Parteifreunde des Verschleppten. Laut CSU-Sprecher Dieter Kiehl in München reichte das Unions-Spektrum am Tag der Entführung von der Meinung: "Lassen wir sie doch ausfliegen, dann sind wir die Bagage los", bis zu der Forderung: "Ein Nachgeben können wir uns auf keinen Fall leisten, weil sonst nächste Woche mehr gefordert wird."

Die meisten der Parteichristen schienen sich der Meinung ihres nordrheinwestfälischen Vorsitzenden Heinrich Köppler anzuschließen, der dafürhielt, "den Forderungen nachzugehen, wenn andernfalls das Leben von Lorenz gefährdet ist" -- wobei man freilich nicht gleich Reinschiff machen und ohne hartnäckiges Feilschen Baader und Meinhof gleich mitgehen dürfe, um vor weiteren Entführungen sicher zu sein: "Dies ist rechtsstaatlich nicht vertretbar, sonst müßte man in letzter Konsequenz gleich sagen, wir können solche Leute erst gar nicht einsperren, damit wir vor Terrorakten sicher sind."

Doch kaum war der erste Schock überwunden, mischte sich parteipolitische Überlegung in die staatspolitischen Gedanken. Christ-, Sozial- wie Freidemokraten mühten sich nach Kräften, den Schaden für das eigene Lager gering zu halten und den Gegner ins Zwielicht zu ziehen.

Alle hatten unterdessen erkannt, daß mit dem Fall Lorenz das Thema innere Sicherheit in den bevorstehenden Landtagswahlen, voraussichtlich sogar bei den Bundestagswahlen des nächsten Jahres, Priorität erhalten wird.

Die sozialliberalen Koalitionspartner müssen nun damit rechnen, daß ihnen nicht nur die Verantwortung für den Verlust des einst sicheren Arbeitsplatzes, sondern auch Versagen gegenüber dem Terrorismus angelastet wird. Und in ihrer Bestürzung darüber, daß die Aktion den Christdemokraten in Berlin Sympathie wie Wählerstimmen bringen werde, hielten es Sozialdemokraten einen Augenblick lang sogar für möglich, daß es sich um einen von den Nutznießern selbst inszenierten Coup gehandelt habe.

In der Bonner SPD-Baracke kursierte bereits der makabre Witz, die Entführer verlangten 200 000 Mark, sonst werde Lorenz sofort freigelassen.

Durch die Lorenz-Entführung sah die SPD einen zuletzt auch für sie überraschenden Aufwärtstrend der Berliner SPD wieder abkippen.

Im Unionstager galten die Gedanken alsbald dem mit großem Aufwand gepflegten Ruf der Christenpolitiker als einzigen Wahrern von Recht und Ordnung in der Republik. Noch am Dienstag voriger Woche hatte der Parlamentarische Geschäftsführer der Oppositionsfraktion" Philipp Jenninger, seinen Kollegen ein Papier des Planungsstabes der Fraktion zugesteckt, in dem die Regierung angeklagt wird, "die Probleme der inneren Sicherheit und der Kriminalität immer nur verharmlost" zu haben. Und nach dem Überfall tönte der CDU-Ordner und hessische Parteivorsitzende Alfred Dregger: "Wir haben

Berliner Innensenator Neubauer. Bundesinnenminister Maihofer, SPD-Führer Wehner, Brandt, Schmidt.

diese Entwicklung seit Jahren beschrieben und vorhergesagt."

Um nicht vom Wähler als Repräsentanten eines schlappen Staates angesehen zu werden, wurde in Zirkeln der Unionsfraktion ernsthaft überlegt, ob Lorenz nicht geopfert werden solle. In der sicheren Erwartung, die Entführer verlangten die Herausgabe der inhaftierten Gesinnungsgenossen, plädierten vornehmlich Bundestagsabgeordnete der CSU dafür, die Gefangenen auf keinen Fall laufenzulassen.

Doch im Laufe des Freitags stoppte die Führung der Fraktion die wildwuchernde Diskussion über die rechte Taktik gegenüber Kidnappern. Als bindende Sprachregelung verkündete der amtierende Fraktionschef Stücklen, der Entführte rangiere höher als alles andere: "Wenn das Leben von Peter Lorenz ausgelöscht wird, dann ist das irreparabel, all das, was in diesem Fall an Rechtsstaatlichkeit aufgegeben werden muß, ist reparabel."

Die Union steuerte um so bereitwilliger in die weiche Welle, als sie sich ausgerechnet hatte: eventuelle Gefühle der Bürger, der Staat sei mal wieder zu schwach, richteten sich "nicht gegen uns, sondern wie immer gegen die, die gerade regieren" (so ein CDU-Funktionär). Und wenn Peter Lorenz erst einmal frei sei, so spekulierten die Christdemokraten, werde man wieder den gewohnten Ton anschlagen. "Dann muß", so Stücklen, "in verstärktem Maße die Macht des Staates konsequent eingesetzt werden."

Die Sozialliberalen könnten, wohl oder übel, mithalten wollen. Und so hatten die Entführer, bevor noch über ihre Forderungen befunden wurde, eins erreicht: die Aussicht, daß der verhaßte Staat mehr Staatsgewalt vorführt denn je zuvor.


DER SPIEGEL 10/1975
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Lorenz-Entführung: Nur die Generalprobe?