29.08.2005

FILMFESTSPIELERutschfahrt mit Mönch

Beim diesjährigen Festival in Venedig läuft kein deutscher Film im Wettbewerb - dafür zeigt Philip Gröning seine packende Dokumentation „Die große Stille“.
Er hatte sich zurückgezogen, um in Klausur zu gehen. In einen Raum, der so klein und karg war, dass nur die Flucht in die Phantasie einen Ausweg zu bieten schien. Da also saß der Regisseur Philip Gröning und wartete auf eine Eingebung, als das Telefon schrillte. Gröning nahm ab und stellte verblüfft fest: Am anderen Ende der Leitung war ein Mönch.
Der rief von der Grande Chartreuse an, dem Mutterkloster des Karthäuserordens in den südfranzösischen Alpen. Welch ein Glück, dass er ihn erwische, entfuhr es Gröning, der sein zellenartiges Büro nur ein paar Tage im Jahr aufsucht. Man könne es auch Glück nennen, erwiderte der Mönch. Andererseits habe er seit zwei Monaten jeden Tag angerufen und versucht, Gröning zu erreichen.
Da hatte der 46-jährige Regisseur schon seine vielleicht wichtigste Lektion über das Klosterleben gelernt, lange bevor er es mit der Kamera festhielt: Die Wiederholung des Immergleichen führt zu ganz großer Gelassenheit.
Man kann nicht sagen, dass es den Mönchen pressierte, als sie ihn endlich an die Strippe bekamen. Sie wollten ihn einfach nur fragen, ob sein Interesse, eine Dokumentation über das legendäre Kloster zu drehen, immer noch bestehe.
1984 hatte Gröning erstmals über das Projekt nachgedacht - am kommenden Sonntag, über 20 Jahre später, läuft sein zwei Stunden und vierzig Minuten langer Dokumentarfilm "Die große Stille" als deutscher Beitrag bei den Festspielen von Venedig - und auch wenn das Werk nicht im Wettbewerb gezeigt wird, gilt es schon jetzt als Sensation. Denn die letzten Filmbilder von der Grande Chartreuse stammen aus den Sechzigern, noch nie durften Mönche innerhalb des Klosters gefilmt werden.
"Die Anfragen nach Drehgenehmigungen hatten sich bei denen gehäuft. Vielleicht mussten sie einmal nachgeben, um in Zukunft wieder ihre Ruhe zu haben. Die Kirche insgesamt öffnet sich aber ohnehin zurzeit mehr", sagt Gröning - und legt damit eine geradezu mönchische Bescheidenheit an den Tag. Denn nicht zuletzt seine Bereitschaft, sich selbst vier Monate lang den Ritualen des Klosteralltags ohne Wenn und Aber zu unterwerfen, überzeugte den Prior dieser strengsten Bruderschaft in der römisch-katholischen Kirche von dem Projekt.
"Dass ich ohne Team da war und die ganze Arbeit allein machen musste, hat eine Art Gleichheit zwischen mir und den Mönchen hergestellt, denn sie hatten den ganzen Tag Aufgaben für das Kloster zu erledigen", erzählt der Regisseur. Herausgekommen ist dabei ein jederzeit packendes und überaus eindringliches filmisches Exerzitium: Ohne Kommentar, ohne Musik und fast ohne Dialoge kommt der Film aus - denn die Mönche gestatten sich nur selten Ausnahmen vom Schweigegelübde.
Da versinkt das Bild oft ganz in Schwarz, wenn die Mönche bei völliger Dunkelheit ihre Gesänge anstimmen, und das Ewige Licht erscheint als ein roter Punkt auf der Leinwand. Der "magische Rhythmus" des Klosterlebens vermittle sich nur, wenn man den Zuschauer dazu bringe, sich ganz und gar auf ihn einzulassen, glaubt Gröning.
So tastet er mit der Kamera die Räume nach Sonnenstrahlen ab, als handelte es sich um ersehnte Sendboten einer weit entfernten Welt. Da richtet er die Mikrofone in die Stille, bis leise Vogelgezwitscher zu hören ist, das vom Frühling kündet. Gröning beschreibt eine Besinnung in selbstgewählter Gefangenschaft, eine Seelenreinigung, die auch vor den Mitteln der Gehirnwäsche nicht scheut: Jede Nacht müssen die Mönche ihren Schlaf nach drei Stunden unterbrechen, um zu beten.
Doch dem Zuschauer kommt der Klosteralltag nicht wie eine Hölle auf Erden vor, eine Abkehr vom Leben, sondern vielmehr wie eine extrem konzentrierte und auf eigentümliche Weise lebensbejahende Einkehr. "Das sind alles sehr starke Menschen", sagt Gröning. "Diese extreme Reduktion könnte man nicht verkraften, wenn man Angst vorm Leben hätte."
Von großer Stärke zeugen auch die Porträtaufnahmen, die Gröning von den Mönchen gemacht hat. Diese natürliche Selbstsicherheit vor der Kamera ist erstaunlich - doch vielleicht sind die Mönche deshalb so cool, weil sie sich ohnehin in jeder Sekunde unter schärfster Beobachtung wähnen: von Gott selbst.
Das mag auch ihre Offenheit erklären, sich sogar bei ihren Gebeten filmen zu lassen. "Es gibt nichts Intimeres im Leben", meint Gröning. "Am Anfang hatte ich überhaupt keine Idee, wie ich ein Gebet visuell umsetzen sollte. Doch am Ende war mir dann klar: Man filmt es einfach."
So stellt Gröning eine Nähe zu den Mönchen her, die nie voyeuristisch wirkt. Er weiß, wann er respektvolle Distanz wahren muss. Als er die Mönche bei einem ihrer Sonntagsausflüge in die freie Natur zeigt, rutschen sie fröhlich wie kleine Kinder einen Schneehang hinab. Gefilmt ist das aus weiter Entfernung - ginge Gröning näher heran, würde dieser unbeschwerte Spaß wie Slapstick wirken.
So hofft Gröning, dass sich "Die große Stille" in der Bilderflut des Festivals als Gegenprogramm zur Reizüberflutung behaupten kann. Die Erfahrung des Klosters tue jedem gut, ist er überzeugt. "Nach meiner Rückkehr aus der Grande Chartreuse hatte ich den Eindruck, das Hauptgefühl der Großstadtmenschen sei pure Angst", erzählt er. "Die Angst, etwas zu verpassen oder nicht genug beachtet zu werden." Darüber sind die Mönche weit hinaus. LARS-OLAV BEIER
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 35/2005
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