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TV-SERIE

Als Trottel getarnt

Mit "Columbo", einem einäugigen, ungelenken Detektiv, kommt ein weiterer Antiheld ins ARD-Serienprogramm.

Wenn er, im Morgengrauen, verschlafen auf den Tatort stolpert, klopft er sein Frühstücksei zerstreut mit der Mordwaffe auf. Im Hospital schlägt ihm der stechende Geruch gewaltig auf den Magen. Der bloße Anblick einer Spritze bringt ihn der Ohnmacht nahe -- der neue Fernsehpolizist ähnelt einer Spottgeburt.

Inspektor Columbo, der Tolpatsch von der Mordkommission Los Angeles, ist Nachfolger des faden Privatdetektivs Miles Banyon ("Los Angeles 1937") im ARD-Krimiblock. Im Zwei-Wochen-Rhythmus konkurriert er mit dem kantigen, bei deutschen Damen hochgeschätzten Sexy-Kahlkopf Kojak. "Columbo" (Serientitel) startet kommenden Donnerstag, 21 Uhr, mit der Folge "Zwei Leben an einem Faden" und bleibt -- 14 Folgen lang -- bis September im Programm.

In Süddeutschland ist der kleine, stämmige Schnüffler im abgewetzten Überzieher schon bestens bekannt. Das Dritte Bayerische Fernsehen hat, letztes Jahr, sechs "Columbo"-Episoden gezeigt, die bei Kritikern ungewöhnliches Wohlwollen erregten. Die Serie "ist kriminalistische Unterhaltung im besten Sinne der angelsächsischen Tradition". lobte der kompetente "Evangelische Pressedienst". Münchens "Süddeutsche Zeitung" rühmte das "hochgradige Schlitzohr" Columbo als einen "Meister des defensiven Fallen-Stellens". Wie ein Ritter von der traurigsten Gestalt schlurft der komische Cop durch die Besitzungen des kalifornischen Geldadels. Den schrägen Vögeln der High-Society -- betuchten Modeärzten, Managern, Fernsehstars und arroganten Nichtstuern -- nähert er sich stets in Demutshaltung. Wo dieser Schlemihl aufkreuzt, spöttelt seine Umwelt: "Euren Inspektor hätte ich mir bedeutender vorgestellt." Wenn er verstört an seiner billigen Zigarre zieht, zischeln feine Ladys pikiert: "Dieser Duft, wenn ich so sagen darf, ist hier deplaciert.

Doch der Trottel ist Tarnung. Columbo hat nur ein Auge (rechts trägt er Glas), aber das überall. Er stellt sich trickreich töricht und wiegt die Verbrecher zunächst in Sicherheit. Dem komödiantisch begabten Schauspieler Peter Falk" der als Kleinkind ein Auge durch einen Tumor verlor, ist die Columbo-Rolle maßgeschneidert: Er sieht aus "wie ein Hochwasser-Geschädigter" (Falk über Falk). Die Antihelden bleiben en vogue.

Was das neue, mit 70 Minuten pro Folge überlange Detektiv-Serial reizvoll macht, ist nicht Milieu-Realismus, wie im Fall des New Yorker Gangsterjägers Kojak" und auch nicht allein die deutschen TV-Produktionen oft mangelnde Profi-Qualität. Der sanfte, vom "Tatort"-Kommissar Klaus Schwarzkopf synchronisierte Columbo überzeugt als eine amüsant kalkulierte Kunstfigur. Zur Belustigung der Zuschauer trägt auch bei, daß die "Columbo"-Produzenten aufs klassische "Wer war"s?"-Muster verzichtet haben: Wie beim hölzernen deutschen "Derrick" ist der Mörder, wenn Inspektor Underdog ahnungslos auf die Szene tapert, dem Publikum schon bekannt.

Im Wettkampf der TV-Systeme um die attraktivsten Krimiserien hat die ARD mit "Tatort", Kojak und Columbo ihre Mainzer Konkurrenz fürs erste ausgestochen.


DER SPIEGEL 9/1975
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