29.08.2005

OPERETTECarusos aus Feinmetall

In Bochum wird diese Woche „Das Trojanische Boot“ uraufgeführt, angeblich die „erste Operette des 21. Jahrhunderts“ - und ein fulminanter Spaß.
Kein Tingel, kein Tangel, aber Operette. Keine Bühne, keine Kulissen, nicht mal ein Galan mit roter Nelke oder eine Diva mit Boa. Nur der blanke Boden einer aufgelassenen Gaskraftzentrale, ein kleines Papierschiffchen und Blech, jede Menge Blech: Trompeten, Basstrompete, Posaunen, Tuba. Dazu sieben Kerle, die sich lustvoll aufs Blasen verstehen. Siebenmal deep throat.
Das famose Septett bläst seiner Kundschaft, vom abgrundtiefen Subkontra-Ges der Tuba bis zum viergestrichenen C im schrillen Trompeten-Geschmetter, über fast sieben Oktaven nicht nur den Marsch, sondern auch Walzer und Pop, fetzigen Swing und alpenländisches Dumdideldei - mal volle Röhre, mal schmusig gedämpft, allemal mit Charme, Eleganz und grandioser Fertigkeit. Kaum zu fassen, dass diese Instrumente, sonst als Quälgeister bei Schützenfesten und Beerdigungen eher in Verruf, smart wie Tenöre schmalzen und balzen können: Carusos aus Feinmetall.
Wenn sie mal keine heiße Luft durch die Ventile pressen, dann kichern, albern und feixen die sieben Tonkünstler, dann grölen und blöken sie, tänzeln und schlawenzeln. Mal stehen sie rum wie Blödmänner; dann wiederum nehmen sie sich bei den Händen und veralbern im Ringelreihn folkloristischen Frohsinn. Ein choreografischer Mummenschanz für Auge und Ohr.
Am Montag dieser Woche nun spielen diese Scherzkekse in der Bochumer Jahrhunderthalle die Premiere der, wie die Ruhrtriennale als Bestellerin tönt, "ersten Operette des 21. Jahrhunderts". Die Novität heißt "Das Trojanische Boot" und ist der jüngste Coup von Mnozil Brass.
Von wem, bitte? Stimmt: klingt exotisch. Vor Jahren waren diese Zungenbrecher noch Musikstudenten der Wiener Hochschule und trafen sich regelmäßig gegenüber ihrer Lehrstelle im Beisl des Tschechen Joseph Mnozil: Teufel auch, die hatten's drauf, wenn sie in der Kneipe auf dem Blasrohr ihre Kunststücke demonstrierten. Noch war der Laden Geheimtipp, und mehr als ein Trinkgeld fiel zunächst nicht dabei ab.
So gingen die jungen Herren denn auch bald richtig taktvollen Tätigkeiten mit richtig geregelten Einkünften nach. Sie bliesen in der Wiener Staatsoper, hospitierten bei den Philharmonikern oder heuerten beim Dirigenten Nikolaus Harnoncourt und seinem Concentus Musicus an, einige ließen sich sogar auf ein Lehramt ein, das manche noch heute bekleiden. Kurzum: Sie waren Musiker, die sich und ihre Jobs vor allem ernst nahmen.
Doch die Schnapsidee vom Blech (englisch: brass), dessen klangliche Möglichkeiten beim Mnozil so bravourös ausgespielt worden waren, hatte was und brachte allmählich auch immer mehr Bares ein. "Schließlich waren unsere Experimente vor Mnozils Stammpublikum von der Kreativität her viel interessanter und spaßiger als große Oper und Sinfoniekonzerte", gesteht der Tubist und Ensemble-Manager Wilfried Brandstötter, 35, heute.
Begeistert stürzten sich die sieben musikalischen Grenzgänger deshalb immer häufiger ins Vergnügen, und schon bald wurde Mnozil Brass, 1993 offiziell gegründet, von der "Süddeutschen Zeitung" zum "telepathischen Bläserwunder" ausgerufen und von der Szene als Monty Pythons der Musik geknuddelt.
Vor knapp drei Jahren - das Septett hatte längst seine ersten eigenen Showprogramme hinter und pro Jahr bereits 120 Auftritte vor sich - bestellte Ruhrtriennale-Dramaturg Thomas Wördehoff ein Singspiel der besonderen Art: Das sollte "wieder etwas von den rohen, schmutzigen Anfängen" der Jacques-Offenbach-Operetten haben und zugleich auf die "herrlichen Fähigkeiten und Eskapaden dieser Bläser" abgestimmt sein. Die Aufgabe, einen passenden Plot zu verfassen, übernahm der steiermärkische Autor, Schauspieler und Regisseur Bernd Jeschek, 56, der mit Mnozil Brass schon mehrfach gemeinsame Sache gemacht hatte. Ohne lange zu fackeln, kopierte Jeschek die Machart gängiger Operetten-Librettos und reimte einen Mix aus Einfalt, Liebreiz und weltanschaulicher Spaßvögelei.
Zwischen zwei Inseln mit ihren verfeindeten Bewohnern taucht eines Morgens eine mysteriöse Barke auf mit einer wunderschönen Prinzessin, die - so vermuten die verblüfften Beobachter - nach einem wunderschönen Prinzen Ausschau hält. Nun, da "die Hormone rasend sich erregen", buhlen sowohl die Haudegen als auch die Weicheier unter den Insulanern "in brunft'ger Wallung" um die Herzallerliebste: "Wir hauen rein, wir schlagen zu."
Doch die Umschwärmte muss schließlich gestehen, dass sie "nicht auf Liebespfaden" sei, sondern bloß testen wollte, "ob wirklich nur der Stumpfsinn euch regiert". Das Ende vom Lied: "Malt fürderhin mit zart'ren Pinseln und seid nicht immer nur aufs Dreschen aus."
Wann immer Hausdichter Jeschek eine Nummer seiner philantropischen Schmonzette zu Papier gebracht hatte, griffen die Instrumentalisten von Mnozil Brass zu und komponierten zu Hause die passende Musik dazu. Die Noten spielten sie dann einander vor, dieser hatte Änderungswünsche, jener Verbesserungsvorschläge.
Anfang Juni diesen Jahres war der Zweiakter, mit knapp zwei Stunden Spielzeit abendfüllend, als gemeinschaftliches Gesamtkunstwerk fertig: eine brillante Klamotte mit zahllosen Anspielungen auf Motive aus dem abendländischen Born vom Gregorianischen Choral bis zu Udo Jürgens ("17 Jahr, blondes Haar"), mit reichlich Gelegenheit zu geistvollen Albereien und - das vor allem - mit einer wahrhaft atemraubenden Parade blasmusikalischer Kunststücke: Hier brillieren virtuose Luftikusse.
Nach der Premiere wird "Das Trojanische Boot" noch ein wenig durch den Kohlenpott schippern, danach macht es in Österreich fest, sogar im Wiener Burgtheater. Nach dem Heimspiel geht Mnozil Brass dann auf große Tour: Mexiko, Taiwan und Japan sind für nächstes Jahr bereits fest gebucht, China ist im Gespräch.
Deshalb, verdammt noch mal, wird es allerdings höchste Zeit, dass sich auch die Deutschen endlich eine volle Dröhnung aus dem Mnozil reinziehen. Und vielleicht schaffen es die alten Miesmacher hierzulande sogar, nicht darüber zu lachen. KLAUS UMBACH
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 35/2005
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