29.08.2005

USADer Schmerz der Mutter

Cindy Sheehan stört den Urlaub des Präsidenten und gibt der Friedensbewegung ein Gesicht. Sie stellt die Frage, die sich viele Amerikaner stellen: Warum sterben unsere Kinder im Irak?
Man muss den Frieden oder den Präsidenten schon sehr lieben, um im Hochsommer in Crawford im Bundesstaat Texas zu campen. Zermürbende 40 Grad sind es schon am Vormittag, die Roten Feuerameisen, die Allergien auslösen können, bohren ihre Giftstacheln in Füße und Waden. Der Sheriff warnt vor Klapperschlangen: "Ich würde hier in der Prärie nicht auf dem Boden schlafen."
Hunderte harren in Sichtweite der präsidialen Ranch in der Gluthitze aus, und aus vielen Teilen des Landes rücken noch mehr enthusiasmierte Extremcamper an. Ihnen ist die texanische Einöde aber nicht mehr allein überlassen, denn inzwischen strömen auch Bush-Anhänger herbei, um den Krieg im Irak, der zum Fiasko geworden ist, zu verteidigen.
"Achtung, starker Verkehr", warnt eine eigens herangeschaffte Leuchttafel am Ortseingang von Crawford, das sich mit seinen 705 Einwohnern an solche Probleme erst gewöhnen muss. An den Präriezäunen hängen Losungen der Kriegsgegner: "82 Tote, während Bush fischen ging".
Unversöhnlich stehen sich die Verächter und die Bewunderer des Präsidenten gegenüber. Verständigung gibt es dennoch - über den gemeinsamen Feind, die Natur. Draußen an der Prairie Chapel Road dürfen die Bush-Getreuen die Campingtoiletten der besser organisierten Friedensbewegung benutzen. Ehemalige Soldaten revanchieren sich mit Tipps gegen den drohenden Hitzschlag: Wasser auf die Hose, Eisbeutel auf den Kopf.
Für die Umlagerung der Ranch in Crawford, in der George W. Bush seinen erstaunlich langen Urlaub verbringt - fünf Wochen sind im arbeitsintensiven Amerika ein fast obszöner Luxus, zumal in der Welt ja einiges los ist -, sorgt eine Mutter, die jetzt das ganze Land kennt. Cindy Sheehan, deren Sohn Casey im Irak sein Leben lassen musste, gibt dem Unbehagen am Irak-Krieg ein Gesicht. Mit der unangreifbaren Autorität der trauernden Mutter stellt sie die Frage, die sich Amerika auch stellt: Wofür eigentlich sterben unsere Kinder?
Der Präsident und die Mutter - das ist der Stoff, aus dem Dramen sind. Cindy Sheehan kam am 6. August nach Crawford. Sie verlangt seither, dem Präsidenten persönlich ihre Fragen stellen zu dürfen. "Ich glaube nicht, dass mein Sohn für eine noble Sache gestorben ist", sagt sie.
Bush lässt sich nicht zu einem Treffen herab, aber er muss sich permanent mit der unbeugsamen Cindy beschäftigen, bei jedem seiner Auftritte auf der Ranch, bei jedem seiner Abstecher hinaus ins Land. Sie liefern sich einen Dialog, der Präsident und die Mutter. "Wir schulden ihnen etwas", sagt der Präsident über die im Irak gefallenen US-Soldaten. "Wir werden die Aufgabe, für die sie ihr Leben gegeben haben, zu Ende bringen."
Cindy Sheehan ist 48 Jahre alt, arbeitslos, und mit ihrer piepsigen Stimme klingt sie wie ein Teenager. Sie hat traurige Augen, die Mundwinkel hängen tief herab. Über ihrem linken Fußknöchel ließ sie sich den Namen ihres Sohnes eintätowieren.
Casey wollte Priester werden. Zum Militär ging er, um Geld fürs College zu sparen. So strenggläubig war er, dass er mit dem Sex bis zur Ehe warten wollte. Am 4. April 2004 fiel Casey Sheehan, als er sich im Bagdader Stadtteil Sadr City freiwillig meldete, um verwundete Kameraden zu bergen. Er war 24 Jahre alt.
Der Schmerz der Mutter macht Cindy Sheehan zur Ikone der amerikanischen Friedensbewegung. "Attila die Süße" nennen sie Freunde wegen ihrer Beharrlichkeit. Den Kontakt zu einer Freundin im heimatlichen Vacaville bei San Francisco brach sie ab, als sie erfuhr, dass es sich um eine Bush-Wählerin handelt. Ihr Mann, der nach innen trauert, zog aus, weil sie ihre Trauer in eine öffentliche Demonstration verwandelte. Ihre beiden verbliebenen Kinder meinen, sie solle sich lieber um sie kümmern. Und dann schlug Cindy Sheehan ihr Zelt in Crawford auf und stellte weiße Kreuze mit den Namen der Kriegstoten im staubigen Boden auf. Das Urlaubsproblem des Präsidenten begann.
Er schickte seinen Sicherheitsberater Steve Hadley und seinen stellvertretenden Stabschef Joe Hagin zu ihr. Beide redeten auf Cindy ein, doch die war nicht beeindruckt. Sie will Bush sprechen und sonst nicht weichen. Die präsidiale Autokolonne braust gelegentlich auf dem Weg zum Flugplatz am Zeltlager vorbei.
Vermutlich war es ein Fehler, Cindy nicht zu empfangen, räumen nun selbst Strategen der Republikaner ein. Sie ist bekannt, sie ist populär, sie lässt sich nicht in irgendeine Ecke stellen und diffamieren.
Sie macht es den Büchsenspannern im Weißen Haus schwer. "Sie hat jedes Recht zu protestieren", sagte Bush immer wieder. "Aber ein Truppenabzug aus dem Irak würde die USA doch nur schwächen."
Vergangene Woche flog der Präsident kurz nach Nampa, Idaho, um vor Angehörigen und Mitgliedern der Nationalgarde und ihren Familien zu sprechen. Patriotische Märsche wärmten die Herzen der 9500 Zuhörer. Hinterher traf sich Bush mit 19 Familien, die Verwandte im Irak oder in Afghanistan verloren haben. Dann schwärmen die Interpreten des Weißen Hauses aus und erzählen Ergreifendes von solchen stundenlangen Begegnungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit: 900 Hinterbliebene habe er, die Lippen bebend, die Augen verweint, in diesem Jahr schon getroffen. Auch Cindy Sheehan ist der Präsident im Juni 2004 in so einer größeren Runde begegnet. Da war sie noch nicht auf Mission.
Sheehan musste zwischendurch aus Crawford abreisen, weil ihre Mutter einen Schlaganfall erlitten hatte. Der Trubel ließ nach, aber seit vergangenem Mittwoch ist sie wieder da. Auf den schmalen Straßen rund um "Camp Casey" drängen sich Übertragungswagen an Treckern vorbei.
Neue Generatoren rattern in der Prärie, eine Eismaschine und Kühlschränke treffen gerade ein, die Logistik im Camp bessert sich von Stunde zu Stunde. Es gibt jetzt Mülltrennung und Komposthaufen, es gibt einen eigenen Transportservice, den "Cindy Shuttle". Cindy Sheehan wohnt in einem klimatisierten Trailer.
Vor kurzem stieß Joan Baez zur Wohnwagen-WG hinzu. "Das fühlt sich hier historisch an", sagt die Folk-Legende, die noch immer wie von innen leuchtet. Crawford ist nicht Woodstock, aber die Gemeinde der Gefühligen ist eine kleine Macht. "Bushstock 2005" ist der Arbeitstitel für eine Dokumentation über das andere Crawford.
Überall im Land träumen Friedensgruppen nun vom Anwachsen zu einer machtvollen Anti-Kriegs-Bewegung, die den Präsidenten zum Rückzug aus dem Irak zwingt. In Camp Casey haben sie schon das Modell für einen Gedenkstein gebastelt. Inschrift: "Hier begann 2005 das Ende des Irak-Krieges".
Erstaunlicherweise ist keiner der kriegskritischen Demokraten in Crawford aufgetaucht. Ein Pakt mit der als unpatriotisch geltenden Friedensbewegung wäre vermutlich verhängnisvoll für John Kerry oder Hillary Clinton. Dabei ist das Sommerdrama in Crawford und sein Echo im Land ein Indikator für den schleichenden Stimmungsumschwung in Amerika.
Am 3. September gedenkt der Präsident seinen Urlaub, der keiner ist, zu beenden und ins Weiße Haus zu fliegen. Die trauernde Mutter will ihm folgen, nach Washington. GEORG MASCOLO
Von Mascolo, Georg

DER SPIEGEL 35/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.