29.08.2005

„Mord steckt in uns“

Der US-Psychologe David Buss, 52, über die gewalttätige Natur des Menschen, tötende Stiefväter und seine eigenen Mordphantasien
SPIEGEL: Professor Buss, haben Sie je den Drang verspürt, jemanden zu töten?
Buss: Ich hatte einige Mordphantasien. Die intensivste betraf einen Mann, der meine Reputation schädigen wollte. Er hat bösartige Gerüchte über mich in Umlauf gebracht. Er hat versucht, mich zu zerstören.
SPIEGEL: Wie nahe sind Sie der Tat gekommen?
Buss: Lassen Sie mich einfach sagen, dass ich sehr plastische Vorstellungen davon hatte. Er lebt noch, soweit ich weiß.
SPIEGEL: Macht so eine Phantasie Sie eher zu einem echten Mörder?
Buss: Keineswegs. Für mein neues Buch habe ich 5000 Menschen aus sechs Kulturen über ihre Mordphantasien befragt*. 91 Prozent der Männer und 84 Prozent der Frauen haben zumindest einmal solche Gelüste gehabt. Manche haben sich ihnen über Tage oder gar Wochen und Monate hingegeben. Das ist keine Überraschung, denn die Evolution hat uns so gemacht. Wir alle sind die Nachkommen einer langen Linie von Mördern und Totschlägern. Mord steckt in uns. Er fasziniert uns nicht nur in Krimis oder Romanen. Wir alle stellen, wenn auch oft unbewusst, Kosten-Nutzen-Rechnungen auf über die Frage, ob wir töten sollen oder nicht. Und manche - Leute wie Sie und ich, die nie zuvor gewalttätig waren - tun es tatsächlich.
SPIEGEL: Ist Mord ein normaler Bestandteil menschlichen Verhaltens?
Buss: Manche Morde sind zweifellos pathologisch - etwa die einer Texanerin, die im Juni 2001 ihre fünf Kinder in der Badewanne ertränkt hat. Aber für die meisten Morde gilt das nicht. Ich habe eine Datenbank von 429 729 FBI-Mordakten analysiert und sie auf Motive und Tatumstände untersucht. Ich sah mich darin bestätigt, dass Morde eine Folge von evolutionär entstandenen Veranlagungen sind.
SPIEGEL: Also kann jeder zum Mörder werden?
Buss: Natürlich. Die meisten Menschen würden töten, um sich selbst oder ein eigenes Kind zu retten - oder auch, unter bestimmten Umständen, aus geringerem Anlass. Um es in einem Satz zu sagen: Menschen morden, weil Mord den Tätern einst in bestimmten Situationen einen Reproduktionsvorteil verschafft hat.
SPIEGEL: Und all die anderen Erklärungen - schwierige Kindheit, Missbrauch, Gewalt in den Medien ...
Buss: ... sind allesamt falsch. Schauen Sie sich die gewalttätigsten Kulturen auf unserem Planeten an, nämlich die traditionell lebenden Völker wie die Yanomami am Amazonas oder die angeblich so friedlichen !Kung San in Botswana. Diese Leute haben keinen Zugang zu Medien. Ihre hohe Mordrate ist auch nicht erklärbar durch schwierige Kindheiten. Sie ist vielmehr Folge des unbarmherzigen Dranges, sich fortzupflanzen. Der evolutionäre Prozess schert sich nicht um Gerechtigkeit oder das Wohl einer Art, sondern nur um das des Individuums und vor allem seiner Gene. Es gibt eine begrenzte Zahl von fortpflanzungsfähigen Frauen. Und in unserer Geschichte war das Töten eines Rivalen ein höchst effektives Mittel, einen Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen.
SPIEGEL: Männer töten also, um Frauen zu bekommen? Dann müsste jeder Discoabend mit einem Blutbad enden.
Buss: Mord ist natürlich nur eine von vielen Strategien, einen Sexualpartner zu gewinnen. Viele davon können Sie in jeder Disco beobachten. Mord ist selten, denn es war immer riskant zu töten. Wer es versucht, kommt leicht selbst um. Aber unter bestimmten Bedingungen, wenn die Kosten niedrig erschienen und der Nutzen hoch, hat sich Mord bezahlt gemacht.
SPIEGEL: Schauen wir uns den Mann an, der einen Kiosk überfällt und den Eigentümer erschießt. Ihm geht es doch wohl nicht um Frauen?
Buss: Wenn Sie genau hinschauen, geht es ihm genau darum. Er will Ressourcen erbeuten, denn Männer ohne Ressourcen sind uninteressant für Frauen. Bei der Partnersuche achten Frauen vor allem auf zwei Eigenschaften von Männern: ihre Ressourcen und ihren Status. Die Evolution hat sie so gemacht, denn ein Mann mit hohem Status und reichlich Ressourcen war immer besser in der Lage, Kinder gut zu versorgen. Deshalb sind Frauen bis heute statusorientiert. Wenn Sie einer Frau den Schauspieler George Clooney in einer Burger-King-Uniform zeigen, wird sie ihn weitaus weniger attraktiv finden als in Designeranzug und Sportwagen. Für Männer hingegen ist eine schöne Frau auch dann interessant, wenn ihre Kleidung auf geringen Status schließen lässt.
SPIEGEL: Zurück zum Kiosk-Mörder. Ist es nicht einfacher, schlicht zu sagen: Er tötet, weil er arm ist.
Buss: Dann müssen Sie mir erklären, warum es zwar mehr arme Frauen als arme Männer gibt, aber trotzdem fast 90 Prozent aller Mörder männlich sind.
SPIEGEL: Sind Männer von Geburt an mörderischer?
Buss: Allerdings. Sie sind es in jeder Kultur und in jeder Epoche. Es gibt keine einzige Kultur, in der Frauen je eine Bande gebildet hätten, um einen anderen Stamm zu überfallen, alle Frauen zu töten und die fruchtbaren Männer zu rauben. Männer haben so etwas sehr oft gemacht. Fragen Sie die Yanomami, warum sie in den Krieg ziehen. Sie sagen: um Frauen zu erbeuten.
SPIEGEL: Der gefährlichste Mensch, den eine Frau je kennen lernt, ist offenbar ihr Partner. Wenn Frauen umgebracht werden, dann meistens vom Freund oder Ehemann, Ex-Freund oder Ex-Ehemann. Diese Morde müssten aus Ihrer Sicht doch widersinnig sein, denn damit beraubt sich der Mann ja auch seiner Chance auf Fortpflanzung.
Buss: Solange sie mit ihm schläft, ist sie ja auch ziemlich sicher. Gefährlich wird es erst, wenn sie ihn verlässt. Ein verlassener Mann verliert gleich mehrfach: Seine reproduktive Ressource ist weg. Die Frau geht direkt an einen Rivalen, was bedeutet, dass dieser sich effektiver fortpflanzen kann. Und außerdem leidet auch noch der Status des Verlassenen, was seine Fortpflanzungschancen bei anderen Frauen weiter mindert. Er bezahlt also einen sehr hohen Preis für das Verhalten der Frau - und das erklärt viele Morde.
SPIEGEL: Wollen Sie im Ernst behaupten, dass die Evolution Männer belohnt, die ihre Frauen umbringen?
Buss: So allgemein will ich das nicht sagen. Die meisten Männer bringen ihre Gattin schließlich nicht um, selbst wenn sie
ihn sitzen lässt. Aber unter bestimmten Umständen war der Ehefrauen-Mord historisch von Vorteil - natürlich nicht für den moralischen Zustand einer Gemeinschaft, nicht für die Gerechtigkeit auf Erden, aber schlicht für die Ausbreitung der Gene mancher Männer. Und das ist es, was zählt in dem schmutzigen Geschäft der Evolution durch natürliche Auslese.
SPIEGEL: Warum töten Frauen so selten?
Buss: Für sie ist Mord viel riskanter. Denn weil der Mann gewöhnlich stärker ist, wird er eher sie verletzen oder umbringen. Es ist schlimm genug, tot zu sein - aber die reproduktiven Kosten ihres frühen Todes sind sogar noch größer. Ihre bereits existierenden Kinder sind für ihr Überleben auf ihre Fürsorge angewiesen. Zur Not können sie ohne Vater aufwachsen, was schwer genug ist, aber ohne Mutter sind sie verloren, gerade wenn sie jung sind.
SPIEGEL: Warum töten Frauen ihre Kinder?
Buss: Hier sind die Statistiken sehr klar. Teenager-Mütter sind bei weitem die größte Gefahr für das Leben von Säuglingen - je jünger, desto gefährlicher sind sie. Der Grund dafür ist, dass junge Frauen viele Jahre möglicher Reproduktion vor sich haben. Darum kostet sie der Kindsmord nicht so viel. Sie töten vor allem, wenn ihnen ein Mann fehlt, der in das gemeinsame Kind investieren will. Mit dem Infantizid verschieben sie ihre Fortpflanzung auf einen günstigeren Zeitpunkt im Leben.
SPIEGEL: Und wann töten Väter?
Buss: Auch hier sind die Statistiken eindeutig. Ist ein Stiefvater im Haushalt eines Kleinkindes, dann steigt dessen Risiko, ermordet zu werden, hundertfach an - verglichen mit einem Gleichaltrigen, der bei den biologischen Eltern wohnt. Was hier geschieht, ist dem nicht unähnlich, was Löwen tun. Wenn ein männlicher Löwe ein unterlegenes Männchen vertreibt, tötet er dessen Nachwuchs im Rudel. Das beseitigt die Gene des Konkurrenten, außerdem wird das Weibchen schneller wieder paarungsbereit, und so kann er rascher seine eigenen Gene in die Welt setzen.
SPIEGEL: Stiefväter und Löwen sind nun wirklich nicht dasselbe.
Buss: Natürlich nicht. Aber die Spielregeln der Evolution sind die Gleichen. Alle Männchen, ob bei Pfau, Löwe oder Mensch, stehen miteinander in Konkurrenz. Eine Erfolgsstrategie des Löwen ist es sicherzustellen, dass er nur in seinen eigenen Nachwuchs investiert, nicht in den eines Rivalen. Außerdem will er verhindern, dass Kinder des Rivalen die Ressourcen beanspruchen, die er für seine eigenen Kinder braucht. Also tötet er. Natürlich denkt der Löwe nicht bewusst nach über reproduktive Vor- und Nachteile, und ebenso wenig tut es der Stiefvater.
SPIEGEL: In der modernen Welt gibt es Millionen von Stiefvätern - sogar sehr gute.
Buss: Das bezweifle ich nicht, aber andererseits bleibt der statistische Tatbestand. Vielleicht sollten Männer frühzeitig über naturbedingte Interessenkonflikte in Bezug auf Stiefkinder aufgeklärt werden. Und tatsächlich lieben viele Stiefväter ihre Stiefkinder, wofür es übrigens einen Grund gibt: Frauen sind sehr zögerlich, sich auf einen Mann einzulassen, der nicht gut zu ihren Kindern aus früheren Verbindungen ist. Die Liebe und Fürsorge von Stiefvätern ist also eher zu sehen als Teil ihrer Fortpflanzungsstrategie.
SPIEGEL: Vielleicht ist Liebe überhaupt eine bessere Reproduktionsstrategie als Mord?
Buss: Natürlich ist sie das, darum gibt es ja auch mehr Liebende als Mörder. Liebe ist ein machtvolles Gefühl und stellt ebenso wie Mord eine evolvierte Anpassung an bestimmte Probleme des Überlebens dar. Liebe ist im Menschen entstanden, um Paare lange genug zusammenzuhalten, damit ihre Kinder sicher aufwachsen können. Aus dem gleichen Grund ist Liebe eng verwandt mit unseren dunklen Seiten, unseren mörderischen Impulsen.
SPIEGEL: In den USA gab es 2003 pro tausend Einwohner etwa doppelt so viele vorsätzliche Tötungen wie in Deutschland. Wie erklären Sie das?
Buss: Da habe ich, ehrlich gesagt, auch keine Antwort. Vielleicht liegt es am Zugang zu Schusswaffen. Aber ich bin mir sehr sicher, dass die Umstände, unter denen Deutsche und Amerikaner töten, jeweils die Gleichen sind.
SPIEGEL: Aber Sie geben zu, dass Mord im Menschen nicht nur biologisch verankert, sondern auch kulturell bedingt ist?
Buss: Kulturelle und soziale Kräfte können die Kosten-Nutzen-Rechnung für einen Mord dramatisch beeinflussen, das ist klar. Unsere evolvierten Tötungsmechanismen funktionieren ja nicht wie ein unkontrollierbarer Reflex. Das ist auch der Grund dafür, dass wir in unserer modernen Welt dank der Gesetze, Richter und Polizei eine geringere Mordrate haben als die meisten Naturvölker. Gefängniszellen wirken abschreckend.
SPIEGEL: Professor Buss, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* David Buss: "The Murderer Next Door: Why the Mind is Designed to Kill". Penguin Press, New York; 288 Seiten; 24,95 Dollar.
Das Gespräch führte Redakteur Marco Evers.
* Robert De Niro und Nick Nolte in "Kap der Angst", US-Spielfilm von 1991.
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 35/2005
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