29.08.2005

NS-VERBRECHER„Es geht mir gut“

Der KZ-Arzt Aribert Heim gilt als einer der sadistischsten NS-Verbrecher. Vor 43 Jahren tauchte er unter. Die letzten Nazi-Jäger sind sich sicher: Der mutmaßliche Mörder aus Mauthausen lebt noch. Nun ist ihm ein Zielfahndungskommando aus Stuttgart auf der Spur.
Über diesen Mann ist alles bekannt, fast alles. Körpergröße: 1,90 Meter. Schuhgröße: 47. Unveränderliche Kennzeichen: V-förmige Narbe am rechten Mundwinkel nach einer Mensur.
Zwei eheliche Kinder hat er, ein uneheliches, und er ist geschieden. Einst hervorragender Eishockeyspieler, ein Sportskerl. Sein Vater: Polizeibeamter, seine Mutter: Hausfrau. Er selbst: Mediziner, promoviert im Jahr 1940.
Nur eines ist nicht bekannt: sein Aufenthaltsort. WANTED weltweit: Dr. med. Aribert Heim, geboren am 28. Juni 1914 im österreichischen Städtchen Radkersburg, charmant, intelligent, ein Frauentyp - und angeklagt wegen Massenmordes. Heim, ein Parteigänger Adolf Hitlers (NSDAP-Mitgliedsnummer: 6 116 098) und Mitglied der Waffen-SS, soll im KZ Mauthausen nahe Linz als Lagerarzt Hunderte Häftlinge getötet haben - mit Spritzen direkt ins Herz oder bei Operationen ohne Betäubung.
Einmal habe Heim einem Patienten "den Bauch in ganzer Länge aufgeschnitten und daraus Gedärme, die Leber und die Milz entfernt, worauf das Opfer unter entsetzlichen Qualen verstorben" sei, so beschreibt es die Anklage. Zweien seiner Opfer seien "gemäß vorgefasster Absicht" die Köpfe abgetrennt und "ausgekocht" worden - um sie "nach Präparierung als 'Ausstellungsstücke' zu verwenden". Heim ist ein Mann, "der an Sadismus nahezu alle KZ-Ärzte übertrifft", schreibt Autor Ernst Klee in seinem Buch "Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer".
Heim, ein mordender Mediziner wie der KZ-Kollege Josef Mengele in Auschwitz, ist seit 43 Jahren verschwunden. Seither wird er international gesucht: mit einem Haftbefehl, der immer wieder erneuert wird - bis heute. Denn Heim ist keine Karteileiche. "Wir sind sicher", sagen Fahnder, "dass er noch lebt."
Seit Ende vergangenen Jahres hat sich ein Zielfahndungskommando des Landeskriminalamts Baden-Württemberg an seine Spuren geheftet. Und sie haben Indizien.
Auf Heims Namen ist immer noch, auch im fünften Jahrzehnt seines Abtauchens, ein Konto bei der Sparkasse Berlin eingerichtet, aktueller Stand des Guthabens: rund eine Million Euro. Das Geld stammt aus dem Verkauf eines großen Mietshauses in der Tile-Wardenberg-Straße im Herzen Berlins, das Heim 1958 für knapp 160 000 Mark erworben hatte. Inzwischen ist dieses Depot eingefroren, von Staats wegen, aber der mutmaßliche Mörder besitzt hierzulande auch festverzinsliche Wertpapiere in Höhe von 907 000 Euro, auf einem Sparbuch sind rund 50 000 Euro gutgeschrieben, weitere 22 000 sind als Festgeld angelegt.
Wäre der wohlhabende Flüchtling tot, so argumentieren die Fahnder, hätten seine Erben bei Vorlage der Sterbeurkunde Zugriff auf das Millionenvermögen - ein starkes Indiz dafür, dass Heim, der jetzt 91 Jahre alt wäre, immer noch lebt. Also observieren die Fahnder ein Anwesen der Familie im Schweizer Tessin, sie überprüfen, ob Heim vielleicht in Norwegen mit einer einheimischen Krankenschwester verheiratet ist, sie suchen ihn in Österreich und Ägypten. Zuletzt gingen die Stuttgarter vor wenigen Wochen einer scheinbar heißen Spur auf den Balearen nach: immer wieder, immer noch vergebens.
Beim zuständigen Stuttgarter Landeskriminalamt (LKA) füllt der Fall Heim mittlerweile über 40 Aktenordner, mehr als 200 Personen wurden überprüft, Hunderte von Spuren abgeklärt im In- und im Ausland. Auf seine Ergreifung sind 130 000 Euro Belohnung ausgesetzt. Und offenbar glauben nicht nur die Deutschen, dass Heim noch unter den Lebenden weilt: Im Mai dieses
Jahres erhielten deutsche Sicherheitsbehörden eine Erkenntnisanfrage eines westlichen befreundeten Nachrichtendienstes: Die interessierten sich plötzlich für Heims Zeit als KZ-Arzt in Buchenwald. Die Akte Heim ist nicht geschlossen. Noch nicht. Die Akte Heim ist der letzte große Fall der letzten Nazi-Jäger. Und sie wollen ihn finden, unbedingt.
Als der Stuttgarter Kriminalhauptkommissar Alfred A. nach 20 Jahren Jagd auf Heim 1984 pensioniert wurde, machte er einfach weiter. Animiert vom berühmtesten Nazi-Jäger, Simon Wiesenthal, der davon überzeugt ist, dass Heim "sich auf jeden Fall in Europa und eventuell in Spanien aufhält", besucht Alfred A. im Sommer 1984 auf eigene Faust die Iberische Halbinsel: "Was war ich doch so hoffnungsvoll." Aber außer einer Grippe und Ernüchterung bringt er nichts mit zurück nach Deutschland: Wieder nur Spuren im Sand, wieder galt es, "die Enttäuschung zu überwinden".
Weitere 20 Jahre später sind sowohl Alfred A. als auch Wiesenthal schwer krank und Heim immer noch ein Phantom - aber die Rechercheure des Simon-Wiesenthal-Centers in Jerusalem arbeiten weiter, allen voran Efraim Zuroff. Er hat für 2005 die "Operation Last Chance" ausgerufen. Zuroff, 56, lockt Informanten mit Geld. Nazis für Cash - das ist auch unter Juden umstritten. Ihm ist es egal. Ihm ist mittlerweile jedes Mittel recht. 60 Jahre Jagd. Wer soll das verstehen?
Zuroff steht auf dem abgewetzten weißblauen Teppich in seinem zwölf Quadratmeter großen Büro, das fast vollständig von einem großen Schreibtisch ausgefüllt wird. Aus seinem vergitterten Fenster im ersten Stock blickt er auf die Straße hinunter. Eine Sackgasse. "Die Jagd", sagt Zuroff, "ist noch nicht vorüber." Er weiß alles über Heim, auswendig, im Schlaf.
Frühjahr 1940: Der gutaussehende junge Mann, gerade mal Mitte zwanzig, hat sein Studium erfolgreich abgeschlossen und meldet sich freiwillig zur Waffen-SS. Er war ein Hundertprozentiger: Heim war der NSDAP bereits lange vor dem Anschluss Österreichs beigetreten - als die Partei dort noch verboten war. Nichts deutete jedoch anfangs darauf hin, dass in ihm ein vermeintlicher Massenmörder schlummert. Er war jemand, erinnert sich einer, der ihn von früher kennt, "der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte". Nach kurzen Aufenthalten beim Inspekteur der Konzentrationslager und im KZ Buchenwald wurde der Jungmediziner im Oktober 1941 nach Mauthausen abkommandiert - ein Lager, in dem bis zum Kriegsende rund 100 000 Menschen aus fast allen Teilen Europas ermordet werden: Holländer, Spanier, Tschechen, Russen.
Was dort im Krankenrevier in nicht einmal zwei Monaten geschah, hat sich tief in die Seelen und in die Köpfe der Überlebenden des Holocaust eingegraben. Der junge unerfahrene Arzt tötete, nach der Aktenlage, seine Opfer in einer Mischung aus Rassenhass, medizinischer Neugier und Mordlust - oder schlicht zu Trainingszwecken. Als Experiment habe Heim zusammen mit dem Lagerapotheker verschiedene Todescocktails für die Herzinjektionen ausprobiert. Um dann mit der Stoppuhr zu kontrollieren, welche am schnellsten tödlich wirkt - und welche Methode am preiswertesten sei.
Der Mediziner, so haben ehemalige Mauthausener Häftlinge immer wieder geschildert, sei von allen Lagerärzten "der schrecklichste" gewesen. Einen Wiener Juden soll Heim vor einen Spiegel gezerrt haben: "Schau dir doch deine Nase an, so etwas kann unser Führer nicht brauchen." Der Mann habe darauf bitterlich weinend um sein Leben gefleht, er müsse seine alte Mutter versorgen. Heim tötete den Häftling mit einer Injektion ins Herz. Der Leiche wurde der Kopf abgenommen, um ihn auszukochen. Nach einigen Tagen zeigte Heim einem Besucher stolz seine Trophäe: "Da schau, wäre um den schönen Kopf doch schade gewesen, dass er verbrannt wird." Einem anderen getöteten Häftling soll Heim, so ein Zeuge, "große Hautstücke aus Rücken und Brust" geschnitten haben, weil darauf ein Schiff tätowiert war. Die Haut wurde, erinnert sich der Zeuge, gegerbt, um daraus einen Lampenschirm für den Lagerkommandanten zu fertigen. Auf welch perverse Art Heim seine Opfer ermordete, bezeugte 1975 auch Karl Lotter, der als Pfleger im KZ-Krankenrevier arbeiten musste. Er schildert den Fall eines jungen Tschechen, der mit einer eitrigen Infektion am Bein auf die Station kam. Heim habe ihn auf seinen durchtrainierten Körper und sein makelloses Gebiss angesprochen. Freundlich plauderte er mit dem Mann über die Heimat, bevor er ihn narkotisierte. Doch statt das verletzte Bein zu operieren, habe Heim mit einem schnellen Schnitt die Bauchdecke des Tschechen aufgeschlitzt und sich an den Eingeweiden des Patienten zu schaffen gemacht. Anschließend entfernte er die Hoden des jungen Mannes, schälte eine Niere, nahm die zweite heraus: alles zu Übungszwecken. Die
Spruchkammer Berlin kam in einem Sühneverfahren 1979 zu dem Schluss: Heim "weidete sich an der Todesangst seiner Opfer".
Sein Frankfurter Anwalt Fritz Steinacker, der sich für Heim offensichtlich bereits durch die Arbeit für den KZ-Arzt-Kollegen Josef Mengele qualifiziert hatte, erklärte damals für seinen abwesenden Mandanten, Heim habe "keine der ihm zu Last gelegten Handlungen begangen". Nazi-Jäger Zuroff hingegen ordnet ihn ganz anders ein: "Er steht, was seine Taten betrifft, auf einer Stufe mit Mengele - dem Todesengel von Auschwitz."
Nach den mörderischen Wochen von Mauthausen wurde Heim zum SS-Lazarett nach Wien versetzt, arbeitete bei einer in Finnland stationierten SS-Divison und im Lazarett Oulu und tauchte in Norwegen auf; hier verliert sich seine Spur bis Kriegsende. Am 15. März 1945 nahmen ihn die Amerikaner bei Buchholz fest und internierten ihn anschließend im Kriegsgefangenenlager Ludwigsburg. Zwischen 1947 und 1949 musste er in der Saline Jagstfeld bei Heilbronn Dienst tun, bevor er dann ins bürgerliche Leben entlassen wurde - ohne Auflagen.
Das ist merkwürdig und verdächtig zugleich - und lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Heim muss sich den Amerikanern angedient haben, so wie es viele SS-Angehörige oder Nachrichtendienstler in jener Zeit versuchten. In Heims Verwendungsunterlagen im ehemaligen Berliner Document Center (BDC) taucht sein Einsatz in Mauthausen gar nicht auf. Obwohl Zeugen und Operationsprotokolle seine KZ-Zeit zweifelsfrei belegen, soll Heim zwischen Juli und November 1941 laut BDC-Papieren zur Leibstandarte SS Adolf Hitler abkommandiert gewesen sein - die Akten wurden allem Anschein nach manipuliert. Das rettete seinen Kopf, obwohl bereits im Januar 1946 KZ-Überlebende dem "US War Crime Investigation Team" seine Verbrechen detailliert beschrieben. Heims Vorgesetzter in Mauthausen, der Lagerapotheker und 47 weitere KZ-Schergen wurden im Mauthausen-Prozess verurteilt und 1947 hingerichtet. Heim jedoch startete unbehelligt ein zweites, sein bürgerliches Leben.
Tagsüber arbeitete er als Assistenzarzt am Bürgerhospital im hessischen Friedberg, abends packte er die Schlittschuhe: Der ehemalige österreichische Eishockey-Nationalspieler jagte in Bad Nauheim wieder dem Puck hinterher. Im Juli 1948 heiratete er eine Kollegin, vermögende Tochter aus gutem Hause. Eine friedliche Zeit für ihn, aus der sich keine Fotos oder Unterlagen mehr finden: "Als hätte jemand sein ganzes altes Leben gelöscht", sagt ein Fahnder.
Sechs Jahre später eröffnete der ehemalige KZ-Arzt eine gynäkologische Praxis in Baden-Baden und reiste als Pharma-Vertreter durchs Land. Der freundliche Herr Heim brachte es im aufstrebenden Wirtschaftswunderland bald wieder zu einem angesehenen Mitglied der besseren Gesellschaft. Das letzte bekannte Foto zeigt ihn 1959, saturiert mit Fliege und Smoking.
Doch der Mann mit Vergangenheit schien zu ahnen, dass seine bürgerliche Fassade zusammenbrechen könnte. Still und heimlich bereitete er sich auf die Illegalität vor, als in Deutschland und Österreich erste Ermittlungen gegen ihn liefen. Er kaufte das Haus in Berlin, engagierte eine renommierte Hausverwaltung und hinterlegte bei seinem Anwalt Fritz Steinacker am 5. Mai 1962 eine Vollmacht - für den Tag X.
Dieser Tag X war der 13. September 1962. Überstürzt verließ er die Villa in Baden-Baden und verschwand im roten Mercedes seiner Schwiegermutter in der Nacht. Als die Polizei am nächsten Morgen einen Haftbefehl vollstrecken wollte, traf sie nur Heims Frau und die beiden Söhne an: "Wir hatten den Eindruck, dass er praktisch hinten raus ist, als wir vorne reinkamen", erinnerte sich ein LKA-Fahnder. Und war sich sicher: "Die Aktion wurde verraten."
Seit seiner Flucht spielt Heim Katz und Maus mit den Jägern, über vier lange Jahrzehnte. Im April 1963 tauchte er plötzlich wieder in Berlin auf. Er quartierte sich ganz offiziell im Hotel "Frühling" ein. Heim wies die Immobilienverwaltung an, künftig sämtliche Geschäftsvorgänge seines Mietshauses mit seiner Schwester Hertha abzusprechen; die Polizei erfuhr Jahre später von dem Treffen - es war wohl die letzte Chance, ihn in Deutschland zu kassieren.
Die nächste Spur gibt es erst wieder, als deutsche Sicherheitsbehörden einen Tipp eines befreundeten Nachrichtendienstes erhalten. Heim soll zwischen 1963 und 1967 als Polizeiarzt in Ägypten gearbeitet haben - einem der Hot Spots für die flüchtigen Schergen des NS-Regimes. Hier fanden nach dem Krieg NS-Größen wie SS-Hauptsturmführer Alois Brunner, Generalmajor
Otto Ernst Remer und SS-Obersturmbannführer und Mussolini-Befreier Otto Skorzeny Unterschlupf. Der rekrutierte direkt nach dem Krieg in Kairo international gesuchte NS-Verbrecher für den ägyptischen Sicherheitsdienst. Bestätigt wird die Geheimdienstinformation von Aussagen deutscher Touristen, die den Mediziner des Todes in dieser Zeit inmitten einer Gruppe ägyptischer Offiziere am Suez-Kanal gesehen haben wollen. Daheim im Badischen findet seine Familie zweimal einen Zettel in ihrem Briefkasten. Aribert lässt wissen: "Es geht mir gut."
Dennoch reicht seine Frau 1967 die Scheidung ein und distanziert sich öffentlich von ihrem Mann - um die Kinder zu schützen, wie die Fahnder damals mutmaßen. Die Familie bestreitet bis heute jeden Kontakt zum Ex-Gatten und Vater. An der Haustürklingel in Baden-Baden aber steht bis heute sein Name neben dem Geburtsnamen seiner geschiedenen Frau.
Das Leben im Untergrund ist gut alimentiert: Die Mieteinnahmen, über 6000 Mark im Monat, gingen auf das Konto mit der Nummer 006 328 2107 bei der Volksbank im hessischen Dreieich ein, über das die Schwester verfügte. Der wahre Empfänger aber war Heim selbst.
Das beweisen die Steuererklärungen, die Anwalt Steinacker für seinen Mandanten jahrelang, ganz ordentlicher Deutscher, pünktlich einreichte. Im März 1977 spielte der Jurist den Finanzbehörden sogar ein Tonband mit der Stimme Heims vor - als Beleg, dass dieser noch lebt.
Als Simon Wiesenthal davon hörte, wurde er fuchsteufelswild. Er schreibt dem damaligen Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel (SPD): ob er sich guten Gewissens damit abfinden wolle, dass "ein gesuchter Verbrecher mit Hilfe von Anwalt und Steuerberater" im Untergrund weiterleben könne? Vogel antwortete Wiesenthal, drei Monate später, zerknirscht: "Eine Pflicht, den Aufenthaltsort des Mandanten zu offenbaren, kennt das Gesetz nicht."
Dennoch wurde eine Lösung gefunden, Heim in den Geldbeutel zu greifen, und zwar auf ungewöhnliche Weise. Das fast vergessene "Zweite Gesetz zum Abschluss der Entnazifizierung" aus dem Jahr 1955 eröffnete dem Berliner Innensenator die Möglichkeit, in eigener Regie gegen ehemalige NS-Größen vorzugehen. Als "Sühnemaßnahme" legte eine Spruchkammer die Zahlung von 510 000 Mark fest: 1988 wurde das Haus schließlich für 1,71 Millionen Mark verkauft, eine gute Million blieb übrig.
Nach dem aufsehenerregenden Prozess um diese Zahlung zieht Heim es offenbar vor, den Abstand zu Deutschland wieder zu vergrößern. Der israelische Geheimdienst Mossad ortet ihn zwischen 1979 und 1983 in Paysandú an der Grenze Uruguays zu Argentinien. Er soll dort als Psychiater eine Praxis unterhalten haben. Auch erreichten die Heims in dieser Zeit angeblich mehrfach Briefe aus Südamerika, geschrieben von einem, "der schon lange nicht mehr Deutsch spricht", wie die Fahnder registrierten.
Dazu passt, dass die uneheliche Tochter Waltraud in Uruguay Anfang der Siebziger überraschend einen Studienaufenthalt einschiebt. Heute lebt sie in Chile. Sie ist zwar noch im österreichischen Innsbruck gemeldet, dort verbringt sie aber, bestätigen Anwohner, schon seit Jahren nur noch einen Sommermonat.
1997 wollten österreichische Ermittler sie befragen. Ihre Mutter, Heims Geliebte während seiner Zeit in Mauthausen, blockte ab. Ihre Tochter leide an extremem Übergewicht, sie sei leider nicht vernehmungsfähig. Die Ermittler geben sich mit der Antwort zufrieden und trotten wieder davon. Wie sie es in diesem Zustand zu drei Kindern gebracht hat und zwischen Chile und Österreich pendeln kann - die Frage haben sich die Fahnder nicht gestellt. "Was die Verfolgung von NS-Kriegsverbrechen angeht, ist Österreich eines der lausigsten Länder der Welt", klagt der gelernte Historiker Zuroff.
Nazi-Jäger Simon Wiesenthal geht Ende der neunziger Jahre noch einmal der Uruguay-Spur nach. Sein Informant sitzt bei der dortigen Polizei und will dort einen Albert Heinrich von Heim, geboren am 26. 6. 1914, ausgemacht haben. Wiesenthal ist elektrisiert und bittet die Staatsanwaltschaft Baden-Baden um Hilfe. Aber dort wimmelt man ab. Wiesenthal lässt seine eigenen Leute ausschwärmen. Sie ermitteln, dass sich die fragliche Person tatsächlich 1983 in Fray Bentos aufgehalten hat - können die Identität aber nicht klären.
Simon Wiesenthal vermutet, dass Heim vor Ort von einem "Kameradschaftswerk" gewarnt wurde. Dieses Netz von NS-Kameraden in Lateinamerika verfügte laut Wiesenthal über Kontakte bis in die deutschen Auslandsvertretungen und ist so über offizielle Ermittlungen immer bestens im Bilde. Wiesenthals Informant ist davon überzeugt, dass der Mann auch 1998 noch in Paysandú lebt, wahrscheinlich habe er dort auch Freunde bei der Polizei, "die niemanden an den Akt über Heim herankommen lassen", glaubt Wiesenthal.
Zwei dicke Ordner im Wiener Wiesenthal-Büro sind gefüllt mit anonymen Postkarten, unscharfen Amateur-Fotos von weißhaarigen Männern in Lateinamerika, handgemalten Skizzen von Häusern und Lageplänen in Spanien. Lauter Heim-Hinweise aus vier Jahrzehnten: falsche Spuren, Irrwege, vielleicht auch Richtiges, möglicherweise sogar Treffer, die nie überprüft werden konnten.
Die Jäger plagten sich auch mit Wichtigtuern, Trittbrettfahrern oder Desinformationen. Ein Jugendfreund Heims will Mitte der neunziger Jahre von der Familie erfahren haben, der Doktor sei in Lateinamerika jämmerlich an Krebs zugrunde gegangen. Und mitten auf der Straße in Wiesbaden an einer Ampel will eine Informantin Heim gesehen haben. Sie ist sich so sicher, dass sie gleich mit Bleistift auf ihrer Informations-Postkarte an Wiesenthal die Bankverbindung angibt -
mit der Bitte um Überweisung einer Belohnung.
Mal wollen Zeugen den KZ-Arzt in Brasilien erkannt haben, mal im US-Staat Wisconsin. In Südtirol soll er beim Rotwein genüsslich "Knödelsuppe und Kaiserschmarrn" verzehrt haben - alles tote Spuren, die Zeit und Geld verschlangen. Im schweizerischen Lugano, wo die Familie ein Haus besaß, bespitzelten sich die Jäger sogar gegenseitig: Die Stasi, ebenfalls interessiert an Heim, hörte die Stuttgarter Zielfahnder ab und erfuhr so, dass diese Heims deutsche Familie in Lugano beschatteten. Angeblich sollte dort der Doktor mit Bimbes versorgt werden. Als die Familie die Schattenmänner bemerkte, ist sie einfach weitergefahren - über die Grenze nach Italien.
Die jüngste Spur führte nach Hessen: Ein anonymer Anrufer meldete sich im Juli bei Zuroffs Mitarbeiter in Deutschland, Stefan Klemp: Er wollte Heim in einem Altenheim bei Frankfurt erkannt haben. In der Nähe lebt die Tochter von Heims Schwester, die den Untergetauchten, davon sind die Stuttgarter Jäger überzeugt, bis zu ihrem Tod mit Geld versorgte.
Ein Land jedoch tauchte in schöner Regelmäßigkeit auf, mit konkreten Hinweisen auf Heims Verbleib: Spanien. Das Land galt, wie auch Argentinien, vielen NS-Tätern als idealer Zufluchtsort. In Figueral an der Nordostküste Ibizas hatte sich nach dem Krieg im Schutz des spanischen Diktators Francisco Franco eine Kolonie von Altnazis gebildet. Ibiza war in den sechziger Jahren noch kein Touristenmagnet, allenfalls für ein paar Hippies und Aussteiger interessant. In dem verschlafenen Küstenort Figueral lebten nur ein paar Menschen. Pepe Juan, der dort heute ein Restaurant besitzt, erinnert sich noch gut an das Auftauchen der Deutschen. Mitten im Nichts am Berghang unter kühlenden Fichten bauten sie mehrere Villen und Bungalows, versteckt hinter hohen Mauern und Stacheldraht, dafür mit feinem Blick auf das azurblaue Meer.
Noch immer findet sich an einer Mauer ein verwitterter Schriftzug mit dem Hinweis auf das "Deutsche Café": einst ein beliebter Treffpunkt der Exilgermanen, die zwischen ihren Tauchgängen nicht auf heimischen Kaffee und Kuchen verzichten wollten. Das ehemalige Café ist inzwischen ein Apartmenthaus. Die Kolonie nannten die Deutschen "Bungalow Park", so heißt sie noch heute.
Dort soll Heim Anfang der Achtziger im Haus eines Freundes zweimal aus Buenos Aires kommend konspirativ seine Frau getroffen haben. Pepe Juan kann sich an den "großen Deutschen" erinnern. Er weiß zwar nicht mehr, wann und wie oft der auftauchte, aber auf einem Foto von 1959 identifiziert er Heim: "Der war hier."
Mit dem aufkeimenden Massentourismus auf Ibiza, so die These der Fahnder, wurde auch die Insel ungemütlich für öffentlichkeitsscheue Altnazis. Die Kolonie-Gründer verkauften ihre Häuser mit sattem Gewinn, die meisten zogen aufs spanische Festland, ein sonniger Ruhesitz. Die spanischen Franco-Faschisten hatten schon immer ein Herz für die braune Brut aus Deutschland, seit die Legion Condor den putschenden General 1936 blutig unterstützte.
Heim konnte sich auf ein gutfunktionierendes System von Freunden und Helfershelfern verlassen. Tatsächlich kam es immer wieder zu unerklärlichen Pannen. Da wurden wichtige Rechtshilfeersuchen etwa an Österreich oder an Spanien von den zuständigen Behörden abgelehnt - oder zwei Jahre lang nicht weitergeleitet. Als die "Operation Last Chance" anlief, wollten die Stuttgarter Fahnder gern die Telefone der Familie Heim abhören - was ihnen wegen "mangelnder Erfolgsaussichten" nicht genehmigt wurde, wie Nazi-Jäger Zuroff wütend erzählt.
Neben seinem alten Rechtsanwalt Steinacker und der mittlerweile verstorbenen Schwester Hertha soll auch ein Bekannter der Familie, der in Baden-Baden wohnt, jahrelang als Kontaktperson zwischen dem Flüchtigen und seiner Familie fungiert haben.
Schützenhilfe erhielt Heim zuletzt - bewusst oder unbewusst - vor fünf Jahren. Und wieder ging es ums Geld. In der Vergangenheit warf Heims Konto bei der Sparkasse Berlin Jahr für Jahr ordentliche Zinsen ab - 1999 waren es 55 259 Mark, ein Jahr später 68 258 Mark und 2001 gar 72 826 Mark. So viel, dass die Bank schon 1999 rund 20 000 Mark Kapitalertragsteuer einbehielt und an das Finanzamt abführte. Daraufhin meldete sich ein Steueranwalt im Auftrag von Heims Berliner Abwesenheitspfleger - und forderte die Herausgabe der Steuer von 20 000 Mark. Es kam zum Rechtsstreit. Denn der Berliner Fiskus war nicht bereit, das Geld zurückzuzahlen. Begründung: Erkenntnisse, dass es sich bei Heim um einen "Steuerausländer" handele, der eben keine Kapitalertragsteuer entrichten müsse, lägen nicht vor. So sah es auch das Finanzgericht.
Im Oktober 2001 legte der Steueranwalt gegen das Urteil Beschwerde beim Bundesfinanzhof in München ein, die Causa Heim ist immer noch anhängig. Aber der Jurist gab den Ermittlern ungewollt einen wichtigen Hinweis, als er auf das Verhältnis zwischen Anwalt Steinacker und Mandant Heim abhob. Es liege "in der Natur des vorliegenden Sachverhalts", teilte der Jurist dem Bundesfinanzhof mit, "dass die Art und Weise des Kontaktes ... zwischen diesen mit äußerster Vertraulichkeit behandelt" werde - eine Feststellung im Präsens.
Ob Simon Wiesenthal, der sich schwer krank aus der Nazi-Jagd zurückgezogen hat, die Verhaftung Heims noch erlebt? In seinem verwaisten Büro hängt eine große Karte des Deutschen Reichs und der annektierten Gebiete, in dem alle Lager und Mordstätten der Nazis eingezeichnet sind. Hinter seinem Schreibtisch stehen seine Handakten.
Allein drei persönliche Ordner umklammern Material über Mauthausen. Das KZ, aus dem der heute schwerkranke Ingenieur Wiesenthal vor 60 Jahren befreit wurde. Das KZ, in dem der seit 43 Jahren flüchtige Dr. med. Aribert Heim mordete.
GEORG BÖNISCH, MARKUS DEGGERICH,
GEORG MASCOLO, JÖRG SCHMITT
Von Georg Bönisch, Markus Deggerich, Georg Mascolo und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 35/2005
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