29.08.2005

SCHWEIZDynamisches Outfit

Terrorangst wirkt bis weit hinein in die Alpentäler. Leidtragende sind die Hersteller des Schweizer Messers.
Der Kanton Schwyz ist kein Terrain für Extremisten. Bomben explodieren anderswo, Hassprediger sind hier unbekannt - in der Innerschweiz ruft allenfalls der Berg.
Dennoch regen sich bei Carl Elsener junior Alarmreflexe, wenn das Fernsehen über islamistische Attentate irgendwo auf der Welt berichtet. Der 47-jährige Chef der Firma Victorinox, ein zierlicher Mann mit lebhaften Augen, hat bei solchen Nachrichten regelmäßig ein Déjà-vu-Erlebnis.
Am 11. September 2001 nämlich verfolgte auch er al-Qaidas Angriff auf New York und Washington am Bildschirm, zunächst nur fassungslos beim Anblick all des Grauens. Bald aber dämmerte ihm, was die Ereignisse für sein Werk im beschaulichen Ibach, einem Ortsteil der Kantonshauptstadt Schwyz, bedeuteten.
"Zunächst war von Messern als Mordinstrumenten in den gekaperten Flugzeugen die Rede, da wurde mir schon mulmig", sagt Elsener. "Dann meldeten unsere Repräsentanten in den USA, dass die Duty-free-Shops auf den Flughäfen keine Taschenmesser mehr verkaufen dürfen. Am nächsten Tag entschieden wir sofort: Personalstopp."
Schicksalhafte Zeiten standen ins Haus. Denn Elseners Bestseller ist seit 1891, in vierter Unternehmergeneration, das Schweizer Messer, die legendäre Allzweckwaffe gegen lange Fingernägel oder lose Schrauben. Plötzlich wurden die millionenfach verkauften Produkte mit den blutroten Seitenkapseln, die das weiße Kreuz Helvetiens im Wappenrand ziert, an allen Flughäfen bei der Handgepäckkontrolle konfisziert. Der Absatz brach weltweit ein.
Ein nationales Symbol war in Gefahr, das es bis ins New Yorker Museum of Modern Art geschafft hatte. Ein in rund 300 Ausführungen erhältlicher Fetisch aus Europas größter Messerschmiede, dessen teuerste Version "SwissChamp" in 450 Schritten hergestellt wird und 64 Einzelteile hat, darunter einen Fischentschupper. Mehr als 900 Jobs beim größten Arbeitgeber der Region standen gleichfalls auf dem Spiel.
Die an Gewinnen beteiligte und über Branchenschnitt bezahlte Belegschaft machte Zugeständnisse, verzichtete zum Beispiel auf Überstunden. Elsener, der sich christlicher Unternehmensethik verpflichtet fühlt und privat mit einem Peugeot 307 zufrieden ist, entließ keinen einzigen Mitarbeiter, was eine mittlerweile 70-jährige Familientradition wahrte. Die Konkurrenz allerdings, die Wenger SA, geriet derart in die Klemme, dass sie im April dieses Jahres von Victorinox übernommen wurde.
Für die Kundschaft hat das den Vorteil, dass sie nicht mehr unterscheiden muss zwischen Wengers "echten" Schweizer Messern und den "originalen" von Victorinox. Auf diese feinsinnige Differenzierung, die keine ist, hatten sich beide Betriebe 1908 in einem historischen Kompromiss geeinigt. Nun gibt's nur noch Elseners authentische Ausklappware - und jede Menge billiger chinesischer Kopien, denen mindere Qualität nachgesagt wird.
In den Ibacher Werkhallen werden jährlich 2400 Tonnen Flachbandstahl aus Deutschland, Frankreich und Schweden von einem rappelnden und klöternden Maschinenpark verarbeitet - eine hochgradig arbeitsteilige Produktionsweise. 2004 betrug der Umsatz der "Sackmesser", wie die filigranen Gerätschaften in südlichen Gefilden heißen, 375 Millionen Schweizer Franken. Daneben produziert Victorinox mittlerweile auch Uhren, Textilien und eine von Wenger übernommene Parfum-Linie.
Messerwerbung ist nach wie vor kaum nötig. "Swiss Knife" ist als Marke stark genug, um sich vom 9/11-Trauma zu erholen. Die US-Präsidenten Lyndon B. Johnson, Ronald Reagan und George Bush senior besaßen mit ihren Signaturen verzierte Exemplare, die Bushs beehrten Ibach 1997 höchstselbst. Für Space-Shuttle-Astronauten, darunter den Deutschen Ulf Merbold, gehörte das vielseitige Kultgerät zur Arbeitsausrüstung.
Außerdem mehren immer neue Erfolgsmeldungen, selbst aus Katastrophengebieten, den Ruhm der roten Messer. Zuletzt erreichte Victorinox im Juni solch ein Bericht: Ein deutscher Arzt schickte Fotos, die zeigten, wie er mit scharfer Klinge einem Tsunami-Opfer auf Sri Lanka kurzentschlossen ein Bein amputierte - und damit das Leben rettete.
Nichtsdestotrotz tüfteln Elseners Leute unablässig weiter. Innovationen sind ein Miniatur-Ensemble im Kreditkartenformat sowie ein Schlüsselanhänger, in den ein USB-Stick integriert ist. Es gibt ihn auch ohne Messer, so dass am Flugplatz kein Ärger zu erwarten ist.
Zeitgemäß sind auch eine Version mit MP3-Player, die fast produktionsreif sein soll, und diverse Spezialentwicklungen, unter anderem für Golfer und Inlineskater. Manche werden als "flippige Toolsets in jungem, dynamischem Outfit" beworben - und damit die Chinesen nicht gleich alles nachmachen, beschäftigt die in Markenschutzfragen lange Zeit eher schläfrige Firma inzwischen einen fernöstlichen Patentanwalt.
Victorinox hat gute Gründe, das solide, aber eben auch biedere Image des Unternehmens aufzupeppen. Denn in diesem Jahr wurde eine Computerfirma, Logitech, zur Schweizer Marke mit dem besten Renommee gewählt, ein Unternehmen, das Millionen Fränkli mit Computer-Mäusen verdient.
Carl Elseners Trost: Wenn eine Maus kaputtgeht, kann vielleicht noch ein Schweizer Messer helfen. RÜDIGER FALKSOHN
Von Rüdiger Falksohn

DER SPIEGEL 35/2005
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