21.10.1974

MÄRKTEIst ein Machtkampf

Chemiegiganten und Elektrokonzerne bekämpfen sich auf dem einträglichen Büromaschinenmarkt: Bei den neuen Telephonkopierern bieten die Branchenriesen mit.
Für die einen brach die Zukunft am vergangenen Dienstag an, für andere hatte sie längst begonnen.
In großformatigen Anzeigen prahlte letzte Woche die Folienfirma Kaue, Tochter des Frankfurter Chemiegiganten Farbwerke Hoechst, für ihren Fernkopierer Infotec 6000, der -- per Telephon -- Schriftstücke, Skizzen und Schwarzweißbilder originalgetreu und sekundenschnell über jede Distanz überträgt: "Die Zukunft beginnt heute."
Derweil hatte andernorts, etwa beim "Südkurier" in Konstanz, die Konkurrenz längst zugeschlagen. Zum 1. Oktober stellten die Zeitungsmacher vom Bodensee ihre Verbindungen zu 26 Lokalredaktionen und Geschäftsstellen zwischen Säckingen und Überlingen von den bisherigen festen Fernschreibleitungen auf den Telekopierer Xerox 400 um. "Südkurier"-Einkaufschef Paul Bauske: "Fast 25 Jahre Fernschreibtradition gingen zu Ende."
Wie Kalte und Rank Xerox drängen sich auch die 3M Company und Agfa-Gevaert auf einen neuen, gewinnträchtigen Markt. Die Bewerber starten von verschiedenen Standorten: Chemiefirmen, die über die Herstellung von Kopiermaterial und -maschinen zum Büroorganisations-Geschäft kamen, kämpfen gegen Elektrogiganten, die sich seit je für die Nachrichtenübermittlung zuständig fühlen.
Die Kieler Siemens-Tochter Hell trat mit ihren Helltax-Fernkopierern an, die AEG-Tochter Olympia-Werke in Wilhelmshaven schickte ihren nach amerikanischen Lizenzen gebauten DEX 181 ins Rennen.
Und so unterschiedlich wie die Interessen der Konkurrenten, so unverträglich sind ihre Übertragungssysteme: Die Büroorganisatoren entschieden sich für die sogenannte Frequenzmodulation, die Elektrofirmen blieben bei der herkömmlichen Amplitudenmodulation. Folge: Übertragungen zwischen Apparaten verschiedener Systeme sind nicht möglich. Hell-Werbeleiter Heinz Günther:" Es ist ein Machtkampf."
Dabei geht es ums große Geld: Das Geschäft mit dem Fernkopierer verspricht so stürmisch zu werden wie bislang der Absatz von Fernschreibgeräten. In den vergangenen 14 Jahren war die Zahl der Telex-Anschlüsse von 33 000 auf 100 000 geklettert.
Fernkopierer könnten jetzt die weitere Verbreitung des gebührengünstigen Fernschreibers (zehn Pfennig für 8 4/7 Minuten) in Grenzen halten. Hans Dieter Kehren, Produktmanager bei Rank Xerox: "Der Fernschreiber ist nicht mehr das billigste." "Südkurier"-Bauske etwa rechnet, durch den Betrieb von 29 Telekopierern, die etwa 5500 Mark Monatsmiete kosten, jährlich 250 000 Mark einzusparen.
Was beim "Südkurier" schon eingesetzt, ist in Axel Springers Verlagshaus beschlossene Sache: Fernkopierer sind bestellt. Die Commerzbank und Mannesmann, Hapag Lloyd und Nixdorf schicken sich ebenfalls an, die schreibmaschinengroßen elektronischen Kästen zu nutzen.
Ein Nebenprodukt der amerikanischen Weltraumforschung, das bereits den Bau von Computern, Rechnern, Uhren und Kameras umkrempelte" machte es möglich: der elektronische Baustein. Punkt für Punkt und zeilenweise wie ein Fernsehbild lesen elektronische Sensoren die Helligkeitswerte des Originals, formen die dabei entstehenden elektrischen Impulse für die telephonische Übertragung um und senden sie zum Empfängergerät, wo sie in elektrische Impulse und graphische Zeichen zurückverwandelt werden.
Die Übertragung einer DIN-A-4-Seite oder eines ebenso großen Photos dauert selbst bei den einfachsten Geräten nicht länger als sechs Minuten.
Schneller als alle Konkurrenten sind bisher die Kopierer von Kalle: Sie brauchen für eine Seite nur eine Minute. Doch das geht selbst den Wiesbadenern zu weit: Sie wollen ihren Kopierapparat erst einmal langsamer machen, damit er mit Rank Xerox-Maschinen korrespondieren kann. Die Amerikaner nämlich haben bereits mit 52 000 verkauften Geräten in USA und 8000 in Europa einen Stammplatz im Zukunftsmarkt.
Wer an dem neuen Markt aber beizeiten den höchsten Marktanteil erkämpft hat, der kann sich nach Branchenmeinung den größten Einfluß auf die Neuformulierung der technischen Normen und damit die besten Absatzchancen ausrechnen.
Bisher lag dieser Vorteil bei den Nachrichtenfirmen. Nur dank "einer weichen Formulierung" in den Empfehlungen des Uno-Post- und Telegraphen-Komittees CCIT, so Xerox-Kehren, sei es den Außenseitern aus der Chemie gelungen, auch ihr Verfahren genehmigt zu bekommen. Seither müssen die nationalen Postverwaltungen zwischen zwei nicht miteinaiider verträglichen Verfahren wählen.
in Frankreich machte bereits Rank Xerox das Rennen. Frankreichs Postbehörden blockierten bisher alle Siemens-Versuche, mit französischer Kundschaft ins Kopiergeschäft zu kommen.

DER SPIEGEL 43/1974
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